EinBILDungsKraft und Resonanzfähigkeit – Was es bedeutet, Mensch zu sein

Über das Muster, das Maturana und Luhmann verbindet

„Erkenne dich selbst“
Inschrift am Apollotempel in Delphi

Was genau heißt es, ein Mensch zu sein? Und nicht etwa eine technische Intelligenz, ein Tier, ein Geist oder was immer?
Diese Frage ist kein philosophischer Luxus. Angesichts der Riesenwellen, die im Zuge der Digitalisierung die Wirklichkeiten, die wir leben, um- über- und unterspülen
 [1], müssen wir sie heute auf eine grundsätzlich neue Weise stellen. Auch und gerade die Systemtheorie ist hier herausgefordert.

Wenn es um die Frage nach „dem Menschen“ geht, sieht die Systemtheorie mindestens drei vollkommen unterschiedliche Arten von Systemen am Werk, nämlich organische, psychische und soziale. Viele Systemiker glauben, mit dem Verweis auf deren „strukturelle Kopplung“ schon alles gesagt zu haben, was sich darüber sagen lässt. Dabei beginnt doch damit erst das Rätsel: die Systemtheorie beobachtet Systeme ja als auto-poietisch, d. h. als Systeme, die die Elemente, aus denen sie sich konstituieren, ebenso wie das Netzwerk, das diese Produzieren aufrechterhält, selbst (re)produzieren. Und diese Elemente sind z. B. Moleküle, psychische Vorstellungen und Kommunikationen, sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

 Wie müssen wir uns also das Muster vorstellen, das sie verbindet? Es ist ja als solches nicht beobachtbar; d. h. wir können uns von ihm keinen Begriff machen. Können wir es dennoch „greifen“? Wenn ja, wie?

Die Frage nach dem „Muster, das verbindet“ stammt von Gregory Bateson. Bateson war sozusagen der Großvater der Systemtheorie. Mit dem verbindenden Muster oder Meta-Muster hat er etwas Bedeutsames gesehen und (eher noch tastend) gegriffen. Er hat eine Spur gelegt, der dann die Väter der Systemtheorie – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – erst einmal nicht folgen wollten (außer vielleicht Heinz von Foerster).

Es geht hier um ein Beobachten dritter Ordnung, ebenfalls ein Begriff, zu dem Systemiker bis heute eher zögernd greifen. Beobachter dritter Ordnung heißt, zu fragen, welche Begrifflichkeit, welche Sprache es braucht, um beschreiben zu können, wie Systeme mit ihrem blinden Fleck umgehen, wenn sie fortlaufend in ihre eigene Unterscheidung eintreten (der berühmte re-entry). Soweit der Luhmann’sche Begriff von Beobachten dritter Ordnung, der natürlich, wie Luhmann selber weiß, weiter Beobachter zweiter Ordnung bleibt.

Darüber hinaus kann Beobachten dritter Ordnung aber auch heißen, dass der Beobachter sich fragt, wie er die (als solche unbeobachtbare) Eigen-Bewegung von Systemen so beobachten und greifen kann, dass er in ihr die Bewegung seines eigenen Denkens, d. h. seines Erkenntnis-Handelns, (wieder-)erkennen kann. Mit anderen Worten: wie er im Sinne Heinz von Foersters „Teil der Welt“ bleibt, die er lebt.

Gesellschaftliche und personale Synthesis: wie hält Gesellschaft, wie hält die Person „im Innersten“ zusammen?

Das Problem, vor dem wir hier stehen, lautet: Die Welt, die wir als Menschen leben, ist von hybridem Charakter; sie ist reine Physik, reine Biologie, ebenso aber auch reiner Geist. In beiden Welten herrschen völlig unterschiedliche Logiken: In der einen herrscht eine zirkuläre Logik; alles ist sich wechselseitig Mittel und Zweck zugleich. In der anderen herrscht die binäre Logik des Unterscheidens, die ihren blinden Fleck nie los wird. Wie lässt sich das Muster greifen, das beide verbindet?

 Geist und Natur zu unterscheiden, ist die – von Descartes begründete – große Errungenschaft der Moderne. Sie ist die Bedingung für wissenschaftlich begründete Technik – aber auch für die schwer kontrollierbaren Risiken, mit denen uns der sich globalisierenden Kapitalismus heute konfrontiert. Descartes verortete die Einheit von res cogitans und res extensa im Transzendenten, Ungreifbaren. Was es heute braucht, das ist, diese Differenz in die von uns gelebte Welt wieder so einzubauen, dass sie greifbar wird.

