Die Intelligenz des Laubenvogels

Oder: Warum Computer zwar rechnen können, aber nicht wirklich intelligent sind

Schönes zu erkennen ist ein Zeichen für Intelligenz. Natürlich haben auch intelligente Tiere ein Gespür für das, was wir als „schön“ bezeichnen. Ein erstaunliches Beispiel bietet der Laubenvogel, der den Laubengang, mit dem er Weibchen anlockt, offensichtlich nach ästhetischen Kriterien einrichtet.

Aber was ist Intelligenz? Und wo finden wir sie? Warren McCulloch, einer der Väter der Kybernetik und der Theorie künstlicher neuronaler Netze, ging, wie wohl die meisten Menschen heute, stillschweigend davon aus, dass die Intelligenz eines Lebewesens in seinem Gehirn sitzt und dass das, was den Menschen von Tieren unterscheidet, auf die Komplexität seines Gehirns zurückgeführt werden könne. „Was ist eine Zahl, dass ein Mensch sie kennen kann, und ein Mensch, dass er eine Zahl kennen kann?“, so fragte er sich.

McCulloch wollte zeigen, dass sich das Gehirn als ein mit elementaren logischen Funktionen operierendes neuronales Netz verstehen und erklären ließe. Alle psychischen Funktionen des Menschen im realen Leben (wie Wahrnehmen, Schließen, Bewerten, Lernen, Motiviert-Sein, einschließlich entsprechender Pathologien) ließen sich so er-rechnen. Und im Prinzip könne das von Maschinen übernommen werden.

Der Haken an der Geschichte: „Logik“ meint hier die klassische („aristotelische“) zweiwertige Logik, d. h. entweder etwas ist oder es ist nicht, tertium non datur. Für das „Er-Rechnen“ einer leb-baren Realität, etwa der Lebenswelt eines Laubenvogels, reicht das aber nicht. Dazu hätte McCulloch seine Frage umformulieren müssen: „Was ist Schönheit, dass ein Mensch sie kennen kann, und ein Mensch, dass er Schönheit kennen kann?“

 

Was hat Schönheit mit dem Er-Rechnen einer Realität und mit Mensch-Sein zu tun?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir erst einmal fragen, was „(Er-)Rechnen einer Realität“ bedeutet.

Tiere und kleine Babys können zählen. Ebenso Maschinen. Aber können sie auch „rechnen“? Menschen rechnen gewöhnlich mit Zahlen, also mit Symbolen bzw. Zeichen. Zeichen repräsentieren für Beobachter „Dinge“. Rechnen heißt also, „Dinge“ zu ordnen, neu zusammen-zu-stellen („computare“). Man könnte auch sagen: Rechnen heißt, die Relationen zwischen „Dingen“ gezielt zu variieren. Und Er-Rechnen heißt, dies so zu tun, dass dabei etwas herauskommt, an das sich anschließen lässt.

Wir müssen also fragen, was mit „Dingen“ gemeint ist. Ein „Ding“ ist ein physischer Gegen-stand, den ein Beobachter von allem, was dieser Gegenstand nicht ist, und von sich selbst gewohnheitsmäßig abgrenzt, d. h. er kann die Grenzziehung wiederholbar abrufen. „Dinge“ besitzen in einer Kultur von Beobachtern eine bestimmte Be-deutung, d. h. sie lösen automatisch (= ohne weitere Reflexion) ein bestimmtes Verhalten (eine Vorstellung bzw. eine Handlung) aus. Das Newton’sche Weltbild z. B. besteht aus „Dingen“, es ist ein „beobachter-unabhängiges Raum-Zeit-Schema“ (I. Prigogine). Und im heutigen Weltbild der allermeisten Menschen ist das Gehirn ein „Ding“, von dem sie nicht wissen, dass sie selbst es sind, die es als Vorstellung erzeugen.

Aber damit können wir jetzt sagen, was „Er-Rechnen einer Realität“ heißt: die Relationen zwischen Dingen (konkretes Rechnen) oder zwischen den sie repräsentierenden Zeichen (abstraktes Rechnen) schrittweise neu zusammenzustellen; und zwar so, dass eine kohärente (d. h. handhabbare, verstehbare und bedeutsame) Lebenswelt denkbar und möglich wird.

