Ökonomie, Ökologie und Resonanz

Können wir von Bienen und Zikaden lernen?


Das Problem

Was „Resonanz“ meint, glauben wir alle irgendwie zu wissen: Antworten auf ein Berührtwerden durch Fremdes. Ebenso was „Ökologie“ meint: mit dem Antworten sich ökonomisch-nachhaltig in einer noch unbestimmten Umgebung verorten. Ein Schwarm rhythmisch zirpender Zikaden macht unmittelbar und eindrucksvoll anschaulich, was das heißt: Zuerst beginnen einige wenige Zikaden, ihr Zirpen zu synchronisieren; dann werden es immer mehr, bis schließlich ein nachhaltiger Rhythmus „emergiert“, von dem die Weibchen angelockt werden, sodass das Leben weitergehen kann …

Wie machen sie das? Wie kommt das Sich-gemeinsam-Rhythmisieren zustande? Und welche Rolle spielt es im Leben der Zikaden? Wenn wir in Lebewesen mehr sehen wollen als zweckmäßig programmierte, geistlose Roboter, dann müssen wir davon ausgehen, dass die Zikaden mit sich selbst und zugleich mit einer unkontrollierbaren Umwelt resonieren; das heißt, sie unterscheiden ein Innen und ein Außen, beobachten beides gleichzeitig – und reproduzieren sich so als lebende Wesen.

Wie müssen wir beobachten, um das denken zu können? Welche Logik braucht es dafür?

Systemiker betrachten lebende Systeme als selbstreferenziell operierend, das heißt, Systeme beobachten ihr eigenes Beobachten; man könnte auch sagen: sie resonieren mit sich selbst. Viele Systemiker schrecken aber immer noch davor zurück, sich ein Beobachten vorzustellen, das mit Innen und Außen gleichzeitig resoniert. Das wäre ein Beobachten dritter Ordnung, ein Beobachten, das keine Zeit konsumiert und keinen Raum beansprucht. Viele befürchten und glauben bis heute, damit tue sich ein Fass ohne Boden auf, das nur zu illusionärem Spekulieren einlädt (exemplarisch dafür H. Rosa[1]) oder aber zu manipulierenden Machtspielen (zu beobachten bei Populisten).

Dass dem nicht so sein muss, versuche ich in diesem Artikel zu zeigen. Lebende (und Leben voraussetzende) Systeme sind autopoietische Systeme. Um ihre Autopoiesis zu vollziehen, müssen sie so beobachten, dass ein Kontext emergiert, der es ihnen ermöglicht, von einer erwünschten Zukunft her Zeuge ihres eigenen Tuns zu sein. Natürlich verbraucht Tun Zeit und beansprucht Raum. Den Kontext aufrechtzuerhalten aber heißt, fortlaufend Unentscheidbares zu entscheiden, und das geschieht – unabhängig von Zeit und Raum: eine „logische Sekunde“, ein reines „Dazwischen“; in Ostasien nennt man das wu-wei – Tun durch Nicht-Tun.

Wenn wir den gegenwärtigen globalen Hersausforderungen noch irgendwie auf Augenhöhe begegnen wollen, dann müssen wir der Frage nach dem Verhältnis von Ökonomie und Ökologie auf den Grund gehen. Dazu müssen wir uns die Fähigkeit zu nicht-fragmentierendem Denken wieder – mühsam – aneignen, und das ist nichts anderes als ein Beobachten dritter Ordnung.

Die Falle zwei-wertigen Denkens

Ökonomie und Ökologie – wie passt beides zusammen? Das ist die Schlüsselfrage und die Herausforderung unserer Zeit.

Ökologie ist die Wissenschaft von den Beziehungen, die Lebewesen untereinander und gleichzeitig mit ihrer unbelebten Umgebung eingehen. Sie ist untrennbar verbunden mit der Frage nach der Ökonomie, d. h. danach, wie die jeweiligen Akteure mit ihren Ressourcen haushalten – letztlich mit Raum und Zeit.

