Gibt es Systeme?

Mein persönliches Glossar
zur Kybernetik zweiter Ordnung

Fassung vom 3. Juli 2017  —

Das Glossar wird von mir laufend ergänzt bzw. modifiziert. Ich achte dabei darauf, dass alle Begriffe a) in das Operieren autopoietischer (d.h. sich selbst erschaffender)  Systeme eingebettet sind und dass sie sich b) auf den Beobachter beziehen lassen, der das sagt.

Es geht mir dabei nicht nur um die klassischen Begriffe wie Autopoiesis und Beobachter, sondern auch um Begriffe wie Mimesis, Emotionieren, Bild  und Sinn für Ästhetik. Letzterer richtet die Aufmerksamkeit des Systems auf das verbindende Muster im Sinne von Gregory Bateson, das ich interpretiere als das Muster, das hier-und-jetzt System und Umwelt, Vergangenheit und Zukunft verbindet.

 

Die folgende Grafik ist hilfreich für das Verständnis.

r-autopoiesis

r autopoiesis LEGENDE

 

 

System
Ein System sehe ich als einen von –> Beobachtern gedanklich konstruierten generativen Mechanismus, mit dem Menschen Phänomene –> erklären und der es ihnen erlaubt, à Artefakte herzustellen, mittels derer sie in ihrer Lebenspraxis auftauchende Probleme erfolgreich hand-haben (= lösen oder in den Griff bekommen) können.

Systeme i. S. der Systemtheorie lassen sich nur als Unterschied begreifen, genauer: als prozessierender Unterschied, als Vollzug der (imaginären) Einheit des Unterschieds zwischen dem System und seiner Umwelt.

Von einem System spreche ich (sh. hierzu insbesondere auch G. Spencer-Brown 1997), wenn ein –> Beobachter für die –> Erklärung eines Phänomens…

  1. eine (beliebige) erste Unterscheidung trifft, h. wenn er in einem Raum eine Grenze zieht, sodass zwei Seiten entstehen UND dabei…
  2. eine der beiden Seiten (die Innen-Seite) „anzeigt“ *), d. h. sichtbar / beobachtbar macht.
    Die andere (oder Außen-) Seite (= all das, was das Angezeigte NICHT ist) bleibt dabei verborgen / unbeobachtbar. Sie kann nur nach dem Kreuzen der Grenze beobachtet werden, wodurch die erste Unterscheidung aber wieder gelöscht wird, d. h. die Beobachtung steht erst einmal ohne Anschluss da. Es muss daher eine neue Unterscheidung getroffen werden, die zu der ersten (noch) in keiner beobachtbaren Beziehung steht — was aber paradoxer Weise wiederum notwendig wäre, um von einem „System“ sprechen und das Phänomen –> erklären und hand-haben zu können.
    Ein System entsteht für den Beobachter daher erst, wenn sein Beobachten die Grenze quasi „untertunnelt“, d.h. von einer Seite auf die andere gelangt, ohne die Grenze zu kreuzen, indem er nämlich…
  3. per Oszillation zwischen beiden Seiten –> Informationen generiert und diese so in eine stimmige Ordnung bringt, dass der Beobachter das Phänomen als einen von ihm selbst unabhängigen Mechanismus beschreiben kann, der das Phänomen hervorbringt.
    Er kann es als –> triviales oder –>  sich selbst regulierendes  oder –> autopoietisches System

Systeme existieren nur in einem Phänomenbereich, den Menschen im Medium der Sprache kreieren. Sprach-handelnd „konstruieren“ oder „er- rechnen“ **) sie eine für sie lebbare, d. h. eine erklärbare und handhabbare und insofern auch verstehbare und bedeutsame Wirklichkeit. „Wir verstehen Natur nur insoweit, wie wir mit ihr umzugehen verstehen.“ (Kornwachs). Menschen (re-) produzieren sich auf diese Weise als –> Beobachter, als lebende Systeme.

*) Das Wort „anzeigen“ kann und muss hier auf zwei unterschiedliche Weisen gelesen werden: einmal intransitiv als ein Sich-zeigen oder Sichtbar-machen und Anderes dadurch verbergen; ebenso aber auch transitiv als ein auf etwas Anderes, Ergänzendes, aber Verborgenes zeigen, das erst noch ge- oder er-funden werden muss.

**) Ich verwende das Wort „Rechnen“ hier in einem sehr allgemeinen Sinn: ich meine damit „jede Operation, die beobachtete physikalische Identitäten (‚Objekte’) transformiert, modifiziert, ordnet, neu ordnet usw.“ (Heinz von Foerster), also nicht nur ein Rechnen mit Zahlen, sondern ebenso auch ein mimetisches Rechnen mittels nach- und vor-ahmender Gesten wie etwa Zeichnen oder Tanzen.

Lebende Systeme erklären
„Mimesis“ und „Gedächtnis“ sehe ich als die zwei Optionen, auf die lebende Systeme zurückgreifen können bzw. müssen, um Irritationen so zu verrechnen, dass daraus eine Information wird und sie sich reproduzieren können.

Die Unterscheidung Mimesis / Gedächtnis hilft mir, das Phänomen „lebende Systeme“ zu „erklären“ – auf eine Weise, in der der Beobachter, der die Erklärung macht, wieder vorkommt.

Das zu erklärende Phänomen besteht für mich in der Nicht- Berechenbarkeit lebender Systeme, d.h. sie verhalten sich à nicht-trivial: auf ein und denselben Impuls reagieren sie in einem Moment so und im nächsten Moment wieder ganz anders. Seit es Menschen gibt, haben sie versucht, sich dieses Phänomen zu erklären. Einfach, um sich selbst – als reflektierende, sich selbst aufspaltende Wesen – zu verstehen.

Die Erklärung der Moderne basiert letztlich auf der cartesianischen Erzählung, dass „Körper“ und „Geist“ getrennte Phänomene oder Substanzen seien; bzw. auf der reduktionistischen Erzählung, dass es irreführend ist, geistige von körperlichen Phänomenen zu unterscheiden. Heute wird immer deutlicher, dass wir uns mit Erklärungen, die auf diesen Erzählungen basieren, die eigenen Existenzgrundlagen entziehen. Wir müssen uns Lebendiges in einer nicht-instrumentellen, „autopoietischen“ Weise erklären

Die autopoietische Erklärung besteht für mich darin, dass ich Maturanas–> Autopoiesis-Begriff („Netzwerk der Produktion von Bestandteilen, deren Interaktion das gleiche Netzwerk… usw.) kybernetisch reformuliere; d.h. ich unterscheide zwei Regelkreise: einen primären, der qua rekursiver und rekurrenter Verknüpfung von Sensorik und Motorik die Grenze zur Umwelt schließt bzw. öffnet und so Irritationen kompensiert; und einen zweiten, der diesen Prozess (mittels Gedächtnis bzw. Mimesis) steuert. Das System verbindet auf diese Weise durch sein Operieren Innen und Außen sowie Vergangenheit und mögliche Zukunft; qua „Bild“ gelangt es von einer Seite der Unterscheidung auf die andere, ohne ihre Grenze zu kreuzen.

