DIE KOMMUNIZIERBARKEIT VON GEFÜHLEN als epistemologische Voraussetzung für Beobachtung und Kommunikation

Wie sich Systemtheorie von Kant inspirieren und „kin- ästhetisch“ reformulieren ließe

(nach I. Kant: Kritik der Urteilskraft § 21)


Immanuel Kant (1724 – 1804) hat uns Menschen des digitalen Zeitalters viel zu sagen. Auch die Systemtheorie, die ja den „Beobachter“ beobachtet, könnte von ihm lernen. Hierzu ein paar Gedanken zu § 21 Kritik der Urteilskraft „Ob man mit Grunde einen Gemeinsinn voraussetzen könne“.

Wenn wir den Problemen, mit denen uns die „nächste Gesellschaft“ bereits heute konfrontiert, noch irgendwie auf Augenhöhe begegnen wollen, dann brauchen wir dafür Denkansätze, die die doppelte Spaltung, die menschliches Sein von Anfang an kennzeichnet, nicht mehr ontologisch und unter Verweis auf Transzendentes („Gott“) beobachten.

Ein solches Denken findet sich in der sog. Systemtheorie. Ihr „Großvater“ war  Kant.

 

(1)

Kant: Erkenntnisse und Urteile müssen sich „samt der Überzeugung, die sie begleitet, allgemein mitteilen lassen“. Andernfalls „käme ihnen keine Übereinstimmung mit dem Objekt zu“, d. h. sie wären „ein bloß subjektives Spiel der Vorstellungskräfte“ und nicht mitteilbar.

Aus Sicht der Systemtheorie hieße das: Beobachtungen müssen mitsamt der ihnen zugrundeliegenden primären Unterscheidung kommuniziert werden können, andernfalls wäre Kommunikation nicht denkbar.

 

(2)

Kant: Sollen sich Erkenntnisse oder Urteile (mitsamt der ihnen zugrundeliegenden Überzeugung) allgemein mitteilen lassen, dann muss sich mit ihnen auch der entsprechende „Gemütszustand“ allgemein mitteilen lassen, d. h.: die (Zusammen-) „Stimmung der Erkenntniskräfte zu einer Erkenntnis überhaupt“, also die jeweilige „Proportion“ von Einbildungskraft und Verstand.

Aus Sicht einer (kin-ästhetisch reformulierten) Systemtheorie hieße das: Sollen Beobachtungen allgemein mitteilbar (= kommunizierbar) sein, dann muss sich daher auch die jeweilige Beziehung zwischen Ein-Bildungs-Kraft und Aufmerksamkeit mitteilen lassen.

 

(3)

Kant: Bei jeder Erkenntnis bringt ein gegebener Gegenstand

  • zunächst die Einbildungskraft in Tätigkeit, die mittels der Sinne das Mannigfaltige in der sinnlichen Anschauung „zusammensetzt“ und es zu einer Einheit, zur Synthesis bringt;
  • während diese wiederum den Verstand in Tätigkeit zur Einheit des Mannigfaltigen in Form von Begriffen bringt.

Systemtheoretisch reformuliert: Jede Beobachtung beruht auf einem je bestimmten Zusammenspiel zwischen a) dem Bild, in dem das System sensorische Eindrücke zu einer kohärenten, in-sich-stimmigen Einheit bringt; und b) der oszillierenden, mimetischen Bewegung der Aufmerksamkeit, mittels derer das System dieses Bild unter eine (bereits früher getroffene oder aber erst noch zu findende) Unterscheidung subsumiert.

