Was heißt „Kybernetik dritter Ordnung“? Und wozu brauchen wir so etwas überhaupt?

Ich stelle mal die erste Frage zurück und beginne mit der zweiten: Wozu braucht es einen so eigenartigen Begriff wie „Kybernetik dritter Ordnung“?

          Es geht um jenes Phänomen, das wir gewöhnlich mit dem Etikett „Digitalisierung“ versehen, meist aber nur oberflächlich begreifen; Gitta Peyn hat dafür den passenderen Begriff der Wirklichkeitsemulation geprägt.[1] Es zwingt uns, die (zwiespältige) Rolle, die Technik seit jeher („vom Faustkeil bis zum Computer“) für das Mensch-sein spielt, grundlegend zu überdenken. Das klassische, auf Descartes, ja sogar bis in die Antike zurückreichende zweiwertige Denken („etwas ist oder ist nicht – tertium non datur“) kommt mit Wirklichkeitsemulation definitiv an seine Grenzen.

Worum es heute geht, das ist, unser Denken / Beobachten als eine in sich selbst zurückkehrende, dabei aber die sinnliche Welt in sich aufnehmende und (be)greifende Bewegung zu denken.

          Das Problem dabei ist: „sinnliche Welt“ hat für uns Menschen nun mal eine doppelte Bedeutung: es geht zum einen um instrumentelles Tätigsein (Technik, der Mensch als homo faber, klassisch poíesis) und zum anderen um Sinn-generierendes Handeln (Liebe, Spiel, Macht, klassisch práxis). Wie geht beides zusammen? Die große Herausforderung, vor die uns die neue technische Entwicklung heute stellt, ist, diese Denk-Bewegung als Einheit zu denken und uns selbst immer schon als Teil dieser Einheit zu begreifen – im Wissen darum, dass wir sie nie definitiv erreichen, sie nicht demonstrieren / zeigen können. Uns allen fällt dieses Denken bis heute eminent schwer; 2500 Jahre europäisches Philosophieren und noch viel längeres Mystifizieren von Macht und Technik lassen sich nicht so leicht abschütteln.

Kybernetik als Chaosmanagement

Konstruktiv-systemisches, selbstreferenzielles Denken (Maturana, Luhmann et al.) bietet im Prinzip die für dieses Phänomen geeignete Epistemologie. Nur leider hat es bis heute keine Gesamtperspektive auf das Mensch-Sein entwickelt; es zerfällt immer noch in zwei – sich gegenseitig kaum zur Kenntnis nehmende – Denkansätze oder „Zweige“ – eine biologische und eine sozialwissenschaftliche Perspektive. Instrumentelles Tätigsein und Sinn-generierendes Handeln, Technik und Macht, werden nicht als notwendige Einheit greifbar.

        Hier hilft es weiter, genau das zu tun, was Menschen natürlicherweise eigentlich immer schon tun: „kybernetisch“ zu denken und zu handeln.

Kybernétes ist der Steuermann – die klassische Figur des Odysseus, der einen Weg zwischen den Ungeheuern Skylla und Charybdis, zwischen lähmender Stagnation und alles verschlingendem Chaos, finden muss. Wenn er Skylla ausweichen will, gerät er in die Reichweite von Charybdis; wenn er Charybdis entgehen will, packt ihn Skylla mit ihren Klauen. Letzteres passierte Odysseus und er opferte einige seiner Gefährten; der „Große Steuermann“ in China dagegen wählte die andere Option und stürzte sein Land ins Chaos.

          Odysseus ebenso wie Mao blieben im kybernetischen Denken zweiter Ordnung gefangen, d. h. sie hielten sich selbst aus dem Geschehen heraus.  Ein guter Steuermann managt Chaos und übernimmt Verantwortung für sein Handeln, indem er sich auf sich selbst bezieht, sich so zum Teil des Geschehens macht und seine EinBILDungsKraft aktiviert. Das heißt, er verknüpft intuitiv („gefühlt“) zwei eigentlich nicht zusammenpassende Daten-Formen miteinander: die sinnlich gegebene Vielfalt auf der einen Seite und den nur geistig fassbaren Endzweck seines Tuns. 

          Wie bekommen wir Zugang zu diesem Vermögen? Unsere EinBILDungsKraft aktivieren wir genau immer dann, wenn wir die Bewegung unserer Augen und die unserer Hände miteinander koordinieren; bereits einfache alltägliche Tätigkeiten wie das Binden von Schnürsenkeln zeigen das. Der Mensch als „das Tier mit dem aufrechten Gang und den Milliarden grauen Zellen braucht offene Augen, bewegliche Finger und die Fähigkeit, all das miteinander zu verbinden, um sich zurechtzufinden in der Welt, in die es hineingeboren wurde und die verstehend zu verändern seine größte Lust ist.“ (Arno Widmann)

          So gesehen ist die ursprüngliche Tätigkeit, mit der wir menschliche Wesen unsere Realität hervorbringen, immer schon eine kybernetische: ein rekursives Koppeln von Wahrnehmen und Bewegen, von Kognition und Volition, von Erkennen und Wollen – in Austausch und in Kommunikation mit Anderen.