Das Geheimnis der Ökologie steckt in dem Wort „gleichzeitig“. In ihm verbirgt sich die Frage, wie wir denken müssen, um zu verstehen, wie Lebewesen das Kunststück vollbringen, sich von unbelebter Natur abzugrenzen und sich zugleich nachhaltig mit ihr zu verbinden. „Kunststück“ allein schon deshalb, weil belebte (biologische) Natur nach allem, was wir wissen, einer anderen Logik folgt als unbelebte (physikalische) Natur.

Das Problem ist, dass wir moderne Menschen Ökologie gewöhnlich mit binärer (zweiwertiger) Logik greifen, ihre Komplexität damit aber auf entscheidende Weise verkürzen und so tendenziell den Ast absägen, auf dem wir sitzen.

         Zweiwertig zu denken oder zu rechnen heißt, zu unterstellen, dass etwas entweder bestimmt ist (existiert, zählt) oder nicht bestimmt ist (nicht existiert, nicht zählt); ein Drittes wird dabei ausgeschlossen.[2] Auf Basis dieser Logik haben wir immer mächtigere Techniken entwickelt, mit denen wir die Naturkräfte zwingen, unsere Zwecke zu erfüllen statt einfach nur das zu tun, was sie von sich aus täten.

          Das Primat zwei-wertigen Denkens begann, zunächst noch zaghaft, mit dem Sesshaftwerden vor ca. 10.000 Jahren, als die Menschen sich gezwungen sahen, den Gesetzmäßigkeiten natürlichen Wachsens auf die Spur zu kommen. Zu diesem Zweck begannen sie, die Beziehungen zwischen dem (damals noch) unberührbaren Himmel mit seinen scheinbar ewigen Gesetzen und den chaotischen, von Dämonen belebten Kräften der (berührbaren, formbaren) Erde zu erforschen. Das Symbol dafür ist die Spirale.[3]

          Mit der Erfindung der „Großen Maschine“ (L. Mumford), d. h. von Macht als Technik und Technik als Macht, vor ca. 5.000 Jahren konnte das binäre Denken sich dann auch in den Gesellschaftsprozess selbst einschreiben; ihr Symbol ist die Pyramide. Das ist der Bauplan, der bis heute den Kontext unseres Denkens und Handelns bildet. Die Erfindung des (alles vergleichbar machenden) Geldes noch in der Antike, von (alles objektivierender) Wissenschaft in der Moderne und schließlich des – Geld und Wissenschaft verbindenden – Kapitals haben diesen Bauplan lediglich verfeinert, nicht grundlegend geändert.

          Heute übertragen wir das binäre Denken auf Computer. Erstmals in der Geschichte emulieren wir unsere Wirklichkeit gemeinsam mit Maschinen.[4] Das bedenken-los, also unreflektiert zu tun, birgt das Risiko, dass wir unbemerkt natürliche Kreisläufe durchkreuzen. Die Klimakrise ist das momentan auffälligste Symptom genau dieser Praxis.

Der („ökologische“) Kontext, der all das überhaupt erst möglich macht, verschwand dabei in unserem immer größer werdenden blinden Fleck. Die Folgen: Klimakrise, Welthunger, Massenmigration,… Die Krisen „springen uns heute von hinten an“, wie die ZEIT bereits 1973 anlässlich des sog. Ölschocks titelte.

Sich dem Zwiespalt des Mensch-Seins stellen

Die Ökologie aus dem blinden Fleck zu holen, heißt, zu lernen, wieder mehrwertig zu denken: nicht bloß mit Bestimmtem und Nicht-Bestimmtem (Leeren) zu kalkulieren (das sollten wir nicht aufgeben!), sondern darüber hinaus auch mit Unbestimmtem und Imaginärem, d. h. mit bildhaft Vorgestelltem, und sogar mit unklaren Formen.[5] Damit geben wir der menschlichen EinBILDungsKraft wieder ihre produktive Funktion zurück.

