Wenn Macht und Geist – scheinbar – aus der Maschine kommen

Über die Bedeutung der EinBILDungsKraft für ein „griffiges“ Verständnis von Kommunikation

Erster Teil

 

„Wir hinken dem digitalen Medium hinterher, das unterhalb bewusster Entscheidung unser Verhalten, unsere Wahrnehmung, unsere Empfindung unser Denken, unser Zusammenleben entscheidend verändert. Wir berauschen uns heute am digitalen Medium, ohne dass wir die Folgen dieses Rausches abschätzen können. Diese Blindheit und die gleichzeitige Benommenheit machen die heutige Krise aus.“ (Byung-Chul Han)

Können wir den Zumutungen unserer sich digitalisierenden Lebenswelt überhaupt noch selbstwirksam gegenübertreten? Der Schlüssel dafür liegt im Verständnis jenes komplexen Vorgangs, den Marx – in bis heute gültiger Weise – als „Verdinglichung“ und „Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse“ beschrieben hat. Das heißt, wir brauchen eine Begrifflichkeit dafür, dass und wie den Menschen (und das heißt: auch uns, die wir dies hier lesen bzw. schreiben) ihre eigene Gesellschaftlichkeit unausweichlich in der Form von Dingen – und damit fremd – gegenübertritt.

Der Schlüssel dafür, liegt im Verständnis jenes komplexen Vorgangs, den Marx in bis heute gültiger Weise als „Verdinglichung“ und „Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse“ beschrieben hat. Das heißt, wir brauchen eine Begrifflichkeit dafür, dass und wie den Menschen (also auch uns, die wir dies hier lesen bzw. schreiben) ihre eigene Gesellschaftlichkeit unausweichlich in der Form von Dingen – und damit fremd – gegenübertritt.

Wie ist es möglich und denkbar, so ließe sich fragen, dass das Sinn stiftende kommunikative Handeln von Menschen – also das, was das Mensch-sein ausmacht – sich in Artefakten vergegenständlicht, die ihrerseits zum Medium für Kommunikation werden, das von Personen privatisiert werden kann und ihnen als nicht mehr hinterfragbare Quelle ihrer Macht dient?

Hier braucht es ein „griffiges“ Verständnis von Kommunikation. Luhmanns Kommunikationsbegriff basiert auf dem Mitteilen von „Information“. Er braucht ihn, weil er nur so seinen Gesellschaftsbegriff aufrecht erhalten kann, in dem die Wünsche der handelnden Individuen keine systemkonstituierende Rolle spielen. Damit stehen wir den gegenwärtigen Herausforderungen aber mit leeren Händen gegenüber.

Der Mythos der „Großen Maschine“

Vor etwa 5000 Jahren, im alten Ägypten und etwas später in Mesopotamien, begannen das Bewusstsein und das Alltagsdenken der Menschen sich auf eine gravierende, bis heute anhaltende Weise zu verändern. Der damals von den Menschen erstmals erzählte Mythos der „Großen Maschine“ (Lewis Mumford) unterstellt, das naturwüchsige (= tradierte) soziale Beziehungs-Geflecht ließe sich wie eine Maschine synthetisch neu zusammensetzen, sodass ein „Macht-Haber“, der die dazu notwendige Technik beherrscht, es quasi „von außen“ kontrollieren kann. Technik, als Maschine begriffen, verleiht dem, der sie beherrscht (i. S. von „physisch besitzt“), Macht. Der Herrschende kann Macht nun wie eine (Sozial-)Technik anwenden, d. h. ohne auf die Eigenheiten von Individuen besonders Rücksicht nehmen zu müssen. Er muss dazu nicht mehr unbedingt natürliche Autorität ausstrahlen; es geht nun um eine erlernbare (Sozial-)Technik.

Unter „Maschine“ verstehe ich dabei generell die zweck– mäßige Anordnung genau definierter, genormter „Dinge“ (welcher Art auch immer), deren Verhalten einem im Prinzip digitalisierbaren Algorithmus folgt, und nicht dem, was sie von sich (von „Natur“) aus tun würden. Auch Menschen können – und das ist das damals revolutionär Neue – als solche „Dinge“ nicht nur gesehen, sondern auch so behandelt werden. Die Chance, dass Menschen das widerstandslos und vielleicht sogar als selbstverständlich hinnehmen, bezeichne ich als Macht, die (scheinbar) aus der Maschine kommt – und eben nicht mehr aus sinnstiftenden Kommunikationen autonomer Individuen.

