Kybernetik dritter Ordnung und die Synthesis des Bewusstseins

Die globale Digitalisierung unserer Lebenswelten zwingt uns, Bewusstsein als ganzes zu denken

Teil II 
Zurück zu den Wurzeln konstruktiv-systemischen Denkens:
1. Kants Transzendentalsubjekt

In dieser Artikelserie geht es um einen Begriff, der es in sich hat: um den von Gitta Peyn geprägten Begriff der Wirklichkeitsemulation.[1] „In sich“ hat er es, weil er hilft, die fundamentale und zwiespältige Rolle zu verstehen, die Technik für das Mensch-sein spielt – für Mensch-sein überhaupt, ganz besonders aber für uns heutige Menschen in Zeiten jenes Phänomens, das gemeinhin als „Digitalisierung“ bezeichnet, aber bis heute nur oberflächlich begriffen wird.

          Wie lässt sich dieses Phänomen tiefer greifen, d. h. so, dass wir uns nicht in den Fallstricken des eigenen Denkens verfangen? Welche Epistemologie braucht es dafür? Wie müssen wir unser Denken denken?

Konstruktiv-systemisches Denken bietet im Prinzip die dafür geeignete Epistemologie. Nur leider hat es bis heute keine Gesamtperspektive auf das Mensch-Sein entwickelt; sie zerfällt in zwei – sich gegenseitig kaum zur Kenntnis nehmende – Denkansätze oder „Zweige“. Um das Muster sehen zu können, das beide verbindet, bräuchte es eine Systemtheorie (oder Kybernetik) dritter Ordnung. Auf dem Weg dahin gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Eine davon ist, sich auf die Wurzeln zu besinnen, aus denen diese Zweige stammen: auf Kant. Das ist der „einfachste“ Weg, wenngleich er natürlich das Denken in besonderer Weise herausfordert.

Dieser (ebenso wie der folgende) Text versteht sich als Einladung auch und gerade an Nicht-Philosophen, es mal auf diesem Weg zu versuchen.

Beobachten als in-sich-selbst-zurückkehrende, die sinnliche Welt dabei einbeziehende Bewegung denken

Im ersten Teil hatte ich behauptet: Wenn wir dem Phänomen der sog. „Digitalisierung“ auf Augenhöhe begegnen wollen, kommen wir nicht darum herum, Physik, Biologie, Psychologie und Soziologie zusammen zu denken; lediglich „fächerübergreifend“ zu denken, reicht nicht mehr. Es braucht vielmehr ein „reines Denken“, d. h. eine Epistemologie, die es gestattet, Denken (Beobachten) so zu denken, dass es unser ganzes menschliches Sein, die menschliche Existenzweise, reflektiert.

          Unsere Begriffe gehören uns erst dann wirklich, wenn wir sie so konstruieren, dass sie das menschliche Tätigsein als ganzes reflektieren: als instrumentelles Tätigsein (Technik, der Mensch als homo faber), und als Sinn-generierendes Handeln(Liebe, Spiel, Macht). Beides zusammen zu denken heißt, Denken als eine in-sich-selbst-zurückkehrende, dabei Lebenswelt und Sinnlichkeit einbeziehende Bewegung zu denken.[2] Vielen Menschen fällt das bis heute eminent schwer; 2500 Jahre europäisches Philosophieren lassen sich nicht so leicht abschütteln.

Um diese Sinnlichkeit einbeziehende Bewegung des Beobachtens denken zu können, reicht das in der Luhmann’schen Systemtheorie geläufige binäre Denken nicht mehr aus, d. h. Denken in Zwei-Seiten-Formen (System / Umwelt oder schlicht: markiert / nicht markiert). Wir brauchen hier eine mehrwertige Formenlogik, wie sie Ralf Peyn in uForm iForm entwickelt und die auch unbestimmte und imaginäre (und sogar unklare) Formen in ihr Kalkül aufnimmt.[3]

          Reine Formenlogik ist nun aber für unser Bewusstsein, nicht „anschaulich“, d. h. nicht mit den Sinnen, mit Augen und Händen greifbar. Wir denken zwar in Worten bzw. in Zeichen – aber das, was dem Denken „wirklich“ zugrunde liegt, ist etwas ganz anderes: ich meine die Augen-Hand-Koordination. Der Mensch als „das Tier mit dem aufrechten Gang und den Milliarden grauen Zellen braucht offene Augen, bewegliche Finger und die Fähigkeit, all das miteinander zu verbinden, um sich zurechtzufinden in der Welt, in die es hineingeboren wurde und die verstehend zu verändern seine größte Lust ist.“ (Arno Widmann)

So gesehen ist die ursprüngliche Tätigkeit, mit der wir menschliche Wesen Wirklichkeit hervorbringen, eine kybernetische: ein rekursives Koppeln von Wahrnehmen und Bewegen, von Kognition und Volition, von Wissen und Wollen.