Wenn wir uns die Kopplung lediglich zweier Systemarten herausgreifen, also Organismus / Psyche bzw. Psyche / Sozialsystem, dann ist das kein großes Problem. Maturana hat mit seinem Begriff von sozialem System die erste Variante gewählt, Luhmann wählte mit seinem Gesellschafts-Begriff die zweite.

Maturana bindet den Beobachter von Anfang an zirkulär in seine Lebenswelt ein, d. h. in die Welt, die er lebt und die er gemeinsam mit anderen Beobachtern in Konversationen hervorbringt. Unter Konversation versteht Maturana „die Verflechtung von Sprachhandeln und Emotionieren, in der sich alle menschlichen Tätigkeiten ereignen. Wir menschliche Wesen leben in Konversationen, und alles, was wir tun, ereignet sich in Konversationen.“[2]

Mit dem Begriff des Emotionierens bringt Maturana die Biologie ins Spiel. Emotion bezeichnet die physiologische Struktur eines Organismus, die ihm – wie etwa die berühmte Cannon’sche Kampf-/Flucht-Reaktion – die Energie für ein bestimmtes Verhalten bereitstellt und ihn für eben dieses Verhalten dispositioniert.

Aus dieser (biologischen) Sicht ist ein soziales System ein Netzwerk von Verhaltenskoordinationen. Ein Beobachter spricht von einem sozialen System immer dann, „wenn er zwei oder mehr Organismen sieht, deren Handeln von gegenseitiger Annahme geleitet wird.“ [3]  Der Modus der gegenseitigen Annahme – Luhmann spricht hier von der Emotion der Liebe – bildet das Medium, das „Zwischen“, das Unterschiede zwischen Individuen so vermittelt, dass sie sich gegenseitig ergänzen und gelebt werden können. Wenn Individuen sich nicht immer wieder in diesen Modus einschwingen, entziehen sie sich selbst ihre Existenzgrundlage. Nur im Modus gegenseitiger Annahme können Individuen einerseits ein soziales System als ein Netzwerk von Verhaltenskoordinationen aufrechterhalten und sich andererseits gleichzeitig als Individuen verwirklichen.

Wenn wir Maturanas Definition sozialer Systeme ernst nehmen, dann können wir die moderne Gesellschaft nicht als soziales System bezeichnen. Das mag weltfremd klingen und das ist in der Tat auch der Vorwurf, der Maturana oft gemacht wird – wie ich sagen würde: vorschnell und unüberlegt. Denn erst mit der Sichtweise Maturanas bekommen wir die Wahlfreiheit von Individuen, ihre Fähigkeit, zu entscheiden in den Blick – und damit die grund-legende, in der Biologie wurzelnde Bedeutung gegenseitiger Annahme der Akteure. Ohne diesen Blick scheint Sprach-Handeln in den sich in Dingen verkörpernden Medien spurlos zu verschwinden, wie etwa in Macht und / oder Geld, die Erleben und Handeln scheinbar alternativlos verkoppeln. genau dies ist ja auch die Gefahr, die mit der Digitalisierung unserer Lebenswelten kommt.

Wenn wir vor dieser Gefahr nicht die Augen verschließen wollen, dann brauchen wir die Perspektive Luhmanns, d. h. wir müssen Gesellschaft als etwas begreifen, was sich, um mit Marx zu sprechen, „hinter dem Rücken“ der Akteure vollzieht. Die Elemente, aus denen sich Gesellschaft konstituiert, und die sie selbst produziert, müssen wir als Kommunikationen begreifen, in denen die Individualität der Akteure scheinbar spurlos verschwindet. Gesellschaft ist ein sich spontan reproduzierendes, sich selbst sinn-voll beobachtendes (autopoietisches) System anschlussfähiger Kommunikationen. Gesellschaft braucht, um sich zu verwirklichen, zwar handelnde Individuen, aber eben nur als „Personen“, d. h. als Träger vorgegebener Rollen. Und nur soweit sie diese Rollen angemessen „performieren“ (ausfüllen), reproduzieren sie sich als Menschen mit einem Bewusstsein und einem Körper.

