Welt-Bilder – Objektive Wirklichkeit oder Konstruktion von Beobachtern?

„In der westlichen Tradition werden Mensch und Natur als Gegensätze betrachtet, die einander verneinen. In ‚primitiven’ Traditionen sind menschliche Wesen Teil der Natur und nehmen teil an der Zirkularität der Natur. Für den modernen westlichen Menschen ist diese Teilnahme kein selbstverständliches Merkmal des Lebens. Die Folge dessen ist, dass es dem modernen westlichen Menschen schwer fällt, die Einladung meiner ‚Ontologie des Beobachters’ anzunehmen, das heißt, den Beobachter als konstitutiven Teilnehmer am Beobachteten zu erkennen.“ [1]

Was genau meint Matura, wenn er vom Beobachter „als konstitutiven Teilnehmer am Beobachteten“ spricht?

Immer, wenn wir eine Aussage als wahr oder falsch beurteilen, dann tun wir das auf der Basis von Annahmen, deren Wahrheit sich nicht objektiv begründen lässt und für die wir uns im Moment des Urteilens – als Beobachter – bereits a priori frei entschieden haben – egal, ob wir uns diese unsere A-priori-Entscheidung bewusst machen oder nicht.

Diese Einsicht fällt uns modernen Menschen schwer, rational ebenso wie emotional, weil sie unser gewohntes In-der-Welt-Sein gegen den Strich bürstet und uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Wer sie nachvollziehen will, muss das Konzept des Beobachters gut verstehen – und ein Schlüssel dafür ist das „Apriori“. Es meint kein empirisch-zeitliches, sondern ein logisches Vorher: die subjektive Entscheidung für objektiv nicht begründbare Annahmen ist die Bedingung für die Möglichkeit von sinnvollen Aussagen über Welt überhaupt. Zugleich bilden sie aber auch den blinden Fleck der Aussagen; d. h. derjenige, der etwas aussagt, sieht nicht, dass er seinen eigenen blinden Fleck nicht sieht. Die Entscheidung für eine bestimmte Annahme wird daher im Grunde auch nicht explizit und bewusst vollzogen; wir können sie bestenfalls rückblickend – als Beobachter – aus unserem Verhalten erschließen und versuchen, sie zu korrigieren.

Auch wenn die Entscheidung für eine bestimmte Annahme sich immer wieder quasi hinter unserem Rücken vollzieht, ist sie Ausdruck menschlicher Freiheit und wir sind daher auch verantwortlich für die Folgen unserer Entscheidung. Beides, also Freiheit und die Antwort auf die Freiheit, d. h. Ver-antwortung, markieren das ultimative Kriterium, mit dem sich Menschen sowohl von Tieren wie von Robotern unterscheiden. Maschinen mögen noch so „intelligent“ sein – Verantwortung im hier gemeinten Sinn werden sie nie übernehmen; schon allein deshalb nicht, weil sie Gefühle von Lust und Unlust nicht kennen, Freude am Leben und Angst vor Schmerzen und Tod.

Im Zuge sozialer Interaktion verdichten sich Annahmen zu einem mehr oder weniger kohärenten Welt-Bild. Ich verstehe darunter den – im Moment des Erlebens und Handelns selber unsichtbar bleibenden – Standpunkt, von dem aus wir Welt erleben und handeln; oder in anderen Worten: den Rahmen oder Kontext, der den Rohstoff unserer Erfahrung überhaupt erst sinnvoll ordnet. Wir „deutero-lernen“ unsere Weltbilder (Lernen II i. S. von G. Bateson), wenn wir in eine Kultur hineinwachsen; d. h. wir „ver-körpern“ sie, sie gehen uns „in Fleisch und Blut“ über.

