Rhythmus — die Eigen-Bewegung des Lebendigen denken

Kybernetik dritter Ordnung

Fassung vom 25. April 2018

 

Wenn wir den gegenwärtigen globalen Problemlagen noch irgendwie auf Augenhöhe begegnen wollen, das heißt, wenn wir nicht wollen, dass die Krisen uns zunehmend öfter und immer gefährlicher von hinten anspringen, dann müssen wir uns um eine völlig neuartige Epistemologie bemühen: um eine Epistemologie, die sich einen Begriff von lebendiger Bewegung macht, d. h. von der Eigen-Bewegung lebender Systeme, von ihrem eigen-mächtigen Wachsen und Schrumpfen. Es geht um nichts anderes als die Frage, wie wir die gegenwärtigen Dynamiken steuern können, die sich genau genommen nicht steuern lassen.

Das begriffliche Grundgerüst für eine solche Epistemologie hat bereits I. Kant formuliert, insbesondere mit seinem Begriff des ästhetischen bzw. teleologischen Urteils (in seiner 1790 erschienenen „Kritik der Urteilskraft“). Aber erst ab den 1950er Jahren gelang es dann dem Kybernetiker und Anthropologen G. Bateson (allerdings ohne explizit an Kant anzuknüpfen), dem epochalen Grundgedanken Kants mit Hilfe kybernetisch-ökologischem Denken eine Form zu geben, an die sich auch wissenschaftlich anknüpfen ließ; mit der sich also die Bewegung des Lebendigen als Eigen-Bewegung fassen lässt, ohne dabei auf transzendentale „Wahrheiten“ zurückzugreifen. Bateson fragte nach dem „Muster, das verbindet“. Ihm war klar, dass wir das „Muster“ der Eigen-Bewegung primär nicht als etwas Festes auffassen dürfen („das ist zwar sehr einfach und bequem, aber natürlich vollkommener Unsinn“), sondern vielmehr als einen „Tanz ineinandergreifender Teile“ (Geist und Natur, S. 22). Wie bereits Kant war daher auch Bateson klar, dass wir die Organisation lebender Systeme als empfänglich oder aufmerksam für die „ästhetische Einheit“ (a. a. O. S. 28 f) begreifen müssen.

Erst der in den 1970er Jahren von H. Maturana entwickelte Autopoiesis-Begriff hat dann zum mindesten das Potential, die Eigen-Bewegung lebender Systeme (das „verbindende Muster“ und den „Sinn für ästhetische Einheit“) auch begrifflich zu fassen. Dies geschah zunächst aus Sicht der Biologie. N. Luhmann formulierte dann, quasi als Antipode Maturanas, die Eigen-Bewegung aus Sicht der Gesellschaftlichkeit des Mensch-Seins. Beide Perspektiven stehen bis heute scheinbar orthogonal zueinander. Das Potential der von Kant und Bateson entwickelten Formen des Lebendigen ist daher bis heute nicht ausgeschöpft, was angesichts der eingangs erwähnten globalen Situation unerfreulich ist.

Der Grund dafür ist im gegenwärtigen Diskurs der Systemtheorie selbst zu suchen. Er stagniert, weil er die Eigen-Bewegung lebender Systeme allein aus den beiden Seiten einer Unterscheidung (markiert / nicht-markiert oder System / Umwelt), also binär, konstruiert. Er kann Lebendiges daher lediglich als diskontinuierliche Bewegung beobachten, sozusagen in Schnappschüssen; er arbeitet mit toten FORMEN und kriegt die lebendige Bewegung nicht zu fassen.

Es braucht hier eine Vier- (oder sogar Fünf-)FORMen-Logik, d. h. eine Logik, die nicht nur mit markierten und nichtmarkierten (leeren), sondern auch noch mit imaginären und unbestimmten (bzw. auch mit unklaren) FORMen rechnet.[1]  Der Begriff der Autopoiesis, also des lebenden (bzw. Leben voraussetzenden) Systems erhält so eine neue, „beweglichere“ Dimension: die Differenz zwischen seiner autopoietischen Organisation und seiner dissipativen Struktur und die diese Differenz „rhythmisch“ ausgleichende Bewegung.