Maturana und Luhmann haben seinerzeit, als sie in Bielefeld die Gelegenheit dazu hatten, leider keine gemeinsame Sprache gefunden. Und das ist bis heute so geblieben. Viele Systemiker erzählen sich immer noch die Geschichte, dass die Suche nach dem verbindenden Muster sinnlos, nutzlos ist. Bestenfalls sagt man noch, dass man das eben „nicht brauche“. Es sind eben zwei völlig unterschiedliche, inkommensurable „Theoriearchitekturen“, basta.

Auf diesem Standpunkt stehen zu bleiben, ist aus meiner Sicht – Entschuldigung – dumm. Wir verpassen damit nämlich eine Chance: die Chance der leeren Form.

Wenn ich „Luhmann“ (d. h. die Gesellschaftlichkeit des Menschen) von „Maturana“ aus beobachte (d. h. von der Biologie des Menschen) – und dann umgekehrt „Maturana“ wieder von „Luhmann“ aus beobachte, dann stehe ich am Ende mit leeren Händen da. Bei George Spencer-Brown ist dies das „Gesetz des Kreuzens“: „Wenn beabsichtigt ist, eine Grenze zu kreuzen, und dann beabsichtigt ist, sie noch einmal zu kreuzen, ist der Wert, der durch die beiden Absichten zusammen bezeichnet wird, der Wert, der durch keine der beiden bezeichnet wird.“ [4]

Leere Formen sind aber wichtig.   Ohne sie ließe sich nicht greifen, was es heißt, Mensch zu sein.

Luhmanns Begriff von Kommunikation bzw. von Gesellschaft ist streng binär angelegt; hier folgt er George Spencer-Browns Formenkalkül. Systeme operieren, indem sie Unterscheiden mit Bezeichnen koppeln. Anders ausgedrückt: etwas zu markieren / zu fokussieren heißt, gleichzeitig einen (nicht beobachteten) Kontext hervorzubringen.

Nun hat Luhmann aber (nach eigener Auskunft) die „Laws of Form“ nie komplett gelesen. Vermutlich glaubte er daher, guten Gewissens auf das Rechnen mit imaginären Werten verzichten zu können. Daher begnügte er sich bei der Beschreibung des Wieder-Eintritts des Systems in sich selbst mit einer Zwei-Seiten-Form, der Differenz von System und Umwelt. Der Beobachter kann externer Beobachter bleiben; es genügt zu sehen, dass und wie das System die Unterscheidung System / Umwelt als selbst- bzw. fremdreferenzielles Operieren in sich selbst abbildet. Wieder-Eintritt heißt dann einfach, dass das System die Unterscheidung System / Umwelt wieder in sich selbst einführt.

Die Erfahrung zeigt, dass sich damit gut und erfolgreich arbeiten lässt. Es ist zwar ein hoch abstraktes Konstrukt, das in der Wirklichkeit, die wir leben, nicht greifbar wird (Luhmanns berühmter „Flug über den Wolken“). Therapeuten, Sozialarbeiter, Berater etc. können damit dennoch ihren Klienten helfen, sich selbst von außen zu beobachten, neue und ungewohnte Perspektiven zu gewinnen und so erfolgreich die Probleme zu lösen, in denen sie feststecken.

Die Beschränkung auf Zwei-Seiten-Formen hat aber ihren Preis: sie schließt nicht von selbst an die zirkuläre Logik der Natur an; sie ist, so auch die Kritik Heinz von Foersters, an lebendiger Rekursivität nicht interessiert. In der Luhmann’schen Zwei-Formen-Logik bleibt der Beobachter außen vor – uneinholbar wie der Schwanz, dem die Katze hinterher jagt. Das heißt: das Mensch-sein kommt nicht in den Blick, wird nicht „greifbar“ – dabei steht es als solches doch immer auf dem Spiel…

Gesellschaftliche und personale Synthesis – das was Gesellschaft und Person im Innersten zusammenhält – verschwindet damit im blinden Fleck. Insofern ist Maturana zuzustimmen, wenn er sagt, „dass Niklas Luhmann den Begriff der Autopoiesis als ein Prinzip zur Erklärung des Sozialen benutzt, das die zu beschreibenden Prozesse und die sozialen Phänomene nicht erhellt, sondern eher verdeckt.“[5]

Autopoietische Systeme sind kognitive Systeme

Zum Folgenden vergleiche das Diagramm.

x erkennen-bewegen mimikry-mimesis

Die Besonderheit von Diagrammen gilt es gut zu verstehen: sie machen nicht Objekte anschaulich, sondern Relationen von Objekten. Der Beobachter kann operativ eingreifen und damit etwas nicht Beobachtbares sinnlich erfahrbar machen. Damit werden Zusammenhänge evident, unmittelbar ein-sichtig, die nicht explizit in die Konstruktion eingegangen sind. Nach Ch. S. Peirce ist „alles notwendige Denken (…) diagrammatisch.“ [6]
Mit anderen Worten: das folgende Diagramm erschließt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick (so wie vielleicht das Titelbild mit dem Kopf Apollos), sondern erst, wenn man aktiv „ein-greift“.