Drei Formen von Selbstbezüglichkeit

Die große Frage ist nun allerdings: wie können wir diese selbstbezügliche Bewegung so fassen, dass wir als Beobachter „immer schon“ Teil der Bewegung bleiben? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Bewegung von Systemen überhaupt (Organismus, Bewusstsein, Sozialsystem) in drei quer zueinander stehende (nicht hierarchisch zu verstehende) Formen auseinanderzulegen:[2]

 1.   Auf einer basalen Ebene von Selbstreferenz beobachtet das System seine Elemente als mit-sich-selbst-identisch. Aus den chaotischen Irritationen seiner Umgebung (eine Umwelt gibt es hier noch nicht!) formt es – markierend / nicht markierend oder fest-stellend / nicht fest-stellend – die Bausteine, aus denen es sich zusammensetzt: Vorstellungen (bzw. Kommunikationen oder Moleküle), die allerdings so zerfallen, wie sie entstehen.

2. Es braucht daher zusätzlich reflexive Selbstreferenz: das System beobachtet nicht mehr nur die Elemente, sondern auch den Prozess, in dem es sich aufbaut, als mit-sich-selbst-identisch. Das heißt, es fasst Vorstellungen (bzw. Kommunikationen oder Moleküle) unabhängig von ihren zeitlichen Veränderungen in der Form von Bildern als sich-selbst-gleich-bleibend; Bilder sind zeitlich stabile Vorstellungen. Damit kommt EinBILDungsKraft (oder allgemein: „bildende Kraft“) ins Spiel. Das System kreiert sich intern eine Umwelt, mit der es resonieren kann, ohne dabei allerdings bereits Übereinstimmung erzielen zu können: es kann noch nicht an seine eigene Bewegung anschließen, bleibt im Oszillieren hängen und damit potentielles Opfer von Skylla oder Charybdis.
An seine eigene Bewegung kann das System nur anschließen, wenn es…

3. …alle Vorannahmen (seine Erfahrungen in der Vergangenheit) vergisst und sich auf sich selbst als ein Ganzes bezieht (Reflexivität): Im freien, sich rhythmisierenden Wechselspiel von markierten und unmarkierten Formen generiert es symbolische Zeichen (von symboleín = zusammenwerfen), d. h. Bilder, die sich in unterschiedlichsten, zufällig gegebenen Kontexten bewähren. Sie werden zum generalisierten „Kommunikations-Medium“, d. h. zum Medium dafür, dass das System fortlaufend mit seiner intern generierten Umwelt in Übereinstimmung bleibt. Mit Gregory Bateson kann man auch von „Aufmerksamkeit für verbindende Muster“ oder „Sinn für ästhetische Einheit“ sprechen.

Drei optionale Zugänge zu Kybernetik dritter Ordnung

Auch in diesem dreifachen Auseinanderlegen der Bewegung tut sich unser Denken meist immer noch schwer, seiner eigenen Bewegung zu folgen. Ich sehe drei Optionen, sich dem anzunähern.

1.   Am naheliegendsten ist es, dass wir uns die Begrifflichkeiten Maturanas und Luhmanns vornehmen und uns fragen, wie sich diese so unterschiedlichen Diskurse zusammenfügen könnten. Das ist natürlich möglich und auch unbedingt notwendig. Die Erfahrung zeigt leider, dass wir uns dabei leicht in fruchtlosen inter- oder intra-subjektiven Debatten verlieren. 

2. Daher empfiehlt sich eine zweite Option: zuvor noch einen Schritt zurückzugehen, zum „Großvater“ konstruktiv-systemischen Denkens, zu Gregory Bateson. Aus seiner eher phänomenologisch-systemischen Perspektive konnte er „Geist und Natur“ noch als „notwendige Einheit“ denken. Hier stoßen wir auf Begriffe wie Resonanz und „Sinn für ästhetische Einheit“. Dieser Option fehlt leider allerdings wieder das konstruktive Element von Maturana bzw. Luhmann.

3. Ich empfehle daher, zu allererst den „einfachsten“, grund-legenden Weg zu versuchen: zurück zu den Wurzeln konstruktiv-systemischen Denkens, d. h. dorthin, wo sie historisch erstmalig konsistent formuliert wurden und noch nicht in zwei Seiten auseinanderfallen. Diese Wurzeln finden wir bei Kant.

In meinem (in Arbeit befindlichen) Buch „Mimikry und Mimesis. Die Macht der EinBILDungsKraft“, ebenso wie in der Artikelserie „Kybernetik dritter Ordnung“ hier in diesem Blog beginne ich mit der dritten Option.

Ich sehe das als Einladung auch und gerade an Nicht-Philosophen, sich den Fragen, die die globale und sich zunehmend vernetzende Digitalisierung unserer Lebenswelten stellt, einmal ganz anders, grund-legend zu nähern.



[1] https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/11/02/wirklichkeitsemulation-zum-begriff/#comment-1471

[2] Zu dieser Unterscheidung siehe auch Luhmann (1984): Soziale Systeme, S. 600 ff. Bei Luhmann fehlt allerdings jeder Bezug auf Kybernetik.

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