          Mit Kybernetik bekommen wir nicht nur markierte und unmarkierte, sondern auch unbestimmte und imaginäre Formen in den Blick. Dazu müssen wir allerdings die sich auf sich selbst beziehende Denk- (oder Beobachter-)Bewegung in drei Formen[1] auseinanderlegen:

1. Auf einer basalen Ebene von Selbstreferenz betrachten wir die Elemente eines Systems als mit-sich-selbst-identisch. Mittels rekursiver Kopplung von Kognition und Volition formt das System hier aus den Irritationen seiner Umgebung (von „Umwelt“ lässt sich noch nicht sprechen) die elementaren „Bausteine“, aus denen es sich „aufbaut“ oder „bildet“; im Fall von Bewusstsein sind das Vorstellungen, im Fall von Gesellschaft Kommunikationen. Sie zerfallen so, wie sie entstehen und lassen sich daher auch „nur“ als unbestimmte Formen greifen.[2]

2. Auf einer reflexiven Ebene von Selbstreferenz betrachten wir dagegen den Prozess der Systembildung als mit-sich-selbst-identisch: Vorstellungen bzw. Kommunikationen werden unabhängig von ihren Veränderungen als gleich-bleibend beobachtet. Damit kommt EinBILDungsKraft (oder wie Kant auch sagt: „bildende Kraft“) ins Spiel, d. h. das Vermögen von Systemen, unbestimmte Formen (also Vorstellungen oder Kommunikationen) zu markieren, sodass sich imaginäre Formen „bilden“: Irritationen lassen sich so simultan beobachten, in Form von Mustern und Bildern. Das System kreiert sich eine Umwelt, mit der es resonieren kann, ohne dabei aber bereits Übereinstimmung erzielen zu können.

3. †Das kontinuierliche Anschließen an seine eigene Bewegung bekommt das System in den Blick, indem es sich auf sich selbst als ganzes bezieht , d. h. es beobachtet sich selbst als in Raum und Zeit mit sich selbst identisch (Reflexivität): Im freien, sich rhythmisierenden Wechselspiel von markierten und unmarkierten Formen generiert es Symbole, mittels derer es fortlaufend mit seiner intern generierten Umwelt in Übereinstimmung bleibt. Mit Gregory Bateson kann man auch von „Aufmerksamkeit für verbindende Muster“ oder „Sinn für ästhetische Einheit“ sprechen.

Wenn wir unser Denken auf diese Weise als eine in-sich-selbst-zurückkehrende Bewegung denken, stehen wir vor der Frage, wie Wahrnehmen und Bewegen, Kognition und Volition in der menschlichen Lebenspraxis auf allgemein gültige und notwendige Weise zusammentreffen können; d. h. so, dass der Verstand „Naturgesetze“ formulieren kann, mit denen Menschen die „blinden“ Naturkräfte zwingen können, ihren Zwecken zu folgen und nicht dem, was sie von sich aus täten.

Was es heute daher braucht, ist eine Systemtheorie (oder Kybernetik) dritter Ordnung, die beobachtet, wie die Einheit von instrumentellem und Sinn-generierendem Handeln zustande kommt.

          Dafür haben wir zwei, vielleicht sogar drei Möglichkeiten:

1.  Wir können uns die Begrifflichkeit Maturanas und die Luhmanns vornehmen und uns fragen, wie diese beiden Diskurse zusammenpassen. Das ist möglich und notwendig. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass wir uns intra- oder intersubjektiv in fruchtlosen Debatten verlieren. 

2.  Ich schlage daher einen anderen, den „einfachen“ Weg vor: Ich schlage vor, zu den Wurzeln konstruktiv-systemischen Denkens zurückzukehren, d. h. dorthin, wo sie historisch erstmalig konsistent formuliert wurden, d. h. noch nicht in zwei Seiten auseinanderfallen. Diese Wurzeln finden wir bei Kant.

3. In meinem (in Vorbereitung befindlichen) Buch „Mimikry und Mimesis – oder die Macht der EinBILDungsKraft. Wie wir Realität konstruieren“ biete ich noch einen dritten, mittleren Weg an: Resonanz – das Vermögen von Systemen überhaupt, mit sich selbst in Übereinstimmung zu sein / zu bleiben. Hier bietet sich Gregory Bateson an, sozusagen der „Großvater“ konstruktiv-systemischen Denkens.

Im vorliegenden Text gehe ich zurück zu den Wurzeln, also zu Kant. Ich möchte Sie als Leser/in einladen, mit mir zusammen konstruktivistische Systemtheorie neu, aus der Sicht von Kants Transzendentalphilosophie, zu lesen. Lassen Sie sich von dem Wort „transzendental“ bitte nicht abschrecken. Alles baut logisch aufeinander auf – man muss allerdings bereit sein, sein eigenes Denken immer wieder auf sich selbst zu beziehen, es also quasi von innen zu beobachten.

         In diesem und im folgenden Teil werde ich also Kants Denken so nachzeichnen, dass eine Systemtheorie (oder Kybernetik) dritter Ordnung nahtlos daran anschließen kann.

Kants „Kopernikanische Wende“ in der Bestimmung des Mensch-Seins: Quadrat und Kreis als notwendige Einheit

Von Platon und Aristoteles bis hin zu Descartes zeichnet das abendländische Denken ein Bild von Bewusstsein, in dem Form auf Stoff einwirkt, wobei dieses Einwirken transzendental verstanden wird, d. h. als jede überhaupt nur mögliche Erfahrung übersteigend. Die uns heute selbstverständliche Verbindung von Wissenschaft und Technik war damit natürlich nicht denkbar.

          Im modernen Denken wurde das dann noch einmal grundlegend modifiziert: Descartes spaltete das Einwirken von Form auf Stoff selbst noch ein weiteres mal – und zwar quer dazu – auf, nämlich in zwei sich orthogonal gegenüberstehende Substanzen: Erkennen und Wollen, „reiner“ Geist und „reiner“ Körper, res cogitans und res extensa.

