Denken ohne Geländer

Wie können wir uns in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt orientieren?

„Wenn Sie Treppen hinauf- oder heruntersteigen, können Sie sich immer am Geländer festhalten, damit Sie nicht fallen. Das Geländer jedoch ist uns abhanden gekommen. So verständige ich mich mit mir selbst. Und ‚Denken ohne Geländer’ ist in der Tat, was ich zu tun versuche.“

„Ich war immer der Meinung, dass man so zu denken anfangen müsste, als wenn niemand zuvor gedacht hätte. Und dann beginnen sollte, von den anderen zu lernen.“

(Hannah Arendt)

Man hört in letzter Zeit immer häufiger, die Unterscheidung „links / rechts“ als politische Richtungen mache heute keinen Sinn mehr. Ich möchte dem ausdrücklich widersprechen und behaupte, dass sie in Zukunft noch wichtiger sein wird als heute. Dazu müssen wir allerdings umdenken: wir dürfen diese Unterscheidung nicht als Kampfbegriff verwenden; es geht nicht darum, Andere ins Unrecht  zu setzen, um selber recht zu haben. Wir brauchen diese Unterscheidung vielmehr als Orientierung für vernünftiges politisches Denken und Handeln in einer immer komplexer werdenden Welt, in der wir zusammen mit – für uns undurchschaubaren – technischen Intelligenzen unsere Wirklichkeit „emulieren“ (G. Peyn).

Dazu möchte ich Sie zunächst zu einer höchst spannenden Lektüre einladen, zur Lektüre von Kants Essay: „Was heißt: sich im Denken orientieren?[1] Kant zeigt in diesem Text auf, wie wir von unserer Vernunft vernünftigen bzw. unvernünftigen Gebrauch machen können.

Kant beginnt zunächst mit der physischen Welt und fragt, wie wir uns ihr orientieren. Hier suchen wir einen objektiven Fixpunkt außerhalb von uns, z. B. Fixsterne oder die Kompassnadel. In Wirklichkeit aber, so Kant finden wir räumliche Orientierung niemals im Äußeren, sondern allein in uns selbst. Es ist unsere innere, rein subjektive Unterscheidung zwischen „links“ und „rechts“, die es uns erlaubt, uns an äußeren Dingen (wie den Fixsternen) zu orientieren. Wir müssen erst in uns selbst einen Standpunkt einnehmen, ehe wir erkennen können.

Besonders deutlich wird das, wenn ich mich in einem vollkommen dunklen (mir bekannten) Raum orientieren muss.

„Diesen geographischen Begriff des Verfahrens sich zu orientieren (also sich z. B. an den Fixsternen zu orientieren, F. F.)  kann ich nun erweitern, und darunter verstehen: sich in einem gegebenen Raum überhaupt, mithin bloß mathematisch, orientieren. Im Finstern orientiere ich mich in einem mir bekannten Zimmer, wenn ich nur einen einzigen Gegenstand, dessen Stelle ich im Gedächtnis habe, anfassen kann. Aber hier hilft mir offenbar nichts als das Bestimmungsvermögen der Lagen nach einem subjektiven Unterscheidungsgrunde: denn die Objekte, deren Stelle ich finden soll, sehe ich gar nicht; und, hätte jemand mir zum Spaße alle Gegenstände zwar in derselben Ordnung unter einander, aber links gesetzt, was vorher rechts war, so würde ich mich in einem Zimmer, wo sonst alle Wände ganz gleich wären, gar nicht finden können. So aber orientiere ich mich bald durch das bloße Gefühl eines Unterschiedes meiner zwei Seiten, der rechten und der linken.“ (Hervorhebung durch mich F. F. )

Ähnlich und doch anders ist es, so Kant weiter, wenn wir die räumliche Welt verlassen und uns geistig-kognitiv, also rein im Denken orientieren wollen. Dann verschwindet jeder Unterschied zwischen außen und innen und wir sind allein auf uns selbst, auf einen (vernünftigen) Gebrauch der Vernunft angewiesen. Vernünftiges Denken hat das Bedürfnis, das Ganze zu erkennen, weil oder obwohl es über die empirische Welt nichts endgültiges wissen kann. Woran kann sich das Denken dann orientieren?

