Die Kunst kin-ästhetischen Denkens – Lässt sich menschliches Tätigsein als Ganzes beobachten?

(1)

Wir haben damit angefangen, denkende Maschinen zu bauen und sie in unser Leben zu integrieren – ohne zu wissen, was wir da eigentlich tun und wo uns das einmal hinführen soll. Erschrocken sehen wir heute, wie gigantische Kommunikationswellen weltweit und zunehmend ganze Lebenswelten um-, unter- oder gar wegspülen – mitsamt ihren überkommenen Orientierungsangeboten und Gewissheiten und gleichgültig, ob sie (über)lebenswichtig sind oder nicht. Wirklichkeit wird für uns immer unübersichtlicher, intransparenter, nichts-sagender. Ihre Komplexität wächst in einem Maße, das unsere bisherigen kognitiv-emotionalen Denkmuster offensichtlich überfordert. Sie greifen ins Leere – ein offenes Tor für Populisten und ihre Verschwörungsmythen.

          Aber das bietet auch eine Chance: Mit denkenden Maschinen tritt uns erstmals in der Geschichte unsere spezifisch menschliche Form des Denkens nicht mehr in Form von Worten oder Texten gegenüber, sondern wort-los, in gegenständlich-objektiver Form.Wir sehen uns auf eine neuartige Weise mit der alten Frage konfrontiert: Was heißt Denken? Und: was genau macht eigentlich menschliches Denken aus? Was menschliches Denken von dem von Tieren unterscheidet – damit beschäftigen sich Religion, Philosophie und Wissenschaft schon länger. Heute aber kommt die Frage dazu, wie es sich von dem unterscheidet, was Maschinen tun.   

Damit bekommt die Frage nach dem Denken eine vollkommen neue Wendung. Die Denk-Form, mittels derer wir bisher Maschinen bauen, folgt einer binären Logik: etwas ist entweder oder es ist nicht – ein Drittes ist un-denkbar. Aber das reicht heute offenbar nicht mehr. Wir müssen einen Schritt zurücktreten, uns selbst, unser Tun, sozusagen von außen betrachten, und uns mit Hannah Arendt fragen: „Was tun wir eigentlich, wenn wir tätig sind?“

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir unser menschliches Denken als integralen Teil unseres gesamten menschlichen Tätig-Seins sehen. Wir brauchen heute eine Denk-Form, die das Ganze menschlichen Tätig-Seins greift. Ich nenne sie kin-ästhetisches Denken.

(2)

Wenn wir das Ganze des Mensch-Seins erfassen wollen, stehen wir erst einmal vor einer Paradoxie.
Als Menschen sind wir immer schon, d. h. unhintergehbar, Teil der Wirklichkeit, die wir erkennen und die wir formen. Um uns ein Bild von uns selbst zu machen, müssen wir das Kunststück fertigbringen, fortlaufend zwei disparate, sich gegenseitig nicht berührende Welten zu verbinden: eine physische, in den Dimensionen Raum und Zeit fassbare Welt auf der einen und eine Welt der Sprache auf der anderen Seite. Ähnlich wie bei der berühmten Heisenberg’schen Unschärferelation kriegen wir unser Mensch-Sein daher in jedem Moment immer nur in einem von zwei Phänomenbereichen zu fassen: entweder in dem Phänomenbereich, den wir „Körper“ nennen oder in dem, den wir „Geist“ nennen; beides zugleich ist ausgeschlossen. Körper und Geist „sind“ aber nicht, d. h. wir können sie nicht wie Descartes als Dinge fassen. Wenn wir ihre Einheit nicht im Transzendenten verorten wollen, also jenseits aller möglichen Sinneserfahrung, dann müssen wir „Körper“ und „Geist“ daher jeweils als ein Sich-Ereignen begreifen.

Um uns einen Begriff vom Sich-Ereignen menschlichen Tätigseins machen zu können, müssen wir daher tiefer ansetzen und fragen, aus welchen Quellen sich körperliche bzw. geistige Ereignisse speisen. Dann zeigt sich, dass wir wiederum in Widersprüchen landen:

Körperliche Ereignisse speisen sich einerseits aus der Tätigkeit unseres Sinnesapparats und andererseits aus unserem So-geworden-Sein, d. h. aus vergangenen Ereignissen, auf die wir keinen sinnlichen Zugriff haben.