Der Begriff „Autopoiesis“ erklärt nichts, er ist – ähnlich wie „Schwerkraft“, „Instinkt“ etc. – ein Erklärungs-Prinzip, eine „regulative Idee“ im Sinne Kants: Anleitung für ein „vernünftiges“ Beobachten lebender und Leben voraussetzender Systeme. Wenn wir Autopoiesis (be)greifen wollen, dann müssen wir einen Erklärungsmechanismus konstruieren, der das zu erklärende Phänomen – Autopoiesis – für uns als Beobachter hervorbringt, und zwar für biologische ebenso wie für soziale Systeme.

Das bedeutet aber, dass wir die reale Existenz des zu Erklärenden zunächst voraussetzen müssen, ohne ihre Evidenz zeigen zu können. Luhmann beginnt daher seine Analyse sozialer Systeme folgerichtig mit dem berühmt gewordenen Satz: „Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es Systeme gibt.“[7] Das ist solange kein Ontologisieren von Systemen, wie wir auch unser Beobachten selbst, unser eigenes „Erkenntnisverhalten“ (Luhmann), als zu beobachtendes System in den Erklärungsmechanismus einbinden. Der Satz Luhmanns wird zu einer Heuristik.

 Damit ist ein erster, entscheidender Schritt in Richtung eines Erklärungsmechanismus getan: Wir begreifen alle lebenden und Leben voraussetzende Systeme (auch Organismen ohne Nervensystem) als kognitive Systeme. Ihre interne Organisation definiert einen Interaktionsbereich, innerhalb dessen sie zum Zweck der Selbsterhaltung agieren können, d. h. sie legt die Grenzen einer (ihrer) Lebenswelt („Nische“) fest. [8] Dabei erzeugt das System spontan (= aus sich selbst heraus) die Unterschiede, die es braucht, um sich selbst und die Welt, die es lebt, (wieder-)erkennen und somit von Moment zu Moment in sich selbst „wieder eintreten“ zu können (re-entry).

Genau genommen – und hier sollten wir genau sein! – können Systeme ihre Unterscheidung System / Umwelt nicht wieder in sich einführen. Sie haben ja keine Information von einer „Umwelt“; sie müssen Irritationen (unbestimmte Formen) spontan in Informationen (bestimmte Formen) transformieren. „Spontan“ meint: ohne beobachtbaren Anlass und von Moment zu Moment, also temporalisiert.

Das bedeutet: um die Anschlussfähigkeit von Ereignissen im Prozess zu gewährleisten, müssen Systeme (bzw. müssen wir als Beobachter) nicht nur eine, sondern drei Differenzen auseinanderhalten und rekursiv miteinander koppeln:

  1. Die Differenz von Fremd- und Selbstreferenz; ihre rekursive Kopplung produziert hier-und-jetzt Ereignisse, pure aktuelle Möglichkeiten.
  2. Die Differenz von Gedächtnis- und Beobachter-Funktion; ihre rekursive Kopplung greift Ereignisse und ordnet sie „sinn-voll“ in ein virtuelles Vorher-Nachher-Kontinuum ein.

Die Differenz von 1. und 2.; ihre rekursive, rhythmisierte Kopplung macht den Wiedereintritt für das Beobachten greifbar

  1. Fremd- und Selbst-Referenz: Erkennen und Bewegen

Fremd-referenziell zu operieren bedeutet Erkennen (Kognition); d. h. das System identifiziert „Objekte“, indem es sich schließt und Irritationen kompensiert. Ein externer Beobachter erkennt dann angemessenes Verhalten in einem bestimmten Bereich. 