Als Beobachter, der diese Erklärung macht, spreche ich lebenden Systemen damit „bildende Kraft“ zu, d.h. ich sage, dass sie das verbindende Muster spontan (= aus sich selbst heraus, ohne Information von außen) qua „Bild“ realisieren.*) Das ist eine „Geschichte“, die ich anderen Beobachtern erzähle, in der Hoffnung, dass wir so eine gemeinsame Praxis etablieren, mit der wir nicht unversehens unsere eigenen Lebensgrundlagen unterminieren. D. h. eine Praxis, in der wir uns auf Lebewesen (einschließlich uns selber) nicht lediglich als ein „Es“ beziehen (als auszubeutende Ressource), sondern auch als ein un-ergründliches „Du“.

*) Wer denkt da nicht an Leibniz’ „fensterlose“ Monaden?

  Information
Systeme operieren selbstreferenziell geschlossen und erhalten daher keine Informationen von ihrer Umwelt. Sie erzeugen ihre Information selbst, von ihrer Umwelt werden sie allenfalls irritiert.

Information ist nach einem berühmten Satz von G. Bateson ein Unterschied, der für das System einen Unterschied ausmacht; oder in meinen Worten: eine Veränderung seines Zustands, die es kompensiert hat. Unterschiede sind „geistige“ Phänomene, d. h. sie sind nicht-substanziell, nicht in Raum oder Zeit lokalisierbar. In lebenden Systemen können Unterschiede, also geistige Phänomene, physische Veränderungen  auslösen.

Ich spreche von Information, wenn ein von seiner Umwelt „irritiertes“ (also Unterschiede erfahrendes) System die –>  Irritationen kompensiert, d. h. sie in solche Unterschiede (Informationen) umwandelt, die es am Leben halten.
Dabei müssen wir als Beobachter sorgfältig zwei sich nicht überlappende, wenngleich sich gegenseitig ergänzende Regelkreise unterscheiden (siehe hierzu auch die Grafik oben):

1) In einem primären Regelkreis kompensiert das System Irritationen durch rekursives Öffnen und Schließen der Grenze, die es von seiner Umwelt trennt, und bewahrt so sein Eigenverhalten. „Öffnen“ heißt: eine motorische Fläche lässt irritierende Bewegungen zu; „schließen“ heißt: eine sensorische Fläche hebt die Irritation und damit die Bewegung wieder auf.

2) In einem sekundären Regelkreis steuert das System diesen Prozess. Es behandelt die Irritationen dabei als „Gegen-stände“, mit denen es „rechnen“ (d. h. die es stimmig ordnen) kann, und zwar auf zwei unterschiedlichen, sich gegenseitig ergänzenden Wegen, nämlich „technisch“ und „mimetisch“ oder auch digital und analog, die wir als Beobachter ebenfalls sorgfältig auseinanderhalten müssen: .
—  Im digitalen („technischen“) Modus beobachtet und behandelt das System Irritationen als abgegrenzte, hand-habbare „Objekte“, die es durch Schließen, Öffnen und Wieder-Schließen des primären Regelkreises selbst erzeugt und als Algorithmus ordnet. Das System bewahrt so seine Vergangenheit in Form eines Gedächtnisses oder auch eines Stand-Punkts, von dem aus es beobachtet.
—  Im analogen Modus beobachtet und behandelt es Irritationen dagegen als –> Muster, die es „mimetisch“ (= nach- und vor-ahmend) durch Öffnen, Schließen und Wieder-Öffnen des primären Regelkreises selbst erzeugt und als rhythmische Sequenz ordnet. Das System beobachtet sich selbst; es nimmt teil an seiner eigenen (Re-) Produktion und schafft sich eine mögliche Zukunft.

Irritation
Als „Irritation“ bezeichne ich einen „sich ereignenden“ Unterschied, der den Zustand eines lebenden Systems verändert und den es – durch rekursives Öffnen und Schließen der Grenze zu seiner Umwelt – kompensieren muss, um sich zu reproduzieren. „Sich ereignen“ meint: Kein lebendes System ist genau genommen auf Veränderungen seines Zustands jemals vorbereitet; das Operieren lebender Systeme kreist sozusagen um eine offene Mitte, alles kann sich so oder auch ganz anders ereignen. Leben steht immer auf dem Spiel.

Um den Unterschied zu kompensieren, muss das System ihn „wieder-erkennen“, d. h. ihn wie auch immer in seinen kognitiven Bereich einordnen. Dabei hat es – eben weil Leben immer auf dem Spiel steht – zwei unterschiedliche Optionen: Wie bei einem Kipp-Bild kann es den Unterschied einmal im Hinblick auf seine dinglichen und dann wieder auf seine relationalen Aspekte beobachten. Die Autopoiesis lebender Systeme ist ein Oszillieren zwischen beiden.

—    Wenn das System den Unterschied als „Ding“ beobachtet, d. h. als etwas physisch Hand-habbares, dann kann es einige seiner sinnlich wahrnehmbaren Aspekte auswählen und es als Objekt unterscheiden, das sich als Objekt X von anderen Objekten (Nicht-X) abgrenzen lässt. Das heißt, das System kann das „Ding“ eindeutig identifizieren: Es kann die Irritation mit einem bereits zu Verfügung stehenden Schema senso-motorisch (einschließlich des dazu notwendigen Emotionierens) wirksam kompensieren. „Unterscheiden“ schließt immer auch Bewerten ein; d. h. das Objekt wird z. B. als Freund, als Feind oder als Nahrung identifiziert.  
Mit Wittgenstein kann man hier von „Wiedererkennen als Kontrolle dessen, was vergangen ist und der Gleichheit“ sprechen (Philosophische Bemerkungen II § 19).
Ein äußerer Beobachter sieht den Unterschied als ein Zeichen, das ein „intelligentes“, zweck-mäßiges Verhalten des Systems in seiner Nische auslöst.

—   Das System kann den Unterschied aber auch in Hinsicht auf seine (physisch nicht hand-habbaren) zeitlichen und / oder räumlichen Relationen beobachten, also etwa vorher / nachher, vorne / hinten etc. Es kann dann eine bestimmte (willkürliche) Auswahl von Relationen treffen, d. h. sie in den Vordergrund heben (à Aufmerksamkeit), und als –> Muster unterscheiden. Für eine wirksame Kompensation des Unterschieds muss es das Muster dann aber – durch mimetisches Nach- und Vor-Ahmen von Irritationen – erst noch in ein à Bild transformieren, das ein hand-habbares Objekt repräsentiert. Mit Wittgenstein kann man hier von „Wiedererkennen als Quelle des Begriffs der Vergangenheit und Gleichheit“ sprechen (a. a. O.).
Ein äußerer Beobachter sieht das System in Interaktion mit seiner Umwelt.