Geistige Ereignisse speisen sich umgekehrt aus Ereignissen, die nicht an vergangene Ereignisse anknüpfen, sondern lediglich Relationen aufzeigen, die Unterschiede hervorbringen / feststellen, die also Kausalketten unterbrechen und einen Anfang setzen – von denen wir aber wiederum nicht sagen können, wie sie sich mit den Sinnen fassen lassen.

Wir können zwar versuchen, noch eine Ebene tiefer zu gehen, stoßen dabei aber wiederum auf weitere Differenzen:

— Körperliches (ver)birgt in sich den Unterschied belebte / unbelebte (der Entropie unterworfene) Welt

— Geistiges (ver)birgt in sich den Unterschied Individuum / Gesellschaft (Kommunikation)

Fazit: Wenn wir menschliches Tätig-Sein als Ganzes fassen wollen, zerrinnt es uns zwischen den Fingern: Es birgt in sich eine Fülle, die für uns, als an Raum und an Zeit gebundene Beobachter, nicht begreifbar ist – und die das auch für immer bleibt.[2]  Das sich ereignende Ganze des Menschseins verbirgt sich für uns prinzipiell in unserem blinden Fleck, d. h. wir können nicht sehen, dass wir das nicht sehen, was wir nicht sehen.

(3)

Was uns aber bleibt, das ist das, was Kant eine regulative oder Vernunft-Idee nennt: Wir können unser menschliches Tätig-Sein sodenken bzw. erforschen, als ob es sich um ein „leeres Zentrum“ dreht, in dem Raum und Zeit eine un-bedingte (d. h. empirisch nicht einlösbare) Einheit bilden, aus der unser Tätig-Sein hervorgeht und in der es wieder verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen. Von diesem „leeren Zentrum“ können wir uns zwar niemals einen Begriff machen. Wir können seine Bewegung aber so greifen, dass wir passiv-aktiver Zeuge dabei sind, wie es sich spontan als Ganzes zusammenfügt.

„Leer“ meint nicht das absolute Nichts. Es meint auch nicht eine Lücke zwischen Dingen. Wir können dieses Zentrum wie seltsamen Attraktor denken und behandeln, der alles, was er nicht enthält, „anzieht“ und es zugleich in Form eines deterministischen Chaos „zerstreut“. Dieser „Attraktor“ ist zwar nur eine Idee, es gibt in der Realität nichts, was ihm entsprechen würde, nichts, auf das wir mit dem Finger, mit Worten oder mittels Maschinen zeigen könnten. Wir können ihn aber als ein zwar Unbestimmtes, aber Stück-für-Stück-Bestimmbares auffassen.
Die Idee des leeren Zentrums als Kontext unseres gesamten Tätig-Seins kann uns so als Richtschnur für ein systemisches Konstruieren unserer Begriffe und unserer Sprache dienen.

Bei diesem Konstruieren stehen wir zunächst mit leeren Händen da, ohne die gewohnten und bequemen begrifflichen Geländer. Aber gerade darin liegt die Herausforderung und die Chance, die die „denkenden Maschinen“ heute bieten: Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Wir können uns, wie Kant schon vor über 200 Jahren sagte, letztlich nur im Denken selbst orientieren.[3] Sapere aude, habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Wir müssen lernen, „ohne Geländer zu denken“, wie Hannah Arendt sagt.

Unser diskursiver, binär operierender Verstand, wie er sich in den vergangenen 10.000 Jahren entwickelt hat, sperrt sich instinktiv gegen diese Art der Denkbewegung. Was es hier braucht, das ist die Bereitschaft, über den eigenen Schatten zu springen; ein Sprung in eine Dimension, die mehr Komplexität greift. Etwa so, als wollte sich ein zweidimensionales Wesen ein Quadrat in der dritten Dimension, also als Würfel vorstellen.
Ich kann hier nur versuchen, diesen Sprung in knappen Worten so anschaulich wie möglich darzustellen. Wer sich näher damit befassen will, sei auf andere Texte, vor allem aber auf mein – demnächst erscheinendes – Buch verwiesen.

