Was bedeutet Digitalisierung? (Teil I) noch einmal: überarbeitet

„Die Digitalisierung“ wälzt heute zunehmend alle Lebensbereiche um und die Frage, ob zum Guten oder Schlechten, ist offen. Es ist für unser aller Zukunft vielleicht nicht ganz egal, ob etwa Kinder ihre Intelligenz kletternd, rennend, lachend, schreiend entwickeln oder durch Tippen und Wischen auf glatten Oberflächen.

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Aber wie sollen wir wissen können, was an „der Digitalisierung“ gut und schlecht ist, wenn nicht einmal klar ist, was genau da eigentlich mit uns passiert? Was bedeutet es eigentlich, etwas zu „digitalisieren“?  Hier herrscht eine erstaunliche Begriffsverwirrung – und kaum jemand macht sich diese Verwirrung wirklich klar. Versuchen wir also eine Klärung. Dazu braucht es ein wenig Systemtheorie, d.h. den „Beobachter“ immer mitzudenken ebenso wie „Autopoiesis“, d. h. den (unbeobachtbaren) Prozess, in dem Systeme sich durch ihr eigenes Operieren (also: spontan) selbst erschaffen / herstellen. Als System zählt dabei für mich ein Einzeller, ein Organismus, ein psychisches bzw. ein soziales System.

Begriffe zu klären, heißt: Unterschiede herauszuarbeiten. Der Gegenbegriff zu digital ist analog. Und es heißt zweitens zu fragen: Wer unterscheidet digital und analog? Die allgemeinst mögliche Antwort lautet: ein Mensch, und zwar ein Mensch als Beobachter, d. h. als reflektierendes Wesen, als animal reflectans. Beobachtende (reflektierende) Wesen stehen mit einem Bein im Reich der Biologie, mit dem anderen im – aus Symbolen geknüpften – Reich des Geistes: ein Mensch zu sein heißt, beides bewusst auseinanderzuhalten, ohne das Verbindende aber aus dem Blick zu verlieren, es vielmehr zu „kultivieren“ und lebendig zu halten.

Autopoietisch organisierte Systeme (gleich welcher Art) erschaffen sich fortlaufend selbst, indem sie ihre eigenen Informationen generieren und prozessieren, d. h. Unterschiede, die für sie jeweils einen Unterschied bewirken. Sie tun das mittels rekursiven Verknüpfens von – allgemein gesprochen – Kognition (Erkennen) und Volition (Wollen); speziell gesprochen: mittels Verknüpfens von Motorik/Sensorik; Wahrnehmen/Bewegen; Erleben/Handeln; Inszenieren / Aufführen von Geschichten). Kognition und Volition stehen orthogonal zueinander, d. h. sie sind nicht aufeinander reduzierbar, setzen sich aber gegenseitig voraus.

Autopoietisch organisierte Systeme verknüpfen Kognition und Volition in Form (innerer) Bilder. Weil aber beide aber orthogonal zueinander stehen (sie haben keine genau angebbaren Grenzen), haben auch Bilder – wie vieles im Leben – Doppelcharakter:
— mittels ihtrer physischen Gestalt zeigen sie einem Beobachter (transitiv) etwas Nicht-Wahrnehmbares AN (= Kognition),
— zugleich zeigen sie (intransitiv) AUF etwas, was der Beobachter qua Ein-Bildungs-Kraft sich erst noch als inneres Bild vor-stellen muss (= Volition).

Die Redeweise „digital / analog“ bezeichnet dann zwei unterschiedliche, aber wechselseitig aufeinander angewiesene Weisen, mit denen ein System Informationen generiert bzw. prozessiert.

  • Kognition reproduziert sich digital, d. h. durch technisches Sequenzieren von vorab präzise abgegrenzten, diskreten Objekten bzw. von genau beschreibbaren Sinneseindrücken (beides ist hier identisch, un-unterscheidbar), wobei die Bedeutung oder Geltung durch die Umwelt des Systems (z. B. ökologische Nische oder Kultur) a priori fest-gelegt ist; man kann auf sie zeigen bzw. sie zeigen sich – und man weiß ohne weitere Reflexion, was gemeint ist.Die Objekte (bzw. Sinneseindrücke) werden technisch prozessiert, d. h. in Form von Algorithmen. Ein Algorithmus ist eine Sequenz von Anweisungen, deren Befolgen sicher und wiederholbar zu bestimmten (erwünschten) Ergebnissen führt. Algorithmen bilden das Gedächtnis des Systems, werden aber (hoffentlich!) den Umständen laufend angepasst (>> analog).
  • Volition dagegen reproduziert sich analog; d. h. durch mimetisch prozessierte Variation von Mustern (=Beziehungen zwischen Objekten). Der Fokus liegt hier nicht auf bestimmten Objekten bzw. Sinneseindrücken, sondern auf Relationen zwischen ihnen. Aus dem chaotischen Strom der Sinneseindrücke werden – auf dem Hintergrund eines Gedächtnisses (>> digital) – gleichbleibende Beziehungen herausgefiltert und über Ähnlichkeiten so prozessiert, dass ein sicherer nächster Anschluss (ein Sprung ins Ungewisse) gelingt.
    „Mimetisch“ heißt: in Resonanz mit einer (unbestimmten) Umwelt sich durch Vor- und Nach-ahmen (eine Art Herantasten) einer möglichen Zukunft an-ähneln. Das geschieht:
    spielerisch: ohne vorgegebenen Zweck, dennoch sich im Rückblick als zweck-mäßig erweisend;
    regel-los: ohne vorgegebene Regel, aber regel-(er-)findend.