Eine Möglichkeit, um empirische Phänomene vernünftig zu erklären, wäre es, sich als ihren Urheber „rein geistige Naturwesen“ vorzustellen; klassisch sind das Dämonen. Damit würde aber, so Kant, „dem Gebrauche der Vernunft (..) Abbruch geschehen.“ Denn die Tendenz der Vernunft, Dämonen zur Erklärung heranzuziehen, ist „bloßer Vorwitz, der auf nichts als Träumerei ausläuft, darnach zu forschen, oder mit Hirngespinsten der Art zu spielen.“

Ehe ich Kants Gedankengang weiter folge, erst noch eine in unserem Zusammenhang hier bedeutsame Zwischenbemerkung. In einer Gesellschaft, deren Zusammenhang sich noch nicht nach dem Bauplan der „Großen Maschine“ herstellt und deren Mörtel noch nicht das Amalgam Macht+Technik bildet, d. h. in der sog. „archaischen Stammesgesellschaft“, ist der Glaube an Dämonen Ausdruck von Vernunft. Die träumende Vernunft gebiert hier keine Ungeheuer – im Gegenteil; man denke etwa an die Traumzeit der Aborigines. „Zirkuläres Denken ereignet sich im Verstehen oder in der Praxis der zirkulären Natur der Lebensprozesse. Dieses Verstehen entsteht auf natürliche Art und Weise, wenn das menschliche Leben der Natur nahe genug ist, um mit ihren zirkulären Dynamiken zu fließen. So ist zirkuläres Denken gewöhnlich gegenwärtig in ,primitiven‘ Gesellschaften und verschwindet in unserer westlichen patriarchalen Kultur mit deren Ausrichtung auf Produktion in der Inbesitznahme der Natur.(…) In „primitiven“ Traditionen sind menschliche Wesen Teil der Natur und nehmen teil an der Zirkularität der Natur.“ (Maturana 1994, Liebe und Spiel, S. 9).

Heute dagegen, in einer Gesellschaft, deren Zusammenhalt auf Macht+Technik und damit auf dem sehr genauen Unterscheiden von geistigen und natürlichen Vorgängen beruht, kann Glaube an „rein geistige Naturwesen“, also Dämonen, nur Unheil anrichten: „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer.“ Faschistische ebenso wie kommunistische Schreckensherrschaften beziehen ihre Macht aus der Dämonisierung vermeintlicher Gegner, die als die Urheber alles Schlechten dargestellt werden. Auch die sich in den sog. „sozialen Netzen“ zusammenbrauenden Verschwörungstheorien gehören hierher.[2]

Aber noch einmal zurück zum Gedankengang Kants. Wenn wir die Vernunft nicht ihren monströsen Träumereien überlassen wollen, so Kant, sind wir allein auf uns selbst verwiesen. Wir können uns nur an rein subjektiven Ideen als dem Fluchtpunkt unseres Denkens orientieren, die wir aber nicht absolut setzen dürfen (dann werden wir dogmatisch-unvernünftig; sh. z. B. die „Göttin der Vernunft“ in der Französischen Revolution); wir dürfen ihnen lediglich eine regulative Funktion zugestehen. Wir können dann die Produkte unseres Denkens und Handelns a) auf ihre innere Stimmigkeit überprüfen und b) daraufhin, ob sie eine kohärente, lebbare Welt möglich machen.

Damit nähere ich mich nun dem Thema „Weltbild“ und der Frage, wie sinnvoll die Unterscheidung „politisch links – politisch rechts“ sein könnte. Weltbilder beruhen auf Grundüberzeugungen, die wiederum unseren Wünschen folgen. Maturana schreibt: „Die Grundüberzeugung, auf die ein Mensch sein rationales Verhalten gründet, ist notwendig seiner persönlichen Erfahrung untergeordnet und erscheint als ein Wahlakt, der eine Präferenz ausdrückt, die nicht rational vermittelt werden kann.“ (H. Maturana (2000): Biologie der Realität, S. 92). Als „regulative Idee“ meiner (politischen) Vernunft kann aber nur der menschliche freie Wille dienen. Es geht also im politischen Denken und Handeln um die frei-willige „Annahme eines Bezugsrahmens, den der Mensch ganz speziell dafür aufbaut, seine Wünsche (und nicht seine Bedürfnisse) zu erfüllen, und der daher die Funktionen definiert, die jene (kulturelle und materielle) Welt erfüllen muss, in der der Mensch leben will.“ (a. a. O. )
Und dieser Bezugsrahmen, so Maturana (dem ich hier unbedingt folge), kann eben nicht rational, sondern nur ästhetisch begründet werden.

Warum „ästhetisch“ begründen?