(4)

Von zentraler Bedeutung für ein Begreifen menschlichen Tätig-Seins ist es, die spezifisch menschliche EinBILDungsKraft als die Quelle zu sehen, die all unser Erkennen und Wollen so hervorbringt, dass wir uns in unserer Wirklichkeit stimmig orientieren können – ohne dass wir aber sagen könnten, wie wir das real tun. Unter EinBILDungsKraft verstehe ich mit Kant die Tätigkeit (!) unseres Bewusstseins, mit der es die unüberschaubare Vielfalt sinnlicher Eindrücke in Form eines Bildes zusammenfasst und einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart gedanklich vor sich hinstellt.[4]

Bilder sind Zeichen, die – ähnlich wie Kipp-Bilder –hier-und-jetzt doppelt lesbar sind:
—  sie zeigen in der Vergangenheit bestimmte Formen an
—  und zeigen gleichzeitig auf andere, in Zukunft realisierbare Möglichkeiten.
Bilder machen für uns daher prinzipiell deterministisches Chaos greifbar. Wir können gedanklich so verfahren, als ob wir den „Zufall überholen“ könnten, wie Kant sagt.

          „Bildende Kraft“[5], d. h. das Vermögen, das eigene Geworden-Sein mit einer möglichen, aber noch unbekannten, leb-baren Zukunft zu verbinden, können wir allen lebenden Wesen zusprechen. Sie nutzen ihre Entropietendenz, um fortlaufend Formen zu bilden, die interne und externe Dynamiken leb-bar aufeinander abstimmen. Sie tun das, indem sie genau solche Zustände suchen und finden, in denen ein minimaler Bedarf an Bewegungsenergie (Ökonomie des Raums) und eine maximale Zahl von Anschlüssen (Synchronisation, Ökonomie der Zeit) zusammenfallen.

          Tiere setzen ihre inneren Bilder unreflektiert, weitgehend instinktiv in Verhalten um. Menschen – als reflektierende Wesen – können Bilder aber „ohne alles (persönliche) Interesse“, allein nach Maßgabe des Gefühls von Lust / Unlust formen, d. h. als „schön“, in-sich-selbst-stimmig. Der Gegenstand – das, was der Denk-Bewegung entgegen-steht – erscheint dann
—  als zweck-mäßig, ohne dass sich ein bestimmter Zweck angeben ließe
—  und zugleich als regel-mäßig, ohne dass sich eine bestimmte Regel dafür angeben ließe.[6]

In dieser ästhetischen Form besitzen Bilder das Potential, Körperliches und Geistiges zu verbinden, weil sie auf minimalem Raum eine maximale Zahl möglicher Anschlüsse realisieren; und zwar in beiden Phänomenbereichen, „Körper“ und „Geist“. Beim Emulieren des Mensch-Seins können Bilder daher doppelt fungieren: Sie verbinden a) unbelebte (der Entropie unterworfene) mit belebter Natur; und b) die individuelle mit der gesellschaftlichen Seite einer Person.

          Wie bei einer Möbius-Schleife lässt sich der Kontext, das „leere Zentrum“,  dann auf zwei diametral unterschiedliche Weisen zugleich erfahren / lesen, nämlich intransitiv und transitiv:
—  Er zeigt sich (intransitiv) an den Grenzen, die die begreifende Bewegung unseres Denkens und Forschens in der Welt der Körper formt,…
—  wobei diese Grenzen gleichzeitig auf andere, anschließende Möglichkeiten zeigen (transitiv), also „die Zahl der Möglichkeiten erhöhen“ (wie H. von Foerster sagt) und die die Richtung zeigen, in die es weitergehen könnte.

Mittels EinBILDungsKraft können wir den Kontext unseres Mensch-Seins in Form von Bildern fassen und in-Sprache konstruieren.

(5)

Genau das, also ein Ganzes „bilden“, indem es Grenzen zieht, öffnet, neu zieht, leistet kin-ästhetisches Denken. „Kineín“ bedeutet in altgriechischer Sprache „sich bewegen“ und „aísthesis“ meint „Wahrnehmung“. Der Begriff kin-ästhetisches Denken bezeichnet eine „Kunst“: die Kunst, Wahrnehmen und Bewegen (die individuelle Seite) ebenso wie Erleben und Handeln (die gesellschaftlich-geistige Seite) auseinanderzuhalten und Alles gleichzeitig auf einander zu beziehen – wie ein Jongleur, der vier Bälle gleichzeitig in Bewegung hält.