Welt-Bilder organisieren sich gewöhnlich um eine von zwei möglichen grundlegenden Annahmen:[2]

— Stehe ich außerhalb des von mir beobachteten Universums, will ich also von einer beobachterunabhängigen Wirklichkeit ausgehen? „Das heißt, wenn immer ich schaue, so schaue ich wie durch ein Schlüsselloch auf das sich entfaltende Weltall.“
— Oder will ich davon ausgehen, dass das von mir (oder von uns als Teilnehmern einer Kultur, z. B. der Wissenschaftler-Kultur) Beobachtete von mir selbst (bzw. von uns) als Beobachter nicht getrennt werden kann? „Das heißt, wenn immer ich handle, verändere ich mich und das Universum mit mir.“

Die Entscheidung für das eine oder das andere Weltbild ist selber nicht objektiv begründbar, sie kann nur subjektiv entschieden werden. „Nur die unentscheidbaren Fragen können wirklich entschieden werden“ (H. v. Foerster). Daher kann es auch nicht darum gehen, welches der beiden grundlegenden Welt-Bilder das „richtige“ ist. Dennoch verstricken sich die Vertreter beider Welt-Bilder immer wieder in endlose Konflikte. Da wäre es hilfreich, daran zu denken, dass wir immer dann, wenn wir unsere Positionen rechtfertigen wollen, uns eines Begriffssystems bedienen, das auf einer dieser beiden, objektiv nicht begründbaren Entscheidungen beruht.

Die Bewohner der beiden Welten haben gewöhnlich große Schwierigkeiten, sich gegenseitig zu verstehen. Hier hilft nur der Dialog. Als zentrales Thema dieses Dialogs eignet sich die Frage: Was heißt es, Mensch zu sein?

Was heißt es heute (in der Moderne), Mensch zu sein?

Die Moderne beginnt in Europa etwa um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, wenn ihre Wurzeln auch bis weit in die Antike zurückreichen. Das sie prägende Welt-Bild beruht zweifellos auf der ersten der beiden o. e. Annahmen, also auf der „Schlüsselloch-Perspektive“. Merkmal der Moderne ist eine fundamentale Objekt-Subjekt-Spaltung: Geist und Körper, Wissen und Handeln, Kognition und Emotion stehen sich unvermittelt gegenüber. Antinomien wie diese sind uns modernen Menschen mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass sie sich kaum noch vorstellen können, dass es jemals anders gewesen sein oder in Zukunft anders sein könnte.

Mit der Objekt-Subjekt-Spaltung  sind Menschen in der Moderne erstmals in ihrer Geschichte mit der grundsätzlichen Bodenlosigkeit ihres Seins direkt konfrontiert. Bodenlosigkeit macht Angst; Francisco Varela nennt sie „die kartesianische Angst“ (F. Varela et al. (1992), S. 97). „Kartesianisch“ deswegen, so Varela, weil es Descartes war, der sie erstmals rückhaltlos offen schilderte. „Diese Angst entspricht einem Dilemma: entweder unsere Erkenntnis hat eine feste, stabile Grundlage und einen ruhenden Ausgangspunkt, oder wir geraten in Dunkelheit, Chaos, Verwirrung. Kurz, sofern es keine absolute Basis gibt, bricht alles auseinander.“

Die für die Moderne typische einseitige Fixierung auf das Technische, auf das Machbare, ist der Versuch, dieser Angst zu begegnen. Damit schneiden wir uns aber von den eigenen Wurzeln ab, wir vertiefen die Spaltung und verschenken zugleich die Chance, die in der Einsicht in die Bodenlosigkeit liegt.

Die „zukünftige Gesellschaft“, also die, deren Zusammenhalt zunehmend von digitalen Medien beherrscht wird, ist ein Kind der Moderne; das heißt, sie knüpft an die gleiche fundamentale Objekt-Subjekt-Spaltung an, die die Moderne von Anfang an kennzeichnete, und die sich im Laufe der Zeit aber immer tiefer in unser ganzes Sein eingegraben hat, sodass sie heute nicht mehr so leicht erkennbar ist. In dieser Situation wird es heute mehr oder weniger dringlich, die Frage nach dem Mensch-Sein auf die Tagesordnung zu setzen.

Hier braucht es einen Theorieansatz, der den Beobachter zu seinem Ausgangspunkt macht: der die blinden Flecken menschlichen In-der-Welt-Seins als Bedingung für die Möglichkeit sinn-voller Aussagen überhaupt sieht; und der daher lebende Systeme (psychische und soziale Systeme eingeschlossen)  als „autopoietisch“ beobachtet, d. h. als Systeme, deren Sein sich zwar in Form von Gesetzmäßigkeiten beschreiben lässt, die aber dennoch für Beobachter nicht restlos verfügbar sind.