 

(4)

Kant: Diese (Zusammen) „Stimmung der Erkenntniskräfte“, also von Einbildungskraft und Verstand, hat je „nach Verschiedenheit der Objekte, die gegeben werden, eine verschiedene Proportion. Gleichwohl aber muß es eine geben, in welcher dieses innere Verhältnis zur Belebung (einer durch die andere) die zuträglichste für beide Gemütskräfte in Absicht auf Erkenntnis (gegebener Gegenstände) überhaupt ist; und diese Stimmung kann nicht anders als durch das Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden.“

Systemtheoretisch reformuliert: Den Punkt, an dem das System seine Autopoiesis (seine „be-lebende“ Kraft) bewahrt, findet es nicht in bereits fertigen, beobachtbaren Unterscheidungen, sondern nur, wenn Aufmerksamkeit und Gedächtnis in wechselseitige, mimetische, gefühlte Resonanz treten.

 

(5)

Kant: Weil dieses Zusammen-Stimmen der beiden Erkenntniskräfte und das sie begleitende Gefühl allgemein mitteilbar sein muss, muss für das Zustandekommen von Erkenntnis überhaupt bzw. von Urteilen ein Gemeinsinn vorausgesetzt werden; und zwar „ohne sich desfalls auf psychologische Beobachtungen zu fußen.“

Systemtheoretisch reformuliert: Wenn wir Beobachtung und Kommunikation als möglich denken wollen, müssen wir einen allen Beobachtern gemeinsamen Sinn voraussetzen.
Dann lässt sich weiter fragen, wie Sinn als Kommunikations-Medium individueller Beobachter überhaupt zustande kommen kann, also als möglich denkbar ist (eine Frage, die sich Luhmann nie gestellt hat): es ist das mimetische Vor- und Nach-Ahmen von Gesten, in dem Interaktionspartner wechselseitig den Gefühlszustand Ihres Gegenübers entschlüsseln und einen gemeinsamen Sinn „er-rechnen“.

 

…und hier Kants Text als ganzer:

§ 21 KdUK
Ob man mit Grunde einen Gemeinsinn voraussetzen könne

Erkenntnisse und Urteile müssen sich, samt der Überzeugung, die sie begleitet, allgemein mitteilen lassen; denn sonst käme ihnen keine Übereinstimmung mit dem Objekt zu: sie wären insgesamt ein bloß subjektives Spiel der Vorstellungskräfte, geradeso, wie es der Skeptizism verlangt. Sollen sich aber Erkenntnisse mitteilen lassen, so muß sich auch der Gemütszustand, d. i. die Stimmung der Erkenntniskräfte zu einer Erkenntnis überhaupt, und zwar diejenige Proportion, welche sich für eine Vorstellung (wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird) gebührt, um daraus Erkenntnis zu machen, allgemein mitteilen lassen: weil ohne diese, als subjektive Bedingung des Erkennens, das Erkenntnis, als Wirkung, nicht entspringen könnte. Dieses geschieht auch wirklich jederzeit, wenn ein gegebener Gegenstand vermittelst der Sinne die Einbildungskraft zur Zusammensetzung des Mannigfaltigen, diese aber den Verstand zur Einheit desselben in Begriffen, in Tätigkeit bringt. Aber diese Stimmung der Erkenntniskräfte hat, nach Verschiedenheit der Objekte, die gegeben werden, eine verschiedene Proportion. Gleichwohl aber muß es eine geben, in welcher dieses innere Verhältnis zur Belebung (einer durch die andere) die zuträglichste für beide Gemütskräfte in Absicht auf Erkenntnis (gegebener Gegenstände) überhaupt ist; und diese Stimmung kann nicht anders als durch das Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden. Da sich nun diese Stimmung selbst muß allgemein mitteilen lassen, mithin auch das Gefühl derselben (bei einer gegebenen Vorstellung); die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls aber einen Gemeinsinn voraussetzt: so wird dieser mit Grunde angenommen werden können, und zwar ohne sich desfalls auf psychologische Beobachtungen zu fußen, sondern als die notwendige Bedingung der allgemeinen Mitteilbarkeit unserer Erkenntnis, welche in jeder Logik und jedem Prinzip der Erkenntnisse, das nicht skeptisch ist, vorausgesetzt werden muß.

 

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