 Muster vs. Objekt
Mit „Muster“ bzw. „Objekt“ bezeichne ich die zwei Formen, in denen ein lebendes System –>  Irritationen, die als solche unbeobachtbar sind, in beobachtbare Gegen- stände transformieren kann; es kann dann mit Irritationen „rechnen“, d. h. sie in eine stimmige Ordnung bringen.

—  Von einem „Objekt“ spreche ich, wenn das System Irritationen auf Basis eines bereits vorliegenden („a priori“ gültigen) senso-motorischen Schemas beobachtet. Objekte lassen sich dann in die Form von Algorithmen bringen, die als Gedächtnis fungieren und auf die das System jederzeit zurückgreifen kann, um Irritationen zu kompensieren. Objekte wirken dann als Zeichen, die unmittelbar viables Verhalten auslösen. In anderen Worten: das System kann unterschiedliche Phänomene mithilfe eines unmittelbar abrufbaren senso-motorischen Schemas reproduzieren, d. h. als „bekannt“ wieder-erkennen.

—  Von „Mustern“ spreche ich dagegen, wenn das System Irritationen in der Form zeitlich-räumlicher Relationen unterscheidet und dabei eine bestimmte (willkürlich getroffene) Auswahl von Relationen in den Vordergrund hebt (–> Aufmerksamkeit). Um die Irritationen zu kompensieren, muss das System die Muster erst noch mimetisch, d. h. durch Nach- und Vor-Ahmen der Irritationen variieren und sie in –> Bilder transformieren, die passendes Verhalten auslösen.

„Das Muster, das verbindet“ – ein von G. Bateson geprägter Begriff – bezeichnet in meiner Interpretation nichts anderes als die Frage danach, wie ein System von der angezeigten Seite der von ihm getroffenen Unterscheidung so auf die andere Seite und wieder zurück gelangt, dass ihm ein re-entry gelingt und es seine Autopoiesis fortsetzen kann.

 Mimesis
Mimesis heißt Nachahmung, z. B. ein Kind ahmt das Verhalten seiner Mutter, seines Vaters, seiner Geschwister, seiner Freunde, seiner Lehrer etc. etc. nach. Das bleibt natürlich unbefriedigend, was bereits Platon so sah.

Im Diskurs der Kulturanthropologie (sh. z. B. G. Wulf 2005) wird Mimesis mittlerweile jedoch als Nach- und Vor-ahmen, d. h. als Interaktion verstanden. Damit wird Mimesis systemtheoretisch interessant.

Ich sehe Mimesis als einen der zwei Wege, auf denen ein System à Irritationen aus seiner Umwelt ver-rechnet und kompensiert. Im mimetischen (als unterschieden vom Gedächtnis-) Modus richtet das System seine Aufmerksamkeit auf Relationen, die es als à Muster festhält und durch Nach- und Vor-Ahmen von Irritationen solange zu einer Sequenz selbst-ähnlicher Formen ordnet, bis ein anschlussfähiges, viables à Bild erscheint. Ein Bild sehe ich als eine Art „Selfie“, eine vom System selbst erzeugte System-Umwelt-Landkarte; es funktioniert wie ein Kipp-Bild, d. h. es verbindet hier-und-jetzt beide Seiten der Unterscheidung, System und Umwelt, Vergangenheit und Zukunft.

Insofern spreche ich (Kant folgend) lebenden Systemen „bildende Kraft“ zu.

 

Erklären
Ein Phänomen zu erklären heißt, eine Erfahrung so zu re-formulieren, dass ein Mechanismus (Ablauf) –-> beobachtbar wird, der das fragliche Phänomen hervorbringt und der es erlaubt, Artefakte herzustellen, mit denen sich das Phänomen hand-haben lässt (sh. Maturana 2000, S. 149 f.)

Im Medium Sprache können Menschen Phänomene begrifflich und mimetisch-handelnd als Gegen-stände oder „Objekte“ von sich selbst und von deren Umwelt abgrenzen, d.h. als unabhängig von ihrem Erleben und Handeln existierend. Sie können sie zueinander in Beziehung setzen und dabei regelmäßige und zweck-mäßig ineinandergreifende Strukturen bzw. Bewegungen identifizieren, für die sie eine (im Hintergrund wirkende, selber aber nicht beschreibbare und insofern auch nicht beobachtbare) „Kraft“ oder ein Prinzip verantwortlich machen: etwa einen „Dämon“, ein „Naturgesetz“ (z. B. die Gravitationskraft) oder eine „bildende Kraft“. Oder in anderen Worten: „Erklärungen sind semantische Verbindungen von Beschreibungen.“ (H. von Foerster)

Ich muss also dreierlei auseinanderhalten:
1. ein Phänomen, das in der Lebenspraxis von Menschen auftritt und das es zu erklären und in den Griff zu bekommen gilt (z.B. die Frage, wie es möglich ist, dass Gesellschaft, also der  Zusammenhang autonomer Individuen nicht auseinanderfällt);
2. den generativen Mechanismus, der für das Phänomen als Erklärung angeboten wird; er ist eine in-Sprache formulierte Idee (das könnte z. B. auch die Idee der –> trivialen Maschine sein, die vor 5000 Jahren erstmals gedacht wird; siehe hierzu Mumford 1974) und basiert notwendig auf Erklärungsprinzipien (wie z. B. „Gott“ oder „Schwerkraft“); und
3. das Artefakt, mit dem man das Phänomen in den Griff bekommt (im obigen Beispiel die triviale Macht-Maschine „Staat“).

 

Beobachter
Ich kann einen Beobachter wahlweise als naiven oder als reflektierenden Beobachter beobachten.

Als ein naiver Beobachter (Beobachter erster Ordnung) identifiziert und beschreibt er Gegenstände; z. B. „das da ist ein Mensch und kein Roboter; er besitzt Selbst-Bewusstsein und kann Werkzeuge herstellen“.
Ein Gegenstand, so Maturana (2000, S. 25 f), ist für einen Beobachter dann ein Gegenstand, wenn er ihn beschreiben kann, d. h. er kann alle tatsächlichen oder möglichen Interaktionen und Relationen aufzählen. Der Beobachter kann mit dem Gegenstand und mit dessen Umwelt unabhängig voneinander interagieren.

Als reflektierender Beobachter dagegen (Beobachter zweiter Ordnung) beobachtet er einen naiven Beobachter (der er rückblickend auch selbst sein kann) und erklärt, dass und welche Unterscheidungen dieser benutzt, wenn er z. B. von Selbst-Bewusstsein spricht.