          Dazu müssen wir uns aber dem „grund – legenden“ Zwiespalt unseres Mensch-Seins stellen: dem Zwiespalt von Natur und Geist. Aus der Perspektive von Natur sind wir nichts als Energie und Materie; aus der Perspektive von Geist dagegen sind wir „reine Relationen“, d. h. nichts als Zeichen bzw. Unterschiede, die auf andere Unterschiede verweisen. „Die menschliche Tatsache par excellence ist vielleicht weniger die Schöpfung des Werkzeugs als die Domestikation von Zeit und Raum, d. h. die Schöpfung einer menschlichen Zeit und eines menschlichen Raums.“[6]

          Ökonomie (und damit letztlich auch Raum und Zeit) gestaltet sich aus beiden Perspektiven unterschiedlich; und genau diesen Unterschied zu sehen, fällt uns heute immer schwerer. Wir brauchen aber beide Perspektiven.

Wenn wir den „grund-legenden“ Unterschied – und damit unsere Ökologie – im Auge behalten wollen, dann müssen wir zwei unterschiedliche Logiken von Ökonomie genau auseinanderhalten:

—  Aus Sicht der Logik von Natur dreht sich Ökonomie um das Haushalten mit der Energie und den Materialien, die dem System hier-und-jetzt zur Verfügung stehen. In dieser Logik geht es darum, Ressourcen möglichst effektiv einzusetzen, also nichts zu vergeuden.

—  Aus Sicht der Logik von Geist dreht Ökonomie sich um das Haushalten mit Information, d. h. um ressourcenschonendes Erzeugen und Aufrechterhalten von Unterschieden, die für das System einen Unterschied bedeuten. Hier geht es darum, Ressourcen effizient einzusetzen, d. h. mit möglichst hohem Wirkungsgrad.

Kaum jemand hat sich derartig grundlegend mit dem Verhältnis von Ökologie und Ökonomie und mit der „Ökologie des Geistes“ auseinandergesetzt wie Gregory Bateson. Bateson, sozusagen der Großvater der Systemtheorie, hatte noch keinen expliziten Begriff von autopoietischen Systemen (wie ihn dann Maturana und Luhmann entwickelten); dafür hatte er aber noch ein (offenbar an Kant geschultes) tiefes Verständnis davon, dass und wie beide so unterschiedliche Logiken zusammengehören, das dann leider erst einmal wieder verloren ging. Ich beziehe mich im Folgenden auf seinen Aufsatz „Form, Substanz und Differenz“.[7]

Als Beispiele für Systeme erwähnt Bateson ein Korallenriff, einen Rotholz-Wald oder eine Stadt. Ich beziehe mich im folgenden grundlegender auf lebende Systeme (Organismen) und auf Systeme, die Leben voraussetzen (Bewusstsein, Sozialsysteme, Gesellschaft).

Autopoietische Systeme resonieren mit sich selbst

Mit Maturana bzw. Luhmann begreife ich lebende und Leben voraussetzende Systeme als autopoietische Systeme.

Autopoietische Systeme
—  operieren rekursiv-geschlossen, indem sie laufend die momentanen Zustände eines Sensoriums und die eines Motoriums (Erkennen und Wollen bzw. Erkanntes und Gewolltes) aufeinander beziehen, dabei aber jederzeit irritierbar bleiben für Fremdimpulse; d. h. sie erzeugen ihre eigenen Informationen; sie von außen zu „informieren“, hieße, sie zu zerstören;
—  berechnen die Relationen, die sie als Ganze erhalten, indem sie die Irritationen und ihre Interferenzmuster beobachten.

–> Beobachten“ heißt, Unterschiede „fest-zustellen“: etwas zu markieren / zu bestimmen und damit zugleich einen davon unterschiedenen Kontext hervorzubringen, der zwar den blinden Fleck des Bestimmens bildet, dennoch aber bzw. gerade deswegen Beobachten überhaupt erst möglich macht. Beobachten ist grundsätzlich grund-los (weshalb wir gerne unseren blinden Fleck ignorieren).

–> Rechnen“ heißt zu versuchen, den blinden Fleck zu fassen zu kriegen und daher etwas Doppeltes zu tun: a) elementare Dinge oder Objekte herzustellen und sie b) so zu „transformieren, zu modifizieren, anzuordnen und neu zu ordnen“ (Heinz v. Foerster), dass sie stimmige Ergebnisse hervorbringen. Das ist wie die Katze, die (vergeblich) versucht, ihren Schwanz zu fassen.

