Was heißt: etwas ‚griffig’ erklären?

Der von der Systemtheorie entwickelte Begriff Autopoiesis beobachtet Lebewesen als Systeme, die sich spontan selbst (re)produzieren und dabei das bemerkenswerte Kunststück fertig bringen, sich fortlaufend in Übereinstimmung mit einer überkomplexen, unkontrollierbaren Umwelt zu halten.

Das ist, bei genauer Betrachtung, eine in sich selbst zurückkehrende Denkfigur. Unseren zweiwertig gepolten Verstand führt sie erst einmal an seine Grenzen, sie ist für ihn im wahrsten Sinne des Wortes un- denkbar. Denkbar ist für ihn immer nur eines von beiden: entweder das System bringt seine Umwelt hervor oder die Umwelt das System. Wenn wir uns mit unserem Verstand identifizieren, können wir hier nur eine (logisch unauflösbare) Paradoxie sehen: die Bedingung für die Möglichkeit von Autopoiesis ist zugleich die Bedingung für ihre Unmöglichkeit.

Aus Furcht davor, in der Paradoxie stecken zu bleiben, kann der Verstand sich natürlich weigern, diese Schleife zu denken. Für die Erklärung des Phänomens „Leben“ hat er dann zwei Möglichkeiten: Er hält es mit dem gegenwärtigen us-amerikanischen Vizepräsidenten und glaubt fest, dass hier ein Schöpfergott immer wieder hilfreich eingreift. Oder aber er glaubt, dass Naturgesetze das Phänomen „Leben“ im Prinzip lückenlos erklären können, man muss sie nur „entdecken“.

 Wenn der Alltagsverstand sich die Arbeit des denkenden Begreifens ersparen möchte, sagt er gern, dass Henne/Ei-Probleme durch theoretisches Denken nicht lösbar sind, dass sie vielmehr praktisch angegangen werden müssen. Mit der Konstruktion solcher Dualismen versperrt der Verstand seinem binären Denken endgültig den Ausweg aus der Denkfalle. Denn was heißt hier „praktisch angehen“, wenn man keine Theorie hat, an der das Handeln sich mit Aussicht auf Erfolg orientieren kann?

 Als Ausweg bleibt nur, sich der Paradoxie zu stellen, ihre Bewegung gedanklich aufzugreifen und sie quasi zum Tanzen zu bringen. „Der Weg der Paradoxe ist der Weg zur Wahrheit. Um die Wirklichkeit zu prüfen, muss man sie auf dem Seil tanzen lassen.“ (Oscar Wilde)

Die Preisfrage lautet daher: wie lässt sich der durchaus sinnvolle, aber scheinbar paradoxe Begriff „Autopoiesis“ fruchtbar machen? Es geht dabei nicht um ein abstraktes Modell lebender Systeme, das der praktischen Wirklichkeit irgendwie übergestülpt werden müsste. Es geht darum, Autopoiesis griffig zu erklären. Das heißt, ich formuliere meine Begriffe (= die Art und Weise, wie ich lebendige Bewegung greife) so, dass ich damit anderen Beobachtern (zu denen ich nicht nur Sie als Leser, sondern mich selbst zähle) faktisch- -praktisch zeigen kann, wie wir (also ich und die Anderen!) gemeinsam durch unser Handeln die Wirklichkeit hervorbringen, die wir leben.

Was genau heißt: einen Begriff ‚griffig’ erklären?

Begriffe sind Werkzeuge des Denkens. Sie helfen uns, im Alltag Phänomene so zu greifen, dass wir unsere menschliche Lebensweise generell bzw. unser Agieren in der spezifischen Kultur, die wir leben, reproduzieren. Begriffe orientieren unser Denken und Handeln, ohne dass wir noch groß darüber nachdenken müssten.

 Der menschliche Werkzeuggebrauch unterscheidet sich vom tierischen dadurch, dass Menschen mit dem Begriff „Werkzeug“ operieren und damit ihr instrumentelles Handeln auf eine völlig neuartige Stufe heben, in der die Vorstellung eines „Wir“ möglich wird.

 Ein Stein, den ich als Hammer benutze, ist kein bloßer Stein mehr; ich kann ihn weglegen, vergessen und später wieder als Hammer aufgreifen. Als Hammer ist er mir, wie Heidegger sagt, „zuhanden“;  er liegt bereits fertig-griffig in meiner Hand und ich kann ihn benutzen, ohne groß über sein Zustande kommen nachzudenken. In den Werkzeugen, die wir gebrauchen, die heutigen (Rechen-) Maschinen eingeschlossen, steckt die Erfahrung von jahrhunderte-, jahrtausende-, ja sogar jahrmillionenlangem Gebrauch.