          Die sich so ergebende Quadratur bildet die intellektuelle und materielle Epistemologie, wenn man will: das Prokrustesbett unserer heutigen, Macht und Technik in ihren Dienst nehmenden kapitalistischen Lebensweise, insbesondere auch für Wirklichkeitsemulation, und die mit ihr untrennbar verbundenen Möglichkeiten und Zwänge.

Damit bricht nun Kant im wahrsten Sinne des Wortes „grund- legend“. Sein Verständnis von (Selbst- )Bewusstsein öffnet eine Perspektive, aus der heraus die Möglichkeit einer Emanzipation von diesen Zwängen denkbar wird. Er zeigt auf, wie wir die dieser Quadratur zugrundeliegende Kreisform menschlichen Bewusstseins so rekonstruieren können, dass die Quadratur des Wissens, hinter die wir nicht mehr zurückgehen können, menschliche Freiheit unangetastet lässt.

        Kants Einsicht: gerade dann, wenn wir den Menschen als freies Wesen denken wollen, müssen wir die Mitte zwischen unserem Wissen und unserem Wollen, zwischen Kognition und Volition, offen lassen. Beide stehen orthogonal zueinander, d. h. sie haben keinen Berührungspunkt, an dem wir anknüpfen könnten, um unsere Zwecke zu realisieren. Bewusstsein ist nicht machbar, nicht herstellbar. In diesem Punkt folgt Kant der gesamten Philosophie vor ihm, nur dass er Erkenntnis eben nicht mehr jenseits von Erfahrung ansiedelt. Aber schon Hegel wollte ihm da nicht mehr folgen – mit tragischen Konsequenzen, wenn man z. B. an seinen Schüler Marx denkt.

Kant untersucht das Bewusstsein also zunächst aus diesen beiden unterschiedlichen Perspektiven und prüft „kritisch“, was es jeweils leisten kann und was nicht, um erst danach zu prüfen, ob und wie eine Verbindung denkbar ist.

Erstens untersucht er das Bewusstsein vom Standpunkt der reinen Vernunft („Was kann ich wissen?“). Dabei kommt er auf dessen transzendentale Synthesis a priori, das transzendentale Selbstbewusstsein oder auch „Transzendentalsubjekt“. Die kritische Prüfung zeigt allerdings: die theoretische Vernunft hat zwar erfahrbare Gegenstände in der sinnlichen Anschauung, erreicht aber nie eine Anschauung der Dinge, wie sie wirklich sind (der „Dinge an sich“). Wie Bewusstsein sich als Einheit verwirklicht, also seine Synthesis, lässt sich empirisch nicht greifen.

Zweitens untersucht er das Bewusstsein vom Standpunkt der praktischen Vernunft („Was soll ich tun?“). Kant kommt hier auf den kategorischen Imperativ, d. h. darauf, welche Form wir unserem Willen vernünftigerweise geben müssen, wenn wir Freiheit, d. h. die Möglichkeit, unser Handeln selbst zu bestimmen, verwirklichen wollen. Die Kritik der praktischen Vernunft zeigt aber: der Begriff der Freiheit hat seinen Gegenstand zwar in einem „Ding an sich“, besitzt aber keinerlei Anhaltspunkt dafür, wie sie in der erfahrbaren Welt möglich sein könnte. Auch Willensfreiheit lässt sich empirisch nicht greifen.

Zwischen beiden Perspektiven tut sich also eine scheinbar unüberwindliche Kluft auf. Von der theoretischen Vernunft, dem Begreifen von Natur, zur praktischen Vernunft, dem Begreifen von Freiheit, ist „kein Übergang möglich (..), gleich als ob es so viele verschiedene Welten wären, deren erste auf die zweite auf die zweite keinen Einfluß haben kann.“ (KUK, Einleitung, B XX). Dennoch soll doch aber der Freiheitsbegriff seinen Zweck in der Sinnenwelt verwirklichen.

Kant fragt daher in der Kritik der Urteilskraft („Was darf ich  hoffen?“)…

drittens nach dem „Medium“, d. h. danach, wie sich beide Seiten – zwanglos – vermitteln lassen. Der entscheidende Unterschied zur gesamten abendländischen Philosophie vor ihm ist, dass Kant das Vermittelnde nicht mehr im Transzendenten, also jenseits des Erfahrbaren, sucht, sondern im schöpferischen Tätigsein des – mit anderen Menschen zusammenlebenden – Menschen: in der reflektierenden Urteilskraft, die die berechtigte Hoffnung eröffnet, dass Gemeinsinn möglich ist, das Zusammenleben von Menschen, die ihren ureigenen, individuellen Motiven folgen.

Wenn es stimmt, dass wir das Muster, mit dem Wissen und Wollen, Erkennen und Handeln, sich vermitteln, nie definitiv bestimmen können, dann stellt sich die Frage: Wie ist es möglich und denkbar, dass wir von dieser fundamentalen Trennung in unserer Lebenswelt nichts mitbekommen, dass sie also offenbar in einem blinden Fleck verschwindet? Bzw. was müssen wir tun, wenn sich diese Trennung sich nicht hinter unserem Rücken gegen uns selbst wenden soll?