„Ein Beobachter ist ein menschliches Wesen, ein lebendes System, das Unterscheidungen treffen kann und das, was er unterscheidet, als Einheit („Gegenstand“ F. F.) abgrenzen kann, d. h. als eine vom Beobachter selbst (und von der Umwelt des Gegenstands, F. F.) verschiedene Größe. Der Beobachter kann dies ebenso in rekursiver Weise mit seinen eigenen Handlungen und Gedanken tun und dabei stets so handeln, als ob er außerhalb der Situation stünde, in der er sich befindet, bzw. als ob er von dieser verschieden wäre. Alle Unterscheidungen, die wir treffen, ob begrifflich oder  durch konkrete Handlungen, werden von uns als Beobachter gemacht. Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter zu einem anderen Beobachter gesagt, der er selbst sein kann.“ Maturana 1982,S. 276.

 

Beobachten  (siehe hierzu die Grafik oben)
Als Beobachten bezeichne ich die mimetische Operationsweise eines lebenden (–> autopoietisch organisierten) Systems, mit der es sich in einer chaotischen, nicht kontrollierbaren Umwelt (Anschluss-) Möglichkeiten und damit eine Zukunft sichert und so an seiner eigenen (Re-)Produktion teilnimmt:

a)  gestützt auf ein „Gedächtnis“  oder einen „Stand-Punkt“, d.h. auf eine primäre, im Moment der Beobachtung selbst nicht mehr unterscheidbare Unterscheidung…
b)  generiert das System mittels rekursiver – und für Irritationen aus der Umwelt offener – Verknüpfung von Sensorik und Motorik spontan (= aus sich selbst heraus und von Moment zu Moment) fortlaufend unterschiedliche –> Muster,
c)  ordnet diese mimetisch (d. h. durch Nach- und Vorahmen der Irritationen) so zu einer Sequenz, dass schließlich eine „Landkarte“ oder ein Bild von System-und-Umwelt zustande kommt, die bzw. das die beiden Seiten der Unterscheidung, also System und Umwelt, „viabel“ verbindet, sodass…
d) die primäre Unterscheidung wahlweise entweder bestätigt  bzw. bekräftigt  oder aber modifiziert werden kann und das System seine autopoietische Organisation aufrechterhalten kann (re-entry i. S. von G. Spencer-Brown: die primäre Unterscheidung tritt wieder in die bezeichnete Seite der Unterscheidung ein).

 Triviale Systeme
sind für mich (im Anschluss an Heinz von Foerster) Mechanismen, die einen bestimmten Input in einen vorhersagbaren Output verwandeln.

—  Ihr Verhalten ist unabhängig von ihrer individuellen Geschichte (wenngleich sie natürlich nach längerem Gebrauch verschleißen und ihre „Macken“ bekommen können);
—  sie sind synthetisch deterministisch, d. h. Anschlussmöglichkeiten für Operationen stehen nur im Rahmen der gegebenen Strukturen und Zustände zur Verfügung;
—  sie sind analytisch determinierbar, d. h. von einem Beobachter vollständig beschreibbar.

 

Sich selbst organisierende Systeme
verwandeln einen zufälligen Input selbsttätig in einen vom Beobachter intendierten Output. Ein Beobachter schreibt ihnen Eigenverhalten zu.

—  Ihr Verhalten ist unabhängig von ihrer individuellen Geschichte;
—  sie produzieren ihre Informationen selbst, verändern also selbsttätig ihre Zustände;
—  sie sind von einem kompetenten externen Beobachter steuerbar.
Beispiele: Ein Thermostat oder eine Dampfmaschine. Aber auch Naturphänomene (z. B. der Wind oder Regenwolken), in denen aus Sicht von Beobachtern ein Geist haust, der sich durch magische Praktiken steuern lässt.

 Autopoietische (beobachtende) Systeme
Ein autopoietisches System ist definiert als ein Netzwerk der Produktion von Elementen, die

a) durch ihre Interaktion rekursiv an der ständigen Erzeugung und Verwirklichung dieses Netzwerks mitwirken, das sie selbst erzeugt; und die
b) dieses Netzwerk als individuelle, abgegrenzte Einheit in dem Raum (Kontext, „Nische“) konstituieren, in dem sie existieren und den sie dadurch bestimmen, dass sie dessen Grenzen verwirklichen. vgl. hierzu Maturana (1982), S. 280.

Autopoietische Systeme sind beobachtende Systeme, d.h. Systeme,  die – aus Sicht eines externen Beobachters – durch Selbst-Beobachtung an ihrer eigenen (Re-)Produktion teilnehmen und die ihre (autopoietische) Organisation in einer unbestimmten und unbestimmbaren Umwelt aufrechterhalten und diese dabei in eine Nische verwandeln.
—  Ihr Verhalten wird von ihrer Geschichte (Gedächtnis) mitbestimmt;
—  sie kreieren ihre Informationen – in Form von Mustern bzw. Bildern – selbst und
—  sind von außen nicht steuerbar, weil sie ihre eigenen Elemente (letztlich Moleküle) produzieren.

Der externe Beobachter schreibt ihnen notwendig „bildende Kraft“ zu.

Lernen erster und zweiter Ordnung
Um erfolgreich ein Auto zu steuern, muss ich nicht wissen, wie der Mechanismus von Autos funktioniert. Ich muss aber 1. lernen, was die Hebel, Schalter und Knöpfe bewirken (Proto-Lernen); und ich muss 2. das dem Mechanismus „Auto“ zugrundeliegende Prinzip einer –> trivialen Maschine „deutero-lernen“, d. h. ich muss die Bewegungsformen (sozusagen die Spiel-Regeln) habitualisieren, die im Kontext „Autofahren“ gelten, ohne das Prinzip selbst zu reflektieren. Nur so kann ich das Verhalten meines Autos und das anderer Autos verstehen und richtig bewerten und es als Vehikel erfolgreich durch den Verkehr steuern. (Zum Lernen sh. G. Bateson).

Auf ähnliche Weise „deutero-lernen“ Menschen die Kultur, in der ihre Erklärungen funktionieren; sie lernen ihre Spielregeln, ver- körpern sie und reproduzieren so ihre Wirklichkeit.

LITERATUR  (folgt)

Ich möchte besonders auf Rolf Todescos „Crashkurs zur Systemtheorie zweiter Ordnung“ hinweisen: http://www.hyperkommunikation.ch/crashkurse/crashkurs_systemtheorie/ck_systemtheorie_top.htm

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33 Kommentare

  1. zu System:
    ich habe noch nicht verstanden, inwiefern der zweite Teil (doe Spencer-Geschichte) zu ersten Teil passt. Das mag vor allem daran liegen, dass ich Spencer nicht verstanden habe.
    Und der erste Teil ist für mich viabel, auch wenn ich das „handhabbar“ als zu weit gefasst sehe. Die Vorstellung „Natur verstehen“ scheint mir das Problem. Ich verstehe die Natur nicht und sehe auch nicht, wie das gehen könnte.

    Zu Information:
    wenn das Informations-Ereignis an einen Energiefluss gebunden ist, ist es doch in Raum und Zeit lokalisierbar, oder nicht?