 Wenn ich einem Anderen (oder mir selbst) die Funktionsweise eines Hammers erklären will, zeige ich ihm, wie ich ihn gebrauche, d. h. wie ich ihn in unterschiedlichen Kontexten anfasse und führe. Ganz anders dagegen, wenn ich den Hammer „griffig“ erklären will, d. h. wenn ich zeigen will, wie seine Griffigkeit überhaupt möglich ist und zustande kommt; dann muss ich nämlich zeigen, wie „man“ ihn herstellt, d. h. ich abstrahiere von meiner Person und von den unterschiedlichen Verwendungskontexten des Hammers, also so, dass Jeder, egal wer, ihn jederzeit selbst herstellen kann.

 Eine „griffige“ Erklärung des Hammers verlangt daher, dass ich Beobachtern zeige, wie ich Formen hervorbringe, und zwar Formen, die an vorhergehende Formen anknüpfen und weitere, folgende Anschlüsse möglich machen.

Die einzigen Werkzeuge, die mir dafür bleiben, sind meine Hände und meine Finger. Ich benutze sie als Instrumente des Deutens / Zeigens ebenso wie des Formens / Gestaltens. Das mache ich mit Gesten (im weitesten Sinn verstanden). Wenn ich Anderen z. B. den Begriff „Kugel“ griffig erklären will, dann kann ich z. B. einen Lehmklumpen nehmen, ihn zwischen meinen Handflächen rollen, bis ich die fertige Form vorzeigen kann. Dabei lasse ich mich von einem inneren Bild leiten; das Bild wird in der Regel nicht unbedingt bereits fertig vorliegen (und muss es auch nicht), sondern verdichtet und konkretisiert sich erst im Verlauf des Zeigens, also im Dialog mit einem Gegenüber (beim Unterrichten lernt man selber oft am meisten). Zugleich hoffe ich, dass mein Gegenüber meine Gesten nicht einfach nur nachäfft, sondern dass bei ihm seinerseits Schritt für Schritt ein inneres Bild entsteht, an dem er dann sein Handeln – ohne fremde Hilfe – orientieren kann.

Der Mensch als „das Tier mit dem aufrechten Gang und den Milliarden grauen Zellen braucht offene Augen, bewegliche Finger und die Fähigkeit, all das miteinander zu verbinden, um sich zurechtzufinden in der Welt, in die es hineingeboren wurde und die verstehend zu verändern seine größte Lust ist.“ (Arno Widmann)

Nicht grundsätzlich anders verhält es sich mit unseren Denkwerkzeugen, also Begriffen; sie sind nichts anderes als eingefleischte, verkörperte Denkgewohnheiten. Selbst in unseren abstraktesten Begriffen wie Zeit und Raum, in geometrischen Begriffen wie Linie oder Kreis, ebenso wie im Begriff der Zahl steckt letztlich jahrmillionenlange Erfahrung der Gattung homo. Die Evolution menschlichen Denkens ist die Geschichte der Hereinnahme von Gesten durch den Beobachter in das tätige Bewusstsein seiner selbst.

Kant sagt in seiner „Kritik der reinen Vernunft“, dass wir „uns selbst nur so anschauen, wie wir innerlich von uns selbst affiziert werden.“ Daher können wir „uns keine Linie denken, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Zirkel (d. h. Kreis, F.) denken, ohne ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Raums gar nicht vorstellen, ohne aus demselben Punkte drei Linien senkrecht aufeinander zu setzen“. Und wir können uns sogar das Abstraktum Zeit nicht vorstellen, so fährt Kant etwas umständlich fort (es lohnt sich aber, genau zu lesen), „ohne, indem wir im Ziehen einer geraden Linie (die die äußerlich figürliche Vorstellung der Zeit sein soll) bloß auf die Handlung der Synthesis des Mannigfaltigen, dadurch wir den inneren Sinn sukzessiv bestimmen, und dadurch auf die Sukzession dieser Bestimmung in demselben, achthaben.“ (Kritik der reinen Vernunft § 24)

Das heißt: wir bringen Zeit buchstäblich dadurch hervor, dass wir in einer gedachten, virtuellen Bewegung der Finger sukzessive Punkt an Punkt setzen.