Von dem Moment an, in dem Menschen – qua „Großer Maschine“ – als „Dinge“ behandelt werden können, können auch die Produkte ihres kommunikativen Handelns (wie z. B. Macht, Geld oder Technik) selbst zum Medium für Kommunikation und von Privat-Personen besessen werden. Sie verbergen dann ihre Herkunft aus kommunikativem Handeln dadurch, dass sie in den Augen der Beteiligten einen allgemein gültigen (d. h. als selbstverständlich unterstellten), binär codierten Wert darstellen / präsentieren. Im Fall von Macht ist dieser Code: gehorchen / nicht gehorchen; im Fall von Geld: bezahlen / nicht bezahlen; im Fall von Technik: richtig / falsch. Auf diese Weise wird Kommunikation dann selbst zu einem (wie Luhmann sagt: „symbolisch generalisierten“) Medium für Kommunikation. Das verlangt von uns ein fundamentales Umdenken: Wir denken meist nur darüber nach, was wir mit Medien alles machen können, statt auch darüber nachzudenken, was sie mit uns machen. „Das Medium ist die Botschaft“ (M. McLuhan).

In Gesellschaften, in denen Medien auf diese Weise ihre Herkunft aus Sinn stiftender Kommunikation verschleiern, neigen Menschen dazu, die Produkte ihrer eigenen Tätigkeit zu mystifizieren. In „Das Kapital“ erörtert Karl Marx die Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse und bemerkt dabei in einer Fußnote: „Es ist mit solchen Reflexionsübungen überhaupt ein eigenes Ding. Dieser Mensch ist z.B. nur König, weil sich andere Menschen als Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanen zu sein, weil er König ist.“[1]

Das heißt, das von ihnen Hervorgebrachte ist den Handelnden nicht mehr als ihr eigenes Produkt (be)greifbar. Das Sinn stiftende, kommunikative Handeln[2] scheint von nun an scheinbar spurlos und unauffindbar in Artefakten zu verschwinden, seien es nun Hierarchien, Geld und (besonders heute) sog. „Informations“-Techniken. Die Menschen sehen nicht mehr, dass der „König“ ihr eigenes Produkt ist, das Produkt ihres Teil-Nehmens an Kommunikation.

Der frühantike Mythos der „Großen Maschine“ ist bis heute die Blaupause für die Erzählungen geblieben, mit denen auch wir uns als gesellschaftliche Wesen reproduzieren; sie hat sich im Verlauf unserer Geschichte nur weiter verfestigt und differenziert. Diese verschleiernde, mystifizierende Art zu denken hat sich tief in unser Bewusstsein und unser Alltagsdenken eingegraben. Heute neigen wir dazu, in künstlichen Intelligenzen nicht mehr unser eigenes Produkt zu sehen, sondern ein mit GEIST begabtes „Wesen“, das uns „informieren“ kann.

Kommunikation „griffig“ verstehen

Der alltägliche, sich heute immer mehr einbürgernde Sprachgebrauch versteht unter Kommunikation jenen Vorgang, in dem Menschen sich durch den Austausch von „Informationen“ verständigen. Dass darin eine potentiell gefährliche Verkürzung liegt, machen wir uns gewöhnlich nicht klar: Wir behandeln Information wie ein „Ding“, d. h. wie ein Objekt, von dem wir glauben, es ließe sich – ähnlich wie Wissen in Form von Datenträgern oder Wert in Form von Geldkonten – besitzen, kumulieren, speichern, manipulieren und auf Andere übertragen, also unabhängig von unserer subjektiven Bedeutungsgebung.

In vielen Routinesituationen funktioniert dieses Denkmodell scheinbar problemlos, z. B. in der Technik oder beim Militär. Dass es etwas verschleiert und daher Probleme machen kann, zeigt sich spätestens in komplexeren Situationen wie in einer Diskussion, einem Disput und erst recht einem Konflikt. Hier versagt das Denkmodell bzw. wird schnell übergriffig. Das heißt: ich kann zwar in mein jeweiliges Gegenüber nicht hineinschauen oder hineingreifen, tue aber so, als ob das möglich wäre bzw. verlange von ihm, dass er das hinnimmt und vielleicht sogar als selbstverständlich ansieht. Mit dem Verständnis von Information als einem „Ding“ nehme ich aber nicht nur meinem Gegenüber, sondern auch mir selber die Freiheit, das, was „informiert“, selbst zu hervorzubringen.

In einer Kommunikation (egal ob Dialog oder Konflikt) sollte ich daher allein schon aus Eigeninteresse grundsätzlich dafür offen bleiben…

a) was genau ich eigentlich meine, d. h. was genau ich sagen / ausdrücken will; und

b) mit welchem Verhalten (Gesten, Worte etc.) ich das mitteilen will.

Denn was dann tatsächlich daraus wird, das entscheiden weder ich noch mein Gegenüber, sondern allein der – von uns Beiden nicht lenkbare, nicht absehbare – Verlauf der weiteren Kommunikation. Wie Kleist in seinem berühmten Essay „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ zeigt, kommt einem die genaue Idee dessen, was man sagen bzw. wie man es sagen will, überhaupt erst im Zuge ihrer Äußerung und in Resonanz mit den Äußerungen des Gegenübers.