Selbst-referenziell zu operieren bedeutet dagegen Bewegen (Volition); d. h. das System öffnet sich für Irritationen. Aus Sicht eines externen Beobachters verändert das System seine Haltung oder seinen Standpunkt in Beziehung zu seiner Umwelt.[9]

Dies ist der (kybernetische) „Keim“ von Autopoiesis. In rekursiver Kopplung von Erkennen und Bewegen (re)produzieren Systeme hier-und-jetzt die Elemente, aus denen sie sich jeweils konstituieren – seien es Moleküle, Vorstellungen oder Kommunikationen.

Auf dieser Ebene (Kybernetik erster Ordnung) sind diese Elemente allerdings noch bloße Ereignisse, pure Möglichkeiten (unbestimmte Formen); sie zerfallen so, wie sie entstehen und verbinden sich noch nicht zu dem Netzwerk, das sie hervorbringt (und genau das ist ja die Definition eines autopoietischen Systems). Die Ereignisse müssen erst noch „sinn-voll“ zu einem virtuellen Vorher-Nachher-Kontinuum verbunden werden.

  1. Gedächtnis- und Beobachter-Funktion: Mimikry, Mimesis und EinBILDungsKraft

Um (nicht anschlussfähige) Irritationen in (anschlussfähige) Informationen zu verwandeln, muss das System bewährte Verknüpfungsmuster schematisieren und abrufbar bereithalten (Gedächtnis-Funktion: schließen-öffnen-schließen).
Zugleich muss es aber auch offenbleiben für neue Verknüpfungsmuster (Beobachter-Funktion: öffnen-schließen-öffnen).
Indem das System beide (Teil-) Bewegungen in einer virtuellen Realität „sinn-voll“ zu einander in Beziehung setzt, gewinnt es greifbare, zeitstabile Formen.

Diese beiden (Teil-)Bewegungen nenne ich Mimikry bzw. Mimesis. Mit diesen vielleicht noch etwas ungewohnten Begriffen bezeichne ich die beiden sich gegenseitig ausschließenden, aber wechselseitig aufeinander angewiesenen, virtuellen Bewegungen, mit denen ein System seine Eigen-Bewegung so nach- und vor-ahmt, dass es sich in ihr wiedererkennen und an sich selbst anschließen kann.

Heinz von Foerster verwies, um diese doppelte Bewegung zu charakterisieren, gerne auf das Bild des doppelten Uroboros: Eine Schlange, die in den Schwanz einer anderen Schlange beißt, so als ob es ihr eigener wäre.

ouroborosA

Mimikry

Mimikry sorgt dafür, dass das Operieren des Systems fortlaufend eine beobachtbare (für das System selbst ebenso wie für Andere zuverlässig wiedererkennbare) Form annimmt: eine Form, die die Haltung oder den Standpunkt des Systems zu sich selbst und seiner Welt repräsentiert oder an-zeigt.

Diese Bewegung verschwindet immer wieder – scheinbar spurlos – in ihrem eigenen Resultat. Ich nenne sie deswegen „Mimikry“, weil das System die (selbst generierten) Irritationen in Form digital konstruierter Algorithmen nach-ahmt, die es sich dann „täuschend ähnlich“ immer wieder neu vor-ahmt.

In der Biologie spricht man von „Mimikry“, wenn Organismen evolutionär eine Technik entwickeln, um bestimmte äußerliche Merkmale vorzutäuschen, die auf einen anderen Organismus als Signal wirken, die also bei diesem unmittelbar ein spezifisches Verhalten auslösen: potentielle Opfer oder Sexualpartner werden durch das Merkmal angelockt, Fressfeinde werden abgeschreckt oder sie übersehen den Organismus ganz einfach.

Mimikry heißt, sich immer wieder um sich selbst zu drehen, mit Nietzsche gesprochen: die „ewige Wiederkunft des Gleichen“. Mimikry ist der – unverzichtbare – blinde Fleck des Systems. Mimikry ist die Erwartung, „daß eine Interaktion, die einmal stattgefunden hat, wiederum stattfinden wird. Geschieht dies nicht, so zerfällt das System.“[10] Oder um es mit Wittgenstein zu sagen: Mimikry dient der Kontrolle von Vergangenheit und Identität.

Mit Mimikry schreiben / gravieren sich Erkennen und Bewegen als Zeichen so in den (eigenen) Körper ein, dass er vom System automatisch als identisch wieder-erkannt und wieder-gelesen werden kann.

Mimesis

Mimesis macht demgegenüber dem System das Medium greifbar, durch das ihm seine eigene (an sich unbeobachtbare) Bewegung so zugänglich wird, dass es sich auch noch in allem zu-fälligen Wandel seiner Welt hindurch fortlaufend wiedererkennen kann.

