Das Rätsel der Sphinx – oder: warum Roboter keine Geschichten erzählen

Reisende, die die Stadt Theben betreten wollten, konfrontierte die Sphinx mit einem Rätsel. Sie erwürgte und verschlang jeden, der es nicht lösen konnte. Ihr Rätsel betraf die Frage nach dem Mensch-Sein – Ödipus konnte es bekanntlich lösen und blieb am Leben.
Wir könnten daraus lernen: In einer Zeit globaler Krisen  ist es vielleicht keine schlechte Idee, sich die Frage, was das Mensch-Sein ausmacht, auf eine neue Weise zu stellen. Und sie mit Erzählungen zu beantworten, die uns helfen, unser (Über-)Leben zu sichern.

I
Der sich seiner selbst bewusste Mensch war sich immer schon ein Rätsel. Sich Gewissheit über die eigene Stellung in der Welt zu verschaffen ist konstitutive Bedingung für die Existenz menschlicher Individuen. Unterschiedliche Kulturen lösten das Rätsel mit unterschiedlichen Narrativen. Für traditionelle Kulturen, auch noch für die europäische Philosophie vor Kant, lag die Lösung des Rätsels im (uns unzugänglichen) Transzendenten, etwa in Gott. Ganz anders dagegen die Propheten der neuen Technologie-Religion aus dem Silicon-Valley: Für sie steht das Rätsel heute kurz vor seiner Auflösung – mit technischen Mitteln.

Die Systemtheorie versucht beides zu vermeiden: sie ersetzt Gott bzw. die Maschine durch den „Beobachter“.  Damit konfrontiert sie uns allerdings mit einem Paradox. Und das ist gut so, denn Paradoxa sagen mehr über den aus, der sie denkt als über den Gegenstand, auf den sie sich beziehen. Wir können Paradoxa als Aufforderung sehen, unser eingefleischtes Denken und Handeln (!) zu überprüfen.

Was also ist das Paradoxon des Beobachters? Wie stellt sich das Rätsel menschlicher Existenz aus Sicht der Systemtheorie dar?

Ein Mensch ist ein „beobachtendes“ lebendes Wesen: er kann reflektieren. Das heißt, er kann nicht nur eine Innen– und eine Außen-Welt auseinander halten, sondern ebenso auch Erleben und Handeln. Er kann daher jederzeit so… oder aber auch ganz anders handeln – und er weiß das. Das unterscheidet ihn nicht nur von allen anderen Tieren, sondern auch von allen in Zukunft überhaupt nur denkbaren Robotern – wenn man unter „Denken“ mehr versteht, als reflektierend Informationen zu verarbeiten. Damit aber beginnt das Rätsel. Denn wie kann menschliches Reflektieren jemals zu einem fruchtbaren Ergebnis kommen? Zu einem Ergebnis, in dem der Reflektierende sich selbst wiedererkennt und in einer ungewissen Welt behauptet? Sehen wir genauer hin.

Ein menschlicher Beobachter kann Phänomene be-urteilen; er weiß, was „der Fall ist“. Er kann das aber auch reflektieren; das heißt, er kann – als Beobachter zweiter Ordnung – einen anderen Menschen (der er selbst sein kann!) beim Urteilen beobachten. Er kann dann nicht nur die Unterscheidungen sehen, die dem Urteil jeweils zugrunde liegen, sondern auch den blinden Fleck, der es überhaupt erst möglich macht. „Blinder Fleck“ heißt: nicht sehen, dass man nicht sieht, dass man nicht sieht. Aber auch der Beobachter zweiter Ordnung bleibt letztlich Beobachter erster Ordnung und wird seinen blinden Fleck nie los. Beobachter bewegen sich daher „immer schon“, d. h. unhintergehbar, in ihrem je eigenen kognitiven Bereich, sozusagen in ihrer individuellen illusionären Blase. Sie sind nicht nur für Andere, sonder auch für sich selbst intransparent.