Autopoietische Systeme können auf diese Weise zwar laufend Unterschiede ziehen, die stimmige Unterschiede hervorbringen, sind und bleiben dabei aber letztlich immer Teil der unbelebten Natur (des Pleromas, wie Bateson im Anschluss an C. G. Jung sagt), die keine Unterschiede macht / kennt. Um ihre Autopoiesis vollziehen zu können, müssen sie daher fähig sein, hier-und-jetzt eine (sozusagen „trittfeste“) virtuelle Vergangenheit zu konstruieren, auf deren Basis sie ihr Operieren von einer virtuellen Zukunft aus beobachten.

          Für externe Beobachter sind autopoietische Systeme daher „nicht-triviale“ (Rechen-) Maschinen i. S. Heinz v. Foersters: ihr Verhalten ist vergangenheitsabhängig (sie können immer nur an ihre eigene, individuelle Geschichte anschließen); es ist daher
—  zwar synthetisch eindeutig determiniert,
—  analytisch aber nicht bestimmbar und somit
—  zwar erforschbar, aber – im Gegendsatz zu trivialen Maschinen – nicht vorhersagbar.

Wir können daher sagen: Autopoietische Systeme sind ökologische Systeme: sie erforschen ihre Umgebung, indem sie sich selbst erforschen. Ein anderes Wort dafür ist „resonieren“. Resonanz ist die Ökonomie von Raum und Zeit. Das Vermögen, mit sich selbst zu resonieren, ist das Merkmal, das belebte von unbelebter Materie unterscheidet.

          In einem Organismus ohne Nervensystem besteht dieses Resonieren aus rein chemischen oder physikalischen Ereignissen; die Relationen zwischen den physikalischen Ereignissen – und damit seine Energiequelle – bleiben / bleibt für ihn außerhalb seines Interaktionsbereichs. Wenn er ein Nervensystem entwickelt, kann der Organismus seine internen Zustände aber auch durch „reine Relationen“ modifizieren und so die Energiequelle in sich selbst reproduzieren, d. h. mit sich selbst resonieren.[8]Geistige“ Systeme wiederum (Bewusstsein, Organisationen, Gesellschaft) brauchen einen Organismus, um mit sich selbst resonieren zu können.

Die Differenz von autopoietischer Organisation und dissipativer Struktur

Nach dem bisher Gesagten dürfte klar sein: Wenn wir verstehen wollen, wie autopoietische Systeme trotz ihres letztlich grund-losen Beobachtens mit sich selbst resonieren können, wie sie also nachhaltig „Boden unter den Füßen“ gewinnen und sich von einer möglichen Zukunft her beobachten, dann müssen wir sie als Teil unbelebter Natur denken, d. h. sie unterliegen den Gesetzen der Thermodynamik, der Entropie. Autopoiesis bedeutet dann die sich laufend vollziehende Einheit (oder „Synthesis“) der Differenz der autopoietischen Organisation und der dissipativen Struktur des Systems.

–> Organisation“ meint diejenigen Relationen, die gegeben sein müssen, damit ein System den Zweck erfüllen kann, den wir ihm zusprechen; in unserem Fall also: das System am Leben zu erhalten.

–> Dissipative Strukturen“, auch solche unbelebter Natur wie z. B. Wirbel aller Art, bilden sich fern vom thermodynamischen Gleichgewicht, an der Grenze zum Chaos. Ein dissipatives System, egal ob belebt oder unbelebt, arbeitet streng ökonomisch, wenn auch nicht unbedingt ökologisch: es sucht und findet laufend den Ort, an dem ein minimaler Ressourcenverbrauch (letztlich von Raum und Zeit) und eine maximale Zahl interner und externer Anschlüssen zusammenfallen. So gelingt es ihm, „sich vom stetigen Bergab der Entropierutsche zumindest temporär unabhängig zu machen, um dann die Ressourcen (seiner) Welt zu nutzen und den entropischen Fluss zu surfen.“[9]