    Und generell finde ich ein Glossar eine gute Sache, weil ich damit meine Begriffe beobachte. Aber eine Blogseite scheint mir kein praktisches Werkzeug dafür. Warum machen Sie das nicht auf der Homepge? Finden Sie mein Glossar nicht gut? (Ich meine jetzt nicht die Inhalte, sondern wie es gemacht ist)

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  2. den weiten Teil von „System“ habe ich geschrieben, weil ich (er)klären wollte, wie Beobachter Systeme konstruieren. Warum das ein Problem ist, versuche ich ja dann im folgenden zu zeigen: ein Beobachter kann, um ein System zu konstruieren, immer nur an seiner ersten Unterscheidung anschließen, und zwar an ihrer jeweils angezeigten Seite. Auf diese Weise käme aber eine lediglich digital rechnende, eine Ja-Nein-Maschine zustande (eine Turingmaschine), die nie zu einem Ende käme und im realen Leben nicht funktionieren würde.
    Der Beobachter muss daher die Grenze zur anderen Seite kreuzen (also zu dem, was die erste Unterscheidung alles NICHT ist). Dann steht er allerdings erst mal mit leeren Händen da und muss eine neue Unterscheidung treffen, die zu der ersten aber (noch) in keinerlei beobachtbarer Beziehung steht. Genau das ist das Problem. Oder die Paradoxie: wie er es auch macht, ist es falsch.
    Um ein funktionierendes System zu kreieren, muss er die Grenze also irgendwie „untertunneln“ (d.h. auf die jeweils andere Seite kommen, ohne die Grenze zu kreuzen). In der Mathematik, habe ich mir sagen lassen, macht man das mithilfe imaginärer Zahlen. Im realen Leben (und der Beobachter ist für mich ein lebendes System) geht das durch mimetisches „Rechnen“, d.h. durch Nach- und Vor-ahmen von Irritaionen und Oszillieren zwischen beiden Seiten — solange, bis ein passender Anschluss gefunden ist.

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    1. ahhh … das ist hochabstrakt, ich vermute (ohne es zu sehen oder gar auch nur ansatzweise zu verstehen), dass damit irgendwie Mathematik für Erkenntnis nutzbar gemacht werden soll.
      Vielleicht können Sie mir zeigen, was meine erste Unterscheidung sein könnte (oder Ihre)?

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      1. ja, das ist in der Tat hoch abstrakt, abstrakter geht es kaum noch. die „primäre Unterscheidung“ ist beliebig. Es geht einfach nur darum, dass ein Anfang mit einer Unterscheidung gemacht werden muss, egal welche, damit überhaupt irgendetwas beobachtet werden kann. damit überhaupt irgendetwas „ist“. Von dieser ersten Unterscheidung ergibt sich dann alles andere. „Draw a dsitinction and a universe will come to existence.“
        es geht mir letztlich nicht um Mathematik, davon verstehe ich auch kaum etwas. Lebende Systeme sind keine Mathematiker, sie „rechnen“ mimetisch.

        Verstehen Sie denn, dass der Beobachter, wenn er auf die andere Seite seiner ersten Unterscheidung wechselt, mit leeren Händen dasteht, ohne jede Anknüpfung an die erste Unterscheidung?

        Vielleicht war ja historisch die erste Unterscheidung Ich / Nicht-Ich, keine Ahnung. wodurch dann ein mimetsicher Prozess, sagen wir mal zwischen Adam und Eva, in Gang gesetzt wurde, weil ja das Ich eine andere Seite braucht, um sich zu unterscheiden. Ich phantasiere jetzt einfach nur.
        z.B. so: https://www.youtube.com/watch?v=1EumnijQBhw

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  3. zu Information:
    es geht doch um KOLLATERALE Energie, d.h. Energie, die nicht physisch wirkt, sondern in einem System nur UNTERSCHIEDE auslöst. wie Bateson, wenn er seinen Hund „informiert“, indem er ihm einen (räumlich und zeitlich lokalisierbaren) Tritt gibt.

    Lebende Systeme brauchen in meinem Theorieansatz immer ZWEI Arten kollateraler Energie: die erste kommt aus dem Organismus selbst (etwa die DNA; oder der Körper, mit dem das Nervensystem interagiert, als ob er unabhängig von ihm wäre), der andere als aus der Umwelt stammende Irritation.
    Lebende System errechnen (oszillierend) das Integral aus beiden Unterschieden.

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    1. Ich verstehe nicht, was Energie sein soll, die nicht physisch wirkt. Ich meine, dass sich Energie gerade und aussschliesslich in einer physischen Wirkung zeige.
      Ich spreche ja von sekundärer Energie, aber Sie meinen wohl etwas anderes. Wozu ist den die von Ihnen gemeinte Energie kollateral? Und inwiefern ist die DNA Energie?

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      1. ich meine Energie, die nicht von einem körper auf den anderen übertragen wird. so wie Batesons Tritt zwar gewisse physische Auswirkungen auf den Hund hat; entscheidend ist aber der Unterschied, den dieser Tritt im physiologischen System des Hundes auslöst.
        …bloße Unterschiede können Ursachen für etwas sein, also etwas bewirken.
        der Begriff „kollateral“ stammt ja von Bateson (Geist und Natur, S. 125 ff). Ich denke, das ist genau das, was Sie mit sekundärer Energie meinen.

        Die DNA ist, so stelle ich mir das im MOment vor, eine Art sekundärer Energiekreis, der Unterschiede im übrigen Körper (primärer Energiekreis) auslöst.

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  4. oben gibt es keinen Antwortbutton mehr, deshalb hier.
    Mir hilft es nicht, dass eine erste Unterscheidung notwendig ist, wenn ich sie nicht rekonstruieren kann. Etwas, was immer stimmt und keine Unterscheidung einführt, ist eine sinnlose Unterscheidung. Bei Spencer ist das natürlich etwas anderes, weil er seinen Kalkül meint, nicht die Welt.
    Beobachten heisst in der Luhmannterminologie unterscheiden, also ist die Aussage, dass Beobachten eine Unterscheidung einführt, reine Tautologie. Und die Vorstellung, wonach es eine erste Beobachtung geben könnte, macht für mich jenseits eines Kalküls auch keinen Sinn – vermutlich meine ich das, wenn ich hochabstrakt sage.

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    1. „Etwas, was immer stimmt“ – da führen Sie die Zeitdimension ein, die es doch hier noch gar nicht gibt. Es geht hier m.E. um das rein physische Trennen eines Raums in zwei Seiten und die Anzeige einer dieser zwei Seiten durch eine physische Existenz, ohne das es nichts gäbe; das physische Etwas hier und jetzt mit seiner konkreten Gestalt einerseits – und das, was es nicht ist andererseits. Der Beobachter muss sie (als lebendes System) qua Existenz (auch qua DNA bzw. Erfharungsspuren im Gehirn usw.) „immer schon“ (a priori) vollzogen haben.
      Die erste Unterscheidung kann ja, wie auch die DNA, im Lauf der Zeit wieder modifiziert werden.