Mimesis operiert mit Mustern, d. h. mit bloßen Relationen und sorgt dafür, dass das System in seinem Sich-selbst-gleich-Bleiben fortlaufend neue Formen annehmen und sich dennoch in ihnen wiedererkennen kann.

Diese Bewegung realisiert sich immer wieder selbst als ihr eigenes Medium. Ich nenne sie deswegen „Mimesis“, weil das System hier seine Irritationen nicht digital, sondern analog erfasst; d. h. es beobachtet sie in Form (zeitlicher und / oder räumlicher) Muster, die es sich dann fortlaufend vor- und (selbst-ähnlich) immer wieder nach-ahmt.

Mimesis ist die Entscheidung des Systems, sich nicht mehr in immer gleicher Weise um sich selbst zu drehen, sondern neue Muster zu generieren und dafür mit einem Gegenüber zu resonieren; genauer gesagt, mit einem doppelten Gegenüber: einerseits mit seinem ver-körperten Selbst (à Mimikry) und andererseits mit einer „vor-gestellten“, imaginären Welt – und dabei, wie Walter Benjamin einmal formulierte, zu „lesen, was nie geschrieben wurde.“
Um es wieder mit Wittgenstein zu sagen: Mimesis ist die Quelle von Vergangenheit und Identität.

EinBILDungsKraft oder allgemeiner: bildende Kraft [11]
ist, kurz gesagt, die Fähigkeit eines jeden (kognitiven) Systems, sich selbst so zu irritieren, dass es seine Autopoiesis fortsetzen kann.

EinBILDungsKraft ist Resonanz-Fähigkeit, die Fähigkeit des Systems, mit sich selbst zu resonieren und muss daher doppelt gesehen werden, als passiv und aktiv in einem:

— einmal als die Fähigkeit des Systems, hier-und-jetzt einen Raum offen zu lassen, in dem unbestimmte Formen (Irritationen) sich so in spezifische, bestimmte Formen (Informationen) verwandeln können, dass es fortlaufend und bruchlos an die dabei unweigerlich ko-produzierten unbestimmten Formen anschließen kann;

— zum anderen als das (wie Kant sagt) „tätige Vermögen“ des Systems, die virtuelle „Synthesis des Mannigfaltigen“ zustande zu bringen.

Die Form bzw. das Medium dafür sind Bilder, imaginäre Formen. [12] EinBILDungsKraft ist die Fähigkeit des Systems, ein virtuelles Bild „vor sich hinzustellen“, mit ihm wie mit einem von ihm unabhängigen Objekt zu interagieren, mit sich selbst zu resonieren und so laufend (s)eine Wirklichkeit zu er-rechnen.

Was „Bild“ in diesem Zusammenhang bedeutet, möchte ich mit Kants Begriff der „ästhetischen Idee“ verdeutlichen (§ 49 Kritik der Urteilskraft). Eine ästhetische Idee, ein „Bild“, ist eine Vorstellung, der eine solche Mannigfaltigkeit von Teilvorstellungen assoziiert ist, dass für sie keine bestimmte Form gefunden werden kann, die also viel Unbestimmbares hinzudenken lässt und die das „Erkenntnisvermögen belebt“, d. h. die die Rekursion von Erkennen und Bewegen in Gang hält. Bilder bringen komplexe, auch scheinbar paradoxe oder widersprüchliche Phänomene in einen handhabbaren, „sinn-vollen“ Zusammenhang.

Die Frage ist dann, wie wir „Sinn“ begreifen wollen.

Nach Luhmann beobachten Systeme immer dann in der Form und im Medium von Sinn, wenn sie aktuell Gegebenes als etwas mit sich selbst Identisches behandeln, das seine Bedeutung aber aus einem unabsehbaren Horizont weiterer, nicht aktualisierter Möglichkeiten bezieht. Organismen operieren nicht im Medium Sinn, das tun nur psychische und soziale Systeme. Der Wiedereintritt wird dann dadurch möglich, dass (psychische bzw. soziale) Systeme Sach-, Zeit- und Sozial-Verhalte fest-stellen.
Die Physik und die Biologie halten in den Dingen quasi ihren Atem an, damit Gesellschaft – als ein von ver-körperten Beobachtern unabhängig bestehendes autopoietisches System von Kommunikationen – möglich und denkbar wird.

