Bild – Geste – Ein-Bildungs-Kraft

Versuch, der Paradoxie unseres Denkens auf die Spur zu kommen und sie zu ‚greifen‘

Neufassung vom 28. Juli 2018

„Die Wissenschaft denkt nicht.“ Mit diesem Satz schockierte Heidegger in den 1950er Jahren seine Zuhörerschaft. Ich gebe Heidegger Recht: Wir verfehlen in der Tat den Kern unseres Denkens, wenn wir die in ihm verborgene Paradoxie nicht be-denken. Gewöhnlich tun wir so, als gäbe es einen vom Gedachten getrennten Denker. Wenn das Denken dann in Gestalt der Vernunft anfängt zu träumen, gebiert es, wie die Geschichte zeigt (und wie das berühmte Bild von F. Goya anschaulich macht), Ungeheuer.

„The way of paradoxes ist he way of truth. To test reality we must see it on the tight rope“ sagt Oscar Wild; wir müssen die Realität prüfen, indem wir sie auf einem Seil tanzen lassen. Genau das will ich in dieser kleinen Skizze versuchen. Schlüsselbegriffe sind dabei die Begriffe Bild – Geste – Ein-Bildungs-Kraft.

 

Aber zuvor ein – sehr hilfreicher – Blick auf Kant.

  • „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (KrV A48).
    Die „Synthesis“ zwischen dem Gedanken auf der einen Seite und dem „Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung“ andererseits ‚bildet’ sich (heute würden wir sagen: „emergiert“) im freien Zusammenspiel von Anschauen und Begreifen.
    Sie ist „die bloße Wirkung der Einbildungskraft, einer blinden, obgleich unentbehrlichen Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind.“ (KrV A78)
  • Einbildungskraft (facultas imaginandi) ist „ein Vermögen der Anschauungen auch ohne Gegenwart des Gegenstandes“.
    Sie ist „entweder produktiv, d. i. ein Vermögen der ursprünglichen Darstellung des letzteren (exhibitio originaria), welche also vor der Erfahrung vorhergeht; oder reproduktiv, der abgeleiteten (exhibitio derivativa), welche eine vorher gehabte empirische Anschauung ins Gemüt zurückbringt.“ (Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Erstes Buch, Von der Einbildungskraft § 28).

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Mit „Ein-Bildungs-Kraft“ meine ich in diesem Text die zentrale Exekutivinstanz, besser: den lebendigen Kern der Operationen eines autopoietischen (beobachtenden) Systems (ob Lebewesen, Bewusstsein oder Gesellschaft), die bzw. der dafür sorgt, dass seine Bewegung punktgenau immer wieder in sich selbst eintreten kann (re-entry). Eigentlich ist das ein höchst unwahrscheinliches, fast mysteriöses Kunststück, weil ein autopoietisches System ja definitionsgemäß kein Wissen von seiner Umwelt hat, von ihr nicht informiert, sondern nur irritiert wird. Das System muss selber zusehen, wie es Irritationen in leb-bare Informationen verwandelt.

Das gilt auch für unser Denken, das ja auf einen Organismus angewiesen ist, der sich autopoietisch organisiert.

Die virtuelle „Kraft“, die Irritationen in Informationen verwandelt, nenne ich Ein-Bildungs-Kraft. In einer – als solcher unbeobachtbaren, weil paradoxen – „Technik der Natur“ (Kant) öffnet sie einen unbestimmten, aber bestimmbaren Raum möglicher Formen [1], in dem sich spontan lebende Systeme ausdifferenzieren und reproduzieren – purer, immer wieder neue Formen ‚bildender’ „Geist“. Er emergiert spontan in der agonalen (= asymmetrischen, aber nicht- orthogonalen) Begegnung mit der unbestimmten Umgebung eines lebenden Systems.

Es geht also beim Lesen und Schreiben dieses Textes um nichts weniger als um die paradoxe Aufforderung, sich selbst beim Denken zuzusehen. Der folgende Text mag daher – als ganzer gesehen – wie ein „endlos geflochtenes Band“ (D. Hofstadter) anmuten, wie eine seltsame Schleife, in die man schwer hinein- und ebenso schwer wieder herausfindet. Dabei hilft dieses Diagramm.v Mimesis Mimikry NEU.