Das Problem ist leider, dass dieser Theorieansatz – die Kybernetik zweiter Ordnung oder Systemtheorie – bisher nur in den beiden grundsätzlich möglichen, sich aber scheinbar gegenseitig ausschließenden Versionen vorliegt: derjenigen, die Mensch-Sein von der Seite des physischen Individuums beobachtet (Maturana) und derjenigen, die es von seiner geistigen oder Beziehungsseite (Luhmann: „Es gibt Systeme“) her beobachtet. Wenn wir klären wollen, was Mensch-sein heute heißt, dann brauchen wir beide Ansätze, darüber hinaus aber auch einen Kalkül, das zeigt, wie der Übergang von der einen zur anderen Sichtweise denkbar und möglich ist.

Zentral für einen solchen Kalkül ist der Begriff des Bildes, der bildenden Kraft bzw. – bei Menschen – der Einbildungskraft: Bilder haben die Eigentümlichkeit, dass sie einem Beobachter zwei Seiten zeigen: mittels ihrer physischen Form zeigen sie ihm etwas an, machen Verborgenes sichtbar; zugleich aber zeigen sie auch auf etwas, nämlich auf andere, erst noch zu realisierende Möglichkeiten. Lebende Systeme können daher als oszillierend zwischen einem digitalen (fest-stellenden) Modus und einem analogen (mimetischen) Modus beobachtet werden. Sie überbrücken oder untertunneln so die Lücke zwischen Innen und Außen sowie zwischen Vergangenheit und möglicher Zukunft.[3]

Eine solche Systemtheorie wartet noch darauf, dass sie formuliert wird. Für diese Formulierung könnte es hilfreich sein, sich auf Kant zu besinnen.

Immanuel Kant stand dem Entstehen der modernen Objekt-Subjekt- Spaltung zeitlich noch nahe und konnte da klarer sehen als wir heute. Er hat diese Spaltung genauer herausgearbeitet als jeder Andere, und zwar in seinen beiden ersten Kritiken, die zuerst unverbunden einander gegenüberstehen: der „Kritik der reinen Vernunft“ und der „Kritik der praktischen Vernunft“. Kant konstatiert eine „unübersehbare Kluft“, die „zwischen dem Gebiete des Naturbegriffs, als dem Sinnlichen, und dem Gebiete des Freiheitsbegriffs, als dem Übersinnlichen, befestigt ist, so daß von dem ersteren zum anderen (also vermittelst des theoretischen Gebrauchs der Vernunft) kein Übergang möglich ist, gleich als ob es so viel verschiedene Welten wären, deren erste auf die zweite keinen Einfluss haben kann:…“ (Vorrede zur ersten Auflage der Kritik der Urteilskraft)

Das Spannende an Kant und seine Aktualität gerade für uns heute sehe ich darin, dass er dennoch – in der Kritik der Urteileskraft – eine Möglichkeit aufzeigt, wie es denkbar und möglich ist, von einer dieser beiden „Denkungsarten“ zur jeweils anderen zu gelangen, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Kant findet diese Möglichkeit in der reflektierenden Urteilskraft, also derjenigen, die nicht das Besondere unter gegebene Regeln subsumiert (wie die bestimmende Urteilskraft), sondern die zu einem gegebenen Besonderen das Allgemeine vielmehr erst noch (er)findet. Die kausal-mechanische Betrachtung der Natur mit ihren bestimmenden Urteilen – sozusagen die „Schlüsselloch-Perspektive“ – ist nach Kant zwar unumgänglich, wenn wir erfahrungsbasierte Aussagen über Naturzusammenhänge machen wollen. Da ihr aber unvermeidlich apriorische Annahmen (heute würden wir sagen: blinde Flecke) zugrunde liegen, reicht sie alleine nicht aus. Für ein Verständnis von Natur, in dem wir als geistige Wesen der objektiven Natur nicht unvermittelt gegenüberstehen (das also die Objekt-Subjekt-Spaltung überwindet, ohne sie aufzuheben), braucht es als Ergänzung reflektierende Urteilskraft. Kant verortet sie
a)   …zunächst und grundlegend im menschlichen Sinn für das Schöne: im ästhetischen Urteil erkennt der Mensch Gesetzmäßigkeiten, wo sich objektiv keine Gesetze fest-stellen lassen; bzw. Zweckmäßigkeit, wo kein äußerlich vorgegebener Zweck erkennbar ist;
b)   im menschlichen Sinn  für das Erhabene: der Mensch erkennt, dass er als Naturwesen den Naturgewalten unterlegen ist, dass er aber als geistiges Wesen von ihnen nicht tangiert werden kann (historisch vielleicht erstmalig, als Menschen lernten, das Feuer zu zähmen); und schließlich
c)   …darin, Organismen als auto-poietisch zu sehen (ein Begriff, den er natürlich nicht explizit verwendet), d. h. in ihnen einen – empirisch nicht fest-stellbaren – inneren Zweck zu erkennen: „Zu einem Dinge als Naturzwecke wird nun erstlich erfordert, daß die Teile (ihrem Dasein und der Form nach) nur durch ihre Beziehung auf das Ganze möglich sind.“ Diese Bedingung wird auch von Artefakten erfüllt (Kant spricht von Uhren, heute würden wir vielleicht von Robotern sprechen). Um im Unterschied dazu von einem Organismus sprechen zu können, „wird zweitens dazu erfordert: daß die Teile desselben sich dadurch zur Einheit eines Ganzen verbinden, daß sie von einander wechselseitig Ursache und Wirkung ihrer Form sind.“ (Kritik der Urteilskraft, § 65)