Ich werde versuchen, diese Fragen allein vom Boden der Kant’schen Erkenntnistheorie aus zu beantworten.

Die „transzendentale Synthesis a priori“ des Bewusstseins.

Ich beginne mit der transzendentalen Synthesis a priori, d. h. mit dem, was das Bewusstsein tun muss, damit es sich unabhängig von aller Empirie als in Raum und Zeit als mit sich selbst identisch denken (und so Erkennen und Wollen vermitteln) kann.

— Die erste Bedingung dafür ist EinBILDungsKraft[6], d. h. das Vermögen (menschlichen) Bewusstseins, Nicht-Präsentes in der Form von Bildern so vor sich hinzustellen, dass Sinnlichkeit und Verstand „zweck- mäßig“ zusammenarbeiten können.
Dass EinBILDungsKraft ein notwendiges Konstituens von Beobachten darstellt, ist ein erster wichtiger Punkt, an dem Systemtheorie von Kants „transzendentaler“ Erkenntnistheorie lernen könnte.

— Zum zweiten zeigt sich, dass Erkennen von Zweckmäßigkeit Urteilskraft benötigt, d. h. das Vermögen, besondere Vorstellungen als enthalten in allgemeinen Vorstellungen zu denken, wobei die Quelle dafür nicht im Denken selbst liegt, sondern allein im Gefühl von Lust und Unlust.
Damit nun aber die Bedeutung des Gefühls für die Synthesis von Bewusstsein (und: Gemeinsinn) erkennbar wird, und das ist ein zweiter wichtiger Punkt bei Kant, müssen wir zwei Formen von Urteilen unterscheiden: bestimmende und reflektierende.
—  Systemtheorie kennt bisher nur bestimmende Urteile: jede Beobachtung (= besondere Vorstellung) impliziert eine ihr zugrundeliegende, aber notwendig ausgeblendete Unterscheidung (= allgemeine Vorstellung). Das diese Unterscheidung bestätigende (und daher notwendige!) Gefühl bleibt hier quasi „eingefroren“ und unsichtbar; der Kontext des Urteilens / Beobachtens bleibt unbestimmt und ist nicht einholbar. Gefühle spielen – jedenfalls in Luhmanns Systemtheorie[7] – für das Zustandekommen von Beobachtung (für das Bezeichnen von Unterscheidungen) keine Rolle.
—  Reflektierende Urteile dagegen lassen das Bestimmen offen, bleiben sozusagen in der Schwebe. Sie greifen, ohne zu be-greifen: sie operieren, systemtheoretisch gesprochen, mit unbestimmten Formen, um nach Maßgabe des (subjektiven) Gefühls von Lust und Unlust im gegebenen Besonderen allgemein gültige (wenn auch nicht konkret bestimmbare) Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, sodass Gemein-Sinn individueller Beobachter und damit auch Synthesis des Bewusstseins als möglich denkbar wird.

„Transzendentale Synthesis a priori“ klingt für heutige Ohren sperrig und für Viele eher abschreckend. Auch Systemiker glauben daher vorschnell, sich damit nicht mehr auseinandersetzen zu müssen – was ironischer-, aber logischer-weise nur dazu führt, dass Platon, Aristoteles und Descartes (die sie ebenfalls glauben, hinter sich gelassen zu haben) unbemerkt weiter in ihrem Hinterkopf herumspuken. Nichtsdestoweniger ist die transzendentale Synthesis des Bewusstseins ein tiefer Gedanke, den genau auszuloten sich lohnt, wenn wir Kybernetik dritter Ordnung (und damit Wirklichkeitsemulation) greifen wollen. Wie oben (in Teil I) erwähnt, geht es bei Kybernetik dritter Ordnung ja um die Synthesis von Systemen, d. h. darum, wie es möglich und denkbar ist, wie Systeme sich fortlaufend auf sich selbst als ganze beziehen.

Was also meint „transzendentale Synthesis a priori“ bei Kant?

Transzendental“ heißt bei Kant das, was das Bewusstsein – „im Hintergrund“, d.h. unabhängig von Erfahrung – dafür tun muss, dass es in der Mannigfaltigkeit und Flüchtigkeit der Erscheinungen überhaupt „Gegen-stände“ erkennen kann (also etwas, was ihm gegenüber „steht“) – nicht zu verwechseln mit „transzendent“, d. h. schlechthin jede nur mögliche Erfahrung übersteigend. – Aus Sicht konstruktiv-systemischen Denkens geht es hier um reine Selbstrefernzialität.

–> „Synthesis“ meint die die sinnliche Vielfalt a) sukzessiv durchlaufende und b) zusammenfassende Denk-Handlung; sie ist insofern notwendig, als eine Negation das Denken in reale oder logische Widersprüchen verwickeln würde. Die Bewegung ist also synthetisch determiniert, von bloßer Analysis wird sie nie erreicht; und

–> „a priori“ meint: die einigende Bewegung vollzieht sich unabhängig von Erfahrung; das heißt, sie ist allgemein (in Raum und Zeit) gültig. Wobei die Gültigkeit der Bewegung analytisch (durch den Verstand) nicht bestimmbar ist; sie muss a priori angenommen werden.

(Die Merkmale „synthetisch determiniert“ und „analytisch nicht bestimmbar“ sind auch die Merkmale einer „nicht-trivialen Maschine“, wie sie Heinz von Foerster beschreibt.)