Unbelebte dissipative Strukturen existieren in Abhängigkeit von externen Randbedingungen (Energiequellen); ein Wirbelsturm z. B. steht und fällt mit der Energiedifferenz von warmen Wasser- und kalten Luftschichten. Lebende Systeme dagegen erzeugen und reproduzieren die benötigten Randbedingungen (und damit die Energiequelle) in sich selber: Die Ökonomie autopoietischer Systeme dreht sich darum, die Differenz zwischen ihrer (auf den Zweck des Überlebens gerichteten) autopoietischen Organisation und ihrer (zur Entropie tendierenden) dissipativen Struktur für ihre Ökologie zu nutzen, d. h. für den Vollzug oder die Synthesis ihrer Autopoiesis.

Ökologie heißt also, zwei Formen von Ökonomie auseinanderzuhalten:
—  die Ökonomie von Materie und Energie (Ökonomie des Raums)
—  und die Ökonomie von Information, d. h. von Unterschieden, die einen Unterschied bedeuten (Ökonomie der Zeit),
und sich immer wieder neu zu fragen, wie sie zusammenpassen.
In beiden Fällen zieht das System seine Grenzen auf unterschiedliche Weise – genau das ist die Herausforderung.

Das Bild des Surfens im obigen Zitat macht anschaulich, dass und wie lebende Systeme beide Formen von Ökonomie gleichzeitig nutzen. Nur für unseren analytischen Verstand „passen (sie) nicht gut zusammen“, wie Bateson sagt. Daher ist nicht nur das Surfenlernen so mühsam und herausfordernd, sondern auch das Sich-Wieder-Aneignen nicht-fragmentierenden Denkens oder Beobachten dritter Ordnung.

Die Ökonomie von Materie und Energie (Ökonomie des Raums)

In dieser Ökonomie betrachten wir die Grenzen des Systems als aus den gleichen Elementen hergestellt, aus denen das System sich auch als ganzes hervorbringt. Ein Sensorium („Erkennen“) schließt die Grenze für Irritationen und ein Motorium („Wollen“) öffnet sie wieder. Messungen, die die Ökonomie des Systems bestimmen, sind nur an und im Rahmen dieser Grenze möglich.

So bilden etwa die Moleküle, aus denen eine Zelle besteht, zugleich auch die Membran, die sie nach außen begrenzt. Das Gleiche gilt aber auch für „geistige“ Systeme, d. h. für Systeme, die sich nicht aus Molekülen, sondern aus bloßen Zeichen konstituieren (also Bewusstsein und Sozialsysteme), die ja wegen ihrer dissipativen Struktur ebenfalls der Entropie unterliegen. Die Elemente, mittels derer Bewusstsein seine Realität berechnet, sind „in- Sprache“ gefasste Vorstellungen. Vorstellungen sind zugleich aber auch die Bausteine, aus denen sich das Weltbild „bildet“, das sie begrenzt.[10] Die Elemente, mittels derer Gesellschaft sich errechnet, sind Kommunikationen (im Sinne Luhmanns), in denen individuelle Bewusstseine „nichts zu sagen“ haben (was nachzuvollziehen Vielen immer wieder schwer fällt).

Ökonomie des Raums heißt, die knappen Ressourcen so effektiv wie möglicheinzusetzen. Das geht aber nur „additiv-subtraktiv“, wie Bateson sagt, d. h. wenn an einer Stelle etwas hinzugefügt wird, muss dafür woanders etwas weggenommen werden. Systeme (als „nicht-triviale Maschinen“) stehen dabei vor dem Problem, dass sie die dafür notwendige Regel- oder Gesetzmäßigkeit nicht vorab bestimmen kkönnen: Von einander unabhängige Elemente sollen abhängige Beziehungen eingehen, deren Regel oder Gesetz nicht a priori berechenbar ist; sie können, wie I. Prigogine sagt, allenfalls erforscht werden.

Diese Ökonomie zielt darauf ab, keine kinetische Energie nutzlos zu vergeuden, also Kraft zu sparen. Die ostasiatischen Kampfkünste kennen dies als das Prinzip des „judo“ (vgl. Tiwald 1984). Am Beispiel Zikaden: Die Tiere beziehen ihr Zirpen agonal[11] aufeinander, d. h. sie folgen primär ihrer je eigenen kinetischen Energie, lassen sich dabei aber vom Verhalten ihrer unmittelbaren Nachbarn irritieren.