Wenn das so ist: wie können Menschen dann überhaupt zwischen ihrem Erleben und Handeln und zugleich auch zwischen ihrer Innen- und Außen-Welt so oszillieren, dass sich ihre sinnlichen Anschauungen für sie zu einer kohärenten[1], d. h. handhabbaren, verstehbaren und bedeutsamen Welt verbinden? Dass sie also sich selbst mitsamt ihrer je konkreten Lebensweise reproduzieren? Wie können sie überhaupt erfolgreich kooperieren? Wie ist Kommunikation, wie ist Gesellschaft, wie ist Selbst-Bewusstsein überhaupt möglich und denkbar? Sie müssten dazu ja ihre kognitive Blase verlassen und – in einer Art Beobachtung dritter Ordnung – sich selbst quasi „von hinten“ betrachten.

 

II
Diese Fragen sind keine akademischen Spitzfindigkeiten. Wenn wir nicht wollen, dass uns die blindlings kreierten globalen Krisen von hinten anspringen, dann müssen wir uns ihnen stellen – als denkende und handelnde Beobachter. Das heißt: als Beobachter, die in einer geistigen und in einer physischen Welt gleichermaßen zu Hause sind.

Mittels Sprache lässt sich das Rätsel nicht lösen – das ist der Kurzschluss aller ontologisierenden, auf transzendente Wirklichkeiten verweisenden Philosophie. Denn Sprache setzt ja bereits beobachtende, unterscheidende Wesen voraus. Dasselbe gilt aber auch für Technik: auch mit Artefakten können wir unseren blinden Fleck nie einholen, nicht einmal mit Hilfe künstlicher Intelligenz, also etwa mittels (menschliches Reflektieren simulierender) neuronaler Netze. Sprache ebenso wie Technik „machen Sinn“ nur als ein Mittleres, d. h. als ein Medium, das nicht nur Innen- und Außen-Welt, sondern zugleich auch Erleben und Handeln individueller Beobachter tragfähig (wenn man so will: „nährend“) ver-mittelt. Sprache und Technik müssen daher nicht nur als Voraussetzung, sondern ebenso auch als Resultat menschlicher Lebensweise gedacht und behandelt werden.

Sprache und Technik ohne einen Beobachter aus Fleisch und Blut und die mit ihm verbundene Lebensweise zu denken, ist eine ober-flächliche, in der Moderne aber zunehmend populäre Sichtweise. Heute ist es nicht mehr nur die Sprache, sondern nehmend auch noch die Technik, die in Form Künstlicher Intelligenz die Gefahr (ver-)birgt, dass wir das Rätsel sogar noch undurchdringlicher mystifizieren, weil wir uns von den von ihr präsentierten, faszinierenden Oberflächen zu Kurz-Schlüssen verführen lassen. Die schon fast religiöse Form annehmenden Phantasien von einer künstlichen Superintelligenz, die alle menschlichen Fähigkeiten übersteigt (N. Bostrom), oder vom „homo deus“ (Y. Harari), der mit technischen Mitteln Leben kreiert, sind – sehr erfolgreiche – Narrative, die auf einem kurzschlüssigen und daher gefährlichen Menschenbild gründen.[2]

 

III
Der Schlüssel für die Auflösung des Rätsels menschlicher Existenz liegt in der spezifisch menschlichen Fähigkeit zur „joined attention“ (M. Tomasello), d. h. in der Fähigkeit, in der gemeinsamen Tätigkeit mit Anderen (sei es Arbeit oder Spiel) einen imaginären (= nicht beobachtbaren, nicht ein-deutig bestimmbaren) Raum zu unterstellen, der es erlaubt, gemeinsame Ziele aus unterschiedlichen Perspektiven zu verfolgen.

Wie lässt sich dieser Gedanke systemtheoretisch reformulieren, d. h. mit Rücksicht auf den Beobachter? Das erfordert vom Schreiber und vom Leser dieses Textes die Bereitschaft, sozusagen in einem gemeinsamen, virtuellen Tanz ihre Gedanken und inneren Bilder so zu formen, dass sie sich wie von selbst in einer nahtlos-in-sich-selbst-zurückkehrenden Schleife ordnen.[3] Der Schreibende ist dabei zugleich Lesender, und der Lesende wird zum Schreibenden.

