Rhythmus und ästhetische Einheit. Anmerkungen zur Unterscheidung digital / analog

Fassung vom 19. Juli 2018
 „Wir haben Shiva eingebüßt, den Tänzer des Hinduismus,
dessen Tanz auf der trivialen Ebene sowohl kreativ als auch destruktiv,
dessen Wesen als ganzes aber die Schönheit ist. (…)
Ich halte an der Voraussetzung fest, daß unser Verlust des Sinnes für
ästhetische Einheit ganz einfach ein erkenntnistheoretischer Fehler war.“
Gregory Bateson in: Geist und Natur. Eine notwendige Einheit

 

 

Alle Welt diskutiert über Künstliche Intelligenz und die sogenannten „Folgen der Digitalisierung“, ohne dass man sich klar macht, was man mit Digitalisierung bzw. mit „digital“ eigentlich meint. Wie kann man von dieser Diskussion brauchbare Erkenntnisse erwarten?

Der Begriff „digital“ bekommt seinen Sinn aus der Gegenüberstellung zu „analog“ – und umgekehrt. Es geht also um die Unterscheidung „digital/analog“ und um die Frage, was für einen Sinn es machen könnte, sie zu treffen. Ich kann diese Differenz als gottgegeben annehmen. Wenn ich mir aber im klaren darüber sein möchte, worüber ich überhaupt rede, dann empfiehlt es sich, sie in einem system- (oder differenz-) theoretischen Konzept zu verorten, d. h. in einem Konzept, in dem der Beobachter und die Autopoiesis lebender[1] Systeme Ausgangs- und Endpunkt der Begrifflichkeit bilden. Das heißt, ich gehe davon aus, dass „alles, was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt“ wird (H. Maturana) und dass der Beobachter (bzw. das beobachtende System) immer schon Teil der Welt ist, die er (bzw. es) beobachtet.

In einem solchen Konzept sind lebende Systeme, selbst solche ohne Nervensystem, beobachtende, kognitive Systeme; „Leben ist Erkennen“ (Maturana). Der Begriff der Kognition wird dann als ein wesentliches Moment des Mechanismus des (Über-) Lebens gefasst. Damit handeln wir uns allerdings ein Problem ein: Lebende Systeme sind autopoietische Systeme, d. h. ihre Operationen beziehen sich ausschließlich auf eigene Operationen; sie erhalten aus der Umwelt, in die sie eingebettet sind, daher keinerlei Information, sie werden von ihr lediglich irritiert und müssen zusehen, wie sie diese Irritationen spontan in leb-bare Informationen verwandeln.

Aus der Sicht binärer Logik befindet sich der Beobachter (bzw. das beobachtende System) damit in einer paradoxen Situation: Um leb-bare Informationen zu generieren und seine Existenz zu sichern, muss er unterstellen, dass es einen letzten, objektiven, von ihm selbst unabhängigen Grund für sein Erkennen gibt. Wenn er aber versucht, diesen letzten Grund zu fassen zu kriegen, landet in einem unendlichen Regress und entzieht sich selber seine Existenzgrundlage (das gleiche gilt natürlich, wenn er in dem unendlichen Regress hängenbleibt und im Chaos landet).
Lebende Systeme stehen hier wie einst Odysseus vor der lebensbedrohlichen, scheinbar unausweichlichen Alternative Skylla oder Charybdis, d. h. Selbstblockade oder Auflösung.[2]

Die Differenz „digital/analog“ bietet einen Ausweg aus diesem Dilemma.

Die Differenz digital / analog

„Digital“ und „analog“ lassen sich als zwei unterschiedliche (aus Sicht binärer Logik quer zueinander stehende), für die Produktion leb-barer Unterschiede aber wechselseitig aufeinander angewiesene Modi der Kognition lebender Systeme begreifen, d. h. als zwei alternative Möglichkeiten, mit denen ein beobachtendes System Irritationen beobachtet, sie für weitere Operationen – seien es digitale oder analoge – anschlussfähig macht und so seine Existenz sichert.