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  5. hmmm … ich finde hier wieder, wie unterschiedlich wir denselben Text lesen, weil wir ihn durch unsere Brillen lesen. Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie Sie den Ausdruck Energie verwenden. Im Text von G, Bateson sehe ich Energie ganz konventionell verwendet. Wenn ich einen Hund trete, nimmt der Hund meine Energie als Schmerz wahr. Meine kinetische Energie im meinem Fusstritt verursacht eine schmerzhafte Körperverformung beim Hund, die diese Energie absorbiert. Dass der Hund dann seine eigene Energie verwendet, wenn er wegrennt, heisst doch nicht, dass mein Tritt keine physische Energie übertragen hat – eben durch meine Brille, die ich aber nicht ablegen kann.

    Und zur DNA. Ich weiss nicht recht, was Sie mit DNA meinen. Ich meine damit eine Struktur eines Moleküls. Aber Energie fliesst beim Lesen der DNA, und diese Ernergie ist nicht IN der DNA. Mir ist Ihr Modell mit den Unterschieden einfach nicht klar, es scheint, als ob Unterschiede jenseits von Materie zu existieren scheinen: ES GIBT Unterschiede. Ich muss Unterschiede wahrnehmen und das geht jenseits der Esoterik nur so, dass ich physische Energieflüsse wahrnehme. Im vordergründigsten Fall fällt ein Lichtstrom auf meine Retina, so oder anders, aber immer materiell.

    Ich glaube, das interessiert Sie einfach nicht, weil Sie sich für die Bedeutung oder den Sinn interessieren und die materielle Ebene des physischen Körpers wegabstrahieren.

    Wie stellen Sie sich die DNA vor? Was macht die DNA? Und wie macht sie das? Welcher Unterschied macht dabei welchen Unterschied?

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    1. „Meine kinetische Energie im meinem Fusstritt verursacht eine schmerzhafte Körperverformung beim Hund, die diese Energie absorbiert.“

      hier sehen Sie den Hund – wie Descartes – als eine triviale Maschine, die wie eine Uhr – heute würden wir sagen: wie ein Roboter – sich zwar spontan bewegt, aber nichts empfindet. D. dachte, man kann Tiere malträtieren, sie empfänden aber nichts; wenn sie sich krümmen, dann interpretieren wir es nur als Schmerz.
      Sicher kann man das so sehen, aber es braucht doch die Ergänzung durch die andere Sichtweise: nämlich die Ursache für die schmerzhafte Körperverformung im Hund als einem lebenden System zu suchen.

      „es scheint, als ob Unterschiede jenseits von Materie zu existieren scheinen: ES GIBT Unterschiede.“ man kann Unterschiede jedenfalls nicht in Materie formen, insoweit existieren sie tatsächlich jenseits von Materie.

      das mit der DNA muss ich noch mal zurücknehmen, ich verstehe davon nicht sehr viel und habe mich zu weit vorgewagt.
      Es geht um meine These, dass lebende Systeme von ZWEI sekundären Energiekreisen irritiert werden; das unterscheidet sie von Robotern. Für lebende Systeme mit einem komplexen Nervensystem (Gehirn) lässt sich das leichter zeigen. Das Gehirn kann Irritationen aus dem ORGANISMUS von solchen aus der UMWELT unterscheiden. Bewusstsein ist dann das Errechnen des Integrals aus beiden. Bewusstsein verstehe ich dabei (mit Damasio) in einem sehr breiten Sinn, auch als „Un-Bewusstsein“ in Form eines „Proto-Selbst“, wie ich es z.B. Insekten zuschreiben würde.

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      1. hmmm … ich meine, dass ich in meinem Aufsatz sehr deutlich hervorgehoben habe, dass ich Hunde NICHT als triviale Maschinen sehe. Ich kann nicht wissen, wie ein Hund auf meinen Fusstritt reagiert. Aber ich weiss natürlich in einem ganz trivialen Sinn, dass sich der Körper des Hundes verformt, wenn ich ihn trete. Und ich VERMUTE, dass der Hund dabei Schmerz empfindet.
        Von welcher anderen Sichtweise sprechen Sie? Wie anders als physikalische Einwirkung einer äusseren Kraft kann der Hund meinen Fusstritt wahrnehmen?

        „man kann Unterschiede jedenfalls nicht in Materie formen, insoweit existieren sie tatsächlich jenseits von Materie“

        Da scheinen wir an einem sprachkritischen Punkt zu sein. Ich kann unterscheiden und spreche dann – hypostasierend von Unterschieden. Aber jeder Unterschied beruht natürlich darauf, dass ich unterscheide. Vor allem anderen unterscheide ich verschiedene Sinneswahrnehmungen – und die sind immer materiell.
        Im reinen Denken der Philosphen mag das anders sein, aber davon hätte ich keine Ahnung, wenn sie nicht darüber sprechen oder schreiben würden, also wenn sie ihr unterscheiden nicht materiell zu handen meiner Sinne ausdrücken würden.

        Ich verstehe auch nicht, was Sie als zwei sekundäre Energiekreise bezeichnen. Jeder Roboter hat Sensoren an der Oberfläche für Ereignisse ausserhalb seiner Oberfläche und Sensoren im Innern um Eigenzustände zu registrieren.
        Jedes Auto hat beispielsweise einen Motorendrehzahlbegrenzer.

        Und konstruktivistisch gesprochen reagiert jedes System ausschliesslich auf seine Eigenzustände. Die Zuschreibung auf Ereignisse in der Umwelt ist dann eine Leitsung des Systems.
        Ich beispielsweise empfinde in meinen Sinnesorganen Wärme oder Kälte, die ich dann unter gegebenen Umständen etwa als Raumtemperatur in meine Umwelt projizieren kann. Ich nehme aber mich selbst, nicht meine Umwelt wahr, oder?

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  6. PS: G. Bateson hat eine schlampige Sprache, die ich nur verstehen kann, weil ich sie strikt auf die Kybernetik und deren Regelkreise beziehe. Das Wort kollateral finde ich auf den Seiten 125 ff genau 1 mal, nämlich im Abschnittstitel aus S. 125. Danach kommt das Wort – so weit ich sehe – nicht mehr vor. Aber alles, was er in den folgenden Abschnitten beschreibt, sind kybernetische Energiekreise, die der Steuerung dienen (also solche, die ich sekundär nenne).
    Der entscheidende Witz aber ist, dass auf diesen Kreisen ganz normale physische Energie fliesst, also insbesondere nicht Geistiges wie Information und natürllich auch keine Unterschiede.

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    1. ja, da gebe ich Ihnen recht. Und: der Witz, auf den ICH hinweise, besteht darin, dass ein lebendes System anders als triviale Maschinen ZWEI UNTERSCHIEDLICHE Energiekreise auseinanderhält, aus deren gegenseitiger Verrechnung es die Informationen gewinnt, die es am Leben halten.
      Der normale physische Energiefluss bleibt davon natürlich unberührt – und man kann sagen: notwendig, aber „kollateral“.

