Ist Bewegung beobachtbar?

Ich denke gerade über den Begriff der Bewegung nach und darüber, dass bzw. warum Bewegung nicht fest-stellend beobachtbar ist.

Die Erkentnis, dass Bewegung paradox ist, zieht sich durch die ganze europäische Geistesgeschichte, von Zenon (Hercules und die Schildkröte) und Aristoteles (der unbewegte Beweger) bis zur Heisenberg’schen Unschärferelation: Anders als in der klassischen Physik lassen sich in der Quantenmechanik der Bewegungsimpuls eines Teilchens und sein Ort nicht nicht unabhängig von einander fest-stellend beobachten (messen).

Prigogine greift auf das Bild einer schwingenden Saite zurück, um das nachvollziehbar zu machen: „Wir können nicht die Bewegung benachbarter Punkte unabhängig vorschreiben, so wie es ähnlich auch bei einer vibrierenden Saite ist. Täten wir das, so könnte der relative Abstand benachbarter Punkte beliebig groß werden, und die Saite würde zerreißen.“ Die Quantenmechanik hat damit „ein für allemal der Hoffung ein Ende gesetzt, man könne ein einziges begriffliches Schema entdecken, das für alle Ebenen der Beschreibung gilt.“

Wie ist das in unserer menschlichen Welt? Was heißt hier Bewegung? Das Kennzeichen von Menschen ist, dass sie handeln, Tiere handeln nur in Fabeln und Roboter handeln nur in den Mythen der Gurus aus dem Silicon Valley. Handeln heißt, einen Anfang zu machen, etwas in Bewegung zu bringen, ohne den Anfang, den Ausgangspunkt, von dem alles abhängt, aber beschreiben oder beobachten zu können. Mensch-sein bedeutet, sich mit dieser Paradoxie der Bewegung auseinanderzusetzen und (je nach Evolutionsstufe und Kultur unterschiedliche) Antworten dafür zu finden.

Mimesis – das Vor- und Nach-ahmen von Bewegung – spielt dabei eine wichtige Rolle. Mimesis ist eine gewaltlose Weise, Bewegung zu begreifen. Wir können Bewegungen zwar nicht fest-stellend beobachten, wohl aber uns ihnen mimetisch „an-ähneln“… Die scharfe Trennung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten löst sich dann auf.

Mimesis reicht aber nicht, es braucht ebenso auch Technik: Wenn Gesellschaft nicht auseinanderfallen soll, braucht es auch physische Dinge, in denen die unterschiedlichen physischen Bewegungen der Handelnden in einer Form eingefroren, eingefangen sind, die sie kompatibel macht – z.B. Maschinen. Und es braucht einen Fetisch, der den allgemein akzeptierten Wert der Gesellschaft symbolisch darstellt und der daher die geistigen Bewegungen der Handelnden kompatibel macht. In unserer Gesellschaft ist dies das Geld – es gibt den Takt vor, in dem sich Handeln bewegt.

Kaum jemand hat die Bedeutung dieser Paradoxie  für die Moderne so klar gesehen wie Marx, als er die Genese der Geldform untersuchte: „Eine Ware scheint nicht erst Geld zu werden, weil die andren Waren allseitig ihre Werte in ihr darstellen, sondern sie scheinen umgekehrt allgemein ihre Werte in ihr darzustellen, weil sie Geld ist. Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und lässt keine Spuren zurück.“
In diesem „Verschwinden“ der Bewegung drückt sich die Paradoxie aus. Sie lässt natürlich (unsichtbare, subtile) Spuren zurück, nämlich in den Körpern der Akteure (insbesondere dem Nervensystem, z.B. ADHS) und in Phänomenen wie dem Artensterben…

Geld ist das Medium, das Tauschakte im Funktionssystem Wirtschaft vermittelt. Es fungiert zugleich aber auch als ein Super-Kommunikations-Medium, das – als generalisierte Denk- oder Beobachtungs-Form – seit Beginn der Moderne tendenziell allen Lebensbereichen den Takt vorgibt und so die Synthesis einer hoch komplexen (sich globalisierenden) Gesellschaft zustande bringt.
Das bedeutet: Auch alle Bewegungen von Körpern „ähneln“ sich ihr an (eher als Mimikry und nicht als Mimesis), auch die Verkettung von Maschinen; und nicht nur im Bereich klassischer Arbeit.

ADHS etc. kann man als die Folge der Angleichung der Körper(-Bewegungen) an die Geldform, den Takt des Geldes sehen.
ADHS als „entgleiste Gehirnchemie“ zu beobachten und entsprechend zu be-handeln (nämlich primär mit Psychopharmaka), ist die Angleichung der DENK-Bewegung an die Geldform.
Hier beißt „eine Schlange in den Schwanz der anderen Schlange (..), so als ob es ihr eigener wäre.“ (H.v. Foerster, Wissen und Gewissen, 1993, S. 110)

 

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