  • Im digitalen Modus registriert das System (als gegeben unterstellte) Unterschiede, d. h. es operiert fremd-
    — Es unterscheidet mit sich selbst identische „Dinge“, d. h. aus ihrem naturwüchsigen Zusammenhang gelöste, nach einem strikten Ja/Nein-Code unterscheidbare, bloße Sach-Verhalte.
    Irritationen beobachtet das System im digitalen Modus als eine zufällige (oder willkürliche) Sequenz solcher Sach-Verhalte .
    — Das System kann dann sich wiederholende Sequenzen beobachten und sie mit einem Zeichen markieren (sich „merken“). Das Zeichen ruft dann unmittelbar (d. h. ohne weiteres Operieren) das digital beobachtete „Bild“ eines „Gegen-stands“ hervor, d. h. von einem Etwas, das dem Beobachter gegenüber-steht[3] und das etwas an-zeigt. Das digital beobachtete Bild „Apfelbaum“ z. B. abstrahiert von den untrennbar dazugehörigen Mikroorganismen, Insekten, klimatischen Bedingungen usw. Ein Apfelbaum ist ein Apfelbaum und kein Insekt, ebenso kein Apfel und auch kein Birnbaum.
    —  Welt wird in Form v
    on Zeichen (Gesten, Bildern, Worten, Zahlen) be-schreib-bar (man kann Namen auf Dinge „schreiben“, ihnen quasi Zettel anheften, auch schon lange vor der Erfindung von Schrift oder sogar von Wort-Sprache) und damit auch hand-habbar oder mit Heidegger: zu-handen (was nicht dasselbe ist wie manipulierbar).

    —  Zeichen spielen sich evolutionär ein und repräsentieren vergangene Erfahrung. Im Organismus ist das Genom die grundlegende Form für dieses „Merken“ (aber nota bene: „das Genom“ ist nicht beobachtbar; Biologen, die das versuchen, werden auch mit noch so verfeinerten Untersuchungsmethoden scheitern, solange sie nicht re-entry-Formen mitdenken); im psychischen System ist es das Gedächtnis mit seinen eingefahrenen Wahrnehmungsmustern; in sozialen Systemen sind es insbesondere die materiellen Artefakte wie Werkzeuge und Maschinen zusammen mit den dazugehörigen „Ritualen“).
    —  In der Lerntheorie von Gregory Bateson wäre dies „Lernen 0“; d. h. ein wiederholter Reiz bewirkt immer wieder die gleiche Reaktion, weil der Kontext des Reizes unverändert bleibt, nicht beobachtet wird. Mit Wittgenstein kann man hier auch von „Wahrnehmen als Kontrolle von Vergangenheit und Identität“ sprechen.
    —  Ein externer Beobachter sieht hier „effektives Verhalten“ und führt es auf eine (jederzeit reproduzierbare) „Technik“ zurück, d. h. auf eine feste Verkettung solcher „Dinge“ (= Algorithmen) zum Zweck der schrittweisen Lösung definierter Probleme.
    —  Allein auf diesen Modus fixiert, würde das System über kurz oder lang am Wandel seiner Umwelt scheitern.