W  Wahrnehmen   Bewegen    GF Gedächtnis-Funktion   BF Beobachtungsfunktio

Das Diagramm lässt sich im Sinne einer „operativen Bildlichkeit“ (Krämer 2009) nutzen, d. h. als Medium für das Be-Greifen der Gedanken dieses Textes. Wichtig ist, den rot markierten und den blau markierten Kreislauf zu unterscheiden und dann im Geist die virtuelle Bewegung [2] des Zusammenspiels beider zu „beobachten“.

Denken heißt, geistig zu „gestikulieren“, d.h. unklare Vorstellungen im Dialog mit einem Gegenüber (z. B. dem Diagramm) in eine bestimmte Form (Gedanke) zu bringen. Denken / Gedanken entstehen im Zusammenspiel von Anschauen und Be-greifen.

Diagramme zeigen (wie alle Bilder) etwas an und zeigen zugleich auf andere Verwendungsmöglichkeiten. „Diagramme schaffen Evidenz, indem sie Einsichten ermöglichen, die nicht bereits in die Konstruktion des Diagramms eingeflossen sind. Diagramme sind also nicht nur ein Visualisierungselement, sondern auch ein Experimentierinstrument, das durch handgreifliche konstruktive Veränderungen an Figuren und Konfigurationen und deren Beobachtung neues Wissen entstehen lässt – und zwar gerade in Bereichen, wo es um so genanntes nicht-empirisches, ‚notwendiges‘ Wissen geht.“ (a. a. O. )
(Mehr dazu siehe Anhang II).

Damit demonstriert das Diagramm in bildlicher Form das, was dieser Text In Form von Worten über Bild, Geste und Ein-Bildungs-Kraft aussagt.  Viel Spaß beim virtuellen Zusammenspiel von Anschauen und Be-greifen!

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In welchen Medien lässt sich diese „Technik der Natur“ unserem Beobachten zugänglich machen? In welchen Formen lässt sie sich greifen?

Ein-Bildungs-Kraft trans-formiert Irritationen (unbestimmte Formen) mittels Bild und Geste in leb-bare Information (bestimmte Form).

==> Ein Bild produzieren heißt: beobachte Bewegung in der Form einer ästhetischen Einheit; genauer: zeichne mit einer Geste die raum-zeitliche Veränderung eines „Objekts“ und synthetisiere sie dabei in der Wahrnehmung (Aisthesis) zu einer Einheit. Oder: markiere unbestimmte Formen (= imaginäre Form). *)

==>  Eine Geste auszuführen heißt: beobachte Bewegung als von einem Wert oder Motiv getragen und sich an einem Bild orientierend.

==>  An ein Bild bzw. an eine Geste kann das System entweder emotionierend; oder mit einer Emotion (= fixiertes Emotionieren) anschließen…
und dabei entweder ein deiktisches Bild produzieren (das Bild zeigt, vergleichbar einem Wegweiser, auf äquivalente Möglichkeiten); oder ein ikonisches Bild (das Bild zeigt qua Bild einen Wert oder Motiv an; vergleichbar mit einer Vogelscheuche, die Vögel vertreibt).

Im freien Zusammenspiel von
—  Wahrnehmen und Bewegen (= primärer Regelkreis)
—  und – quer dazu stehend! – im Zusammenspiel von Gedächtnis-Funktion (Mimikry) und Beobachtungs-Funktion (Mimesis)
transformiert die Ein-Bildungs-Kraft des Systems
nach Maßgabe einer binären Bewertung (lustvoll / schmerzlich)
Irritationen

  • in Vorstellungen, und zwar

entweder (Mimikry)
mittels einer (fixierten) Emotion in ein ikonisches Bild, d. h. ein Bild von einem „Objekt“, das einen bestimmten Wert oder ein Motiv an-zeigt.

Die dadurch getriggerte Emotion (bzw. die entsprechende Geste) kompensiert die Irritation und schließt das System gegen weitere Irritationen.
Die momentane Irritation sieht einer früheren Irritation „täuschend“ ähnlich und wird als „bekanntes Objekt“ abgehakt / „wieder-erkannt“.
Wahrnehmen operiert hier fremd-referenziell und bekräftigt die Vergangenheit und die Identität des Systems; in einer virtuellen (oder Schatten-)Bewegung (s. o.) führt die Emotion ein fixiertes Emotionieren mit sich.

oder (Mimesis)
emotionierend
in ein deiktisches Bild, d. h. in Muster (= stabile Beziehungen zwischen „Objekten“), die auf äquivalente Möglichkeiten für die Realisierung des Motivs zeigen / hinweisen.