Aber weshalb fällt es selbst ausgewiesenen systemischen Denkern so schwer, die Eigen-Bewegung des Lebendigen zu denken? Einen wesentlichen Grund dafür vermute ich darin, dass der Begriff lebendiger Bewegung eine Zumutung an das tief in der abendländischen Philosophie verwurzelte rationale, zweiwertige Denken darstellt. Wir scheinen, wie der Philosoph W. Zimmerli es formuliert, Platon und Descartes nicht aus dem Hinterkopf zu kriegen, auch dann noch, wenn wir als Systemiker glauben, sie längst überwunden zu haben. Wie beim Wettrennen des Swinegel mit dem Hasen sind sie „immer schon da“, egal, wo wir auch hinkommen.

Autopoiesis als lebendige Bewegung zu denken, also Platon und Descartes wirklich hinter sich zu lassen, verlangt ein Doppeltes, nämlich:
–>  die Bewegung des eigenen Denkens quasi von außen zu betrachten, d. h. ohne die auftauchenden Phänomene zu be-werten und auch ohne sie explizit oder implizit zu be-zeichnen (also nicht wie der Pawlow’sche Hund zu reagieren, für den der Klang der Glocke das Zeichen bildete, zu salvieren),
–>  und von dort aus in einer Art geistigem salto mortale in die Bewegung des eigenen Denkens wieder so einzutreten, dass wir es nicht bei seiner Arbeit stören;
in anderen Worten: so bewusst und so klar wie möglich den Weg des eigenen Denkens zu begleiten. Das ist die Zumutung auch des hier vorliegenden Textes.

Lebewesen können als Systeme gesehen werden, die ähnlich wie Wirbel Unordnung in Ordnung transformieren, die zugleich aber – im Unterschied zu Wirbeln und Ähnlichem – in der Lage sind, ihre Form aus sich selbst heraus hervorzubringen (= Autopoiesis), anders gesagt: fortlaufend wieder in ihre Form einzutreten. Den Ausgleich der Differenz zwischen ihrer dissipativen Struktur und ihrer autopoietischen Organisation er-rechnen sie als eine (bzw. in einer) rhythmische(n) Bewegung.

Rhythmus ist das „verbindende Muster“, mit dem lebende Systeme ihre Kohärenz, d. h. ihren inneren und äußeren Zusammenhang, aufbauen und bewahren. So bringt z. B. das Herz in rhythmisch aufeinander abgestimmten Veränderungen seiner Schlagfolge (Herzratenvariabilität HRV) innere Dynamiken (z. B. die Dynamik des Blutdrucks, vegetativen Nervensystems, der Atmung, der Hormonausschüttung etc.) auf der einen und Dynamiken der Umwelt auf der anderen Seite in optimale, d. h. leb-bare Übereinstimmung. Beschleunigung und Bremsung der Schlagfolge stimmen sich sehr präzise und autokatalytisch (selbst- erregend, spontan) aufeinander ab, d. h. ohne dass diese Präzision auf einen Algorithmus abbildbar wäre.

Unter Rhythmus verstehe ich einen Oszillator, der einen Unterschied (einen bipolaren Spannungszustand) spontan ab- und wieder auf-baut, wobei spontan doppelt zu verstehen ist: a) als „aus sich selbst heraus“ entstehend, d. h. ohne bestimmbaren äußeren Einfluss und b) fortlaufend, von Moment zu Moment.
Rhythmus unterscheide ich von Takt, bei dem (wie etwa bei einem Laser) die Bewegung in Form stereotyper Muster von außen fest vorgegeben ist. Rhythmus ist also ein wiederholtes Durchlaufen ähnlicher (nicht gleicher) Zustände.

Die menschliche Physiologie bietet viele Beispiele für solche autokatalytischen Vorgänge: Etwa der Sinusknoten (als basaler Schrittmacher des Herzschlags); die regelmäßigen Impulse aus dem Stammhirn; oder die Atmung (die aber auch bewusst steuerbar ist). Lineare Erklärungen greifen hier zu kurz. Man muss sich Rhythmus vielmehr als eine sich-selbst-tragende „geistige“, d. h. aus „reinen Relationen“ (Maturana) gewobene Wirklichkeit vorstellen, die physische Bewegung hervorruft.

Für unser zweiwertiges (über Descartes im Grunde immer noch nicht hinausgehendes) Denken ist das eine widersinnige Vorstellung. Zum mindesten denkbar wird sie aber dann, wenn man Rhythmus als ein freies Zusammenspiel heterogener, autonomer System-Elemente sieht, das sich von spontan generierten Zu- fällen (Chaos) nährt – das also quasi den „Zufall überholt“, um mit Kant zu sprechen. Man könnte auch sagen, dass die Natur sich hier selbst überlistet und „etwas ganz anderes tut, als sie eigentlich tun wollte“ (so Hegel über das Werkzeug).