Bildlich besonders anschaulich wird die Ökonomie des Raums an der Bienenwabe (siehe Titelbild). Bienenwaben bilden perfekte Sechsecke; und die Dicke ihrer Wände ist bis auf wenige tausendstel Millimeter exakt gleich. Kepler konnte sich das nur erklären, indem er Bienen einen mathematischen Verstand zusprach. Eine elegantere Erklärung ist es, Bienenwaben als dissipative Strukturen zu sehen. Sechsecke sind räumliche Strukturen, die sich auch in der unbelebten Natur überall dort bilden, wo eine Differenz zweier Energiequellen besteht und sich in Form regelmäßiger Wirbel allmählich entropisch abbaut (Bénard-Zellen).

Benardzellen

Die Ökonomie von Information (Ökonomie der Zeit)

In dieser Ökonomie betrachten wir die Grenzen des Systems dagegen als sich aus „Informationen“ bildend, also aus Unterschieden, die einen Unterschied machen. Die Elemente des Systems (seien es Moleküle, Vorstellungen oder Kommunikationen) werden dabei so bestimmt, dass sie sich nicht gegenseitig ausschließen und behindern, sondern sich vielmehr gegenseitig unterstützen.

Ökonomie dreht sich hier um die „Planung von Bahnen und Wahrscheinlichkeit“ (Bateson). Haushalten heißt, so zu „planen und zu bahnen“, dass sich der Zweck (die Nachhaltigkeit des Systems) möglichst effizient verwirklichen kann, mit höchstmöglichem Wirkungsgrad. Ein anschauliches Beispiel bilden Vogelschwärme.

          Ökonomie der Information bedeutet: grundsätzlich von einander unabhängigen Elemente sollen spontan (d. h. aus sich selbst heraus) zweck-mäßige Beziehungen eingehen. Das Problem besteht auch hier wieder darin, dass das System diese zweck-mäßigen Beziehungen nicht a priori berechnen, sondern nur Stück für Stück erforschen kann.

Diese Ökonomie zielt auf höchstmögliche Präsenz. In den ostasiatischen Kampfkünsten nennt man dieses Prinzip „mudo“: kein Hauch zwischen Denken und Tun oder auch „wu-wei“: Handeln durch Nicht-Handeln.

Rhythmus und ästhetische Einheit

Autopoietische Systeme tun natürlicherweise das, was unserem analytischen Verstand nicht möglich ist: sie beobachten beide Ökonomien gleichzeitig und damit ihre Ökologie. Das heißt, sie fragen sich laufend, wie sie mit sich selbst in Resonanz kommen und bleiben bzw. wie sie ihre Resonanzfähigkeit verfeinern können.

Dafür nutzen und reproduzieren sie die Differenz zwischen ihrer dissipativen Struktur und ihrer autopoietischen Organisation.
—  Ihre dissipative Struktur errechnet, wie erwähnt, die Orte, an denen ein minimaler Ressourcenverbrauch und eine maximale Zahl (interner und externer) Anschlüssekoinzidieren.
—  Und Autopoiesis heißt, mit eigenen Mitteln, von Moment zu Moment und ohne direkten Anstoß von außen die Relationen zu errechnen, die das System (seine Organisation) als ganzes erhalten.

Um gedanklich nachvollziehen zu können, wie Systeme ihre eigene Ökologie beobachten können, ist es hilfreich, zwischen dem Medium des ökologischen Geschehens und seiner Form zu unterscheide

Das Medium für das Überbrücken der Differenz ist Rhythmus.

