Das Lachen (in) der Systemtheorie

Lachen macht das Zusammenleben intelligenter Wesen möglich.

Systemtheorie – besser vielleicht: der gegenwärtige systemische Diskurs – tut sich schwer mit Aussagen darüber, was es heißt, Mensch zu sein (also weder Tier noch Roboter). Eine Frage, über die nachzudenken sich lohnt, wenn wir den Folgen der Digitalisierung aller Lebensbereiche heute noch irgendwie auf Augenhöhe begegnen wollen.

Systemiker tun sich aus gutem Grund schwer mit der Frage nach dem Mensch-Sein, denn die klassische Frage nach „dem Menschen“ hat sich für sie erübrigt, weil sie letztlich immer in autoritäres, gewalt-trächtiges Denken führt. Systemiker beobachten statt dessen lieber die paradoxe Konstitution selbstreferenzieller, autopoietischer Systeme bzw. die paradoxe Konstitution ihres eigenes Beobachtens solcher Systeme. Also von „Entitäten“, die kein Zentrum haben, auf das sie mit dem Finger deuten könnten und das sich beobachten ließe.

Ein Schlüssel für das Verständnis des Mensch-Seins, der conditio humana, könnte es sein, sich zu fragen, was Lachen für das Mensch-Sein bedeutet.

Lange dachte man, lachen könnten nur Menschen – bis empirische Forschung zeigte, dass auch nicht-menschliche Primaten lachen, und zwar auf eine sehr ähnliche Weise wie Menschen. Lachen erfüllt bei ihnen kommunikative Funktion, es baut soziale ebenso wie emotionale Spannungen ab und hat wohl auch salutogene organismische Funktion. Lachen macht so überhaupt erst ein Zusammenleben intelligenter Wesen möglich.

Auch menschlichem Lachen können wir wohl diese kathartische, soziales Zusammenleben ermöglichende Funktion zuschreiben. Allerdings ist die Funktion des Lachens mit der Entstehung von Sprache beim Menschen erheblich komplexer geworden. Und, so meine These: das Lachen (in einem umfassenden Sinn verstanden, also einschließlich funktionaler Äquivalente) ist es, was die Komplexität menschlichen Zusammenlebens („Gesellschaft“) letztlich erst ermöglicht.

Aus Sicht von Systemtheorie ist „der Mensch“ ein nicht beobachtbares Konglomerat organischer, psychischer und sozialer Systeme. Wenn Systemtheorie Mensch-Sein dem Beobachten dennoch zugänglich machen will (und das wäre, wie oben angedeutet, heute dringend nötig), dann müsste sie das Muster sichtbar machen, das organische, psychische und soziale Systeme verbindetohne dabei aber zu beanspruchen, das Muster selbst jemals dinghaft machen und beobachten zu können.

Das Beobachten des Lachens könnte hierfür der Schlüssel sein. Die Frage nach dem Lachen führt direkt in die paradoxe Grundkonstitution des Mensch-Seins. Sie trifft sozusagen ins „Herz“ von Systemtheorie.

Mit „Systemtheorie“ meine ich den Diskurs von Systemikern; und statt „Herz“ könnte ich auch „Zentrum“ sagen. Nun hat aber ein Diskurs aus Sicht von Systemikern aber gerade keinen identifizierbaren Autor, also auch kein beobachtbares Zentrum, geschweige denn so etwas wie ein „Herz“. Ein Diskurs ist das Weben an einer Geschichte, an einem Mythos, das nie an ein definites Ende kommt. Das „Zentrum“ dieses Webens ist dadurch gekennzeichnet, dass es dem Gewebe nicht zugehört. Dennoch müssen wir es denken, imaginieren, wenn wir über Systeme sprechen.

Das Weben an Mythen ist – aus Sicht von Systemikern – ein Konstituens von Mensch-Sein überhaupt. Was tun speziell Systemiker, wenn sie an ihrem „Mythos System“ (Dirk Baecker) weben? Sie beobachten, wie gesagt, die paradoxe Konstitution selbstreferenzieller, autopoietischer Systeme bzw. die paradoxe Konstitution ihres eigenes Beobachtens solcher Systeme. Also von „Entitäten“, die kein Zentrum haben, auf das sie mit dem Finger deuten könnten und das sich beobachten ließe.

Wie also, so fragen sich Systemiker, ist es möglich und denkbar, dass Systeme (bzw. unser Denken) sich nicht fortlaufend selbst blockieren (bzw. sich selbst blockiert)? Wie schaffen es Systeme (wie schafft es systemisches Denken), immer wieder neu, sich selbst auszutricksen, also die immanente Paradoxie zu untertunneln und zielgenau in die einmal gefundene Form einzutreten, d. h. ohne sich in dem selbst produzierten Gerümpel zu verfangen, ohne steckenzubleiben?