    • Im analogen Modus dagegen registriert das System keine Unterschiede, sondern kreiert sie, es operiert selbst- Das System bewegt „sich“ (Eigen-Bewegung).
      — In diesem Modus identifiziert das System in den Irritationen keine „Dinge“, sondern bildet spontan Vorstellungen von Relationen zwischen „Dingen“, das heißt: von Mustern (= zeitlich-räumlich invariante Relationen). In den Worten von Gregory Bateson (1982, S. 19): das System zieht „Verbindungen erster Ordnung“. Es beobachtet hier den (in Lernen 0, also im digitalen Beobachten nicht beachteten) Kontext des Reizes und legt damit die Basis für das, was in der Lerntheorie Batesons „Lernen I“ heißt.
      —  Das System kann darüber hinaus unterschiedliche Muster vergleichen, d. h. die Relationen mimetisch nach Maßgabe von „Ähnlichkeit“ variieren (Mimesis = rekursiv-iteratives Vor- und Vor-ahmen von Irritationen). Indem es dies solange fortsetzt, bis das Ergebnis sich „stimmig“ an-fühlt [4], gewinnt das System „Verbindungen zweiter Ordnung“ (a.a.O.) und damit Autonomie seines Beobachtens. Es legt damit die Basis für das, was bei Gregory Bateson „Lernen II“ heißt, das Lernen des Lernens. Mit Wittgenstein könnte man hier auch von „Wahrnehmen als Quelle von Vergangenheit und Identität“ sprechen.
      —  Das System kann zeitunabhängige Identitäten feststellen; d. h. es kann unterstellen, dass sie sich nicht ändern (dass die Natur quasi den Atem anhält, der Baum z. B. weder wächst noch schrumpft; er ist entweder jung oder alt, gesund oder krank). Welt wird so verstehbar, „erklärbar“ und daher manipulierbar; d. h. man kann sie „sich erklären“ und aus Erklärungen Handlungsanweisungen ableiten.
      —  Die Entscheidung darüber, was als ähnlich (und gleichwertig) gilt und was sich „stimmig“ an-fühlt, liegt allein beim beobachtenden System.
      — Ein externer Beobachter erkennt hier „kreatives“ oder „intelligentes Verhalten“.
      —  Allein auf diesen Modus fixiert, würde das System den Kontakt zu der Umwelt verlieren, in die es eingebunden ist.
    • Erst im strikten Auseinanderhalten und kontinuierlichen Zueinander-in-Beziehung-setzen dieser Differenz gewinnt das System Metamuster, „Verbindungen dritter Ordnung“ (a.a.O.). Das System kann Irritationen in leb-bare Informationen transformieren und so seine Autopoiesis (seine Identität) bewahren, also Kontinuität in der (Eigen-) Bewegung, oder mit anderen Worten: fortlaufend wieder in sich selbst eintreten („re-entry“).

Wer das so sagt, der muss auch sagen, wie sich die Einheit der Differenz „digital/analog“ a) begrifflich denken lässt und b) wie man sie sich als real möglich vorstellen kann.

Die Einheit der – aus Sicht binärer Logik unüberbrückbaren – Differenz digital/analog lässt sich nur denken, wenn man lebenden Systemen Empfindsamkeit für verbindende Muster und „Sinn für ästhetische Einheit“ (G. Bateson) zuschreibt. Kognition ist ohne diesen „Sinn“ schlicht nicht denkbar. G. Bateson beharrt zu Recht darauf, „daß unser Verlust des Sinns für ästhetische Einheit ganz einfach ein erkenntnistheoretischer Fehler war.“ (Bateson 1982, Geist und Natur, S. 29)
Wie ist das zu verstehen?

Das parallele Operieren mit der Differenz digital-analog erlaubt es einem beobachtenden System, die Differenzen von Innen und Außen bzw. von Vorher und Nachher als Endlos-Horizonte fortlaufend auseinanderzuhalten und sie gleichzeitig im aktuellen Verhalten sinn-voll (anschlussfähig) kurz-zuschließen. Das gelingt, indem es „Dinge“ / Sachverhalte unterscheidet und sie als zeit-lose Identitäten (Zeit-Verhalte) beobachtet, d. h. als vom Zeitverlauf unabhängig existierend. Seine Welt wird so hand-habbar und manipulierbar.

Das reicht aber noch nicht dafür, dass die Bewegung des Unterscheidens immer wieder so in sich selbst eintritt, dass das System sich reproduziert. Das System muss sich in den Differenzen aller überhaupt nur möglichen Beobachter-Standpunkte (in einem polykontexturalen Universum) bewähren.