Die Kritik der Urteilskraft erschien 1790, in dem Jahr, in dem in einer englischen Fabrik die erste Dampfmaschine zu arbeiten begann.

 

 

 

[1] Maturana, H. R., Verden-Zöller, G. (1994): Liebe und Spiel. Die  vergessenen Grundlagen des Menschseins. Heidelberg. S. 9

[2] siehe hierzu auch: Heinz von Foerster (2001)

[3] Näheres siehe meinen Artikel „Was heißt es, Mensch zu sein und kein Roboter?“

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3 Kommentare

  1. Kleine Anmerkung:
    Der Beginn der Moderne läßt sich in der oberitalienischen Renaissance im 15. Jh. ansiedeln, die Zeit also, in der die sog. „Künstleringenieure“ (Leonardo d.V. u.a. ) begannen, das heute bekannte Fortschrittideal zu entwerfen (der Mönch F. Bacon im 13. Jh. ist ein singulärer Vorgänger). Die wesentliche Differenz bestand darin, statt passiver und deskriptiver Naturbeobachtung eine neue, eingreifende Beobachtung der Naturvorgänge zu fordern und technische Mittel dafür zu entwerfen. Dies ist die geistige Voraussetzung für die später einsetzenden Naturbeherrschungsideologie sowohl des frühen Kapitalismus als auch des Kommunismus/Marxismus.
    Grüße Lothar Eder

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  2. ja, danke, da haben Sie bestimmt recht.
    Für mich markiert dennoch die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert den Punkt, an dem sich das neue Denken über Europa ausbreitet. Siehe z.B., wie ich ja im FBS-Blog gerade schrieb, das Wort „Beobachten“, das hier erstmals auftaucht. Und natürlich Descartes, der die Objekt-Subjekt-Trennung phiosophisch begründete. Ich denke auch an das Buch von E. Bockelmann „Im Takt des Geldes“, der nachweist, dass die Beobachtung von Takt vs. Rhythmus genau zu der erwähnten Jahrhundertwende sich flächendeckend durchsetzt.

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  3. Ich denke, dass die philosophische Begründung alleine nicht ausreicht, die Descartes geliefert hat. Denn welcher gemeine Mensch kümmert sich um Philosophie. Es ist das Makrosystem der Wirtschaft bzw. die gierdynamische (Sloterdijk) Masse, die benötigt wurde, um aus Descartes‘ Forderung „sich zu Herren und Meister der Natur“ zu machen, ein so gewaltige Spaltung bedeutsam zu machen. Letztlich hat das Projekt der Aufklärung und deren Einfluss auf die praktischen Wissenschaften wie der Medizin diese Aufspaltung verfestigt. Es brauchte also Träger und Katalysatoren für diese Idee, um sie wirk-sam werden zulassen.

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