Kant unterscheidet das empirische vom transzendentalen Selbstbewusstsein. Das empirische Selbstbewusstsein wird noch von den Sinnen „affiziert“: von äußeren Sinnen (Sehen, Hören usw.) ebenso wie von inneren Sinnen (wie Schmerz, Freude etc.). Es alleine ermöglicht keinen Begriff von einem Objekt. Vom empirischen unterscheidet Kant daher das reine, von allen empirischen Anschauungen losgelöste Selbstbewusstsein, die „ursprüngliche Apperzeption“. Das ist „dasjenige Selbstbewusstsein (..), was, indem es die Vorstellung Ich denke hervorbringt, die alle andere muß begleiten können, und in allem Bewusstsein ein und das selbe ist, von keiner weiter begleitet werden kann.“ [9]

Zentral ist hier § 16 in der Kritik der reinen Vernunft („Von der ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption.“). Er beginnt mit dem Satz: Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches eben so viel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein.“

Das folgende Zitat macht das vielleicht noch deutlicher: „Wollen wir nun den inneren Grund dieser Verknüpfung der Vorstellungen bis auf denjenigen Punkt verfolgen, in welchem sie alle zusammenlaufen müssen, um darin allererst Einheit der Erkenntnis zu einer möglichen Erfahrung zu bekommen, so müssen wir von der reinen Apperzeption anfangen. Alle Anschauungen sind für uns nichts, und gehen uns nicht im mindesten etwas an, wenn sie nicht ins Bewußtsein aufgenommen werden können, sie mögen nun direkt oder indirekt darauf einfließen, und nur durch dieses allein ist Erkenntnis möglich. Wir sind uns a priori der durchgängigen Identität unserer selbst in Ansehung aller Vorstellungen, die zu unserem Erkenntnis jemals gehören können, bewußt, als einer notwendigen Bedingung der Möglichkeit aller Vorstellungen (…).“ (KrV A 116).

Was genau meint Kant mit „Apperzeption“? Perzeption meint bloßes Wahrnehmen; Apperzeption dagegen meint seit Leibniz den Vorgang, in dem das Bewusstsein die Vielfalt des sinnlich Wahrgenommenen in seine Bewegung aufnimmt, also das Vorstellen vonObjekten“. Kant, und das ist wichtig, fasst Apperzeption nun aber grundsätzlicher als Leibniz: nämlich als das Vermögen des Selbst-Bewussteins, die Vielfalt sinnlicher Eindrücke in der EinBILDungsKraft zu einer einheitlichen Vorstellung zu formen. Indem es nämlich das „Ich denke“ im Hintergrund „immer schon“ mitdenkt, ist es in der Lage, sich durch alle unterschiedlichen Inhalte und über die Zeit hinweg als ein Sich-selbst-Gleichbleibendes zu erhalten. „Die Quelle aller synthetischen Einheit (…) der Erkenntnis ist die transzendentale Einheit der reinen ‚Apperzeption’ (…), zu der alles, wenn es erkennbar, erfahrbar sein soll, zusammengehen muß.“[10]

          Genau das ist die grundlegende Denkform, die wir heute brauchen, um die Synthesis von Bewusstsein (und Gesellschaft) als möglich denken zu können.

Wie „wirkt“ das „Transzendentalsubjekt“, was ist seine Wirklichkeit?

Kants Transzendentalsubjekt wird häufig als empirische Aussage über die menschliche Psyche missverstanden. Für den, der das Transzendentalsubjekt in der Empirie sucht, ist das Transzendentalsubjekt in der Tat eine Zumutung. Kant betrachtet Bewusstsein hier aber vom Standpunkt der „reinen“ Vernunft aus; d. h. es geht ihm um die Frage, was wir vernünftigerweise über das Bewusstsein sagen können, wenn wir es allein mit dem Verstand begreifen wollen; wenn wir es also, wie wir heute sagen würden, von der Physik, der Biologie, der Psychologie und der Soziologie aus betrachten und die Gesetze formulieren, die die Natur gibt.

          Die Kritik dieser „reinen“ Vernunft zeigt nun aber: Was Selbstbewusstsein in seinem Kern ausmacht – die Freiheit, sich selbst zu bestimmen – können wir mit dem Verstand allein nicht greifen. Mithilfe der reinen Vernunft können wir aber zum mindesten seine apriorischen Bedingungen formulieren. Und genau das gilt auch heute, wenn wir Wissenschaft nicht allein instrumentellen Zwecken unterstellen, sondern „vernünftig“ betreiben wollen, d. h. mit Rücksicht auf „das Ganze“.

Wenn wir Bewusstsein nun umgekehrt aus Sicht der praktischen Vernunft betrachten, d. h. von der Möglichkeit des Bewusstseins, sich die Gesetze nicht von der Natur vorschreiben zu lassen, sondern sie selbst zu setzen, dann kommen wir auch hier zu keinem befriedigenden Ergebnis: es zeigt sich, dass wir das, was Freiheit ausmacht, in der Welt sinnlich fassbarer Phänomene nicht zu greifen bekommen, dass sich Freiheit daher auch nicht beweisen lässt.[11]

Fazit: Wir müssen zwei sehr unterschiedliche Erkenntnisvermögen betrachten:
—  den Verstand: er gebraucht die fünf Sinne, baut also auf Erfahrung auf, und formuliert die Gesetze, mit denen wir Natur begreifen, und
—  die Vernunft: sie geht über die bloß sinnliche Erfahrung hinaus und formuliert die Gesetze und Prinzipien, die unser Handeln bestimmen sollen und die unsere Freiheit begründen.

