Denken heißt gestikulieren

oder: Warum fuchteln die Franzosen beim Reden mit ihren Armen herum?

Menschen sind aus Sicht der Systemtheorie „beobachtende“ Wesen. Beobachter sind  nicht nur für einander, sondern sogar für sich selbst intransparent, nicht fest-legbar;  sie können sich jederzeit so oder auch ganz anders entscheiden. Die Frage ist dann aber, wie Kognition – und dann auch Gesellschaft und Selbst-Bewusstsein – überhaupt denkbar und möglich sein soll, wenn man – wie Luhmann es tut – den Beobachter ohne einen Körper beobachtet. Schließlich braucht Kognition, wie mittlerweile auch die Vertreter der Künstlichen Intelligenz einsehen, unabdingbar einen Körper. Um zu verstehen, was Beobachten, was Mensch-Sein bedeutet, brauchen wir einen Begriff von Geste und Mimesis.

Von Geste spreche ich, wenn ein Beobachter
a) zum Zweck einer Mitteilung mittels einer Körper-Haltung oder -Bewegung (einschließlich Mimik) auf etwas sinnlich nicht Wahrnehmbares hinweist oder „zeigt“, ohne sich dabei auf eine Unterscheidung festzulegen, sie also unbestimmt und quasi in der Schwebe lässt. Insoweit ist Geste aber noch unvollständig, sie ist nur ein „Vor-Ahmen“. Zur vollständigen Geste wird die Bewegung erst, wenn oder indem
b) ein anderer Beobachter (der auch der erste Beobachter sein kann) die Bewegung bzw. Haltung nach-ahmt, d. h. sie mimetisch liest – „lesen, was nie geschrieben wurde“ (W. Benjamin).

Die Geste ist – vor aller Wort-Sprache – das grundlegende Medium, das es Beobachtern ermöglicht, ihr handeln zu koordinieren. Gesten helfen Menschen, sich gegenseitig auf ihre inneren Bilder (ihren jeweiligen kognitiven Bereich) hin zu orientieren und diese in einer Art „Tanz“ aufeinander abzustimmen. Erst so werden soziale bzw. psychische Systeme überhaupt denk-bar und möglich.

Worte (egal ob gesprochene, geschriebene oder gedachte) kann man als sublimierte Gesten ansehen, d. h.  die Gestik der Hände wird im Laufe der Evolution weitgehend auf die Motorik von Mund und Kehle übertragen. Die Geste, nicht die Stimme, ist der Ursprung der (Wort-)Sprache. Die für das Auge wahrnehmbare Bewegung eignet sich besser für das Darstellen und gegenseitige Abstimmen innerer Bilder als die nur für das Ohr wahrnehmbare Bewegung der Stimme. Die Stimme ist nicht flexibel und nicht kontrollierbar genug, d. h. nicht so leicht ad hoc vor- und nach-ahmbar. Die Augen-Hand-Koordination ist da effektiver als die Koordination von Ohr und Stimmbändern. Sprache entwickelte sich „aus der zunehmend manuellen Geschicklichkeit der Primaten“ (Neuweiler 2005, S. 19). Menschliche Gehirne sind fähig zu einer „unbegrenzte(n) Kettenbildung motorischer Anweisungen“ (Neuweiler 2007, S.32). Menschen besitzen daher, anders als Affen, die Fähigkeit, „komplexe Bewegungen zeitlich präzise zu längeren Handlungsketten zusammenzufügen“ (Neuweiler 2005, S. 19) Mittels Gesten lässt sich „eine Feinabstimmung und ein Tempo der Verhaltenskoordination (..) erreichen, das über bewusste Kontrolle nicht möglich wäre.“ (Luhmann, Soziale Systeme, S. 336).

Kurz: Denken ist ohne Gesten nicht denk-bar.


„Wir können uns keine Linie denken, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Zirkel denken, ohne ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Raumes gar nicht vorstellen, ohne aus demselben Punkte drei Linien senkrecht aufeinander zu setzen, und selbst die Zeit nicht, ohne, indem wir im Ziehen einer geraden Linie (die die äußerlich figürliche Vorstellung der Zeit sein soll) bloß auf die Handlung der Synthesis des Mannigfaltigen, dadurch wir den inneren Sinn sukzessiv bestimmen, und dadurch auf die Sukzession dieser Bestimmung in demselben, achthaben“  (I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, § 24)

 

Tochter: „Pappi, warum fuchteln die Franzosen mit ihren Armen herum?“
Vater: „Was meinst du?“
Tochter: „Ich meine, wenn sie reden. Warum fuchteln sie mit ihren Armen herum und so?“
………
Vater:  
„Es geht (..) darum, dass die Mitteilungen, die wir in Gesten austauschen, gar nicht dasselbe sind wie irgendeine Übersetzung dieser Gesten in Worte.“   „…dass es überhaut keine bloßen Worte gibt.“
„Ich meine, die Vorstellung, dass Sprache aus Worten besteht, ist kompletter Unsinn.“
„Wir müssen noch mal ganz von vorne anfangen und davon ausgehen, dass Sprache zuerst und vor allem ein System von Gesten ist.“
G. Bateson, Warum fuchteln die Franzosen? in: Ökologie des Geistes, S.44 f; Metalog.

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