digital / analog: ein Kipp-Bild und Verwirrspiel

Tanzt, sonst wir verloren! (Pina Bausch)

Die Begriffe digital und analog werden heute meist sehr gedanken-los gebraucht. Diese Gedankenlosigkeit beruht letztlich auf einer fundamentalen, sich letztlich fatal auswirkenden Verwirrung darüber, was den Unterschied zwischen lebendigen Organismen auf der einen und von Menschen hergestellten Artefakten (wie Computer oder Roboter) auf der anderen Seite ausmacht. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die sich wie ein Krebsgeschwür, d.h. unkontrolliert und ohne Rücksicht auf die Folgen ausbreitende, auf genmanipulierten Organismen basierende Industrialisierung von Landwirtschaft.
Wenn wir über diesen – für unsere künftige Lebensweise vielleicht nicht ganz unwichtigen – Unterschied nachdenken wollen, dann kommen wir nicht drum herum, uns um ein genaueres Verständnis von digital und analog bemühen: wie sie sich von einander abgrenzen, aber auch  wie sie zusammengehören.

Mit den Worten digital und analog bezeichne ich zwei unterschiedliche, sich aber gegenseitig notwendig ergänzende Perspektiven, die wir wahlweise einnehmen können bzw. die wir einnehmen müssen, wenn wir das – an sich unbeobachtbare – Operieren lebender (= beobachtender) Systeme beobachten (= beschreiben) wollen, und zwar als ein  RECHNEN. 
Mit „Rechnen“ bezeichne jene wahlweise als „digital“ oder „analog“ beschreibbaren Operationen, mit denen Systeme ihre „Informationen“ kreieren und prozessieren; Information sehe ich dabei mit Gregory Bateson als einen Unterschied, der für das System einen Unterschied bewirkt, also die Änderung eines Systemzustandes, ein an das Hier-und-jetzt gebundenes, nicht wiederholbares Ereignis.
Ich verwende dabei das Wort „Rechnen“ in einem sehr allgemeinen Sinn: ich meine damit „jede Operation, die beobachtete physikalische Identitäten (‚Objekte’) transformiert, modifiziert, ordnet, neu ordnet usw.“ (Heinz von Foerster), also nicht nur ein Rechnen mit Zahlen, sondern ebenso auch ein „Tanzen“ oder „Zeichnen“.

Digital zu rechnen heißt, Informationen in Form von „Dingen“ zu kreieren und sie technisch zu prozessieren. Ein anderes Wort dafür wäre GEDÄCHTNIS.

Im Einzelnen heißt das,
a)  zu segmentieren: Informationen als abgrenzbare Entitäten (= ‚Dinge‘) zu behandeln;
(das ist nur möglich, wenn sich die Entität bereits vorab in der Nische des Systems, d. h. in dem Raum, in dem es existiert, als Form verdichtet und bewährt hat);
und diese ‚Dinge’
b)  diskret (= eins nach dem anderen) zu sequenzieren, und zwar in der Form von – bereits vorab als Gedächtnis ver-körperten – algorithmischen Strukturen, also in einer hierarchischen Folge binär codierter (Ja / Nein-)Anweisungen, die schrittweise zur Lösung eines logisch entscheidbaren Problems führen.
„Gedächtnis“ heißt, dass der Algorithmus sich dem System bereits in der Vergangenheit physisch als „Bild“ (–> analog) eingeschrieben hat, das ohne analoge Zwischenschritte stimmiges Verhalten auslöst / triggert – sei es in Form der DNA eines Organismus, sei es in Form eines externen Gedächtnisses, etwa in Form eines konsensuellen Verhaltensbereichs von Organismen („Kultur“) oder eines von Menschen hergestellten Artefakts, etwa eines Faustkeils, eines Computers oder Roboters.