Dafür muss es sein digitales und analoges Operieren grundsätzlich ästhetisch indifferent übereinanderlegen, das heißt: ohne bestimmte Zwecke zu verfolgen und ohne sich an bekannte Regeln zu halten.[5] Das Beobachten bleibt quasi „in der Schwebe“, offen für Zu-fälle. Dabei entstehen zwar zunächst unklare, nicht anschlussfähige Formen. Das ist aber Bedingung dafür, dass das System sich seine Empfindsamkeit für „verbindende Muster“ bewahrt, seine Resonanzfähigkeit. Nur solange dies der Fall ist, können Muster sich spontan zu in-sich-selbst-stimmigen (zirkulär-kohärenten), d. h. anschluss-fähigen („ästhetischen“) und anschluss-sicheren Formen verbinden. Das ist nur in mimetisch-rhythmischer Bewegung vorstellbar. Ein passendes Bild dafür ist für mich die oben wiedergegebene Darstellung des tanzenden Shiva mit seinen vier Armen.

Das ist denkbar knapp formuliert. Ich will es näher erläutern.

Die Differenz zwischen der Struktur lebender Systeme und ihrer autopoietischen Organisation

Lebende Systeme sind strukturdeterminierte Systeme; d. h. sie können – wenn wir nicht an Wunder glauben wollen – immer nur das tun, was ihre momentane Struktur zulässt. Zugleich sind sie aber Einflüssen (à Irritationen) ihrer Umgebung ausgesetzt, die ihre Identität (ihre Autopoiesis) gefährden. Sie stehen daher vor der Notwendigkeit, allein aus sich selbst heraus (eine Welt außerhalb ihrer selbst existiert für sie nicht) und von Moment zu Moment neu für ihr strukturelles Driften Formen zu (er)finden, die den Erfordernissen ihrer autopoietischen Organisation hier-und-jetzt gerecht werden, und somit den re-entry, den Wiedereintritt des Systems in sich selbst, möglich machen.

Struktur und (autopoietische) Organisation des Systems stehen dabei allerdings quer zueinander: für uns (als diskursive, endliche Beobachter) gibt es kein beobachtbares / berechenbares Muster, das beide verbinden würde. Dennoch müssen wir, wenn wir die Eigen-Bewegung lebender Systeme begreifen wollen, mit Gregory Bateson nach dem „Muster, das verbindet“ fragen.

Lebende Systeme als triviale kybernetische Maschinen

Als Beobachtern, die auf sprachliches Begreifen angewiesen sind, bleibt uns daher nichts anderes übrig, als unser lineares Beobachtungsschema auf das zirkuläre Konzept „Selbstorganisation“ umzustellen und lebende Systeme zunächst ganz einfach als kybernetische Systeme zu beschreiben.
Zum leichteren Verständnis sh. den primären (rot markierten) Regelkreis in der Grafik.

T zwei regelkreise

W  Wahrnehmen:   Öffnen des Regelkreises für Irritationen aus der Umwelt.
unbestimmte Form

B  Bewegen:   Schließen des Regelkreises durch Kompensieren der für Irritationen.
markierte Form

Eigenwert:   Prozessieren von Zeichen in Form von Vorstellungen und Bildern.
unklare Form.

G-F     Gedächtnis-Funktion:  Schließen (mittels Zeichen) – Öffnen (Löschen des Zeichens) – Erneutes Schließen (mit neuem Zeichen).
imaginäre Form

B-F   Beobachter-Funktion: Öffnen  (Löschen des Zeichens) – Schließen (mit neuem Zeichen) – Erneutes Öffnen (Löschen des Zeichens).
leere, nicht markierte Form

Lebende Systeme sind dann Systeme, denen es gelingt, sich aus eigener Kraft von einer „Umwelt“ abzugrenzen und Eigen-Verhalten zu entwickeln – einfach, indem sie
a) ein Sensorium (in der Grafik: W = Wahrnehmen) und ein Motorium (B = Bewegen) auseinanderhalten,
b) beide rekursiv und iterativ koppeln und
c) durch ein (wie auch immer) „geschicktes“ Öffnen (= Wahrnehmen, Irritationen zulassen) und Schließen der Grenze (= Bewegen, Irritation wieder kompensieren) ihr Eigen-Verhalten stabilisieren.

