Braucht Kommunikation Einbildungskraft und Gefühl?

Was (nicht nur) die Systemtheorie von Kant lernen könnte

Der CEO eines deutschen Großunternehmens pflegte in „Mitarbeitergesprächen“ auf sogenannten „binären Antworten“ zu bestehen. Die Frage, ob für Kommunikation Einbildungskraft und Gefühle notwendig sind, hätte er mit Sicherheit verneint. Kommunizieren heißt für ihn (und all den vielen Anderen, die ähnlich denken) einfach nur, Information von A nach B zu übertragen. Aus dieser Sicht lässt sich Information – ähnlich wie Geld, Macht oder Wissen – besitzen, speichern, akkumulieren, verteilen, übertragen usw.

 Im Gegensatz dazu sieht die Systemtheorie Information nicht als etwas an, was sich „übertragen“ etc. ließe. Das Bewusstsein (das psychische System) wird von seiner Umwelt allenfalls irritiert; es kann diese Irritationen immer nur durch sein eigenes Operieren in Information verwandeln. Diese für den Alltagsverstand zunächst eigenartig klingende Annahme ist ein wirksamer Schutz gegen Manipulationen durch die, die Macht, Geld, Wissen etc. zu besitzen behaupten.

Niklas Luhmann allerdings ignoriert in seiner Theorie die entscheidende Rolle, die Gefühle für das Zustandekommen von Kommunikation spielen. Gefühle sind aus seiner Sicht nicht kommunizierbar. Das ist die Konsequenz dessen, dass er seinen Kommunikationsbegriff auf „Information“ aufbaut und sein Beobachter daher keine Einbildungskraft benötigt. Zu der Modellschwäche eines auf Information aufbauenden Kommunikationsbegriffs siehe auch Gitta Peyns Artikel „¡nFORMat¡on“ [1]

Damit wird Luhmanns Kommunikationsbegriff aber „ungriffig“ im Hinblick auf die Herausforderungen, vor die uns unsere Lebenswelt stellt (denken wir etwa an ihre zunehmende Digitalisierung). Von einem „griffigen“ Kommunikations-Begriff spreche ich dann, wenn er Individuen befähigt, sich die Welt, die sie leben, auf eine Weise anzueignen, die ihnen hilft, sich gemeinsam als autonom handelnde, Sinn-stiftende menschliche Wesen zu reproduzieren.

Um in diesem Sinn „griffig“ zu werden, müsste Systemtheorie Beobachten und Kommunizieren „kin-ästhetisch[2] reformulieren. Das heißt: Beobachtende Systeme (also auch soziale Systeme!) erzeugen ihre Informationen qua „EinBILDungskraft“ durch rekursives Koppeln von Wahrnehmen und Bewegen in der Form von Bildern, die für Kommunikation anschlussfähig sind.

Wie ich in diversen Texten bereits gezeigt habe, können wir dabei von Kant lernen, insbesondere von seiner Kritik der Urteilskraft. Im Folgenden hierzu eine kleine Skizze zu dem zentralen § 21. In fünf Punkten referiere ich jeweils zunächst Kant (und bleibe dabei möglichst nahe am Originaltext, der im Anhang beigefügt ist), um Kants Gedanken dann jeweils in systemtheoretische Begriffe zu übersetzen.

Hilfreich für die Lektüre ist ein Blick auf das Diagramm am Ende dieses Textes.

Kant: Erkenntnisse und Urteile müssen sich „samt der Überzeugung, die sie begleitet, allgemein mitteilen lassen“. Andernfalls „käme ihnen keine Übereinstimmung mit dem Objekt zu“, d. h. sie wären „ein bloß subjektives Spiel der Vorstellungskräfte“ und nicht mitteilbar.

Aus Sicht der Systemtheorie hieße das:
Eine Beobachtung (eine Erkenntnis) ist erst dann komplett, wenn sie eine Form annimmt, die mitsamt der ihr zugrundeliegenden primären Unterscheidung kommunizierbar ist
.

„Primäre Unterscheidung“ meint den Standpunkt, von dem aus ein Beobachter Welt beobachtet. Dieser sein Standpunkt bildet zwar seinen blinden Fleck und begrenzt grundsätzlich die Möglichkeiten des für ihn Erfahrbaren / Erwartbaren, macht ihm aber gerade dadurch überhaupt erst Unterschiede (be)greifbar und damit Gegenstände beobachtbar. Ich spreche hier von der Gedächtnis-Funktion des Bewusstseins (nicht zu verwechseln mit der gewöhnlichen Vorstellung, nach der „Gedächtnis“ Informationen „speichert“).