Menschen sind „hybride“ Wesen: Sie sind in zwei vollkommen unterschiedlichen und inkommensurablen, sich aber gegenseitig notwendig ergänzenden Phänomenbereichen gleichermaßen zu Hause: im Reich der Natur und im Reich des Geistes.

Im Reich der Natur ist alles wechselseitig Zweck und Mittel zugleich; hier herrscht eine zirkuläre Logik. Ohne massiven Informationsverlust können wir hier nichts fest-stellend beobachten.

Im Reich des Geistes, den wir Menschen als gesellschaftliche Wesen in-Sprache aufbauen („emulieren“), herrscht dagegen die binäre Logik des Unterscheidens/Bezeichnens; die dabei unvermeidlich erzeugten blinden Flecke tragen wir, wissend oder unwissend, immer mit uns mit. In Sprache Identitäten festzustellen, ist daher immer paradox.

Wenn nun die – auf das Ganze zielende – Vernunft sich nicht kritisch prüft, sondern träumt, dann gebiert sie wie gesagt Ungeheuer. Sie versucht dann, „objektive“ Prinzipien für politisches Handeln zu formulieren, sie wird totalitär. Sie blendet dann jeweils einen der beiden Phänomenbereiche aus und verabsolutiert den anderen.

Jene Haltung, die die paradoxe Logik von Sprache und Gesellschaft ausblendet (weil sie ihr schlicht unheimlich ist) und die statt dessen sogenannte „objektive Gesetze der Natur“ postuliert, nenne ich „einseitig rechts.“
So sagte z. B. Margret Thatcher: „Gesellschaft – das gibt es nicht; es gibt nur einzelne Männer und Frauen und ihre Familien.“ Damit bekommen die angeblichen „Gesetze“ des Marktes freie Hand. Oder die „Gesetze“ der Biologie: „Du bist dein Gehirn!“ Oder nackter, faschistischer Darwinismus: „Überleben des Starken, Ausmerzen des Schwachen.“ Auch die Ideologie von Konzernen wie Monsanto gehört hierher. Und natürlich die alptraumartigen Zukunftsszenarien aus dem Silicon Valley. Aber auch die bis zu Platon und das alte Rom zurückreichenden Vorstellungen von Gesellschaft als einem „Organismus“ (der Faschismus bediente sich dieser Vorstellungen gerne) sind noch keineswegs verschwunden.

Die Haltung dagegen, die die zirkuläre Logik der Natur ausblendet und an ihre Stelle reinen Geist setzt, nenne ich „einseitig links“. Der erste, der glaubte, die Gesetze erkannt zu haben, nach denen sich der „reine Geist“ formt (in einer Bewegung von der naiven Wahrnehmung über das Bewusstsein bis zum „Weltgeist“), war Hegel. Im Gegensatz zu Kant (den er dafür kritisierte) glaubte Hegel, dafür von der sinnlichen Anschauung absehen zu können. Sein Schüler Marx wiederum glaubte, die objektiven Gesetze der Bewegung menschlicher Gesellschaft gefunden zu haben. Dieser Traum der Vernunft führte schließlich in immer grausamere Schreckensherrschaften, von Lenin über Stalin und Mao bis hin zu Pol Pot.

Wie kann ich mich nun zwischen diesen beiden Extremen vernünftig bewegen?

Auf eine kohärente, leb-bare Welt als den Fluchtpunkt meines Denkens ziele ich genau dann, wenn ich mein politisches Denken an der Idee des freien Willens orientiere. Und dazu muss ich als Beobachter Sinn für ästhetische Einheit kultivieren, und zwar so wie ihn Kant bzw. Gregory Bateson und Heinz von Foerster verstehen: so zu beobachten, dass für mich ebenso wie für Andere mehr (Anschluss-) Möglichkeiten entstehen. Als literarisches Beispiel dafür könnte Peter Weiß’ „Ästhetik des Widerstands“ dienen.

Totalitäre Ideologien dagegen missbrauchen ästhetische Formen, um Menschen zu verführen. Sie stellen ihre physischen und geistigen Fähigkeiten in den Dienst der „Großen Macht-Maschine“. Man denke an Massenaufmärsche in totalitären Diktaturen oder an Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“.

Fußnoten

[1] Den Text finden Sie hier: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Was+hei%C3%9Ft%3A+sich+im+Denken+orientieren

[2] Nichtsdestoweniger kann es sinnvoll sein, den Dämonenbegriff heuristisch zu gebrauchen, man denke etwa an den Maxwell’schen Dämon.

 

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