Als tatsächlich möglich lässt sich diese Vorstellung dann denken, wenn man ein lebendes System als dissipative Struktur sieht: das System bewegt (und hält) sich weit weg vom thermodynamischen Gleichgewicht bis an die Grenze zum Chaos, an der es temporär stabile Strukturen ausbildet. Es versucht, „sich vom stetigen Bergab der Entropierutsche zumindest temporär unabhängig zu machen, um dann die Ressourcen (seiner) Welt zu nutzen und den entropischen Fluss zu surfen.“ (Peyn, R., a. a. O. S. 109).

Das gelingt, …

  • weil Rhythmus Kraft spart; in den ostasiatischen Kampfkünsten (man beobachtet dort Natur genauer als wir im Westen) ist dies das Prinzip „judo“ (vgl. Tiwald 1984): Keine Energie wird nutz-los vergeudet. Unabhängige Elemente gehen abhängige Beziehungen ein und erzeugen dabei regelmäßige Formen, die, wie I. Prigogine sagt, nicht mehr berechnet, sondern allenfalls erforscht werden können; oder – wieder mit Kant gesprochen – eine „Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz“;
  • weil das System über das Medium „Rhythmus“ quasi zwanglos-spielerisch mit sich selbst in Resonanz kommt; in den ostasiatischen Kampfkünsten nennt man dieses Prinzip „mudo“ oder auch „wuwei“: kein Hauch zwischen Denken und Tun bzw. Handeln durch Nicht-Handeln. Die Wahl- oder Anschluss-Möglichkeiten der Elemente werden dadurch vermehrt; es bilden sich zweck-mäßige Formen, die ebenfalls nicht berechnet, sondern nur erforscht werden können. Kant spricht hier von „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“.

Das System generiert selber die Zu-fälle, mittels derer es sich – als dissipative Struktur – immer wieder wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf des Unbestimmten zieht. Briggs / Peat (1990, S. 125 f) zeigen das am Beispiel eines tropfenden Wasserhahns. Hier wirkt jedes Strömungselement als Auslöser von Zufällen für jedes andere Element. „Der Fluss erzeugt also seine Zufälle aus seiner Ganzheit.“

Die Elemente des Systems kreieren so – bei Bewahren ihrer Autonomie – einen gemeinsamen Möglichkeits- oder Bewegungs-Raum. Man könnte ihnen einen „Sinn für die ästhetische Einheit“ (G. Bateson) zusprechen. George Spencer-Brown meint genau das, wenn er im Vorwort zu den „Laws of Form“ (S. xviii) schreibt: „Nicht nur die physikalische Existenz, sondern alle Schöpfung ist demselben Gesetz unterworfen.“ [2]

Wie also er-rechnen sich lebende (und Leben voraussetzende) Systeme als eine überlebensfähige Form? Das lässt sich in fünf Schritten zeigen::

  1. Lebende Systeme besitzen eine dissipative Struktur.

Dissipative Strukturen (wie etwa Wirbelstürme) sind bipolare Spannungszustände (Unterschiede), die ihre Dynamik mit den Irritationen der Umgebung „füttern“ und so – in Form rhythmischer Strukturen (raum-zeitlicher Muster) – temporäre Eigen-Werte bilden.

Sie zeigen eine gewisse Stabilität gegenüber Einflüssen aus ihrer Umwelt und damit dann auch schon einige Grundcharakteristika lebender Systeme.

  1. Lebende Systeme sind darüber hinaus kybernetische oder: kin- ästhetische Systeme.[3]

Mittels Technik (egal, ob ‚Technik der Natur’, wie Kant das nennt, oder menschliches Artefakt) halten sie Wahrnehmen (Registrieren von Unterschieden) und Bewegen (Kompensieren des Unterschieds) auseinander.

Durch rekursives Koppeln von Wahrnehmen und Bewegen entwickeln Systeme Vorstellungen von dem, was möglich ist und was nicht, und generieren eine fließende (wenn auch noch keine lebendige) Bewegung.

Das heißt: sie können

–>  aus eigener Kraft eine Grenze zu ihrer Umgebung aufrechterhalten und
–>  (anders als einfache dissipative Strukturen) durch Öffnen (Wahrnehmen) und Schließen (Bewegen) dieser Grenze nicht nur die eigene Bewegung kontrollieren, sondern zugleich auch mit ihrer Umgebung kommunizieren.

