Kybernetik des Bewusst-seins — oder: was unterscheidet uns von Maschinen?

 

Im Zeitalter einer sich unkontrollierbar digitalisierenden Welt könnte es überlebenswichtig sein, dass wir uns die Frage stellen, was eigentlich menschliches Bewusstsein vom Bewusstsein anderer Tiere bzw. vom Bewusstsein von Maschinen unterscheidet.

Von „Bewusstsein“ spreche ich, wenn ein Beobachter feststellt, dass ein Organismus (Wirbeltier) mittels rekursiver Verknüpfung von Wahrnehmen und Bewegen (= Emotionieren) laufend zwei unterschiedliche Arten von Echos erzeugt, nämlich

— Echos von seinem eigenen Körper
— Echos von der physischen Umwelt, insbesondere von anderen Körpern

und sie „ästhetisch“ miteinander ver-rechnet, d. h. in der Form von Bildern, die ein (aus Sicht des Beobachters) intelligentes Verhalten / Emotionieren auslösen.

Beide Echos werden durch – im Gehirn getrennt repräsentierte – rekursive Sensorik-Motorik-Schleifen aufrechterhalten.

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Von (menschlichem) „Selbst-Bewusstsein“ und einem (Ich-)Beobachter spreche ich dagegen, wenn ein Beobachter feststellt, dass das Bewusstsein beide Echos selbst auseinander hält und zwischen einer Innen– und einer Außen-Welt unterscheidet.

  • Die Innen-Welt konstituiert sich aus bewegten Sinneseindrücken, die ausschließlich dem Beobachter selbst zugänglich sind und die über rekursive Wahrnehmungs-Bewegungs-Schleifen zu anschlussfähigen (Verhalten / Emotionieren auslösenden) Bildern
  • Die Außen-Welt dagegen konstituiert sich aus Elementen, die vielen unterschiedlichen Beobachtern (bzw. Lebewesen überhaupt) gleichermaßen zugänglich sind, nämlich aus Bewegungen von Körpern. Das sind zum einen Bewegungen des eigenen Körpers: Bewegungen der Hand, des Gesichts, besonders auch des Mundes sowie mit Mund und Kehlkopf erzeugte Geräusche, die der Ich-Beobachter (Ego) anderen Beobachtern (Alter Egos) oder anderen Lebewesen „zeigt“ oder präsentiert. Und das sind zum anderen Bewegungen anderer Körper, die auf seine Bewegung (als Echo) antworten: Bewegungen von Naturelementen wie Wasser oder Luft; auch Bewegungen von Maschinen; vor allem aber auch die Körper-Bewegungen anderer Bewusstseine.

Körper-Bewegungen sind vielen unterschiedlichen Bewusstseinen gleichzeitig zugänglich und eignen sich daher im Prinzip als Medium für die interne und externe Verhaltenskoordination. Das Problem ist nur, dass Bewegung rein als solche nicht beobachtbar ist, d. h. sie ist (fest-stellendem Beobachten nicht zugänglich.

Das wusste schon der Vorsokratiker Zenon von Elea (vgl. das bekannte Paradoxon von Hercules und der Schildkröte). Für Hegel war „die Bewegung der daseiende Widerspruch selbst“ (Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Wesen). Und die Heisenberg’sche Unschärferelation besagt, dass wir zwar jeweils den Ort bzw. den Impuls (die „Geschwindigkeit“) eines Teilchens genau messen können, nie aber beides zugleich; denn wenn wir den Ort genau bestimmen, kann der Impuls einen beliebig hohen Wert annehmen und umgekehrt. Prigogine greift auf das Bild einer schwingenden Saite zurück, um das nachvollziehbar zu machen: „Wir können nicht die Bewegung benachbarter Punkte unabhängig vorschreiben, so wie es ähnlich auch bei einer vibrierenden Saite ist. Täten wir das, so könnte der relative Abstand benachbarter Punkte beliebig groß werden, und die Saite würde zerreißen.“ [1] Die Teilchen stehen in „mimetischer“, analoger Beziehung zueinander, die durch Messen ausgeblendet wird.