Etwas schwieriger, aber im Grunde nicht anders, verhält es sich, wenn wir komplexere Figuren griffig denken wollen, etwa Projektabläufe (siehe das Titelbild dieses Textes). Das gilt erst recht für zirkuläre oder gar paradoxe Zusammenhänge wie Autopoiesis. Hier macht sich ein Problem bemerkbar, das Kant so benennt: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind“ (KrV A 48). Das heißt, jeder Begriff, erst recht ein paradoxer Begriff wie Autopoiesis, braucht ein von jeglicher Empirie entkleidetes (Kant sagt: transzendentales, apriorisches) Schema, anhand dessen das Denken seine eigene Bewegung anschaulich vor sich hinstellen, d. h. „sich vorstellen“ kann. 

Ein einfaches Schema für die griffige Erklärung von Autopoiesis wäre etwa das berühmte Bild F. C. Eschers mit den zwei Händen: Das Bild zeigt, wie eine (rechte) Hand auf einem Blatt Papier eine andere Hand zeichnet, die, wenn der Blick des Betrachters ihr folgt – hier geschieht irgendwie ein Wunder – zu einer anderen lebendigen (nunmehr linken) Hand wird, die die rechte Hand auf das Papier zeichnet, die daraufhin – wieder ein Wunder – lebendig wird und anfängt, eine Hand zu zeichnen… usw. usw.

So schön dieses Bild ist, für unsere Zwecke hier genügt es allein schon deswegen nicht, weil wir als Beobachter selbst in der Zeichnung nicht vorkommen; die „Wunder“ vollziehen sich quasi „unter der Hand“, ohne unser bewusstes Eingreifen; als außen-vor-bleibender Beobachter wissen wir nicht, wie wir aus dieser endlosen Schleife wieder herausfinden.

Bei oberflächlichem Lesen dieses Textes (und wie schnell passiert einem das!) kann dieser einem möglicherweise wie ein „endlos geflochtenes Band“ (D. Hofstadter) vorkommen, wie eine seltsame Schleife, in die man schwer hinein- und ebenso schwer wieder herausfindet. Beim Griffig-Erklären geht es doch aber gerade darum, dem Beobachter zu ermöglichen, selber immer wieder der lebendigen Bewegung seines eigenen (!) Denkens (nicht dem des Autors) zu folgen (und nicht erst der nachträglich fest-gestellten Bewegung), sich also sozusagen selbst beim Denken zuzusehen.

Denken heißt, virtuelle, geistige Gesten auszuführen, und dabei im Dialog mit einem Gegenüber (das man auch selbst sein kann) unklare Vorstellungen in eine bestimmte Form (Gedanken) zu bringen. Denken / Gedanken entstehen im Zusammenspiel von Anschauen und Be-greifen.

Für eine „griffige“ Erklärung von Autopoiesis muss die Systemtheorie ihren Beobachterbegriff überdenken. Den Beobachter lediglich zwischen markierten und unmarkierten (leeren) Formen oszillieren zu lassen, reicht dafür nicht mehr. Der Beobachter braucht Ein-Bildungs-Kraft, d. h. die Fähigkeit, in Bildern zu denken: unbestimmte Formen zu markieren (so wie ich etwa in einer Wolke ein „Pferd“ markiere) und sie solange prozessieren, bis ein passender Anschluss ge- bzw. er-funden ist.

Dabei helfen insbesondere auch die Diagramme, wie ich sie in den Texten dieses Blogs immer wieder an zentralen Stellen einfüge. Ein Diagramm lässt sich im Sinne einer „operativen Bildlichkeit“ (Krämer 2009) nutzen, d. h. als Medium für das Be-Greifen der Gedanken dieses Textes. Diagramme zeigen (wie alle Bilder) etwas an und zeigen zugleich auf andere Verwendungsmöglichkeiten. „Diagramme schaffen Evidenz, indem sie Einsichten ermöglichen, die nicht bereits in die Konstruktion des Diagramms eingeflossen sind. Diagramme sind also nicht nur ein Visualisierungselement, sondern auch ein Experimentierinstrument, das durch handgreifliche konstruktive Veränderungen an Figuren und Konfigurationen und deren Beobachtung neues Wissen entstehen lässt – und zwar gerade in Bereichen, wo es um so genanntes nicht-empirisches, ‚notwendiges‘ Wissen geht.“ (a. a. O. )  


Kontakt: franz.friczewski@t-online.de

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