2

Kant: Sollen sich Erkenntnisse oder Urteile allgemein mitteilen lassen, dann muss sich mit ihnen außer der „Überzeugung“ auch der entsprechende „Gemütszustand“ allgemein mitteilen lassen, d. h.: die (Zusammen-) „Stimmung der Erkenntniskräfte zu einer Erkenntnis überhaupt“: die jeweilige „Proportion“ von Einbildungskraft und Verstand.

Aus Sicht der Systemtheorie hieße das:
Eine Beobachtung (eine Erkenntnis) ist erst dann komplett, wenn sie eine Form annimmt, die mitsamt der Beziehung von EinBILDungskraft und Beobachter-Funktion (Fokussieren der Aufmerksamkeit) kommunizierbar ist.
;

Unter Einbildungskraft verstehe ich mit Kant das „tätige Vermögen“ des Bewusstseins, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart „darzustellen“ (Kritik der reinen Vernunft, A78).

Kant: Bei jedem Urteil (d. h. auch bei bestimmenden Urteilen, die die Vorstellung unter einen bereits fertigen, gegebenen Begriff subsumiert) bringt ein gegebener Gegenstand die Einbildungskraft in Tätigkeit. Die „tätige“ Einbildungskraft…
–>  setzt das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauung synthetisch zu einer Einheit zusammen
–>  und bringt zugleich den Verstand in Tätigkeit zur Einheit des Mannigfaltigen in Form von Begriffen.

Systemtheoretisch reformuliert hieße das:
Jede Beobachtung (Erkenntnis) ist das Resultat eines je bestimmten Zusammenspiels von EinBILDungskraft und momentanem Fokus der Aufmerksamkeit (Beobachter-Funktion).
–>  Mittels rekursivem Koppeln von Wahrnehmen und Bewegen – eben daher spreche ich von „Kin-Ästhetik“ – setzt die EinBILDungskraft sensorische Irritationen synthetisch zu einer kohärenten, intern anschlussfähigen Einheit zusammen, d. h. zu einer rein als solchen noch nicht kommunizierbaren Vorstellung;
–>  zugleich regt sie die Beobachter-Funktion an, ihren Fokus solange zu variieren, bis sie die (noch unklare) Vorstellung in ein Bild transformieren, d. h. sie unter eine (sei es bereits früher getroffene oder eine erst noch zu findende) prinzipiell kommunizierbare Unterscheidung subsumieren kann.

4 

Kant: Diese (Zusammen-) „Stimmung der Erkenntniskräfte“ (also von Einbildungskraft und Verstand) hat je „nach Verschiedenheit der Objekte, die gegeben werden, eine verschiedene Proportion. Gleichwohl aber muß es eine geben, in welcher dieses innere Verhältnis zur Belebung (einer durch die andere) die zuträglichste für beide Gemütskräfte in Absicht auf Erkenntnis (gegebener Gegenstände) überhaupt ist; und diese Stimmung kann nicht anders als durch das Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden.“

Systemtheoretisch reformuliert hieße das:
Das Bewusstsein findet den „springenden“ Punkt, an dem es nicht-kommunizierbare Vorstellungen in kommunizierbare Bilder transformiert, nicht im Rückgriff auf sozial / kulturell bereitgestellte Unterscheidungen („Begriffe“), sondern nur, indem es EinBILDungskraft und fokussierende Beobachter-Funktion in wechselseitige Resonanz treten lässt, wobei es allein das Gefühl darüber entscheiden lässt, was stimmt / nicht stimmt.

5 

Kant: Weil dieses Zusammen-Stimmen der beiden Erkenntniskräfte (also von Einbildungskraft und Verstand) und das sie begleitende Gefühl allgemein mitteilbar sein muss, muss für das Zustandekommen von Erkenntnis ein Gemeinsinn vorausgesetzt werden und zwar „ohne sich desfalls auf psychologische Beobachtungen zu fußen.“

Systemtheoretisch reformuliert hieße das:
Wenn wir Beobachten und Kommunizieren als möglich denken wollen, dann müssen wir in unserer Epistemologie einen gemeinsamen Sinn individueller Beobachter postulieren. Für einen „griffigen“ Kommunikationsbegriff (im obigen Sinn) müssen wir dabei zeigen können, wie individuelle Akteure in ihrer Kommunikation qua EinBILDungskraft und Gefühl diesen gemeinsamen Sinn hervorbringen.