Darüber hinaus sollte ich aber ebenfalls offen lassen,…

c) …ob mein Gegenüber mein Verhalten überhaupt als Mitteilung versteht (und nicht als zufällig und daher bedeutungslos).
„Verstehen“ heißt hier nicht mehr und nicht weniger, als dass mein Gegenüber versteht, dass ich ihm ein Sinn-Angebot Welchen Sinn er sich daraus konstruiert, das muss ich ihm selbst, seiner Psyche überlassen, in die Kommunikation ja nicht hineingreifen kann. Mein Gegenüber könnte z. B. ein Chinese sein, der nur „bahnhof“ versteht, aber damit immerhin soviel versteht, dass ich ihm etwas mitteilen will.
Zur Sinnkonstruktion durch die Psyche meines Gegenübers gehört nicht zuletzt auch die Auswahl der meinem Mitteilen zugrunde liegenden Intention. Seit Schulz von Thun wissen wir, dass beim Hören / Verstehen immer vier Dimensionen beteiligt sind, die der Hörer jeweils teils mehr, teils weniger in den Vordergrund stellen kann: er kann das ihm Mitgeteilte (z. B. den Satz: „Die Ampel ist rot!“) als Hinweis auf einen Sachverhalt interpretieren, als Hinweis auf einen „Sozialverhalt“ (d. h. auf meine Beziehung zu ihm), als einen Appell (er soll etwas tun oder unterlassen) oder einfach nur als Versuch, mich – wie D. Trump vor der UNO – selbst darzustellen oder – wie ein Künstler – meine Gefühle auszudrücken.

Und schließlich sollte ich auch offenlassen…
d) …ob mein Gegenüber mein Sinn-Angebot annehmen und mit einem eigenen Sinn-Angebot daran anschließen will, sodass die Kommunikation sich fortsetzen kann.

Ein Kommunikationsbegriff, der den eingangs erwähnten Übergriffen keinen Vorschub leisten will, der muss genau diese drei bzw. vier Stellen für den Verlauf der Kommunikation offen lassen. Und der ist wie gesagt von den Beteiligten selbst nicht kontrollierbar. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich gegenseitig in ihrem Handeln auf das jeweils Gemeinte hin zu orientieren.

Dieses Sich-gegenseitig-Orientieren bleibt natürlich vage – was aber kein Fehler ist; im Gegenteil, es bildet die Voraussetzung für Sinn stiftende Kommunikation. Aber dann taucht natürlich sofort die Frage auf, wie auf diese Weise Verständigung – ablesbar an koordiniertem Verhalten – überhaupt möglich und denkbar sein soll.

Für eine Antwort auf diese Frage müssen wir einkalkulieren, dass die Produkte von Kommunikation (wie z. B. Macht) ihre Herkunft aus Kommunikationen verbergen, indem sie in den Augen der Beteiligten einen allgemein gültigen (d. h. als selbstverständlich unterstellten), binär codierten Wert darstellen (im Fall von Macht: gehorchen / nicht gehorchen) und so selbst zum (wie Luhmann sagt) „symbolisch generalisierten“ Kommunikations-Medium werden.

Es geht daher heute um etwas, was ich ein „griffiges“ Verständnis von Kommunikation nenne. Damit meine ich einen Kommunikationsbegriff, der die Handelnden befähigt, die in Kommunikations-Medien wie Macht, Geld und Technik versteckten Kommunikationen wieder als Resultat ihres eigenen Handelns zu erkennen; d. h. er muss die erwähnten Leerstellen ihrem autonomen Handeln zugänglich machen. Nur so können verdinglichte Verhältnisse wieder ins Fließen kommen, nur so ist selbstwirksames Handeln (i. S. von A. Bandura) möglich.

Ein solches „griffiges“ Verständnis von Kommunikation befähigt Individuen, sich die Welt, die sie leben, kommunizierend auf eine Weise anzueignen, die ihnen hilft, sich als autonom handelnde, Sinn stiftende menschliche Wesen zu reproduzieren. Es muss begreifbar werden, wie individuelle Akteure in ihrer Beteiligung an Kommunikation allgemein gültigen Sinn hervorbringen, ohne damit ihre Autonomie, ihre Wahlfreiheit – und das heißt nichts anderes als ihr Mensch-sein – zu untergraben.

In einer sich globalisierenden Welt, die dazu tendiert, alle Lebensbereiche digital begreifbar zu machen, ist das ein große Herausforderung. Marshall McLuhan glaubte in den 1970er Jahren noch: „Die Implosion der elektronischen Technologie verwandelt den alphabetisierten, fragmentierten Menschen in ein komplexes und tiefgründiges menschliches Wesen mit einem tiefen emotionalen Gespür dafür, dass er in allen Bereichen mit der gesamten Menschheit verflochten ist.“ Angesichts des verschleiernden Charakters von Kommunikation und Technik muss das solange ein Traum bleiben, wie Menschen nicht lernen, ihr eigenes kommunikatives Handeln denkend zu „greifen“.

Fußnoten

[1] Das Kapital. Band 1. Erster Abschnitt, Erstes Kapitel.

[2] i. S.  von Hannah Arendt: „Vita activa oder Vom tätigen Leben“.

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