Versuchen wir also diesen „Tanz“. Beobachter sind zwar für sich selbst ebenso wie für andere Beobachter undurchsichtig; sie können ihre Lebensweise nicht allein qua Beobachten reproduzieren. Statt dessen können sie allerdings (und nun beginnt die Schleifenbewegung)…

=>   …einen imaginären Raum unterstellen, der ihnen erlaubt – als Beobachter dritter Ordnung – das Urteilen vorübergehend in der Schwebe zu lassen; und zwar solange, bis sich die sinnlichen Phänomene mithilfe „ästhetischen“[4] Urteilens von selbst zu einer bildhaften Form ordnen, die eine kohärente Welt als zum mindesten möglich vorstellbar macht.
Der Witz am Bild ist, dass sie für einen Beobachter Kipp-Bilder sind: sie erlauben ihm, in einem mimetischen Probehandeln in rekursiver Weise zwischen der physischen, sinnlich erfassbaren Form, die ihm das Bild zeigt, und anderen, noch nicht realisierten, aber denkbaren Möglichkeiten solange zu oszillieren, bis Erleben und Handeln sich zu einer kohärenten, subjektiv sinnvollen, anschlussfähigen Einheit verbinden.

=>   …Sie können ferner in der gemeinsamen Tätigkeit mit Anderen ihr jeweiliges Gegenüber mittels Mimesis, d. h. mit Gesten [5] in rekursiver Weise auf ihr je eigenes inneres Bild (ihre Vorstellung) hin orientieren; und zwar solange, bis vor Aller Augen und Ohren eine gemeinsame Geschichte entsteht, in die sie ihre jeweiligen subjektiven Bilder und Vorstellungen lustvoll (!) einbinden… bis die Geschichte schließlich anfängt, sich selbst zu tragen (d. h. es ist kein Autor mehr identifizierbar, Alle sind Akteure und Zuschauer gleichzeitig) – die Beteiligten können im Aufführen der Geschichte nicht nur sich selbst als Beobachter, sondern auch ihren sozialen Zusammenhang reproduzieren.
Der Witz an Mimesis (dem rekursiven gegenseitigen Vor- und Nach-Ahmen von Gesten) besteht darin, dass Gesten gleichermaßen von innen wie von außen lesbar sind. Das heißt, Mimesis hat das Potential, die innere, geistige Welt der Vorstellungen, Bilder und Gedanken mit der sinnlich erfassbaren, physischen Außen-Welt zu einer lebbaren Einheit zu bringen. Die Erzählung, das „Narrativ“, gewinnt ein Eigenleben. Quasi hinter dem Rücken der Beteiligten kann sich eine scheinbar immer-schon-gegebene und daher selbst-verständliche, kohärente Welt etablieren (wenn man so will: „emergieren“). Wort-Sprache ist dazu nicht notwendig, Gesten genügen.

 

IV
Y. Harari führt den Erfolg des homo sapiens zu Recht auf dessen Fähigkeit zurück, Geschichten zu erfinden, an die alle gemeinsam glauben und die ihnen helfen, ihre Kräfte für das Erreichen gemeinsamer Ziele zu bündeln. Was dabei aber fehlt: Die Fiktionen haben wie gesagt keinen identifizierbaren Autor. Die „Gesten“ der Akteure „verschwinden in ihrem Resultat“, nämlich der Geschichte, „und lassen keine Spur zurück“ (um K. Marx zu zitieren). Die Fiktionen sind zwar willkürlich, aber nicht beliebig. Sie funktionieren nur soweit und nur solange, wie sie sich in die jeweilige menschliche Lebensweise einfügen und diese zu bewahren helfen.