In Luhmanns Epistemologie interessiert es nicht, wie Sinn (als Medium für die Autopoiesis psychischer und sozialer Systeme) durch individuelle Akteure hervorgebracht wird, sondern allein, wie Sinn „emergieren“ kann. Die Individualität der Akteure ist dabei im wahrsten Sinne des Worts gleich-gültig. Sinn emergiert ganz einfach immer dann, wenn individuelle Beobachter fortgesetzt kommunizieren. Für Luhmann „gibt“ es daher Systeme.

Um Systeme als gegeben annehmen zu können, baut Luhmann seinen Kommunikationsbegriff auf Information auf; d. h. er betrachtet Kommunikation als eine in sich geschlossene, aber auf ein Ego und ein Alter verteilte Kette von InformationMitteilungVerstehen. Information ist aber (auch für Luhmann) definiert als ein (als solches nicht beobachtbares) Ereignis, das einen Systemzustand auswählt – für Beobachter kann es nie „greifbar“ werden.  Ein solcher Kommunikationsbegriff „überfliegt“ die entscheidende Rolle, die der EinBILDungsKraft und dem Fühlen (bzw. dem „Emotionieren“ als seinem biologischen Aspekt) für Erkennen / Beobachten spielt.[3]

Aus Sicht einer kin-ästhetischen Betrachtung von Kommunikation (und eines „griffigen“ Kommunikationsverständnisses) bildet sich Sinn im wechselseitigen (mimetischen) Vor- und Nach-Ahmen von Gesten, bei dem EinBILDungskraft und Gefühle letztlich die entscheidende Rolle spielen. Die Interaktionspartner orientieren sich gegenseitig auf ihr jeweiliges Bild hin, versuchen dabei den Gefühlszustand ihres Gegenübers im Medium entsprechender innerer Bilder zu entschlüsseln, um so ihre unterschiedlichen Bilder kompatibel und im Fall von Kooperation sogar isomorph zu machen – ablesbar an einer fortgesetzten Verhaltenskoordination.

W EinBILDungskraft Kant

Fußnoten

[1] ihttps://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/09/03/nformaton

[2] kin-ästhetisch: von kinein (altgr. für bewegen) und „aisthesis“ (altgr. für Wahrnehmung)

[3] Damit spiele ich natürlich auf Luhmann berühmtes Wort vom „Flug über den Wolken“ an.

Anhang

Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft § 21 
„Ob man mit Grunde einen Gemeinsinn voraussetzen könne“

Erkenntnisse und Urteile müssen sich, samt der Überzeugung, die sie begleitet, allgemein mitteilen lassen; denn sonst käme ihnen keine Übereinstimmung mit dem Objekt zu: sie wären insgesamt ein bloß subjektives Spiel der Vorstellungskräfte, geradeso, wie es der Skeptizism verlangt.

Sollen sich aber Erkenntnisse mitteilen lassen, so muß sich auch der Gemütszustand, d. i. die Stimmung der Erkenntniskräfte zu einer Erkenntnis überhaupt, und zwar diejenige Proportion, welche sich für eine Vorstellung (wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird) gebührt, um daraus Erkenntnis zu machen, allgemein mitteilen lassen: weil ohne diese, als subjektive Bedingung des Erkennens, das Erkenntnis, als Wirkung, nicht entspringen könnte.

Dieses geschieht auch wirklich jederzeit, wenn ein gegebener Gegenstand vermittelst der Sinne die Einbildungskraft zur Zusammensetzung des Mannigfaltigen, diese aber den Verstand zur Einheit desselben in Begriffen, in Tätigkeit bringt.

Aber diese Stimmung der Erkenntniskräfte hat, nach Verschiedenheit der Objekte, die gegeben werden, eine verschiedene Proportion. Gleichwohl aber muß es eine geben, in welcher dieses innere Verhältnis zur Belebung (einer durch die andere) die zuträglichste für beide Gemütskräfte in Absicht auf Erkenntnis (gegebener Gegenstände) überhaupt ist; und diese Stimmung kann nicht anders als durch das Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden.

Da sich nun diese Stimmung selbst muß allgemein mitteilen lassen, mithin auch das Gefühl derselben (bei einer gegebenen Vorstellung); die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls aber einen Gemeinsinn voraussetzt: so wird dieser mit Grunde angenommen werden können, und zwar ohne sich desfalls auf psychologische Beobachtungen zu fußen, sondern als die notwendige Bedingung der allgemeinen Mitteilbarkeit unserer Erkenntnis, welche in jeder Logik und jedem Prinzip der Erkenntnisse, das nicht skeptisch ist, vorausgesetzt werden muß.

(Absätze von mir eingefügt, F. F.)

 

 

 

 

 

 

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