Das entspricht dem „ästhetischen Urteil“ bei Kant: Zweckmäßigkeit ohne Zweck, Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz.

 

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7 Kommentare

  1. Zunächst einmal: Danke für den Ansatz. Eine systemtheoretische Betrachtung der Digitalisierung ist, so denke ich, sehr hilfreich, um Prozesse in der Gesellschaft besser beobachten zu können.

    Andererseits möchte ich kritisieren, dass du viele Begriffe in den Raum wirfst, die der geneigte Leser gar nicht so klar verstehen kann, dass sich der Sinn des Textes erschließt. Da dies nur der erste Teil einer Reihe ist, wird auch noch nicht 100% klar, worauf du hinaus willst. Das wäre hilfreich, am Anfang zu klären, warum du die Systemtheorie nutzt, um die Digitalisierung zu beobachten. Die Frage ist auch, welches System du hier beobachten möchtest: Den Menschen, Computer, die digitale Sphäre (was wäre die Abgrenzung?) oder etwas ganz anderes?

    Drittens möchte ich in einem Punkt widersprechen. Die Algorithmen sind m.E. nicht das Gedächtnis des Systems, sondern vielmehr ein kleiner Teil seiner Programme und Prozesse. Das Gedächtnis ist gar nicht so klar, weil unklar ist, auf welches System du dich beziehst.

    Viertens und letztens möchte ich einen Hinweis auf ein Blog geben, das sich schon länger mit einem ähnlichen, aber spezielleren Thema im digitalen Kreis befasst: Der Beobachter der Moderne versucht zu klären, wie Kommunikation (d.h. die Gesellschaft) sich durch die Medialität und Öffentlichkeit im Internet verändert. Schon seit 2012 werden dort längere Beiträge veröffentlicht und mir macht es immer wieder Spaß, darin zu lesen. 🙂

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  2. danke für Deinen Kommentar.
    Dass der Text für Menschen, die sich mit Systemtheorie noch nicht beschäftigt haben, nicht leicht nachzuvollziehen ist, ist mir klar.
    Es geht mir ganz grundsätzlich erst einmal um „lebende Systeme“ überhaupt, so habe ich ja auch einleitend geschrieben: „Als System zählt dabei für mich ein Einzeller, ein Organismus, ein psychisches bzw. ein soziales System.“ Systeme, die sich selbst von einer (ihrer) Umwelt abgrenzen, mit der sie zugleich eine Einheit bilden – also keine Computer. Computer „beobachten“ nicht im Sinne der Systemtheorie (a la Gregory Bateson, Humberto Maturana, Heinz von Foerster, Luhmann etc.), d.h. sie unterscheiden nicht; sie kennen keine MImesis, wie ich sagen würde.

    Im zweiten Teil (folgt hoffentlich in wenigen Tagen) geht es dann um „den Menschen“ – eine Frage, die in der Systemtheorie eher verpönt ist, weil wir „den Menschen“ ja nicht als System betrachten können, ohne ihm Gewalt anzutun. Wie gesagt: er steht mit beiden Beinen in zwei eigentlich inkommensurablen Phänomenbereichen: Geist und Körper. Dennoch müssen wir uns mit dieser Frage m.e. auseinandersetzen, wenn wir den Herausforderungen der Digitailiserung begegnen wollen.

    Den „Beobachter der Moderne“ kenne ich, ich habe mich auch schon mit ihm ausgetauscht.

    Ich würde schon sagen, dass das Gedächtnis lebender Systeme wie ein Algorithmus funktioniert, der sich allerdings laufend den Umständen anpasst und der ohne die mimetisch-analoge Seite des Systems gar nicht lebensfähig wäre.