Auf dieser Ebene der Betrachtung braucht es noch einen externen Beobachter, der diese Technik (in Gedanken oder tatsächlich) konstruiert. Daher gibt es hier auch noch keinen Unterschied zwischen lebenden Systemen und Künstlicher Intelligenz.

Kybernetik erster Ordnung.

  1. Lebende Systeme sind außerdem auch „bildende“ und „fühlende“ Systeme.

Lebende Systeme machen von Moment zu Moment Schnappschüsse von sich selbst und können daher – im Prinzip – ihre interne Struktur „gefühlt“ mit der ihrer Umwelt koppeln.

Sie können das, weil sie aufgrund ihrer autopoietischen Organisation zeitstabile Eigenwerte bilden, die bi-polar operieren, das heißt: sich „frei“ (= in der Form von Rhythmus) zwischen zwei unterschiedlichen Funktionen bewegen:

–>  zwischen einer technischdigital operierenden GedächtnisFunktion, die Irritationen in Form von (vergangene Erfahrungen an-zeigenden) Zeichen festhält und so ihre Umwelt in sich selbst hereinholen; „Wahrnehmen als Kontrolle von Vergangenheit“ (L. Wittgenstein) …
–>  und einer mimetisch-analog operierenden Beobachter-Funktion, über die lebende Systeme in Resonanz mit sich selbst stehen, und die Irritationen mittels er- und ge-fühlter Ähnlichkeiten auf alternative Anschlussmöglichkeiten absucht; „Wahrnehmen als Quelle von Vergangenheit“ (L. Wittgenstein).

Im freien (d. h. regel- und absichts-losen) Zusammenspiel beider Funktionen machen sie sich von Moment zu Moment in Form von Schnappschüssen ein Bild-von-sich-selbst, das wahlweise entweder bestätigt oder aber variiert werden kann.

Sie sind daher – im Unterschied zu künstlichen Intelligenzen – im Prinzip in der Lage, sich strukturell mit ihrer Umwelt zu koppeln.

Künstliche Intelligenzen können diese lebendige Bewegung mit neuronalen Netzen zwar simulieren und emulieren, nicht aber er-rechnen; sie stünden wie einst Odysseus vor der Wahl zwischen Skylla und Charybdis, d. h. zwischen Selbstblockade und Auflösung.

Kybernetik zweiter Ordnung.

  1. Lebende Systeme Lebende sind mimetische, d. h. für die „ästhetische Einheit“ empfängliche Systeme.

Die Bewegung lebender, also autopoietischer (beobachtender) Systeme verbindet spontan (= ohne definierbaren Anlass und von Moment zu Moment) Differenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Vorher und Nachher sowie zwischen unendlich vielen Beobachter-Standpunkten. Beschreiben können wir diese Bewegung nur, indem wir in unser Sprechen und Denken implizit oder explizit Paradoxien ein-falten.

Wenn wir lernen wollen Dynamiken zu steuern, die sich eigentlich nicht steuern lassen (was angesichts der gegenwärtigen globalen Probleme angezeigt ist), dann müssen wir die Paradoxien sprechend und denkend daher so ent-falten, dass wir dabei mit der Bewegung „auf Augenhöhe“ bleiben: Wir müssen (wieder) lernen, mimetisch oder „kin-ästhetisch“ zu denken (und zu sprechen), d. h. Bewegung als empfänglich für „ästhetische Einheit“ (Bateson) denken. Und dazu müssen wir einen Gedanken-Kalkül konstruieren, der die genannten Differenzen spontan (!) auf einen Nenner bringt: Rhythmus. Genau das ist die Einladung des vorliegenden Kalküls der zwei (bzw. drei) Regelkreise. Aus diesem Gedanken-Kalkül, zu dem ich einlade, lässt sich mit dem Ockham’schen Rasierer nichts wegschneiden, ohne tote FORMen (Ungeheuer) zu gebieren.

Als dissipative Systeme modulieren lebende Systeme (ebenso wie wir als denkende Beobachter) ihre (bzw. unsere) Bewegung so, dass sie genau jene Inseln im Chaos finden, in denen ein Maximum von Anschlüssen und ein Minimum von Ressourcenverbrauch koinzidieren (zusammenfallen). Sie (bzw. wir) finden so Mittel und Wege, fließend immer wieder in die eigene Bewegung einzutreten, sich zu (re)generieren und die Autopoiesis fortzusetzen.