Das Problem bei einem solchen einfachen zirkulären Konzept (Kybernetik erster Ordnung) ist, dass ungeklärt bleibt, was „geschicktes Öffnen und Schließen“ bedeutet, also wie das postulierte Resultat (Eigen-Verhalten) zustande kommt. Zwar kann das System auf diese Weise im Prinzip (ein einfacher Thermostat zeigt das) innere und (unkontrollierbare) äußere Dynamiken auseinanderhalten und zugleich immer wieder auf einen Nenner bringen. Es kann sich in einer Welt von Dingen behaupten. Dazu müssen wir (als externe Beobachter) allerdings eine Technik als Erklärung (oder Erklärungsprinzip) heranziehen. Wir beobachten das System dann als eine triviale Maschine im Sinn Heinz v. Foersters.

Aus eigener Kraft kann das System Eigen-Verhalten nur dann entwickeln, wenn es ihm zugleich gelingt, sich die Zeit-Dimension zu erschließen, d. h. Eigen-Zeit zu entwickeln, also: vergangene Erfahrungswelt und unbekannte mögliche Zukünfte strikt auseinanderzuhalten, um beide von Moment zu Moment immer wieder neu und anders verbinden zu können.

Damit erweist sich auch unser kybernetisches Beobachtungsschema (Kybernetik erster Ordnung) als unterkomplex. Wir müssen unser Denken ein zweites mal erweitern: wir müssen lebende Systeme nicht nur als kybernetische, sondern darüber hinaus als ihrerseits beobachtende Systeme beobachten (Kybernetik zweiter Ordnung).

Lebende Systeme sind kybernetische beobachtende Systeme mit Sinn für ästhetische Einheit (Kybernetik zweiter Ordnung)

Als beobachtende Systeme können lebende Systeme Irritationen (unbestimmte Formen) sowohl fremd- als auch selbst-generiert behandeln / beobachten. Genau hier kommt nun die oben entwickelte Differenz analog / digital ins Spiel: als zwei unterschiedliche, aber aufeinander angewiesene Modi von Kognition.

  • Im fremd-referenziellen Modus emergiert eine digitaltechnisch operierende Gedächtnis-Funktion, die mittels eines Ja/Nein-Codes Unterschiede registriert. Sequenzen von Irritationen können in Form von (vergangene Erfahrungen an-zeigenden) Zeichen markiert werden, die Bilder von „Gegenständen“ hervorrufen und (aus Sicht eines externen Beobachters) unmittelbar stimmiges Verhalten auslösen. Das System holt so seine Umwelt in sich selbst herein.
  • Im selbst-referenziellen Modus emergiert demgegenüber eine analogmimetisch operierende Beobachter-Funktion, über die das System in Resonanz mit sich selbst kommt und Unterschiede kreiert. Das System kann so mittels mimetisch prozessierter Ähnlichkeiten in den Irritationsmustern alternative Anschlussmöglichkeiten (er)finden.

Das System kann die selbst generierten Bilder daher als Kipp-Bilder lesen:
—  einmal technisch als Bilder, die etwas an-zeigen, nämlich aus der Vergangenheit bereits bekannte Objekte;
—  und dann wieder mimetisch als Bilder, die auf etwas zeigen, nämlich alternative (äquivalente) Möglichkeiten.
Das System kann nun zwischen beiden Seiten des Bildes solange willkürlich / zufällig oszillieren, bis eine „passende“, die Differenz überbrückende Form gefunden ist. Das heißt, es (er-)findet Muster, die die binär unüberbrückbare Differenz „vergangene Erfahrung / mögliche Zukunft“ ästhetisch verbinden.

„Passend“ ist die jeweils gefundene Form dann, wenn sie sich
a) hier-und-jetzt als zweck-mäßig erweist, ohne dass sich ein äußerlich vorgegebener Zweck oder eine Absicht ausmachen ließe; und wenn sie
b) Regelmäßigkeiten aufweist, die keiner irgendwie feststellbaren Regel folgen.[6]

Im Zuge des Prozessierens von (Kipp-) Bildern verwandeln lebende Systeme Irritationen in Informationen, die ihnen gestatten, ihre Autopoiesis fortzusetzen. Man könnte daher von der „imaginären Fähigkeit“ oder auch „EinBildungsKraft“ (oder schlicht: von der „bildenden Kraft“) lebender Systeme sprechen.