Eine Maschine kann das nicht, weil sie in ihrer zweiwertigen Logik gefangen bleibt. Wenn sie damit eine lebbare Welt er-rechnen sollte, könnte sie nur Verderben anrichten: sie würde dazu tendieren, alles Leben entweder sich in sich selbst festfressen zu lassen oder in Chaos aufzulösen. Genau das wäre zu erwarten, wenn wir uns auf die z. B. von Nick Bostrom für demnächst prognostizierte „Superintelligenz“ verließen; eine künstliche Intelligenz, die angeblich die menschliche Intelligenz in allen wichtigen Dimensionen uneinholbar übertreffen wird.

Warum ist künstliche Intelligenz mit dem Er-Rechnen lebbarer Welten überfordert? Rechnen muss die Be-deutung der „Dinge“ immer schon voraussetzen; das Er-Rechnen einer Lebenswelt aber muss diese ihm immanente Grenze auch unterlaufen können, was eine polykontexturale Logik erfordert und Sinn für Schönes. Allein der „ästhetische Blick“ ordnet einen polykontexturalen Raum, einen Raum „zwischen pluralen Perspektiven“ (S. Loidolt)

 

Was heißt „ästhetischer Blick“ und warum ist er für Mensch-Sein so entscheidend?

Um etwas als „schön“ oder „nicht schön“ zu beurteilen, braucht es einen Beobachter, d. h. ein reflektierendes Wesen, das Erkenntnis gewinnt, indem es mit der Unterscheidung „Unterscheiden / Bezeichnen“ operiert.

Die Erkenntnis, dass etwas „schön“ (oder „nicht schön“) ist, unterläuft die Grenze Unterscheiden / Bezeichnen und geschieht intuitiv, d. h. allein aufgrund eines Gefühls, nämlich des Gefühls für in-sich-stimmig / nicht-in-sich-stimmig. Der Beobachter erkennt unmittelbar, spontan (!), dass Alles sich zwang-los zu einem Ganzen zusammenfügt: zweck-mäßig ohne beabsichtigten Zweck und regel-mäßig ohne vorgegebene Regel (so Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“).

Ein solches Beobachten, wenn es denn in der Realität funktionieren soll, setzt die bewusste Pflege des Gefühls für In-sich-selbst-Stimmiges (also für „Schönes“) voraus; und das heißt (wiederum mit Kant gesprochen), dass der Beobachtende lernt bzw. sich darin übt, a) ohne alles private Interesse („privatum“ = getrennt, abgesondert) zu beobachten und b) ohne sich a priori auf einen Begriff festzulegen.
So wird überhaupt erst sprachlich vermittelte Kommunikation (Mensch-Sein) denkbar und möglich.

Was menschliche Intelligenz von der des Laubenvogels unterscheidet, das ist die Fähigkeit, bewusst zwischen schön („in-sich-stimmig“) und nicht-schön („nicht-in-sich-stimmig“) zu unterscheiden, die uns Menschen erlaubt, „Gemeinsinn“ zu entwickeln, wie Kant das nennt: einen sich wie von selbst (hinter dem Rücken der Beteiligten) ein-spielenden und kulturell geteilten Sinn. Genau dazu braucht es „Sinn für Schönes“, d. h. für In-sich-selbst-Stimmiges. Als „Beobachter“ haben wir Menschen die Chance, uns ein Stück weit von der Macht der Gene zu emanzipieren und unser eigenes (kulturell geteiltes) Entscheidungssystem zu etablieren

p.s.:  Sehr sehenswert ist der Film „Die Poesie des Unendlichen“ über den genialen indischen Mathematiker Ramanujan. Ohne fremde Hilfe, ohne akademische Ausbildung, rein intuitiv und, wie er meinte, in Kontakt mit seiner hinduistischen Göttin, entwickelte er hoch komplexe mathematische Theoreme, deren Bedeutung zum Teil erst heute, hundert Jahre später, erkannt wird.

 

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