Lebende Systeme sind Entscheidungssysteme, d. h. sie entscheiden letztlich Unentscheidbares.

Kybernetik dritter Ordnung.

  1. Für externe Beobachter „bilden“ sie dann ein System.

Das heißt: sie „bilden“ sie eine Einheit, mit der sie erfolgreich interagieren können, ohne sie für einseitige Zwecke zu instrumentalisieren. Dabei zeigt sich, dass „Sinn für ästhetische Einheit“ bereits in einfachen dissipativen Strukturen angelegt ist.

T zwei regelkreise

W  Wahrnehmen:   Öffnen für Irritationen aus der Umwelt.
unbestimmte Form

B  Bewegen:   Schließen für Irritationen aus der Umwelt.
markierte Form

Eigenwert:   Prozessieren von Zeichen in FORM von Vorstellungen und Bildern.
unklare Form.

G-F     Gedächtnis-Funktion:  Schließen (mittels Zeichen) – Öffnen (Löschen des Zeichens) – Schließen (mit neuem Zeichen).
imaginäre Form

B-F   Beobachter-Funktion: Öffnen  (Löschen des Zeichens) – Schließen (mit neuem Zeichen) – Öffnen (Löschen des Zeichens).
leere Form

 

Erläuterung zur Grafik

Lebende Systeme sind kybernetische oder „kin-ästhetische“ Systeme, die eine Grenze zu ihrer Umwelt ausbilden, indem sie…

  • durch rekursives Öffnen dieser Grenze für Irritationen (= Registrieren von Unterschieden, Wahrnehmen) und Schließen der Grenze (= Kompensieren von Unterschieden durch Bewegen) dieser Grenze Vorstellungen konstruieren, die ihnen erlauben,
    — einen (verletzlichen, für Irritationen offenen) Eigen-Rhythmus zu etablieren und dennoch mit den unkontrollierbaren Rhythmen ihrer Umwelt Schritt zu halten. (Kybernetik erster Ordnung, rot gezeichneter Primärer Regelkreis) ;
    —  und zugleich (!)…
  • im Zusammenspiel von Öffnen-Schließen-Wiederöffnen und Schließen-Öffnen-Wiederschließen des Ersten Regelkreises, (Kipp-)Bilder konstruieren, die ihnen erlauben, zwischen einer „technischen“ Gedächtnis-Funktion und einer „mimetischen“ Beobachter-Funktion zu wechseln.
    (Kybernetik zweiter Ordnung, blau gezeichneter Sekundärer Regelkreis)
    und…
  • so in einer Kybernetik dritter Ordnung eine Art Sinn für die ästhetische Einheit zu zeigen, d. h. genau jene Inseln im Chaos zu ermitteln, in denen ein Maximum von Anschlüssen und ein Minimum von Ressourcenverbrauch koinzidieren (zusammenfallen).

 

Fußnoten

[1] Zu einem fundamentalen Begriff des Unbestimmten und der Evolution von Entscheidungs- und damit Zeichensystemen: Peyn, Ralf: uFORM iFORM, Heidelberg 2017.

[2] Auf S. 122 in uFORM iFORM (Peyn, R. a. a. O. ) wird eine Reihe sich rhythmisierender Systeme vorgestellt. Eines davon, Rhythm 101101 auf S. 127, existiert auch als kostenloses SelFi zum Download auf der Website der Peyns. Diese rhythmischen oder sich rhythmisierenden Systeme weisen die Eigenschaften auf, von denen ich hier spreche (also Selbsttaktung, dissipative Strukturen etc.), und sie liefern eine Lösung für das von Prigogine aufgezeigte Problem, dass man solche Systeme nicht errechnen, sondern nur (in lebendiger Eigen-Bewegung) erforschen kann.

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15 Kommentare

  1. Lieber Franz Friczewski
    Das wird jetzt allmählich zum Buch. Und über unsere Modelle haben wir hinreichend gesprochen. Jetzt interessiert mich aber Ihr Einstieg, den ich (solange Sie nichts anderes sagen) als Präambel lese, also als noch VOR Ihrem Modell:
    „Wenn wir den gegenwärtigen globalen Problemlagen noch irgendwie auf Augenhöhe begegnen wollen“
    Was haben WIR für globale Problemlagen, und wer ist bei diesen Problemen WIR.
    (und nur als Nebensatz, den Sie ausser ACHT lassen können: Bei welche Art Problem sollten Theorien etwas helfen (können). Meine Theorie zeigt MIR, wer ich bin).