Bewegung ist für Beobachter nur als sinn-voll gedeutete Bewegung zugänglich, und das heißt: als Geste. „Geste“ verstehe ich hier in einem sehr allgemeinen, etwas ungewöhnlichen Sinn, in dem die in der Kommunikation gebrauchte menschliche Geste nur einen, allerdings bedeutsamen Sonderfall darstellt: Wir können uns Bewegung natürlicher Objekte nur als von einer unsichtbaren Kraft verursacht vorstellen; sei es von einem „Geist“, einem „Maxwell’schen Dämon“ oder der „Schwerkraft“. So können wir uns auch Roboter vorstellen, die „Gesten“ machen oder unsere Gesten „verstehen“.

Gesten können und müssen jedenfalls von Beobachtern gelesen werden, um zu Gesten zu werden, und zwar immer in doppelter Weise (wobei keine der beiden Seiten auf die andere reduzierbar ist):

Eine Geste kann (und muss) einmal gelesen werden als Spur, die die Bewegung in einem physischen Medium hinterlässt und die für den Beobachter etwas „(an)zeigt“.

— Im Theater etwa zeigt die Mimik eines Schauspielers für die Zuschauer die innere Bewegung der dargestellten Figur an. — Kommunikation greift auf schematisierte Gesten zurück, im Extremfall auf eine Maske. — Im Orakel zeigt der Flug eines Vogelschwarms die Zukunft an. — Im Doppelspaltexperiment zeigen die auf dem Beobachtungsschirm aufgezeichneten Interferenzmuster von Teilchen dem Physiker deren Wellencharakter.

Zugleich aber kann (und muss) eine Geste auch gelesen werden als etwas physisch Wahrnehmbares, das auf etwas (Nicht-Anwesendes) hinweist, das sich der Beobachter in seiner Einbildungskraft „mimetisch“ (d. h. durch senso-motorisch gesteuertes „Sich-Anähneln“) erst noch vor-stellen muss.

— Im Theater muss sich der Zuschauer die innere Bewegung der Figur mimetisch vor-stellen (d. h. seine eigene innere Bewegung an die des Schauspielers „an-ähneln“).      — Eine Fahne ruft im Emotionieren eines Beobachters Bilder hervor wie „Vaterland“ oder „Revolution“. — Der Physiker muss sich die Welle – qua Einbildungskraft – mimetisch vor-stellen.

Gesten müssen von Beobachtern als solche erkannt und gelesen werden. Erst im Lesen der Geste – und das heißt: im gegenseitigen Ver-rechnen der Echos aus der der Innen- und aus der Außen-Welt – entstehen für den Beobachter unterscheidbare, be-zeichnete Objekte, die das Verhalten (sein eigenes wie das Anderer) orientieren und koordinieren, sodass sich ein System eigener Art, ein soziales System bilden kann.

Das Problem dabei ist, dass individuelle Ich-Beobachter Gesten sehr unterschiedlich lesen. Wie können Gesten also zum Medium der Koordination des Verhaltens werden? Ohne dieses Medium kann ein Ich-Beobachter seine Innen- und seine Außen-Welt nicht zusammenkriegen und sich nicht von anderen Beobachtern abgrenzen. Das Aufrechterhalten der Grenze zwischen beiden Welten (Innen / Außen) ebenso wie der Grenze zu anderen Bewusstseinen ist die Voraussetzung für sein Beobachter-Sein, zugleich aber dummerweise auch sein blinder Fleck. Fraglich ist daher, wie es überhaupt möglich und denkbar sein soll, dass Beobachter sich im Medium von Körperbewegungen (dazu zählen auch Worte und Schriftzeichen) gegenseitig so orientieren bzw. ihr Verhalten so koordinieren können, dass sie sich in einer gemeinsam geteilten, scheinbar unabhängig von ihrer Kommunikation existierenden Welt (einem sozialen System oder einer Kultur) bewegen.

Die Antwort: Die Grenze kann nur irgendwie „untertunnelt“ werden. Sie wird es im mimetischen Sich-Anähneln der Gesten von Ego und alter-Ego – solange, bis sich eine bistabile Dyade – der Kern eines sozialen System – einspielt oder ein-schwingt.