Was meint hier Rhythmus? Rhythmus ist ein Regeln folgendes Oszillieren zwischen mindestens zwei definierten Zuständen. Triviale Maschinen, deren Regeln programmiert werden, können Rhythmus fabrizieren, der aber – wie bei sog. „Schlagern“ – eher öde und langweilig wirkt. Technotänzer nutzen aber gerade diese Monotonie dafür, mit sich selbst in Resonanz zu kommen und lustvoll abzuheben. Künstliche nicht-triviale Maschinen können Rhythmus erzeugen, der nicht voraussagbar ist, wenn die Regelerzeugung programmiert wird. In beiden Fällen bleibt die Regel aber außen vor, kinetische Energie muss zusätzlich dazukommen, damit der Rhythmus sich erhält. Autopoietische Systeme dagegen rhythmisieren sich spontan selbst. Wie lässt sich das denken?

Sich-rhythmisierend können Systeme die Ökonomie des Raums („Zweck-mäßigkeit“) und die Ökonomie der Zeit („Regel-mäßigkeit“) gleichzeitig beobachten. Das heißt: sie (er)finden hier-und-jetzt genau die Zweck- und Regelmäßigkeiten, die sich in der Zukunft bestätigen. Sie konstruieren fortlaufend hier-und-jetzt eine (verlässliche) virtuelle Vergangenheit, die es ihnen ermöglicht, ihr Operieren von einer virtuellen Zukunft aus zu beobachten. Mit Kant ließe sich sagen: sie urteilen ästhetisch und erzeugen kommunizierbare „Gesetzmäßigkeiten ohne Gesetz“ und ebensolche „Zweckmäßigkeiten ohne Zweck“.

Indem lebende (und Leben voraussetzende) Systeme (angefangen bei einer einfachen Zelle) ihr Verhalten rhythmisieren, verbindet sich ihre eigene raum-zeitliche Bewegung mit der anderer, ähnlicher Systeme zu komplexeren, „mächtigeren“ Formen (z. B. einem Organismus, zu Bewusstsein oder zu Gesellschaft), von denen sie sich zugleich abgrenzen, d. h. sie bewahren ihre Spontaneität. Anschaulich zeigt das z. B. der eingangs erwähnte Schwarm rhythmisch zirpender Zikaden oder überhaupt jedes Schwarmverhalten.

Das ist möglich a) weil Rhythmus Kraft spart: keine Energie wird nutz-los vergeudet; und b) weil Rhythmus verbindet: „kein Hauch zwischen Denken und Tun“. Im Medium „Rhythmus“ vermehrt sich die Zahl der Wahl- oder Anschluss-Möglichkeiten der Elemente. Das System wird zu seinem eignen Resonanzkörper und seiner eigenen Energiequelle.

Im wahrsten Sinne des Wortes „entscheidend“ dafür ist: Rhythmus erlaubt es dem System, nicht mehr nur binär zu rechnen, also lediglich mit bestimmten (markierten) und nicht-bestimmten (leeren) Formen, sondern auch mit unbestimmten: Jedes Markieren (Bestimmen) erzeugt zugleich auch Unbestimmtes, das das System aber – qua Rhythmus – „unbedenklich“ (also ohne zu reflektieren) wieder in seine Rechnung einführen kann. Sich rhythmisierend kann das System sein Beobachten „in der Schwebe“ lassen, offen bleiben für alles, was immer ihm „zu-fällt“; die Grenze zwischen dem Beobachten und dem Beobachteten kann temporär zusammenbrechen.

So kann spontan und Stück für Stück ein immer mächtigerer imaginärer Kontext emergieren, der dem System als Spiegel dient, in dem es zum bloßen Zeugen seines eigenen Operierens werden und so temporär Autonomie gewinnen kann: die Freiheit, objektiv Unentscheidbares anschlussfähig zu entscheiden.

Das System kann frei zwischen seinem Markieren und dem (imaginierten) Kontext des jeweils Markierten wechseln, allein orientiert an dem Gefühl von Lust und Unlust (oder Neugier / Schmerz). Der imaginäre Kontext wird so zum Antriebsmotor, zur Quelle der Bewegung. Der blinde Fleck stört dabei nicht mehr, d. h. behindert nicht die flüssige Bewegung; er wird im Gegenteil zu einem Ort, der sich mit Zufällen (markierten Zuständen) füllt und sich wieder leert: ein „seltsamer Attraktor“, der alles, was er ausschließt, anzieht und alles, was er angezogen hat, wieder auswirft.