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    1. Lieber Rolf Todesco, Sie können das wahlweise als Präambel lesen oder als Ort für den Wieder-Eintritt in einen Diskurs.
      Mit „Problemlagen“ meine ich all das, was wir z.Zt. täglich in den Nachrichten lesen, sehen oder hören: Syrien, IS, Facebook, Kongo, Monsanto und und und…
      Zum „Problem“ wird das dadurch, dass das, was die an dem Diskurs (maßgeblich oder unmaßgeblich) Beteiligten („Wir“) tun, die Probleme eher verschärft als löst.
      Mit „Wir“ meine ich praktisch alle auf diesem Planeten lebenden Menschen außer denen in einigen unberührten Randgebieten wie im Amazonas.

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      1. Lieber Franz Friczewski
        ich habe solche „Probleme“ vermutet, das sind die massenmedialen, die „in den Nachrichten“ gelesen werden können, wenn MAN das mag. Es sind Geschichten von Beobachtern, die Interessen verfolgen, sogenannte Qualitätsjournalisten.
        Es sind sozudsagen Probleme, die ich nicht habe, die mir aufgeschwatzt werden. Deshalb finde ich Ihre „wir“-Redeweise „problem“atisch.
        Ich sehe nicht, dass irgendeines von diesen medialen Problemen die Menschen überhaupt betreffen, sie sind alle sehr partiell formuliert und fordern Lösungen, die die andern bezahlen sollen, während Sie quasi nach Lösungen suchen, die alle betreffen.

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      2. ich setze das, was wir in den Nachrichten sehen, hören usw. nicht mit „den Problemen“ gleich. Ich sehe diese Nachrichten vielmehr als Teil jenes Diskurses an, dessen Folge der momentane Raubbau an den Ressourcen dieses Planeten ist.

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    2. zu den untenstehenden „Problemen“ zur Verdeutlichung
      ich habe gerade gehört, dass jeder Schweizer pro Tag 5 Liter Eröl verbrauche und so ganz viel Probleme verursache: Luftverschmutzung, Klimawandel, Kriege um Erdöl (Syrien) und noch vieles mehr.
      Wenn dagegen gesagt würde, WER wieviel Erdöl verbraucht, würde man sofort sehen, dass der Erdölverbrauch NICHT UNSER Problem ist und auch kein GLOBALES. Es sind hochabstrakte Probleme, die kein einzelner Mensch hat.

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  2. Hallo Franz Friczewski,

    Danke für die guten Impulse, die zum Nachdenken anregen. Den epistemologischen Teil mit der historischen Betrachtung mit Namensnennungen finde ich wirklich gut gelungen und persönlich hilfreich.

    a) Bei der Kybernetik 3.Ordnung in welcher es Ihnen offensichtlich um „Sinn für ästhetische Einheit“ geht, habe ich eine Verständnisfrage:

    Sie schreiben in ihrem 4.Schritt : „Lebende Systeme sind Entscheidungssysteme, d. h. sie entscheiden letztlich Unentscheidbares.“

    Ich war bisher immer der Ansicht, dass solche Entscheidungen sehr wohl auch auf die Kybernetik 2.Ordnung zutreffen. Ich meinte darunter sei mehr zu verstehen, als die von Ihnen skizzierte Möglichkeit zur „strukturellen Kopplung von Systemen mit der Umwelt“. Nach HvF, handelt es sich bei Kybernetik 2.Ordnung um die „Beobachtung von Beobachtung“ und WIE diese erfolgt. Doch das bedeutet dann ja auch, dass darüber (über das Unentscheidbare) bereits eine Entscheidung gefällt wurde, nämlich sobald über die eigene Beobachtung eine selbstbezügliche Aussage getroffen wird.

    Nach ihrer Unterscheidung lese ich das jedoch so, dass nur/erst für „Kybernetik 3.Ordnung“ (wie Sie diese Verstehen) gilt, dass „Unentscheidbares entschieden wird/werden kann“? Verstehe ich Sie da richtig?

    b) Was die Grafik angeht, erinnert mich Ihre Unterscheidung von B-F (Beobachterfunktion) und G-F (Gedächtnisfunktion) (wobei Beides m.E. Konstrukte sind) entfernt an Kahneman’s Reden von System1 (schnelles, intuitives Denken, was vielleicht eher B-F entspricht) und System2 (langsames, reflexiv-rationales Denken, was vielleicht eher G-F entspricht), wobei System1 weitgehend autonom und unbeeindruckt von System2 ökonomisch sehr „energiesparend“, (dafür jedoch nicht immer kontextuell angemessen, d.h. durchaus probematisch) agiert.