Die im Transzendenten gründenden, kulturell tradierten Narrative zeigen sich unserer heutigen, von Maschinen (erst recht von digitalen Maschinen) dominierten Welt nicht mehr gewachsen, sie sind nicht mehr tragfähig und führen nur noch, manchmal allerdings auch blutige, Rückzugsgefechte. Und die erwähnte „Religion“ aus dem Silicon-Valley? Sie ist der menschlichen Lebensweise, wie sie hier verstanden wird, generell nicht angemessen: „Intelligente“ Maschinen können uns, wenn wir sie als Mittel, als Instrument verstehen, in Zukunft vielleicht dabei helfen, Geschichten zu kreieren, die weniger Leid (Hunger, Krankheit, Krieg) zur Folge haben. Aber: Roboter verspüren grundsätzlich keine „Lust“, Geschichten zu erfinden. Die „Geschichten“, die sie uns möglicherweise erzählen, können daher unser eigenes gemeinsames Erzählen nicht ersetzen. Wenn wir ihre Geschichten dennoch unbesehen glauben und verinnerlichen, wenn sie uns vielleicht sogar „in Fleisch und Blut übergehen“, dann wird uns das unsere blinden Flecke nur noch unzugänglicher machen – mit dem Erfolg, dass uns das selbst erzeugte Leid nur noch „von hinten anspringt“.

 

[1] Zu diesem dreidimensionalen Verständnis von Kohärenz sh. Antonovsky 1997

[2] Y. Harari selber möchte ich dieses Menschenbild nicht unterstellen.

[3] Man kann sich das wie ein Möbiusband vorstellen: es hat scheinbar wie jedes Band zwei Kanten (oben und unten) und zwei Seiten (vorne und hinten). Wenn man „mimetisch“ – mit dem Finger – das Band entlang streicht, entdeckt man, dass es eigentlich nur eine Kante und nur eine Seite hat.

[4] Hier ist I. Kants Begriff der „ästhetischen Urteilskraft“ sehr hilfreich.

[5] Als Gesten bezeichne ich mit Tönen untermalte Mimik bzw. Hand- und Körper-Bewegungen oder -Haltungen.

Advertisements

3 Kommentare

  1. Lieber Franz Friczewski,
    danke für den Hinweis, ich habe den Beitrag gelesen und finde den Blog insgesamt sehr interessant.
    Für mich ist die Ausgangsfrage eine der Evolution: wie hat der erectus / sapiens sich vom Baumbewohner zum Savannenläufer entwickelt und welche Fähigkeiten brauchte er dafür bzw. hat er dabei entwickelt?
    Notwendig sind dabei das Gefühl von Raum und von Bewegung im Raum mit den entsprechenden Rückkoppelungsschleifen. Das „Bild“ ist mir da zu zweidimensional, es braucht die 3. Dimension, um die Vorgänge zu erfassen. Ohne vertiefte Kenntnisse meinerseits finde ich da die Phänomenologie (Merleau-Ponty) sehr ergiebig und womöglich anschlussfähig.
    beste Grüße
    Lothar Eder

    Gefällt mir

    1. ja, Bewegung im Raum, völlig richtig. Ich verstehe Bild aber nicht zweidimensional. Eigentlich sollte ich besser von Ein-Bildungs-Kraft sprechen, und tu es ja auch. Also die Fähigkeit zu imaginieren, sich etwas vor-zustellen, was es real nicht gibt. Bilder sind Voraussetzung und Resultat einer Rekursion von Wahrnehmen und Bewegen.

      Gefällt mir

  2. was ich übrigens eigenartig finde, das ist, dass dirk Baecker meinen Mimesis-Ansatz nicht zu begreifen scheint. die „phatische“ Kommunikation Malinowskis, die er da assoziiert, hat mit Mimesis nichts zu tun.
    Er verwendet in seinen Blogs neuerdings auch gelegentlich den Begriff MImesis, aber in einem eindimensionalen, nicht-rekursiven Sinn. Für mich ist M. immer ein Vor- und Nach-ahmen, also rekursiv, im Handeln ebenso wie in den inneren Vorstellungen (Spiegelneurone).
    H.v.Foerster soll an Luhmann missfallen haben, dass er keinen Sinn für das Rekursive habe. Manchmal sitzen innere Bilder (Beobachter-Gewohnheiten) ganz schön fest.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s