Gesellschaftliche und personale Synthesis, das „Muster, das verbindet“, ist damit nicht greifbar.

Ich folge mit meinem Sinn-Begriff daher Ralf und Gitta Peyn.[13] Sinn-voll zu operieren heißt: das System verknüpft fortlaufend Aktualität (Gegenwart) mit Virtualität (Vergangenheiten und Zukünften). Aktualität er-rechnet das System in rekursiver Kopplung von Erkennen und Bewegen; Virtualität er-rechnet es in rekursiver Kopplung von Mimikry und Mimesis.

 Dann muss die Natur (Physik und Biologie) nicht mehr ihren Atem anhalten. Es genügt, dass das System selbst mit leeren (unmarkierten) Formen operiert, d. h. in der Lage ist, hier-und-jetzt eine „logische Sekunde“ unentschieden in der Schwebe zu bleiben. Damit sind wir wieder bei dem oben erwähnten „Gesetz des Kreuzens“: das System quert die Grenze zwischen der virtuellen Vergangenheit und der virtuellen Zukunft in der Absicht, an nichts Bestimmtem festzuhalten, auf dieser Reise aber die Augen offen zu halten. Dann steht es zwar mit leeren Händen da, aber das ist gut so.

  1. Rhythmisierung

Physikalisch gesehen sind lebende (und Leben voraussetzende) Systeme dissipative Strukturen, die in der Form und im Medium von Rhythmus chaotischen Dynamiken Ordnung abgewinnen, dabei aber von der Existenz externer Ungleichgewichte abhängig bleiben (der Wirbelsturm „stirbt“, wenn das Ungleichgewicht von warmen und kalten Luftschichten aufgebraucht ist). Biologisch (ebenso wie psycho- und sozio-logisch) gesehen sind sie dagegen autopoietische Systeme, d. h. sie halten die ihre Organisation unabhängig von externen Bedingungen aufrecht. Sie können das, weil sie das notwendige Ungleichgewicht in sich selbst produzieren und sich somit rhythmisch im Fließgleichgewicht halten können.

Rhythmus ist das Vermögen, den Wechsel zwischen Markieren und Kontext so zu gestalten, dass das System an seine eigenen Operationen anschließen und kontinuierliche Bewegung erzeugt, Raum und Zeit…

Rhythmus „bildet“ Kontext im doppelten Sinn: er baut Kontext auf, stabilisiert ihn, verfestigt den blinden Fleck des Systems (Mimikry) und zugleich erweitert er ihn, kreiert Komplexität und reichert den blinden Fleck mit neuen Möglichkeiten an (Mimesis). Der blinde Fleck „stört“ nicht mehr in dem Sinn, dass er Evolution verhindert; er wird im Gegenteil – via Schmerz oder Neugier – zum antreibenden Moment von Evolution.

 Prigogine[14] (1986, S. 239) vergleicht das mit dem, was passiert, wenn wir eine Saite anzupfen und sie zum Schwingen bringen: „Wir können nicht die Bewegung benachbarter Punkte unabhängig vorschreiben (…). Täten wir das, so könnte der relative Abstand benachbarter Punkte beliebig groß werden, und die Saite würde zerreißen.“

Schlussbemerkung

Der Begriff, der den hier beschriebenen komplexen Zusammenhang am besten greift, ist aus meiner Sicht „Resonanzfähigkeit“.

Hartmut Rosa hat in seinem Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ den Verlust der Resonanzfähigkeit des modernen Menschen als Folge einer gestörten Weltbeziehung gedeutet. Ich finde, er trifft damit genau den Punkt. Es ist das Verdienst von Hartmut Rosa, hartnäckig immer wieder darauf hinzuweisen, trotz aller Einwände kluger Soziologen, dass „Welt“ in komplexen Gesellschaften nicht mehr als ganze erfahrbar sei. Er arbeitet allerdings mit unklaren Formen, weil er Bewusstsein und Gesellschaft nicht als selbstbezüglich operierende System fasst. Ohne es zu wissen und zu wollen öffnet er damit ein Einfallstor nicht nur für Illusionen, sondern auch für Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien.

 

 – – – – –

Anmerkung zu meinem theoretischen Kontext und wie er sich Stück für Stück herausgebildet hat

Mich hat immer schon die Frage interessiert, was eigentlich Gesellschaft „im Innersten“ zusammenhält. Dabei beginnt das Rätsel eigentlich schon mit der Frage, was dieses „Innerste“ überhaupt ausmacht. Wir müssen seine Existenz voraussetzen, wenn wir die Reise beginnen, ohne aber auf sie zeigen zu können.