    System2 kann die Intensität und Relevanz von Informationen aus System1 nur vergleichen, wenn hierfür vergleichbare Analogien (z.B. Erinnerungen, Repräsentanten usw.) verfügbar sind. System 2 ist überfordert, wenn System1 Informationen liefert, welche für System2 unbekannt sind. Beide Systeme sind ihrerseits für sich genommen, also äußerst „störanfällig“ (im Sinne der Bildung kognitiver Verzerrungen, Paradoxien, Dilemmatas und Doublebinds.). Arbeiten beide Systeme kohärent zusammen entsteht die Vorstellung von Ordnung, Kontiniuität, Wiederholbarkeit und „Gesetzmäßigkeit“ von Wirklichkeit.

    c) Wenn ich die prinzipielle „Unberechenbarkeit“ (so habe ich den Artikel verstanden) lebendiger Systeme für grundlegend halte (und dem würde ich zustimmen), komme ich logischerweise zum Schluss, dass alle Epistemologie und Theoriebildung (=Modellbildung, Landkartenbildung), nicht nur „nicht hinreichend“ und immer „hinterherhinkend“ (bis hin zu ‚fehlerhaft‘) sein werden. D.h. es müßte zwangsläufig so viele beschreibbare Theorien geben, wie es lebende Systeme gibt. (Dies würde m.E. mit dem radikalen Konstruktivismus kompatibel sein).

    Da es nun weit weniger beschriebene Theorien gibt, (welche ihrer Natur entsprechend auch mehr oder weniger „unterkomplex“ in ihrer komplexitätsreduzierenden Beschreibung sein müssen als Modell) bedeutet dies m.E., dass alle bisher existierenden Theorien, welche die Kopplung der Formen lebender Systeme. bzw. der „Muster die sie verbinden“ beschreiben, auch mehr oder weniger voneinander abweichen müssen (sofern sie von lebenden Systemen ausgehend, und wie diese miteinander kommunizieren, beschrieben werden). Es kann daher keine Theoriebildung geben, welche die möglichen Muster die lebende Systeme verbinden, angemessen beschreiben können. (Ohne damit sagen zu wollen, dass Theoriebildung generell damit sinnlos oder obsolet würde). Wie sehen Sie das?

    LG Ingo Damith

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    1. Lieber Ingo Damith,
      danke für Ihr Mitdenken und die interessanten Fragen.
      Ich fange mal mit b) an. G-F und B-F sind die zwei Optionen, die ein autopoietisches System hat (keine mehr und keine weniger), um Irritationen durch seine Umwelt in leb-bare Informationen zu verwandeln. Also:
      entweder auf Erfahrungen der Vergangenheit und damit auf ein bestimmtes Wahrnehmen-Bewegen-Schema zurückgreifen (G-F); dabei haben Objekte eine bestimmte Bedeutung und lösen unmittelbar ein bestimmtes Veralten aus.
      Oder aber ein neues, passendes W-B-Schema (er)finden. Beides entspricht etwa dem, was bei Piaget „assimilieren“ bzw. „akkomodieren“ heißt. Macht das Sinn für Sie?

      Zu Frage a): Sie müssen sich die beiden Regelkreise (primärer und sekundärer, rot bzw. blau) als quer zueinander stehend vorstellen: Sie sind nicht aufeinander reduzierbar, setzen sich aber gegenseitig voraus. Indem lebende Systeme beide Regelkreise gegeneinander laufen lassen, sind sie im Prinzip (!) in der Lage, sich eine leb-bare Welt zu er-rechnen. Das meine ich, wenn ich in Punkt 3. von Kybernetik zweiter Ordnung spreche.
      Aber eben nur im Prinzip: auch Künstliche Intelligenzen – wenn sie mit neuronalen Netzen arbeiten – können solche Regelkreise gegeneinander laufen lassen, sie können Wirklichkeit simulieren und emulieren – sie können nur keine unentscheidbaren Fragen (z. B. Paradoxien) lösen, sie verfangen sich in ihnen. Dazu braucht es vielmehr einen „Sprung“ —
      (ich lese gerade das Buch „Zeit der Zauberer“ von W. Ellenberger über die 4 Philosophen Wittgenstein, Heidegger, Benjamin und Cassirer in den 1920er Jahren; zum mindesten den ersten drei geht es um eben diesen „Sprung“, der das Menschliche ausmacht)
      Es geht darum, die Bewegung mimetisch von innen mit-zudenken, mit-zubewegen, um Unentscheidbares entscheiden zu können. Das meine ich mit Kybernetik dritter Ordnung.
      Wenn man nur mit binären FORMEN arbeitet (innen / außen; System / Umwelt), dann lässt sich diese mimetische Mit-Bewegung des Denkens nicht fassen; es bleibt eine tote Bewegung. Wobei ich davon ausgehe, dass Autoren wie v. Foerster oder Luhmann, wenn sie von „Kybernetik zweiter Ordnung“ sprechen, diesen Sprung durchaus denken.

