Die Digitalisierung begann in Stonehenge

Über den Geist in der Maschine

Neufassung vom 2. 9. 2019

Im Grunde ist unser Geist immer noch in den Mustern fragmentierenden Maschinendenkens gefangen, dessen Wurzeln bis in die Steinzeit zurückreichen. Was es heute dringend braucht, was aber Vielen immer noch immens schwer fällt, das ist es, in verbindenden Mustern zu denken; zu lernen, den Beobachter immer wieder in sein eigenes, lebendiges Tun hier-und-jetzt zurückzubinden. Im Folgenden einige Gedanken – zum Mit- und Nach-Denken.

1. Maschine

„Maschine“ ist „ein begriffliches Hilfsmittel, das wohl definierten Operationsregeln gehorcht“ (A. Turing / Heinz v. Foerster);  ein Algorithmus, d. h. eine (hierarchische, nicht umkehrbare) Sequenz von Ja-/Nein-Entscheidungen bzw. Anweisungen, die bestimmte Probleme löst.
Maschine ist synthetisch determiniert, funktioniert nach bestimmten Regeln.
Maschine ist zunächst eine bloße Idee, eine von einem Beobachter vorgenommene Auswahl reiner Relationen.

Die Idee / die Relationen lässt bzw. lassen sich auf eine materielle Struktur übertragen, die die Anweisungen realisiert. Sie besteht aus digitalisierten „Dingen“ (d. h. Objekten, die für den Beobachter unabhängig von einander existieren), die zu einem Algorithmus verbunden sind.
Strukturen begrenzen die Auswahlmöglichkeiten von Operationen und garantieren so ein Sequenz von Ereignissen.

„Eine Technik ist die Einrichtung einer Sequenz von Ereignissen derart, dass diese Sequenz wiederholbar abgerufen werden kann. Die Ausgangs- und Endzustände der Sequenz sind definiert. Die Verknüpfung der Ereignisse zu ihrer Sequenz ist das Ergebnis eines Automatismus, der in der Natur der Sache vermutet wird.“ (D. Baecker)

2. Wort-Sprache und das Emulieren von Wirklichkeit

Mit dem Emergieren von Wort-Sprache (vor 70.000 bis 50.000 Jahren?) traten Realität und (gesellschaftliche) Wirklichkeit auseinander. Das erzeugte einen gewaltigen Überschuss an sinnvollen Verknüpfungsmöglichkeiten und verlangte immense Anpassungsleistungen (Kunst, Technik, soziale Differenzierung).

Realität bezeichnet
—  das, was anfassbar / greifbar ist: DINGE, d. h. Artefakte wie Werkzeuge, Maschinen, Begriffe, Daten;
—  bzw. das, auf das sich unmittelbar zeigen lässt: Personen (als Träger von Rollen), Ich, Du, Wir, Es und Institutionen, die die Dinge als Daten (= Gegebenes) anwenden.

Wirklichkeit bezeichnet das, was im Hintergrund wirkt, der blinde Fleck. Wirklichkeit ist nicht unmittelbar zugänglich, sie „zeigt sich“ im Realen. Sie wird repräsentiert von Symbolen; Symbole sind beides zugleich: anfassbar und man kann unmittelbar auf sie zeigen. Man denke an den Fetisch der archaischen Stammeskultur, an die Insignien von Macht wie etwa die Pyramide des Pharao oder an Geld.
Nota bene: auf eine Maschine als reines DING (ebenso wie auf Begriffe) kann ich nicht unmittelbar zeigen, nur mittels Symbolen.

Dabei übersehen wir leicht, dass Artefakte (wie Maschinen oder Begriffe), Personen (Rollen wie z.B. ein König) und Symbole nicht aus sich sebst heraus wirksam sind; wir wenden Artefakte, Rollen und Symbole an und werden zugleich von ihnen angewendet. „Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.“

Wir emulieren Wirklichkeit, d. h. in Systemen (z. B. im Bewusstsein) (re)konstruieren wir andere Systeme (z. B. Gesellschaft). Wir können so Komplexität steigern oder reduzieren. [1]

Wort-Sprache ermöglicht es den Handelnden, Sach-, Zeit- und Sozial-Verhalte zu fixieren („fixierter Sinn“). Sinn wird in Artefakten, Rollen und Symbolen festgehalten; Natur und Gesellschaft scheinen in ihnen den Atem anzuhalten.

Wenn die Akteure sich beim Koordinieren ihres Handelns agonal begegnen (nicht orthogonal), d. h. das Meinen des Anderen bestätigen, ihre Differenz dazu aber im Blick behalten („fluider Sinn“), dann entsteht für das Bewusstsein ein Komplexitäts- oder Sinn-Überschuss[2] als ein offener Möglichkeitsraum. Wenn sie das repetitiv tun, kann Sinn zu Artefakten, Rollen und Symbolen kondensieren. Sie helfen, Sinn in die richtigen Bahnen zu lenken, sodass Wirklichkeit emergieren kann. Der Komplexitätsüberschuss wird dadurch nicht beseitigt, nur in die Zukunft verschoben; er muss analog, d. h. mimetisch-rituell aufgefangen und so von den Akteuren laufend bestätigt (konfirmiert) werden.