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    1. Dann verstehe ich dich besser. Ich hatte „Einzeller, ein Organismus, ein psychisches bzw. ein soziales System“ als beispielhafte Aufzählung, nicht als konkrete Vorgabe für diesen Text verstanden. Insofern ist dann auch klarer, was du definieren möchtest.

      Allerdings ist nicht ganz klar, wie dann die Algorithmen das Gedächtnis des Lebewesens sein sollen. Sie gehören ja weder qua Spezies noch funktional zu ihm. Zumindest nicht, dass ich es mir vorstellen könnte. Das müsstest du später (im fortlaufenden Text) vielleicht noch genauer ausführen. Bisher weiß ich nicht, wie das Gedächtnis als Algorithmus gedacht werden soll. Der Algorithmus passt sich übrigens erst einmal gar nicht laufend den Umständen an, sondern ist zunächst starr.

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  3. das freut mich, dass Du so engagiert und noch dazu kenntnisreich dranbleibst. 🙂
    Ich sage ja nicht, „der Algorithmus“ ist „das Gedächtnis“. sondern: Gedächtnis funktioniert wie ein Algorithmus oder „in Form eines Algorithmus“. Aber das ist eben nicht alles.

    Ein Comupter funktioniert wie ein Algorithmus. Aber ein lebendes System ist mehr als das. Es hält
    — Kognition (erkennen was „ist“, bestimmt vom digital operierenden Gedächtnis) und
    — Volition (erkennen, was sein soll oder sein könnte, das analog operierende schöpferische Moment)
    auseinander und kann – im lebendige Zusammenspiel (!) beider – seine eigenen Informationen erzeugen und sich so von (s)einer Umwelt abgrenzen.
    Das Gedächntis lebender Systeme einerseits und das mimetsich-schöpferische MOment andererseits kann man nicht isoliert betrachten, man muss es als lebendige, sich laufend neu hervorbringende Einheit eines Unterschieds sehen (Auto-poiesis = Sich-Selbst-Hervorbringen). Vielleicht wie Yin und Yang: das jeweils ausgeschlossene ist unvermeidlich immer schon in dem enthalten, was ich gerade isoliert für sich betrachte.
    Das meine ich, wenn ich sage, der Algorithmus des Gedächtnisses passt sich an.
    Es ist ja auch in der Tat so, dass unser Gedächtnis höchst biegsam ist. Wir erinnern usn immer so, wie es uns gerade in den Kram passt. 😉

    Ich weiß nicht, ob das jetzt verständlicher ist. Es ist ja auch nicht einfach und ich selber bin noch am Suchen…

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    1. Es wird langsam verständlicher, aber mit dem Algorithmus und Gedächtnis kommen wir irgendwie nicht weiter. Ich verstehe schon, dass sich auch das Gedächtnis immer anpasst, seine Funktionsweise auch. Die Anforderungen der Umwelt verändern sich ja auch.
      Allerdings funktioniert für mich das Gedächtnis nicht _wie_ ein Algorithmus, sondern diese sind Teil des Gedächtnisses.

      Die Erklärung zum Zusammenspiel der beiden Systemteile eines lebenden Systems hilft. Allerdings weiß ich nicht, ob in der Systemtheorie überhaupt eine isolierte Betrachtungsweise der Systeme vorgesehen ist. Höchstens Fokussierung in der Beschreibung, aber keine isolierte Beobachtung, denke ich. Dazu legt die Theorie (zumindest nach Luhmann, der mein Hauptreferenzpunkt ist) zu viel Wert auf die Interkonnektivität (bei operationaler Geschlossenheit) der Systeme.

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  4. jetzt hast Du mich ja richtig ins Grübeln gebracht, ob ich da mi dem Gedächntis noch auf der richtigen Fährte bin. Aber mittlerweile sehe ich wieder klar, hoffe ich jedenfalls.:-)
    Mir scheint, dass Du, wenn du von Gedächntis sprichst, das Phänomen meinst, wenn wir uns an etwas erinnern, z.B. an unsere Kindheit oder an einen Urlaub und wenn wir dann die Bilder in uns aufsteigen lassen.

    Ich meine etwas anderes.
    Als „Gedächtnis“ be-zeichne ich, wenn ein Beobachter fest-stellt, dass ein lebendes (beobachtendes) System (sei es ein Organismus, ein Bewussteins- oder soziales Sytem) in einem bestimmten (nämllich digitalen im Unterschied zu analogem) Modus operiert, d.h. seine Erfahung in Form von Karten (oder „Bildern) festhält, sodass sie ohne weiteren Zwischenschritt Verhalten (Emotionieren) auslösen.
    Die „Mutter“ allen Gedächtnisses ist die DNA.
    Ich werde das, wenn möglich noch heute, in einem gesonderten Blog-Beitrag („Gedächntis“) näher erläutern.

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