      Damit müsste eigentlich auch schon Frage c) beantwortet sein. Es geht ja bei Kybernetik dritter Ordnung nicht mehr um Theorien, die etwas beschreiben, sondern nur noch darum, wie es möglich ist, die Bewegung von innen mitzudenken. Kommt ein bisschen was rüber? Ich kann es im Moment leider nicht besser beschreiben.

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    2. Lieber Ingo Damith,
      ich habe den Text unter Punkt 4. noch mal etwas präzisiert.
      Ich sehe das auch als Anwort auf Ihre Frage c) : „Es kann daher keine Theoriebildung geben, welche die möglichen Muster die lebende Systeme verbinden, angemessen beschreiben können.“
      Es geht bei dem „Muster, das verbindet“ nicht um eine Theorie, die irgendetwas abbildet oder beschreibt.
      Vielleicht können Sie mir bei Gelegenheit mal mitteilen, ob sie damit jetzt mehr anfangen können. Oder ob vielleicht doch noch Fragen offen sind.
      Herzlichen Gruß
      Franz Friczewski

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  3. Pragmatische Paradoxien führen zu Oszillationen – das stammt von Bateson. Das reicht, um Oszillationen zu konzeptualisieren. Es lohnt sich ja immer Occams Rasiermesser anuwenden.

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  4. Hallo!

    An unserem SelFi Rhythm101101 lassen sich einige der von FF beschriebenen Aspekte zeigen.
    Ich habe dazu gestern einen Artikel geschrieben und bin so frei, ihn hier zu verlinken:
    https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/05/05/how-does-system-function-operate-2/

    Am besten lässt sich Systemevolution am SelFi „CoOneAnother“ demonstrieren, aber an Rhythm101101 erkennt man die Rhythmisierung leichter.

    Zum Oszillationsbegriff: Den würde ich gar nicht verwenden, zumal mir scheint, dass hier doch nur ein sehr kleiner Ausschnitt dessen gemeint ist, was der Begriff eigentlich meint. Da Du, lieber Franz, aber augenblicklich zu Rhythmisierung übergehst, wäre vielleicht zu überlegen, künftig auch ihr Entstehen gar nicht erst durch eine Konzeptanalogie zu verwirren, die nicht wirklich funktioniert? Nur ein kleiner, beiläufiger Kritikpunkt, der auf keinen Fall das ganze kreative Gefüge Deiner Arbeit in den Hintergrund drängen soll.

    Herzliche Grüße
    GP

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  5. Lieber Franz, ich habe noch einmal über den „Oszillator“ und „Oszillation“ nachgedacht und es an einem SelFi durchexerziert: Oszillation kann nicht der Anfang eines Systems sein, sondern höchstens sein Ende. Das gilt auch für strukturelle Kopplung, die sich ja ebenfalls als System fassen lässt. Solche trivialen FORMen sterben den systemischen Wärmetod. Sie schaffen es nicht, sich zu asymmetrisieren. Da uns aber genau das interessiert, nämlich wie die Asymmetrisierung passiert, brauchen wir einen komplexeren Einstieg, sonst kommen wir auch bei der Rhythmisierung nicht über entsprechend triviale Systeme hinaus – inklusive der gerade beschriebenen Konsequenz. Here’s where the magic happens reicht einfach nicht als Erklärung.
    LG
    Gitta

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    1. liebe gitta, kurze antwort aus sri lanka. ich spreche in meinem text ja nicht davon, zum mindesten meine ich es nicht, dass rhythmus aus oszilliere entsteht. ich spreche von oszillatoren. so ist z.B. der sinusknoten im herz ein oszillator. oder in meinem grafikmodell der erste und ebenso der zweite regelkreis. aber es lohnt sich, darueber noch mal nachzudenken. wenn ich zurueck bin, koennen wir uns mal drueber austauschen.

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