Wie können wir uns den „Ort“ vorstellen / denken, von dem aus Systeme operieren und dabei dieses Kunststück hinkriegen?
Otto Scharmer, der viel über diesen „Quellort“ nachgedacht hat, macht ihn anschaulich an einem Künstler, der ein Bild malt: wenn es richtig gut läuft, dann kon-zentriert (-> Zentrum!) er sich weder auf das konkrete Bild vor ihm auf der Leinwand noch auf den Prozess des Malens selbst, sondern imaginiert sich selbst immer wieder neu als vor einer leeren Leinwand stehend. Es geht um ein aktives Bemühen darum, ein (selber nicht beobachtbares) imaginäres „Zentrum“ zu etablieren und es frei zu halten von Unbrauchbarem (von „Gerümpel“), einfach, indem man aufmerksam bleibt „für den Hintergrund, aus dem die Dinge entstehen, für das Nichts“ (L. Kauffman).

Wie kann man sich dann den ominösen Wieder-Eintritt des Systems (oder des Denkens) in sich selbst denken? Hier ist es hilfreich, autopoietische Systeme als dissipative Strukturen zu sehen, die (wie auch unbelebte Systeme, z. B. Wirbel) die „Kraft“, die sie am Leben hält, aus einem äußerlich vorgegebenem Spannungsgefälle gewinnen – weit weg vom thermodynamischen Gleichgewicht. D. h. indem sie diese Spannung entropisch abbauen, finden sie immer wieder genau den Ort, an dem ein Minimum an Ressourcenverbrauch und ein Maximum kontingenter Anschlüsse zusammenfallen. Im Unterschied dazu können autopoietische Systeme aufgrund ihrer selbstreferenziellen Organisation den notwendigen Spannungszustand immer wieder selbst aufbauen, wie eine Uhr, die sich selbst aufzieht. Qua EinBildungsKraft, gestützt auf ein ständig lernendes und wieder ver-lernendes (sich selbst ent-rümpelndes) „Gedächtnis“, (er)finden sie einen passenden Ort des Wiedereintritts.

Genau hier kommt das Lachen mit seiner kathartischen, überflüssige Spannung abbauenden Funktion ins Spiel – und natürlich seine funktionalen Äquivalente.

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6 Kommentare

  1. ich lache, wenn ich mich ertappe. Das wendet in einem gewissen Sinn eine Not, ich muss mich dann nicht damit befassen. Aber daraus würde ich nicht ableiten, dass Lachen das Zusammenleben möglich macht.
    Vielmehr würde ich sogar sagen, dass es das Zusammenleben stört, aber das Nebeneinanderleben in gewissen, erlaubten Situationen erleichtert.
    Mir fällt dazu U. Ecos Name der Rose ein: Den Mönchen ist das Lachen verboten, der Bibliothekar versteckt deshalb ein Buch von Aristoteles, in welchem das Lachen als Charakteristikum des Menschseins bezeichnet wird. Der Sklavenhalter hatte aber ohnehin ein seltsames Bild von Menschen. Und der Bibliothekar (ein Christ, kein Grieche) muss das gemerkt haben.
    Mit H. Arendt würde ich sagen, dass Lachen etwas natürliches, also etwas nichtmenschliches ist.

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    1. „dass Lachen etwas natürliches, also etwas nichtmenschliches ist.“ Heißt das, dass Menschliches Nicht-Natürliches ist? das könnte man ja so sehen, wenn man Mensch-Sein als den Versuch ansieht, einen Raum zu konstituieren, in dem Naturzwänge nicht mehr direkt wirksam sind, sondern (Technik!) zweck-mäßig umgelenkt werden. Um so wichtiger wäre dann aber das Lachen…

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    2. „…Aber daraus würde ich nicht ableiten, dass Lachen das Zusammenleben möglich macht.“ Ich habe ja ausrücklich betont: „…das Zusammenleben INTELLIGENTER Wesen“. Ich meine damit: Wesen, die (wie Menschen) „beobachten“ bzw. die erste Ansätze dazu zeigen (wie Primaten). Das ist doch ganz einfach: Intelligenz (i.o.a.S.) macht das Leben komplexer bzw. sogar in sich widersprüchlich, paradox.

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  2. ja, ich glaube, das ist der kategorielle Unterschied. Man kann das Leben von Menschen als komplex und paradox auffassen und dann Intelligenz als Lösung dafür sehen (wobei es dann intelligent sein kann zu lachen, wenn es sonst keine Lösung gibt). Man kann – ich tue es – Menschen in ihrer gegenständlichen Tätigkeit beobachten und dann Lachen aus Ausdruck freudiger Momente sehen.
    Gerade beim Lesen von Vita activa wird mir immer bewusster, wie sehr die Wahl der Kategorien (was etwas anderes ist, als das Treffen einer Unterscheidung) das Nachdenken orientiert. Ich finde die Intelligenz, die Paradoxien hervorbringt, eine eigenartige Kategorie, was natürlich nur etwas über meine je eigene Eigenartigkeit sagt. Mögen Sie herzlich lachen.

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    1. „wobei es dann intelligent sein kann zu lachen, wenn es sonst keine Lösung gibt“. ja, genau, das meine ich. Nur glauben Menschen leider zu oft, dass sie perfekte Lösungen finden könnten bzw. gefunden hätten, bei denen es dann aber nichts mehr zu lachen gibt…

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