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      1. dazu habe ich jetzt schon oben geantwortet. Das Wort kollateral verwende ich einfach ganz anders, zunächst für Bypässe und dann bei Kollateralschäden in einem üblen militärischen Sinn für ungewollte NebenWIRKUNGEN.
        Ich könnte so etwa sagen, dass ich einem Hund etwas mitteilen möchte, und wenn ich das per Fusstritt besorge, eben seine Schmerzen in Kauf nehme. Aber so spreche ich nicht.

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  7. dass Sie Hunde nicht als triviale Maschinen sehen, ist mir schon klar. Aber in der oben zitierten Aussage nehmen Sie diese Perspektive ein. Das ist wohl jene, die M. Buber Ich-Es-Perspektive nennt, d.h. ich sehe mein Gegenüber als instrumentalisierbares Etwas. Davon ist die Ich-Du-Perspektive zu unterscheiden, in der ich mein Gegenüber als autonomes, sich selbst regulierendes Wesen sehe, auf das ich prinzipiell keinen ZUgriff habe.
    Ich glaube, da unterscheiden wir uns nicht wirklich, irgendwie haben wir da nur eine etwas andere Sprache.

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    1. die andere „Sprache“ steht wohl für andere Anliegen. Ich beobachte mein Erklären und finde dabei, dass ich die Kybernetik als Theorie des Erkärens begreife.
      Gleichzeit begreife ich die Kybernetik auch als Theorie zum toolmaking und damit als Theorie jener Tätigkeit, die ich als konstitutiv fürs Menschsein auffasse.
      Mein Materialismus passt genau dazu. Vielleicht können Sie sich oder Ihre Anliegen davon unterscheiden, wodurch dann die „etwas andere Sprache“ sinnvoll begründbar wäre.
      Wie würden Sie Ihr Anliegen so auf den Punkt bringen?

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  8. „Ich verstehe auch nicht, was Sie als zwei sekundäre Energiekreise bezeichnen. Jeder Roboter hat Sensoren an der Oberfläche für Ereignisse ausserhalb seiner Oberfläche und Sensoren im Innern um Eigenzustände zu registrieren.“
    MIr scheint, unser gegenseittiges Nicht-Verstehen rührt daher, dass ich mich für den Unterschied zwischen lebenden Systemen und Robotern interessiere, während Sie meinem Eindruck nach über diesen Unterschied nichts aussagen wollen.
    Ich hatte Sie ja schon mal gefragt: wo sehen Sie denn diesen Unterschied?

    Ich würde ihn (u.a.) so formulieren: lebende Systeme halten die beiden Energiekreise SPONTAN auseinander. Spontan verstehe ich im doppelten Sinn: selbst generiert (d.h. nicht durch Programme vorgegeben) und. von MOment zu MOment neu.

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    1. hmmm … ja, das ist wohl die Differenz, auch wenn ich sie anders sehe. Ich spreche nur über Roboter (oder allgemeiner technische Artefakte), weil die Roboter in Erklärungen eine Rolle spielen. Ich spreche nicht über Menschen (Du sollst Dir kein Bildnis machen!), weil sie in Erklärungen keine Rolle spielen.
      Ich kann Roboter und Menschen nicht begrifflich unterscheiden, weil ich keinen Oberbegriff zu beidem kenne. Ich sehe natürlich jeder Zeit, ob ich einen Roboter oder einen Menschen vor mir habe, ich habe also kein Problem sie auseinander zu halten. Unterscheiden aber hiesse für mich, ein Kriterium im Sinne eines Genus proximum und einer differentia specifica zu bezeichnen.
      Mit G. Batesons Vorschlag, sich anhand eines frisch gekochten Krebses zu überlegen, woran wir erkennen, ob ein Gegenstand ein Artefakt oder Natur sei (Geist und Natur:14), unterscheide ich auf einer ganz anderen Ebene.

      Was verfolgen Sie den mit der Unterscheidung von Menschen und Robotern? Wobei hilft Ihnen das?

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      1. wobei mir das hilft? ich denke, wenn wir (die Menschen der modernen Zivilisation) uns nicht die eigenen Ressourcen untergraben oder uns von den eigenen Wurzeln abschneiden wollen (denken Sie an das in „der Baum der Erkenntinis“ sich allmählich vervollständigende Bild von dem Tier, das sich selbst in den Schwanz beißt), dann kommen wir nicht drum herum darüber nachzudenken, was den Unterschied zwischen lebendiger und artifizieller Intelligenz ausmacht.

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  9. Wenn wir unsere Autopoiesis nicht abbrechen wollen
    „… dann kommen wir nicht drum herum darüber nachzudenken, was den Unterschied zwischen lebendiger und artifizieller Intelligenz ausmacht.“

    ich habe nie verstanden, warum gerade dieser Unterschied wichtig sein könnte. Ich sehe aber, dass sich viele Philosophen diesbezüglich einig sind. Ich selbst erachte (beobachte) den Unterschied zwischen verschiedenen Produktionsverhältnissen relevant. Tier und Maschinen bringen dafür keine Hinweise oder Erkenntnisse, weil sie nicht in Produktionsverhältnissen existieren. Deshalb bringen mir Vergleiche mit Tieren und Maschinen nichts. Ich nehme überdies auch an, dass weder Tiere noch Maschinen etwas erklären wollen oder können. (Das beobachte ich aber nicht als Unterschied, sondern als Grund keine Unterschiede zu suchen)

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  10. wie wollen Sie denn wissen, wie wollen Sie (kybernetisch) begründen, dass weder Tiere noch Maschinen etwas erklären wollen oder können? Oder soll es für Sie bei der bloßen Annahme leiben?

    Die Frage nach „dem Menschen“ ist in der Systemtheorie zu Recht verpönt. Maturana fragt danach, was es heißt, Mensch zu sein. Diese Frage lässt sich aber nur aus zwei unterschiedlichen, sich nicht überlappenden, wohl aber ergänzenden Perspektiven beobachten: aus der Maturanas (Mensch als individuelles Wesen) und der Luhmanns (Gesellschaft).
    Für die Frage nach dem Muster, das beide verbindet, spielen ein Verständnis von MImesis sowie Sinn für Ästhetik m.E. eine Schlüsselrolle. Beide richten die Aufmerksamkeit auf das verbindende Muster.

    Welche Rolle spielen Mimesis und der Sinn für Ästhetik in Ihrem Materialismus?

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  11. dass weder Tiere noch Maschinen etwas erklären wollen oder können ist für mich keine Annahme sondern ein Voraussetzung, die damit zusammenhängt, was ich als Tier, resp als Maschine bezeichne.

    Kybernetik dient mir nicht als Begründung sondern als Erklärung. Darüber, dass Tiere und Maschinen nichts erklären wollen, kann ich nicht stauen (weil ich es tautologisch wahr finde) und wenn ich nicht staunen kann, habe ich auch nichts zu erklären.