Am Anfang der Reise stand für mich Marx’ Analyse der Waren-Form. Mich faszinierte, wie er die der Waren-Form immanente Paradoxie in der Geld- bzw. Kapital-Form auflöste. Marx glaubte, die objektiven Gesetze der Bewegung menschlicher Gesellschaft gefunden zu haben. Was mir hier fehlte, das war ein Begriff des lebendigen menschlichen Geistes, sozusagen das Innerste von „Gesellschaft“.

Bei dieser Suche nach dem „Innersten“ stieß ich zuerst auf Kant, insbesondere auf seine „Kritik der Urteilskraft“ (die bis heute von Vielen stiefmütterlich behandelt wird). Kant geht es um Erkenntnistheorie. Seine Philosophie beginnt mit der harmlos klingenden Frage: „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“ Zentral ist für ihn dabei der Begriff der Einbildungskraft, des tätigen Vermögens, die Synthesis der Mannigfaltigkeit der sinnlichen Anschauung zustande zu bringen.
Rückblickend, aus heutiger Sicht, würde ich sagen: das heimliche Thema Kants ist gesellschaftliche und personale Synthesis. Die Systemtheorie könnte von einer Lektüre Kants sehr viel lernen. Siehe auch den Text in meinem Blog: „Braucht Kommunikation Einbildungskraft?“ 

https://technikundmimesis.wordpress.com/2018/09/20/die-kommunizierbarkeit-von-gefuehlen-epistemologische-voraussetzung-fuer-kommunikation

Der Systemtheorie begegnete ich zunächst in den Büchern Maturanas, die ich mit den Augen von Marx und Kant las. Als ich dann später als Kontrast dazu Luhmann las, war mir sofort unmittelbar einsichtig, dass das, was Gesellschaft „im Innersten“ zusammenhält, sich nur in dem Muster greifen lässt, das Maturanas und Luhmanns Perspektive verbindet.

Als sehr hilfreich erwies sich dabei die Arbeit von Gitta und Ralf Peyn, insbesondere hinsichtlich komplexer Re-entry-Formen, imaginärer und unbestimmter Formen und Sinn. Ich kann meinen Lesern nicht nur empfehlen, ihre Forschung gründlich zu studieren, sondern auch persönlich Kontakt aufzunehmen:
www.uformiform.info
www.gitta-peyn.de
https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/
www.formwelt.info

– – – –

FUSSNOTEN

[1] Siehe hierzu Gitta Peyn: Wirklichkeitsemulation https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/03/09/wirklichkeitsemulation-mein-weckruf-urbi-et-orbi/

[2] H. Maturana, G. Verden-Zöller (1994), S. 186. Hervorhebung durch mich, F. F.

[3] H. Maturana, Biologie der Realität, S. 291.

[4] G. Spencer-Brown (1997) Laws of Form, S. 2; Hervorhebung durch mich, F.

[5] H. Maturana, B. Pörksen (2002): Vom Sein zum Tun, S. 112.

[6] Vgl. S. Krämer (2009): Operative Bildlichkeit.

[7] N. Luhmann (1984): Soziale Systeme, S. 30.

[8] Vgl. H. Maturana (1982): Erkennen: Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, S. 39.

[9] H. Maturana, F. Varela (1987): Der Baum der Erkenntnis, S. 150.

[10] H. Maturana (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, S. 36.

[11] Bei Lebewesen, die kein komplexes Nervensystem entwickelt haben, kann man noch nicht von Bildern in diesem Sinn sprechen. Die entsprechende Funktion wird hier von physikalischen und chemischen Prozessen übernommen. Vgl. hierzu „Der kognitive Prozeß“ in: Maturana (1982), S. 39.

[12] George Spencer-Brown zeigt in den Laws of Form, wie das Rechnen mit imaginären Werten (Wurzel aus -1) es möglich macht, unendliche Ausdrücke als endliche darzustellen, „so dass ihre zugehörigen Werte trotz der Unendlichkeit in einer endlichen Berechnung gefunden werden können.“ F. Lau (2006) Die Form der Paradoxie, S. 87.

[13] Siehe hierzu die Anmerkung am Endes dieses Textes.

[14] I. Prigogine, I. Stengers (1989): Dialog mit der Natur, S. 239.

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