Zwischen beiden – also zwischen der menschlichen Natur und der menschlichen Freiheit – tut sich, wie wir ja schon sahen, eine „unübersehbare Kluft“ auf. Sie hat nun aber nicht unbedingt etwas Furchterregendes an sich, im Gegenteil: Mensch-sein beginnt in dem Moment, in dem der Mensch die Kluft realisiert, zugleich aber in sich selbst ein Vermögen entdeckt, beide zu verbinden:

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ich sehe sie beide vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz.“ [12]

Kants Bedeutung für die Neuformulierung von Systemtheorie sehe ich als eine doppelte:

Sie besteht zum einen darin, dass Kant die Lücke zwischen Wissen und Wollen anerkennt, sie also nicht (wie es Hegel dann tat) vorschnell kurzschließt.

          Genau das ist einer der zentralen Punkte, der den Schritt von Systemtheorie zweiter Ordnung zu einer Systemtheorie dritter Ordnung möglich macht: nämlich Kognition und Volition (oder Erleben und Handeln) überhaupt erst einmal grundsätzlich auseinanderzuhalten. Die Soziologie Luhmanns tut das nicht. Sie ist nicht an der KoProduktion von Bewusstsein und Gesellschaft interessiert (die sie sich nur induktiv erschließt, d. h. nicht in einer expliziten Begrifflichkeit), sondern ausschließlich an der Frage, wie Gesellschaft möglich ist. Das Problem, wie Bewusstsein möglich ist, verlagert sie daher in die Umwelt von Gesellschaft; an die Stelle der Ko- Produktion von Bewusstsein und Gesellschaft setzt sie – sozusagen stellvertretend, als „Joker“ – den Sinn-Begriff. Das ist zwar logisch korrekt, aber nicht reflexiv, d. h. ohne begriffliche Rück-Sicht auf das Ganze menschlichen Tätigseins.

Kants Bedeutung für die Systemtheorie besteht zum zweiten und vor allem aber darin, einen Weg zu zeigen, wie diese beiden so gegensätzlichen Erkenntnisvermögen, also Erkennen und Wollen, sich zwanglos miteinander vereinbaren lassen, sodass also Willensfreiheit des Menschen und sein Bestimmtsein durch Naturgesetze sich nicht widersprechen müssen.

          Das zeigt Kant in seiner dritten Kritik, der Kritik der Urteilskraft: Natur lässt sich – mit Hilfe der reflektierend (= nicht bestimmend) urteilenden EinBILDungsKraft – auch so denken, dass freies, sich selbst bestimmendes Handeln möglich ist; wenn zwar nicht nach kausalen, so aber doch nach teleologischen Prinzipien; und das heißt: nach einer Zweckmäßigkeit, die wir – ohne sie jemals empirisch belegen zu können – in die menschliche Natur hineindenken und die wir „Geist“ nennen.

EinBILDungsKraft

Das Kultivieren von EinBILDungsKraft ist von grundlegender Bedeutung für das Mensch-Sein. Vor 35-40.000 Jahren, in der Eiszeit, machte der moderne homo sapiens an unterschiedlichen Orten der Welt (Spanien, Frankreich, Deutschland, aber auch in Asien) einen großen Sprung nach vorn. Die von uns heute bewunderten Höhlenmalereien oder die in der Schwäbischen Alb gefundenen Kunstwerke (u.a. auch die erste bisher bekannte Flöte) sind Zeugnisse des Versuchs der damaligen Menschen, die in der EinBILDungsKraft liegenden Möglichkeiten zu erforschen und zu erweitern.

          Wenn Systemtheorie sich ein Bild von Mensch-Sein als ganzem machen, wenn sie also den Schritt zu einer Kybernetik dritter Ordnung vollziehen will, kommt sie nicht daran vorbei, EinBILDungsKraft als notwendiges „Ingredienz“ (Kant) von Beobachten anzunehmen.

          Was EinBILDungsKraft heißt und warum sie notwendig ist, lässt sich paradigmatisch bei Kant studieren. Ich werde daher im Folgenden ausführlicher auf Kants Begriff der EinBILDungsKraft und ihren Bezug zur Synthesis des Bewusstseins eingehen. Das erfordert etwas Denkarbeit, aber die Arbeit lohnt sich.

Kant nennt EinBILDungsKraft das „tätige Vermögen“ des Bewusstseins, „einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen“. (KrV § 24) Sie ist eine blinde, aber unentbehrliche Funktion der „Seele“, „ohne die wir gar keine Erkenntnis haben würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind“ (KrV A78)

Zum leichteren Verständnis vgl. die Übersichtstabelle.

Wie Wirklichkeitsemulation hat es auch EinBILDungsKraft doppelt „in sich“: Sie öffnet einen Raum scheinbar unbegrenzter und daher nicht voll kontrollierbarer Möglichkeiten. Das verlangt Urteilskraft – neben Verstand und Vernunft die dritte Quelle von Erkenntnis.