„Indem wir uns über Entscheidung in Unbestimmtheit orientieren, erzeugen wir neue Unbestimmtheiten in unseren Entscheidungssystemen durch den Selbstbezug der Entscheidungen aufeinander.
Im Verlauf unserer Beobachtungen werden wir uns dessen bewusst und markieren es, um es zu fokussieren.
Beobachten wir die selbstreferenziellen Entscheidungsprozesse des Beobachters, gehen wir ins Imaginäre über.“ [12]

Die Form für das Überbrücken der Differenz, die es dem System erlaubt, frei zwischen Markieren und (imaginärem) Kontext zu wechseln, ist das Bild. Die Bild-Form des Beobachtens erlaubt es, räumlich-zeitliche Unterschiede in einer Beobachtung zu erfassen, also ohne Zeit zu konsumieren und ohne Raum zu beanspruchen.

Sich rhythmisierend bauen lebende Systeme spontan eine „bildende Kraft“ auf (bzw. Menschen: EinBILDungsKraft): das Vermögen, etwas sinnlich nicht Gegebenes als Bild vor-sich-hinzustellen und solange mit einer Vielzahl ähnlicher Unterscheidungen zu spielen, bis sich verbindende, tragfähige Muster zeigen. Mit G. Bateson spreche ich von „Sinn für ästhetische Einheit“.

          Für uns Menschen gilt, was Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ sagt: Nur, wenn wir „interesselos“ beobachten, d. h. private Vorlieben und Abneigungen zurückstellen, und uns allein vom Gefühl von Lust und Unlust leiten lassen, können wir Nachhaltig-in-sich-selbst-Stimmiges („Schönes“) von Nicht-Stimmigem („Hässlichem) unterscheiden: Kommunizierbare „Gesetzmäßigkeiten ohne Gesetz“ und ebensolche „Zweckmäßigkeiten ohne Zweck“.

„Genau dann, wenn wir die Wirkungsweise der Creatura (d. h. der belebten Welt, F.F) in der äußeren Welt erkennen, haben wir ein Bewußtsein von ‚Schönheit’ oder ‚Häßlichkeit’. Die ‚Primel am Flußrand’ ist schön, weil wir uns bewußt sind, daß die Kombination von Unterschieden, die ihre Erscheinung ausmacht, nur durch Informationsverarbeitung, d. h. durch Denken erreichbar ist. Wir erkennen einen anderen Geist innerhalb unseres eigenen äußeren Geistes.“[13]

Fußnoten


[1] Rosa, Hartmut (2016) Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin.

[2] Der erste, der dies explizit so formulierte, war wohl Parmenides vor 2.500 Jahren. Für Hegel hat Parmenides das Denken „in seiner Absolutheit“ erfasst. Für Nietzsche dagegen steckt in dieser „blutlosen Abstraktion“ das ganze Elend der abendländischen Metaphysik.

[3] In fast allen neolithischen Kulturen taucht die Spirale als eines der zentralen Symbole auf. Sie symbolisiert eine Bewegung, die in der Veränderung ihre Identität behält.

[4] Peyn, G.: Wirklichkeitsemulation – zum Begriff https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/11/02/wirklichkeitsemulation-zum-begriff/

[5] Vgl. hierzu: Peyn, R.: uFORM iFORM, Heidelberg 2017.

[6] Leroi-Gourhan 1988, S. 387.

[7] In: G. Bateson (1985). Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven.

[8] Siehe hierzu H. Maturana: „Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit“, 1982, S. 39. Maturana spricht allerdings nicht von Resonanz.

[9]  Peyn, R., a. a. O., S. 109.

[10] Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (TLP 5.6.) Und „(…) mein Weltbild (…) ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide.“ („Über Gewißheit“ § 94).

[11] Von altgr. agon = geregelter Wettkampf; Reibung / Berührung erzeugt hier Energie. Im Unterschied zu orthogonaler Begegnung: ohne regel-mäßige Berührungspunkte, Energie verpufft.

[12] Peyn, R. a.a.O., S. 56. Hervorhebungen durch mich (F. F. ).

[13] G. Bateson, a. a. O. , S. 597.

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