Mein Lieblingsbeispiel dafür ist das Bild von der zweigriffigen Baumsäge (ich habe es hier schon des öfteren gebracht):
Man stelle sich zwei Partner an einer zweigriffigen Baumsäge vor. Nach einer anfänglichen Phase mühsamen Bewegens der Säge „gegen den Widerstand des Holzstücks und die unkoordinierte Arbeit des Partners entsteht plötzlich ein Tun, das nicht mehr als Durchsetzen des eigenen Rhythmus gegen den anderen, sondern als freies Verfügen-Können über die eigenen Kräfte erlebt wird. In diesem Augenblick ist auch das Holzstück aus einem persönlich erlebten Widerstand gegen die eigene Anstrengung zu einer gemeinsamen Sache, einer ‚res communis’ geworden, die man mit dem Partner teilt.“ (Christian und Haas, zitiert nach v. Uexküll).

Selbst-Bewusstsein wie Metzinger als „Ego-Tunnel“ zu sehen ist aus meiner Sicht ein äußerst armseliges und systemisch kaum anschlussfähiges Bild von dem, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Es schneidet uns von unseren Ressourcen ab…

[1] Prigogine (1986), S. 239

 

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9 Kommentare

  1. mir fällt als erstes auf, dass hier von Maschinen gar nicht die Rede ist. Aber das hängt vielleicht mit meinem Begriff von Maschine zusammen.
    N. Wiener hat in seiner Kybernetik den Körper und Maschinen als Gleiches behandelt – wie vor ihm schon J. La Metrie.
    Und H. Maturana hat ja sogar von autopoietischen Maschinen gesprochen …

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  2. erst einmal nein. Körper sind Körper. Und beide greifen irgendwie sachlich und zeitölich ineinander bei der Konstitution von Welt.
    Ich mache aber einen Unterschied zwischen der Mensch-Mensch-Interaktion (Interaktion von Beobachtern) und Mensch-Maschine-Interaktion. Maschinen kennen keine Mimesis, kein Emotionieren, keine Unterscheidung Innen / Außen.

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  3. hmmm … da für mich quasi die allererste Unterscheidung toolmaking ist, kann ich Argumentationen, die den Unterschied zwischen Lebewesen und Maschinen nicht machen, kaum je gerecht werden. Es ist für mich eine Art Fundamentalismus, wobei ich im Unterschied zu vielen anderen Fundamentalisten nicht meine, dass irgendjemand die Welt auch so sehen müsste. Es ist viel mehr so, dass ich den Sinn anderer Beobachtungen für mich nicht sehen kann.
    Ich habe mich lange Zeit darin verstrickt, Widersprüche in anderen Theorien zu finden. Aber das mache ich jetzt nicht mehr. Jetzt erfrage ich lieber den oikonomischen Nutzen der jeweiligen Perspektive. Um mit H. Maturana zu sprechen, ich unterscheide Poiesis und Praxis. Wenn jemand Zen oder Philosophie praktiziert, ist das seine Sache, es geht mich dann nichts an. Die Allopoiesis von Maschinen dagegen findet in meiner Welt statt. Mir ist nicht egal, wer wie welche Maschinen produziert.

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    1. mir scheint, Sie haben mich missverstanden. Ich will das noch mal erläutern.
      Wenn ich sage, ich mache „erst mal“ keinen Unterschied, heißt das nicht, das ich letztlich nicht doch grundsätzlichen Unterschied mache (siehe oben). Mit „erst mal“ meine ich: es muss doch zum mindesten eine prinzipielle Ver-gleich-barkeit geben, wenn Menschen an und mit Maschinen arbeiten sollen.
      Der kapitalistische Produktionsprozess macht sich diese prinzipielle Vergleichbarkeit von Mensch und Maschine zunutze, indem er sich menschliche Arbeit subsumiert, sie maschinen-förmig macht. Und sie in den „Takt des Geldes“ eingliedert. Die Fähigkeit, die Menschen Maschinen voraus haben – ich nenne sie Mimesis – gerät dabei zunehmend unter die Räder.

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