Urteile sollen rational sein und zugleich vernünftig, d. h. wir brauchen beide so unterschiedliche Erkenntnisvermögen, Verstand und Vernunft, und es ist erst einmal nicht ersichtlich, wie beides zusammengeht:

—   Der Verstand will begreifen, um Objekte handhaben zu können und sucht daher nach Regeln und Gesetzmäßigkeiten, d. h. er bildet Begriffe; er ist dabei auf die Sinne angewiesen und verliert daher den Kontext (das, was „wirkt“) aus den Augen.

—  Die Vernunft dagegen will verstehen; sie transzendiert die Sinne und fragt nach dem Kontext oder „Endzweck“ eines Tuns, d. h. sie formuliert Regeln, wie wir von den Begriffen sinn-voll, d. h. in Rücksicht auf das Ganze, Gebrauch machen können und denkt sich Prinzipien dafür aus. Dabei endet sie aber bei Begriffen wie „Welt“, „Seele“ und „Gott“, mit denen der Verstand nichts anfangen kann, sie sagen ihm nichts.

Dennoch brauchen wir beide: wenn die Vernunft schläft (der reine Verstand also die Herrschaft übernimmt), kann sie Monster gebären, wie Goyas berühmter Stich illustriert – ebenso aber auch, wenn sie träumt (also den Verstand ausschaltet).

Urteilskraft wird den Ansprüchen von Verstand und Vernunft gleichermaßen gerecht, indem sie nach Zweckmäßigkeit fragt.
Was meint Zweckmäßigkeit? Wenn wir einen Zweck denken, dann denken wir ein Objekt (z. B. ein Zahnrad) als in einen Kontext (z. B. in eine Uhr) passend.[14] Die Quelle des Urteilens ist dabei nicht das Denken (wie bei Verstand und Vernunft), sondern, und das ist entscheidend wichtig, allein das Gefühl: die binäre Empfindung von Lust und Unlust (angenehm oder unangenehm).

Aber wie kann Urteilskraft Zweckmäßigkeit erkennen / denken? Sie steht hier vor einem Problem: sie muss ja an Erfahrung anknüpfen und daher die bunte Vielfalt sinnlicher Anschauung auf der einen mit dem (begreifenden) Verstand auf der anderen Seite zusammenbringen und es ist nicht ersichtlich, wie das möglich sein soll:
—  in der Anschauung findet sie nur Sinnliches (Gehörtes, Gesehenes usw.) vor, aber nichts Gedachtes; und die Sinne werden bestimmt, sie selber bestimmen nichts;
—  im Verstand dagegen findet sie nur Gedachtes vor und nichts Sinnliches; der Verstand operiert „spontan“, wie Kant sagt, d. h. er bestimmt autonom, was erkannt wird.
Kant sagt dazu: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (KrV A48) Wie also können Anschauung und Verstand sich überhaupt aufeinander beziehen? Wie können sie „zweckmäßig“ zusammenarbeiten?

         Genau dieses zweck-mäßige Verbinden von (anschauender) Sinnlichkeit und (denkendem) Verstand leistet die EinBILDungsKraft. Weil sie wie gesagt „einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen“ vermag, also die chaotisch-bunte Vielfalt sinnlicher Anschauung in einem Bild zusammenfasst, kann sie im zwanglos-freien Spiel Sinnlichkeit mit Verstand verbinden.

          Wichtig ist hier nun die oben schon erwähnte Unterscheidung zwischen bestimmender und reflektierender Urteilskraft. Urteilskraft überhaupt ist das Vermögen, Besonderes als enthalten im Allgemeinen zu denken.
—  Wenn wir einer empirischen Vorstellung einen Begriff zugrunde legen, also Bestimmtes unter ein gegebenes Allgemeines subsumieren, dann urteilen wir bestimmend; systemtheoretisch gesprochen ist das die Unterscheidung, die jeder Beobachtung unausgesprochen notwendig zugrunde liegt, ihr blinder Fleck.
—  Wenn wir dagegen zu einer gegebenen empirischen Vorstellung einen möglichen Begriff erst noch (er)finden, urteilen wir reflektierend. „Reflektieren (Überlegen) aber ist: gegebene Vorstellungen entweder mit andern, oder mit seinem Erkenntnisvermögen (d. h. Verstand oder Vernunft, F. F. ), in Beziehung auf einen dadurch möglichen Begriff, zu vergleichen und zusammen zu halten.“[15]

Apprehendieren: wie das Bewusstsein Vorstellungen als seine eigenen elementaren Bausteine formt

Bevor das Bewusstsein urteilen und Zweckmäßiges ermitteln kann, muss es zu allererst etwas tun, was trotz seiner fundamentalen Bedeutung leicht übersehen wird, weil es so unscheinbar ist: es muss der bunten Vielfalt der Sinneseindrücke eine Form geben, mit der es operieren kann; in anderen Worten: es formt seine eigenen Elemente. Kant bezeichnet das mit dem uns heute nicht mehr so geläufigen Begriff des Apprehendierens.[16] Gerade weil dieser Begriff so unscheinbar daherkommt, obwohl er für ein Verständnis der Synthesis von Bewusstsein unverzichtbar ist, will ich genauer auf ihn eingehen.