Die Tat-Sache des Emulierens von Wirklichkeit wird für uns in dem Maße immer undurchsichtiger, in dem Maschinen nach den physischen auch die intellektuell-emotionalen und mit dem Coputer schließlich auch die geistigen (Reflexions-)Fähigkeiten des Menschen anwenden. Die mimetischen Fähigkeiten des Menschen verkümmern tendenziell zugunsten von Mimikry, der Anpassung an Totes.

3. Drei Stufen / Zäsuren der Evolution

Die Relationen, die auf materielle Strukturen übertragen werden, können Relationen sein
1.  zwischen physischen Objekten,
2.  zwischen Menschen und physischen Objekten bzw. zwischen (als Objekt verstandenen) Menschen und
3.  zwischen Menschen und Maschinen
(wobei „Mensch“ nicht Individuen meint, sondern Menschen als Teil eines bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhangs).

Ich unterscheide dementsprechend drei Stufen oder Zäsuren, die evolutionär aufeinander aufbauen.

Stufe 1: Entwicklung technischen Denkens im Zuge der Emergenz von Wort-Sprache. Erste einfache Maschinen: Pfeil und Bogen, „Feuer-Zeug“.
Relationen zwischen physischen Objekten.

„Wenn die alten Magier einen Dämon unter ihre Gewalt bringen wollten, evozierten sie ihn in einen Bannkreis, ein Banndreieck oder eine andere FORM, markierten so den Raum, in dem er sich entfalten sollte, und zwangen ihn auf diese Weise dazu, ihnen seinen Namen zu verraten, und damit in ihre Dienste. Nun musste er ihnen alles enthüllen, worüber er Macht hatte: seine Kraft, seinen Rang, seine volle Bedeutung, all sein Wissen.“ (G. Peyn)

Stufe 2: Relationen zwischen Menschen und physischen Objekten.
Entwicklung formalen oder maschinellen Denkens seit der Sesshaftwerdung: Zwang, die Beziehungen zwischen Mensch und Natur objektiv (unabhängig von Dämonen) messbar zu beobachten, zu berechnen.
Dabei können auch Individuen als physische Objekte behandelt werden; und physische Objekte können Maschinen sein, die individuelle Arbeitskraft anwenden.

—   Jungsteinzeit: Die Digitalisierung begann sozusagen in Stonehenge. Beziehungen zwischen Himmel und Erde werden messbar, berechenbar. Steinkreise sind Rechen-Maschinen, die mimetisch-rituell in Gang gehalten werden. Ein Satz von (in Steinen oder in der Himmelsscheibe von Nebra verkörperten) einfachen Anweisungen reicht aus, die Maschine ökonomische Probleme (Aussaat, Ernte etc) auf der Erde lösen zu lassen.

—  „Große Maschine“ (i. S. von L. Mumford) in der Antike: Die Algorithmisierung begann im alten Ägypten, in Mesopotamien etc. Sie ist die Fortsetzung der Digitalisierung mit anderen (wirkungsvolleren) Mitteln. Die Große Maschine ist eine Verfeinerung maschinellen Denkens, d. h. die Beziehungen von Mensch und physischen Objekten werden algorithmisiert. „Große Maschine“ ist die Idee, das Emulieren von Wirklichkeit ließe sich von außen – durch einen Macht-Haber – steuern. Von nun an treten das Digitale und das Analoge, das was greifbar ist und das, was unmittelbar zeigbar ist, explizit auseinander. Die Große Maschine ist ein maschinelles Denken, das Macht auf Rollenträger (Machthaber) und auf Symbole (Pyramide) überträgt; Macht kommt nun scheinbar aus der Maschine, nicht mehr aus dem – nach wie vor notwendigen (!) sinnstiftenden, mimetisch-rituellen Handeln. Individuen können daher scheinbar wie physische Objekte, wie Dinge behandelt werden.

Algorithmisierung von Arbeit

—  Ebenso die kapitalistisch angewandte Maschine: sie mag die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal umgewälzt haben, sie ist dennoch „nur“ eine weitere Verfeinerung des maschinellen Denkens. Geld als Kommunikationsmedium spielte hier die entscheidende Rolle bei der globalen Vernetzung fragmentierden Denkens.

Stufe 3: Relationen zwischen Mensch und Maschine (Computer):
Emulieren von Wirklichkeit gemeinsam mit Maschinen
.

Im Zuge von Wirklichkeitsemulation mit Maschinen wächst die Notwendigkeit, die Illusion der Wirkmächtigkeit von Technik, von Personen und Symbolen aufzulösen. Damit kommt Kybernetik ins Spiel.