Rhythmus, dissipative Strukturen und ein erweiterter Form-Begriff: Der Wiedereintritt des Systems in seine eigene Bewegung

Aber wie können Systeme ästhetisch, also allein durch Prozessieren von Bildern, Irritationen in leb-bare Informationen verwandeln – in Informationen, die sich in einem polykontexturalen Universum bewähren, d. h. in einem Universum mit unendlich vielen Beobachterstandpunkten, also auch mit unendlich vielen Kriterien für ästhetische Einheit? Wie lässt sich das denken, ohne dafür „Wunder“ zu bemühen oder (wie Leibniz) eine angeblich „prästabilierte Harmonie“ zu postulieren?

Man könnte Künstliche Intelligenzen konstruieren, die (etwa mit Hilfe künstlicher neuronaler Netze) ästhetische Einheit und damit lebendige Bewegung simulieren und sogar emulieren. Künstliche Intelligenzen erkennen „gleichbleibende“ Muster, d. h. sie lernen den Kontext, sie können aber selber keinen leb-baren Kontext generieren; sie können keine lebendige Bewegung er-rechnen. Ebenso wie auch lebende Systeme stehen sie wie Odysseus im Zweifelsfall vor der alternativlosen Alternative Skylla oder Charybdis, zwischen Selbstblockade und Auflösung. Diese Wahl ist für sie unentscheidbar.

Damit erweist sich unser Beobachtungsschema ein drittes mal als unterkomplex. „Mit einer standpunktrelativen Wirklichkeit haben wir (..) trotz aller Einsichten der Relativitätstheorie noch nicht wirklich zu rechnen gelernt.“ (D. Baecker, 2018)

Hier hilft ein erweiterter Form-Begriff weiter. Statt lediglich mit einer Logik binärer Formen (markiert / nicht markiert) zu rechnen, können wir auf eine Vier-Formen-Logik umstellen, eine Logik, die auch mit unbestimmten und imaginären (und sogar unklaren) Formen rechnet.[7]

Irritationen erfasst das System zunächst als unbestimmte Formen. Es kann die Irritation dann als bereits bekanntes Objekt (markierte Form) beobachten (digital, Gedächtnis-Funktion). Wenn es fortlaufend lediglich immer wieder an dieser Form anknüpft, wird es früher oder später in den Erfahrungen der Vergangenheit stecken bleiben und scheitern. Wenn es das vermeiden will und zu der nicht markierten (leeren) Seite der ersten Unterscheidung quert, steht es mit leeren Händen da, ohne gültige Anschlüsse; es könnte zwar eine zweite erste Unterscheidung ziehen, von der es dann aber nicht im Vorhinein wissen kann, ob und wie sie sich mit der Intention der ursprünglichen Unterscheidung deckt.

Auf den Zufall zu hoffen, wäre tödlich; aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, den „Zufall zu überholen“, wie Kant sagt. Das System kann nämlich die leere Form mittels analog-mimetischem Operieren probeweise mit zunächst noch unklaren Formen zu füllen, sozusagen „in der Schwebe zu bleiben“ und diese dann in anschluss-fähige und -sichere imaginäre Formen verwandeln. Imaginäre Formen entstehen, wenn eine unbestimmte Form markiert wird (ich kann z. B. in einer Wolke solange sinnvolle, anschlussfähige Muster suchen, bis ich z. B. einen Löwe sehe).

Hierbei – also beim Sichern von Anschlüssen – kommt lebenden Systemen ihre dissipative Struktur zu Hilfe. Dissipative Systeme (wie etwa Wirbelstürme) bilden sich weit weg vom thermodynamischen Gleichgewicht. An der Grenze zum Chaos entwickeln sie eine (von ihrer Umgebung abgrenzbare) Eigen-Dynamik, weil ihre Elemente (z. B. Moleküle) hier anfangen, zu „kommunizieren“, d. h. ihre Bewegungen präzise aufeinander abzustimmen. Spontan finden sie genau jene Inseln im Chaos, in denen ein Maximum von Anschlüssen und ein Minimum von Ressourcenverbrauch koinzidieren (zusammenfallen).