Apprehendieren ist die notwendige, aber noch nicht hinreichende Bedingung für EinBILDungsKraft, sozusagen ihre Vorstufe. Ohne sie zerfielen Vorstellungen so, wie sie entstehen: die Sinneseindrücke blieben, wie Kant sagt, „einzeln“ und „zerstreut“. Damit EinBILDungsKraft Vorstellungen hervorbringen kann, mit denen sich operieren lässt, also Bilder, muss sie zunächst die Vielfalt der Sinneseindrücke in ihre Tätigkeit aufnehmen (eben: „apprehendieren“), d. h. sie – „geordnet, verknüpft und in Verhältnisse gebracht“ – in eine einheitliche Vorstellung bringen (KrV A 99).

Beim Vollziehen der Einheit (Synthesis) unterscheidet Kant zwei Operationen; sie entsprechen den oben bereits erwähnten zwei Aspekten von Synthesis: Notwendigkeit bzw. Allgemeingültigkeit (vgl. das Diagramm):

1. das „unmittelbar an den Wahrnehmungen ausgeübte“, sukzessive „Durchlaufen der Mannigfaltigkeit“; d. h. das Bewusstsein macht die Eindrücke in einer inneren Bewegung greifbar, es kondensiert (komprimiert, verdichtet) sie; diese Bewegung ist insofern „notwendig“, als sie sich sonst in Widersprüche verwickeln würde;

2. „die Zusammennehmung desselben“; d. h. die EinBILDungsKraft muss das Kondensat als „allgemein gültige“ Vorstellung (= „Wahr-nehmung“) konfirmieren (bestätigen).

Beides zusammen nennt Kant die „Synthesis der Apprehension in der Anschauung“ (a. a. O.).

Bewusstsein ist das (transzendentale) Vermögen, im fortlaufenden Sich-auf-sich-selbst-Beziehen Vorstellung an Vorstellung zu reihen, also das Kant’sche „Ich denke“, das alle Vorstellungen begleiten können muss. Wenn wir das Bewusstsein auf der Ebene des bloßen Apprehendierens beobachten, ist es davon aber noch weit entfernt. Wenn es „apprehendiert“, erzeugt es lediglich seine „Bausteine“, d. h. die einfachsten Elemente, aus denen es sich konstituiert – bloße Vorstellungen. Wir haben es hier mit basaler Selbstreferenz zu tun, d. h. es sind die Elemente des Systems, die wir hier als mit-sich-selbst-identisch betrachten (siehe hierzu oben die drei Formen von Selbstreferenz). Vorstellungen sind noch keine Bilder, mit denen es zeitstabil operieren könnte; sie zerfallen so, wie sie entstehen. Und erst recht sind Vorstellungen noch keine Symbole, auf Basis derer das Bewusstsein sich selbst als mit sich selbst identisch denken und daher auch kommunizieren kann.

Die Synthesis des Bewusstseins benötigt daher eine Instanz, die es ihm gestattet, auch den Prozess der Synthesis als mit-sich-selbst-identisch zu beobachten (reflexive Selbstreferenz): die EinBILDungsKraft. Wie erwähnt, operiert EinBILDungsKraft mit Vorstellungen in zwei unterschiedlichen Formen, nämlich bestimmend und reflektierend.

Im dritten und letzten Teil werden wir uns ansehen, wie im freien Zusammenspiel von bestimmender und reflektierender Urteilskraft die Synthesis von Bewusstsein und Gesellschaft greifbar wird.


Fußnoten

[1] https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/11/02/wirklichkeitsemulation-zum-begriff/#comment-1471

[2] Mit Marx gesprochen: „Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und läßt keine Spur zurück.“ Marx beschriebt damit die Form des Geldes (Das Kapital I, zweites Kapitel, Der Austauschprozess).

[3] Ralf Peyn: uFORM iFORM, Heidelberg 2017.

[4]  Siehe hierzu Luhmann (1984): Soziale Systeme, S. 600 ff. Bei Luhmann fehlt allerdings jeder inweis auf Kybernetik

[5] Die Geschichte vom „Turmbau zu Babel“ erzählt davon, was geschieht, wenn wir das vergessen. Die Menschen formten Erdpech zu Ziegeln und begannen, aus ihnen einen Turm zu bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reichen sollte. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt.

[6] Ich verwende diese Schreibweise, um so auf die Bedeutung bild-förmigen Denkens hinzuweisen.

[7] Bei Maturana ist das, wie wir noch sehen werden, grundsätzlich anders. Das Problem ist nur, dass er – im Gegensatz zu Luhmann – keinen Begriff von Gesellschaft hat.

[9] KrV, § 16, B 131; zweite Hervorhebung durch mich, F. F.

[10] R. Eisler, Kant-Lexikon, Stichwort „Synthesis“.

[11] Genau das ist der Punkt, der in der Diskussion über die menschliche Willensfreiheit meist übersehen wird. Die gängige Kritik an Kants Ethik, dem kategorischen Imperativ, missversteht Kants Intention.

[12] Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Kapitel 34. Beschluß.

[13] G. Stamer (2018), ich und welt, S. 15.

[14] Zweck „ist der Begriff von einem Objekt, sofern er zugleich den Grund der Wirklichkeit dieses Objekts enthält“ (KUK S. XXVI; „Grund“ meint hier causa finalis).

[15] Einleitung in die KUK, V. Von der reflektierenden Urteilskraft.

[16] Das lateinische Wort „apprehendere“ bedeutet so viel wie: etwas erfassen, ergreifen, in seinen Besitz nehmen. Der Duden definiert Apprehension als „Zusammenfassung mannigfaltiger Sinneseindrücke zu einer Vorstellungseinheit.“


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