4. Kybernetische Maschinen

Kybernetische Maschinen bringen den Beobachter und damit den blinden Fleck („Wirklichkeit“)  ins Spiel.

Beobachten heißt, etwas zu bestimmen und zugleich einen davon unterschiedenen Kontext hervorzubringen, der zwar den blinden Fleck des Beobachters bildet, aber Beobachten überhaupt erst möglich macht. Der blinde Fleck ist nicht hintergehbar, B. ist grund-los.[3]

Beobachten braucht aber einen stabilen Grund, von dem aus es kalkulieren kann. Den Grund liefert die Kybernetische Maschine. Sie ist ein begriffliches Hilfsmittel, mit dem sich innerhalb eines Systems eine stabile Wirklichkeit emulieren lässt.

Kybernetische Maschine erster Ordnung

Ein Beobachter unterscheidet ein Sensorium (Erkennen) und ein Motorium (Wollen) und verknüpft beides rekursiv solange, bis sich ein Eigen-Wert ein-stellt, an den sich anschließen lässt.

Kybernetische Maschine zweiter Ordnung

Beobachten von Systemen, die ihr eigenes Beobachten beobachten und dabei ihren blinden Fleck einkalkulieren.

Das können im Prinzip auch Künstliche Intelligenzen, und zwar zunehmend besser und genauer als wir.

Damit wächst aber zugleich auch die Krisenanfälligkeit. Mit der Digitalisierung der Börsenprozesse z. B. kann die Krise einkalkuliert werden; zugleich koppeln sie sich aber von den realen Prozessen ab, sodass die tatsächliche Krise dann (wie im Börsencrash von 2008) droht, wie ein Schwarzes Loch oder wie das Ungeheuer Charybdis in der Odyssee, alles zu verschlingen, was in seine Nähe kommt und nichts mehr zurückzugeben.
„Über statistische Ermittlungsverfahren finden Künstliche Intelligenzen und Bots heraus, was sich am besten anbieten, verkaufen, vermitteln lässt, welche Bedürfnisse die Masse hat und wie diese effizienter bedient werden können.“ (G. Peyn, a. a. O. )

Kybernetische Maschine dritter Ordnung

Das System bezieht den blinden Fleck selbst in seine Berechnungen ein. „Ein lebender Organismus ist ein Relator dritter Ordnung, der die Relationen berechnet, die ihn als Ganzheit erhalten.“[4] In autopoietischen Systemen ist „alles Zweck und wechselseitig auch Mittel“ (Kant über den Organismus).

In Kommunikation wird der blinde Fleck zu einem sich selbst erhaltenden, offenen Möglichkeits-Raum: ein seltsamer Attraktor, der
—  wie ein Schwarzes Loch alles in seiner Umgebung anzieht
—  aber (anders als das Schwarze Loch) wieder an seine Umgebung abgibt,
—  sich damit fortlaufend selbst irritiert und diese Irritationen in Unterschiede verwandelt, die einen Unterschied machen.


„Vielleicht darf man es als die wesentlichste Entdeckung der Kybernetik bezeichnen, empirisch-technisch festgestellt zu haben, dass es grundsätzlich unmöglich ist, die transzendentale Struktur der Wirklichkeit vermittels zweier alternativer Realitätskomponenten zu beschreiben. Die sich aus unserem traditionellen zweiwertigen Denken ergebenden Verstehensstrukturen sind bloße Abbreviaturen. Der volle Text der Wirklichkeit kann aus ihnen nicht abgelesen werden. Sie sind viel zu arm in ihrem relationalen Aufbau, um dem Reichtum der Realgestalten auch nur einigermaßen gerecht zu werden.“ Gotthard Günther in: Das Bewusstsein der Maschinen.


Fußnoten


[1]  Siehe Gitta Peyn: Wirklichkeitsemulation. https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/03/09/wirklichkeitsemulation-mein-weckruf-urbi-et-orbi/ bzw. Wirklichkeitsemulation – zum Begriff https://carl-auer-akademie.com/blogs/systemzeit/2018/11/02/wirklichkeitsemulation-zum-begriff/#comment-1485

[2] Komplex ist das Maß  für den Mangel an Information, die dem Bewusstsein fehlt, um sich selbst und seine soziale Umwelt vollständig zu erfassen; sh auch Luhmann, Soziale Systeme S. 50f. Das Bewusstsein kann alle Phänomene nicht gleichzeitig erfassen.

[3] Bei Kant ist dies übrigens das Transzendentalsubjekt, d. h. das „Ich denke“, das alle Vorstellungen (bzw. alles Tun) begleitet, ohne selbst Vorstellung (bzw. Tun) zu sein.

[4] von Foerster, H. (1993): Gegenstände: greifbare Symbole für (Eigen-)Verhalten. in: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Herausgegeben von S. J. Schmidt. Frankfurt / M. S. 121.

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