Kin-ästhetisches Denken begleitet Bewusstsein – in Form von „Intuition“ – notwendig, unabhängig davon, ob es sich das bewusst macht oder nicht; es lässt sich von gefühlten, zu Bildern geformten Sinneseindrücken anregen. Das ist mit der Funktion der Faszien unseres Bewegungsapparats vergleichbar: Es ermöglicht überhaupt erst die Ganzheit einer Bewegung, d. h. ihre interne und externe Kohärenz. Wir übersehen es leicht, weil wir einseitig auf die „Muskeln“ und „Knochen“ des Denkens fixiert sind, auf unsere Worte und Begriffe. Ohne kin-ästhetisches Denken würden menschliches Bewusstsein aber ebenso wie Gesellschaft auf der Stelle kollabieren.

Was es heute angesichts „denkender“ Maschinen aber dringend braucht, ist bewusstes kin-ästhetisches Denken, d. h. ein Denken, das sich von Gefühlen und Bildern zwar anregen, aber nicht triggern lässt. Es lässt Formen bewusst leer, gibt ihnen keine Bedeutung, sondern betrachtet sie lediglich als Hinweise auf die Richtung, in die es weitergehen könnte.

(6)

Bewusstes kin-ästhetisches Denken beobachtet Lebewesen als autopoietische Systeme, die ihre Autopoiesis dadurch realisieren und verwirklichen, dass sie sich selbst rhythmisieren.

Lebende Systeme (und solche, die Leben voraussetzen immer eingeschlossen) konstituieren ihre Einheit, indem sie Innen und Außen sowie Vorher und Nachher in einem polykontexturalen Raum verbinden, d. h. in einem Raum von prinzipiell unendlich vielen Beobachterperspektiven. Mit Gregory Bateson spreche ich hier von „Verbindungen dritter Ordnung“. „Das Muster, das verbindet, ist ein Metamuster. Es ist ein Muster von Mustern. (…) Oben habe ich davor gewarnt, daß wir auf eine Leere stoßen würden (…). Der Geist ist leer; er ist ein Un-ding.“[7]

Rhythmische Bewegung ist sozusagen ein Tanzen-am-Rande-des-Chaos: Spontan setzt sich das Muster durch, das die verfügbaren Ressourcen (letztlich: Raum und Zeit) am effizientesten und am effektivsten nutzt: Ökonomie des Raums und zugleich Ökonomie der Zeit.[8] Rhythmus spart Kraft (keine Energie wird nutzlos verschwendet); und synchronisiert die Bewegungen unabhängiger Entitäten (das klassisch-chinesische Wu-wei: kein Hauch zwischen Denken und Tun, Handeln durch Nicht-Handeln).

Im Medium „Rhythmus“ werden Systeme zum passiv-aktiven Zeugen der Emergenz ihres eigenen Kontexts oder Zentrums. Rhythmus wird so zu einer Art leeren Spiegel, in dem ein System sich selbst, seine eigene Bewegung, beobachtet, dirigiert und im-Fluss hält. Das System transformiert Irritationen, also Zufälle, in Information, d. h. in Unterschiede, die Unterschiede bedeuten. „Ein lebender Organismus ist ein Relator dritter Ordnung, der die Relationen berechnet, die den Organismus als Ganzheit erhalten.“[9] Der blinde Fleck stört nicht mehr, im Gegenteil, er wird zum Antrieb der Bewegung.

Auch Tiere erhaschen in glücklichen Momenten gelegentlich einen Zipfel dieses Sich-ganz-Fühlens. Schön zu beobachten etwa an spielenden Hunden. Oder, wie Jane Goodall berichtet, auch bei Schimpansen.


FUSSNOTEN

[1] H. Arendt (1972): Vita activa oder Vom tätigen Leben.

[2]) „Es gibt nichts Ödes, nichts Unfruchtbares, nichts Totes in der Welt, kein Chaos, keine Verwirrung, außer einer scheinbaren; ungefähr wie sie in einem Teiche zu herrschen schiene, wenn man aus einiger Entfernung eine verworrene Bewegung und sozusagen ein Gewimmel von Fischen sähe, ohne die Fische selbst zu unterscheiden.“ Leibniz; Monadologie § 71.

[3] I. Kant: Was heißt: sich im Denken orientieren?

[4] vgl. Kant, Kritik der reinen Vernunft, § 24.

[5] Kant, Kritik der Urteilskraft, § 65.

[6] Kant, Kritik der Urteilskraft.

[7] G. Bateson (1982): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit, S. 19 f.

[8] Das erinnert an Leibniz‘ „beste aller möglichen Welten“.

[9] Heinz von Foerster (1993): Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, S. 121.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s