Das Emotionieren öffnet das System für Irritationen.
Wahrnehmen operiert hier selbst-referenziell und kreiert die Vergangenheit und die Identität des Systems neu (Mimesis).

  •  in Kipp-Bilder, d. h. in ein rhythmisches Oszillieren (zwischen Öffnen und Schließen sowie – orthogonal dazu! – zwischen fremd– und selbst-referenziellem Operieren), das sinn-volle (d. h. sachlich, zeitlich und sozial anschluss-sichere) Bilder sucht.
  • Das rhythmische Oszillieren „belebt“ die Ein-Bildungs-Kraft, hält sie in Gang. Das System entwickelt dabei bzw. „zeigt“ (für einen externen Beobachter, der es auch selbst sein kann) Sinn für ästhetische Einheit.

 

Menschen – als reflektierende Beobachter – bauen diesen Sinn zu einer eigenständigen Domäne aus und kultivieren ihn, indem sie ikonische und deiktische Bilder in der Form von Symbolen verbinden. Symbole zeigen (ikonisch) einen Wert an und verweisen gleichzeitig (deiktisch) auf unterschiedliche Möglichkeiten, den Wert zu realisieren.

Kommunizieren in Form von Symbolen ermöglicht bewusst verteilte Intelligenz, geteilte Aufmerksamkeit auf ein unsichtbares, virtuelles Drittes, eine res communis – Arbeit und Spiel.

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Fußnoten

[1] Zu einem fundamentalen Begriff des Unbestimmten und der Evolution von Entscheidungs- und damit Zeichensystemen: Peyn, Ralf: uFORM iFORM, Heidelberg 2017.

[2] Zum Begriff der „virtuellen Bewegung“ siehe auch R. Balgo (1999): Wir sehen mit unseren Armen und Beinen. Die Einheit der Bewegung und Wahrnehmung aus systemisch-konstruktivistischer Sicht. In: Praxis der Psychomotorik, Jg. 24 (1), S. 4-13).

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Anhang I Bild Geste EBKr

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Anhang II

Zur Funktion von Diagrammen

Aus: Sybille Krämer (2009):  Operative Bildlichkeit. Von der ‚Grammatologie’ zu einer ‚Diagrammatologie’? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’

Für Peirce ist „alles notwendige Denken (…) diagrammatisch“; alles Denken ist „direkt oder indirekt von Diagrammen abhängig.“ Diagramme zeigen fünf Attribute:

„(i) Ikonizität: Diagramme sind wahrnehmbare Zeichenvorkommnisse. Innerhalb der Peirceschen Trias von Icon, Index und Symbol gehören sie dem Bereich des Ikonischen an.“

„(ii) Relationen zeigen: Die vorrangige Aufgabe von Diagrammen ist keine Veranschaulichung von Objekten, sondern die Visualisierung von Relationen zwischen Objekten.“

„(iii) Sinnlichkeit des Allgemeinen: Diagramme vermitteln zwischen dem Sensiblen und dem Intelligiblen. Indem sie angeschaut und auch operativ verändert werden können, vergegenwärtigen sie im partikularen Zeichenvorkommnis einen universellen Gegenstand, machen etwas Allgemeines sinnlich erfahrbar. Sie erfüllen damit Aufgaben, die Kant dem Schematismus zugesprochen hat ‚which is on the one side an object capable of being observed while on the other side it is general.’“

„(iv) Schematismus: Diagramme können dadurch Allgemeines zeigen, dass sie ein interpretierbares Symbol bzw. ein Schema schaffen, welches dann das Generelle verkörpert im Unterschied zum konkret eingezeichneten Diagramm. Das konkrete Diagramm verbleibt auf der Ebene des Wahrnehmens; doch indem es gelesen, also auf ein Schema bezogen wird, wird zugleich von allen zufälligen Eigenschaften des konkret hingezeichneten Diagramms abstrahiert: eine Art ‚type-reading‘ findet statt, bei dem sich das Diagramm in ein Schema verwandelt, bzw. dieses repräsentiert.“

(v) Evidenz: Diagramme schaffen Evidenz, indem sie Einsichten ermöglichen, die nicht bereits in die Konstruktion des Diagramms eingeflossen sind. Diagramme sind also nicht nur ein Visualisierungselement, sondern auch ein Experimentierinstrument, das durch handgreifliche konstruktive Veränderungen an Figuren und Konfigurationen und deren Beobachtung neues Wissen entstehen lässt – und zwar gerade in Bereichen, wo es um so genanntes nicht-empirisches, ‚notwendiges‘ Wissen geht.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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