    Was Maturana und Luhmann über DEN Menschen sagen, bringt mir gar nichts, weil sie den Menschen ganz anders sehen als ich: nicht als toolmaking animal. Ich kann weder mit Maturana noch mit Luhmann über Produktionsverhältnisse nachdenken, weil das beide nie interessiert hat.

    Als Mimesis bezeichne ich die Vorstellung, dass ein Lebewesen in seinem Verhalten ein anderes nachahmt. Das spielt sich im phänomenalen Bereich ab und hat deshalb keinen Bezug zu meinem Materialismus.
    Ich kann Mimesis beobachten. Und ich kann mich fragen, wozu jemand jemanden nachahmt, aber ich kann dafür keine Erklärung, also keinen generierenden Mechanismus suchen.

    Und „Sinn für Ästhetik“ kann ich gar nicht erkennen. Was meinen Sie den damit? Einen Kunsttheoretiker, der Kunst beurteilen könne? So etwas könnte ich jedenfalls nicht nur nicht erklären.

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  12. ich empfehle, Mimesis nicht lediglich als „Nachahmen“ zu sehen, sondern, wie ich ja nicht müde werde zu betonen, als Nach- und Vor-ahmen. Also z.B. in der Begegnung eines Ego mit einem Alter Ego. Damit sich beide als solche (an)erkennen und sich begegnen, braucht es Aufmerksamkeit für das verbindende Muster – Sinn für Ästhetik.
    Der hat mit Kunstheorie nun gar nichts zu tun. Es ist ein Denken in BIldern, in KOhärenzen.
    Auch das Erklären von Phänomenen gleich welcher Art braucht Sinn für Ästhetik.
    so sieht das ja auch G. Bateson (siehe die Einführung zu Geist und Natur wo es über das verbindende Muster geht; kaum jemand versteht, was Bateson damit meint, bis heute).

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  13. „Ich kann Mimesis beobachten.“
    Wie wollen Sie Nach- und Vorahmen beobachten? Der Luhmannsche Beobachter würde ja verrückt dabei.
    er braucht… mimesis und Sinn für Ästhetik. und der lässt sich kybernetisch erklären, jedenfalls in meinem Ansatz.

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  14. „… kaum jemand versteht, was Bateson damit meint, bis heute“
    Ich sage es so: „kaum jemand versteht, was der TEXT von Bateson meint, so wie ich. Unsere Verständnisse sind eben so verschieden, weil wir ganz andere Voraussetzungen an den Text herantragen. Verstehen ist relativ dazu.
    Es mag sein, dass ich in Begegnungen mit anderen Menschen ein verbindendes oder gemeinsames Muster erkenne und auch dass meine Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist. Aber ich merke nicht nur nichts davon, ich kann mir dieses Muster auch in keiner Weise bewusst machen. Ich erkenne einfach, ob mein Gegenüber ein Mensch ist oder nicht.
    Ich könnte darüber staunen, aber ich kann es nicht. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns?
    Ich werde jetzt nochmals die Einleitung von G. Bateson lesen, aber ich glaube nicht, dass ich dort plötzlich etwas Explizites zum Muster finden werde.

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    1. …etwas Explizites werden Sieganz sicher nicht finden.
      „Wir sind dazu erzogen worden, alle Muster (…) als etwas Festes aufzufassen. Das ist zwar einfach und bequem, aber natürlich vollkommener Unsinn. In Wahrheit ist die richtige Weise anzufangen, über das Muster, das verbindet, nachzudenken, es PRIMÄR (…) als einen Tanz ineinandergreifender Teile aufzufassen…“ (S. 22)
      GB kommt dann auf das Denken mittels Geschichten zu sprechen, das allem Geist gemeinsam sei. Gechichten schaffen einen Kontext, in dem das Gesagte erst Bedeutung erhält. Das gilt, denke ich, auch für Metaphern 😉

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  15. ahhh, ok, dann sind wir ja auch darin einig. Und ich sehe jetzt auch, wie Sie M. Bubers ich-es und ich-du oben oben verwendet haben. Ich stimme Ihnen vollständig zu, darin, dass ich Kybernetik als Theorie über Objekte (im Buberschen Sinn über ES) verstehe. Das dialogische Ich-DU habe ich ausführlich in meinem Erfahrungsbericht Der Dialog im Dialog dargestellt. Dort spielt die Kybernetik (Systemtheorie) nicht die geringste Rolle – eben weil es um das Ich-Du geht.
    In genau diesem Sinne unterscheide ich Anliegen oder Hintergründe, die das Lesen bestimmen. Ich glaube jetzt wieder besser verstanden zu haben, wie ich Ihr Anliegen mit jenem von G. Bateson „mimesisieren“ kann. Aber ich kann dieses Anliegen insgesamt nicht so erkennen, dass ich darüber in einer Objektsprache sprechen könnte.

    Mimesis ist mir jetzt endlich auch zum Homonym geworden. Ich beobachte einerseits (Wikipedia-Commonsens) als Mimesis, was ich als Nachahmen bezeichne, etwa eine Kleinkind, das das Verhalten seiner Mutter kopiert. Und ganz unabhängig davon erkenne ich, dass Mimesis auch für jene Ästhetik verwendet werden kann, die als Aufmerksamkeit für das verbindende Muster steht. Ich war mir dieser zweifachen Verwendung bisher einfach nicht bewusst, weil ich G. Bateson bisher nicht so gelesen habe – ganz wie Sie oben geschrieben haben.

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    1. und diese Art von Mimesis schreibe ich allen lebenden (beobachtenden) Systemen zu.
      Insofern kann ich dann auch Autopoiesis kybernetisch erklären, d.h. als „Mechanismus“, der, wenn ich ihm folge. es mir erlaubt, mit lebenden Systemen so umzugehen, dass ich mir als Beobachter nicht die eigene Grundlage entziehe. Zu dem „Mechanismus“ gehören ganz zentral auch die Geschichten, die wir uns (im Dialog) erzählen und die unserem Sprechen und Handeln die Bedeutung geben.

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  16. hmmm … ja, jetzt verstehe ich auch besser, was Sie als Kybernetik bezeichnen. Ich unterscheide jetzt auch da zwei Homonyme. Einerseits meine ich die Kybernetik im Sinne des Engineers, die ich als Erklärungsgrundlage verwende und andrerseits merke ich, dass Kybernetik (wie der Ausdruck Systemtheorie) auch das ES-GIBT-Denken verwendet wird.
    „Autopoiesis kybernetisch erklären“ bedeutet, jedes der drei Worte ganz anders zu verwenden, als ich es tue. Im Dialog erscheinen auf diese Weise die fundamentalen Anliegen hinter den jeweiligen Sprechweisen.
    Ganz undialogisch rhetorisch frage ich: Was würde es mir bringen, verbindene Muster zu erkennen?

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