Lebende Systeme (Leben voraussetzende Systeme sind hier, wie gesagt, immer mit gemeint) nutzen diese dissipativen Eigenschaften ihrer Struktur dazu, das „Kippen“ der Bilder so zu koordinieren, dass sie fließend immer wieder in die eigene Bewegung eintreten können, sich also zu (re)generieren und ihre Autopoiesis fortzusetzen.

Die Beobachter-Funktion des Systems wird hier fortlaufend in die Bewegung hineingezogen (ebenso übrigens der diese Bewegung denkende Beobachter). Der einzige Grund oder „Halt“, der ihr (bzw. ihm) noch bleibt, ist Rhythmus und Mimesis. Rhythmisch-mimetisch (er)finden sie verbindende Muster für (aus Sicht binärer Logik unüberbrückbare) Differenzen: nicht nur für die Differenz Innen / Außen bzw. für die Differenz Vergangenheit / mögliche Zukunft, sondern auch und für die Differenz unterschiedlicher (theoretisch unbegrenzter) Beobachtungs-Standpunkte in einem polykontexturalen Universum.

Das „Muster, das verbindet“ ist für Gregory Bateson daher ein „Tanz ineinandergreifender Teile“ (Geist und Natur, S. 22) – ein Tanz, mit dem der Beobachter bzw. das beobachtende System sich in jedem Moment selbst hervorbringt.

Der Wiedereintritt lässt sich gut am Sprechen bzw. am Denken studieren. Kleist beschreibt das sehr schön in seinem Essay „Über die allmähliche Verfertigung des Denkens beim Reden“. Ich lese das als Beschreibung dessen, wie das Denken sich ständig in einer virtuellen Bewegung selbst begleitet und – konfrontiert mit zufälligen Reizen aus der Umwelt – laufend die ästhetische Einheit sucht und sich so selbst orientiert.

 Ein anderes Beispiel wäre „groove“. Er entsteht, wenn eine Person vor der Aufgabe steht, mit den Füßen einen 2-er-Takt  und mit den Händen einen 3-er-Takt zu markieren. Ein Computer kriegt das nur als totes Muster hin und eben nicht als „groovenden“ Rhythmus. D. h. er braucht eine Kontext-Vorgabe; er kann das Muster nicht spontan mit einem Zufallsmuster verbinden. Oder wie Gregory Bateson sagen würde: er findet keine „Meta-Muster“, keine „Verbindungen dritter Ordnung“; er ist nicht „empfänglich für verbindende Muster“.

Im Medium „Rhythmus“ und Mimesis werden lebende Systeme Teil der Welt, die sie beobachten.[8]

Fußnoten

[1] …und Leben voraussetzender Systeme, das ist im Folgenden immer mit gemeint.

[2] Der „listenreiche“ (d. h. technikaffine) Odysseus ließ sich von dieser scheinbaren Alternative blenden. Aus Angst vor dem alles verschlingenden Chaos der Charybdis opferte er lieber einen Teil seiner Mannschaft, um selbst ungeschoren davonzukommen.

[3] sh. hierzu auch H. von Foerster: „Gegenstände: greifbare Symbole für (Eigen-) Verhalten“ in: H. von Foerster 1993.

[4] Die Frage, was das Äquivalent für Fühlen in organischen bzw. sozialen Systemen sein könnte (die ja gemäß der eingangs getroffenen Annahme hier immer mit gemeint sind), will ich an dieser Stelle nicht erörtern.

[5] Vgl. hierzu Kants Begriff des Schönen in seiner „Kritik der Urteilskraft“.

[6] Genau das ist Kants Begriff des „Schönen“ in der „Kritik der Urteilskraft“.

[7] Zu einem fundamentalen Begriff des Unbestimmten und der Evolution von Entscheidungs- und damit Zeichensystemen: Peyn, Ralf: uFORM iFORM, Heidelberg 2017.

[8] In dem eingangs wiedergegebenen Bild stehen vielleicht die Füße des Shiva für Rhythmus und die vier Arme für die mimetische Bewegung in einem polykontexturalen Universum.

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