Digitales Rechnen  erzeugt auf diese Weise eine für das System nicht nur hand-habbare, sondern auch kontrollierbare, manipulierbare Welt (siehe die Grafik). Alleine für sich genommen bliebe sie eine Welt toter Objekte – das Heidegger’sche „Ge-stell“. Tanzen wäre so unmöglich.

Analog zu rechnen heißt dagegen, mit Relationen zu rechnen, d. h. Informationen in Form von Mustern zu kreieren und diese mimetisch (= nach- und vor-ahmend) so zu prozessieren, dass Leben möglich wird; ein anderes Wort dafür wäre BEOBACHTEN.
Als
„Muster“ bezeichne ich dabei eine Auswahl von Relationen, die sich von anderen, ebenso möglichen Selektionen abgrenzen lässt und zu der die Regel, nach der sie (die Selektion) sich reproduzieren lässt, erst noch ge- oder er-funden werden muss.
Als „Beobachten“ bezeichne ich jene Operationen, mittels derer sich ein System selbst beobachtet und so -aus Sicht eines externen Beobachters – sinn-voll an seiner Reproduktion (Autopoiesis) mitwirkt.

Im Einzelnen heißt das,
a)  zu segmentieren: d. h. willkürlich herausgegriffene Relationen von anderen, ebenso möglichen Relationen als Muster abzugrenzen und diese
b)  kontinuierlich zu sequenzieren, d. h. gestützt auf vorab getroffene Unterscheidungen, also algorithmische Strukturen (à Gedächtnis), sich oszillierend von Muster zu Muster zu „schwingen“ und – jenseits aller Binaritäten – durch spontan-spielerisches (und das heißt auch: lustvoll emotionierendes) Nach- und Vor-ahmen einen Rhythmus zu kreieren, d. h. die Muster sachlich, zeitlich und sozial zu ordnen. Das System schwingt sich dabei auf ein stabiles Bild ein, das eine fließende Bewegung („Flow“) ermöglicht.
„Oszillieren“ meint ein spontanes Switchen zwischen Irritationen zulassen (öffnen der Grenze des Systems) und Irritationen wieder kompensieren (schließen der Grenze).

r-digital-und-analog

Bilder können auf diese Weise alte Muster (–> Gedächtnis) bestätigen. Sie können aber auch einen Raum für neuartige (Anschluss-) Möglichkeiten eröffnen: „Lesen, was nie geschrieben wurde.“ (Walter Benjamin in: „Über das mimetische Vermögen“) Neuerdings heißt das auch „Serendipity“, d. h. finden, was man nicht gesucht hat.

Erst durch das Zusammenspiel von analogem und digitalem Rechnen wird Welt auch wirklich und  lebendig. Das heißt, sie wird nicht nur handhabbar (–> digital), sondern nun auch
verstehbar: das System kann „Objekte“  er-rechnen , d. h. Ereignisse auch über die Zeit hinweg als identisch (wieder-)erkennen, und
bedeutsam: das System kann „emotionieren“ (seine eigenen Motive, Werte oder Zwecke er-rechnen), also von einem Verhaltensbereich  (Kämpfen, Fliehen Kooperieren, Lieben, Tanzen, …) zum nächsten driften und gemeinsam mit anderen lebenden Systemen einen sprachlichen Bereich (im weitesten Sinn verstanden) entwickeln. Dies ist das Privileg lebender Systeme.

Was heute „Digitalisierung unserer Lebenswelt“ genannt wird, ist nichts anderes als der Versuch, die lebendige, mimetische Seite des Mensch-seins selbst noch einmal in digitaler Form ‚ähnlich‘ nachzubauen (= technisch zu simulieren) und so für beliebige Zwecke verfügbar / kontrollierbar zu machen. Ob zu unserem Segen oder zu unserem Fluch, das hängt von dem Sprachspiel ab, mit dem wir uns – arbeitend (poiesis) und handelnd (praxis) –  in diesem Fadenkreuz einordnen.

„Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.“ – Nietzsche, Zarathustras Vorrede

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