Zu einer Epistemologie des Lebendigen

Und warum wir dafür auf Kant und nicht auf Hegel aufsetzen müssen

Wenn wir mit den gegenwärtigen globalen Krisen auf Augenhöhe kommen wollen, dann brauchen wir funktionierende bio-psycho-soziale Denkmodelle. Ich spreche (mit Heinz von Foerster) von einer „Epistemologie des Lebendigen“.

Die gegenwärtige Systemtheorie wäre dazu prinzipiell in der Lage, wenn sie nicht bis heute in zwei orthogonal zu einander stehende Perspektiven zerfiele: eine geistige (Luhmann) und eine biologische (Maturana).

Da bietet es sich an, sich auf klassische Philosophie zurückzubesinnen. Für Viele ist hier Hegel attraktiv; vermutlich deshalb erlebt er z.Zt. auch eine Renaissance. Gegenüber Hegels Phänomenologie des Geistes wirken Kants Frage, wie Erkennen möglich ist und die Begrifflichkeit, mit der er sie beantwortet, wie ein hölzerner Klapperapparat. Dennoch, oder gerade deswegen kann eine Epistemologie des Lebendigen, so meine These, erst einmal nur auf Kant aufsetzen, um ihn dann allerdings systemisch und kybernetisch weiterzudenken.

Kant fragt, wie Erkenntnis von Objekten möglich ist.
—  Er will dabei den für menschliches Denken und Handeln unhintergehbaren Bruch zwischen Geist und Natur nicht, wie zweiwertig operierende Wissenschaft, einfach aus-klammern. Wissenschaft schließt ihr eigenes Denken notwendig als blinden Fleck ein. Sie sieht daher nicht, dass sie das nicht sieht, was sie nicht sieht.
—  Er will den Bruch aber auch nicht wie dann später Hegel einfach nur ein-klammern. Mit seiner Dialektik erfasst Hegel zwar Totalität, aber nur um den Preis, die lebendige Bewegung seines Denkens aus-zuschließen: Dialektik ist sowohl zweiwertiges als auch nicht-zweiwertiges Denken. Und nur zum Schein beides zugleich. Gotthard Günther wollte Hegels Dialektik kybernetisch rekonstruieren, was ihm, nach allem, was ich darüber weiß, nicht gelungen ist.

Kant trennt Raum und Zeit, aber im Wissen, dass beide letztlich zusammen gedacht werden müssen. Er unterscheidet Raum als den äußeren und Zeit als den inneren Sinn. Und hält sie damit erst einmal auseinander, d.h. er trennt sie. Ich lese seine KUK als Versuch, beides zusammen zu denken, was ihm aber nur halb gelungen ist, abzulesen an dem bekannten Bruch in der KUK.

Lebendige Bewegung stellt uns – als mit einem Raum-Zeit-Körper „behaftete“ Beobachter – vor ein Tetralemma. Kant lässt den Sprung aus dem Tetralemma offen, und das macht m. E. seine Größe aus. Er bleibt damit offen für einen „Dialog mit der Natur“ (i. S.  von Prigogine).Gerade damit wird Kant für heutige Systemik interessant. Er lässt sich weiter-denken.

>>> Einerseits beginnt und endet für ihn alles Erkennen, alle Tätigkeit der Sinne, des Verstandes und der Vernunft, mit (bzw. in) den apriorischen Anschauungsformen Raum und Zeit, dem äußeren und dem inneren Sinn.

>>> Andererseits postuliert Kant Freiheit als Bedingung für Erkennen.

Schwer macht es sich Kant dabei insofern, als er mit der Annahme apriorischer Anschauungsformen sein eigenes Reflektieren – als das eines nun mal mit einem Körper „behafteten“ Beobachters – in diese Polarität einschließt. Er stellt sein Denken nicht außerhalb von Physik. Das ist nun mal das Nadelöhr, durch das alles Erkennen durch muss.

Kant fragt aber, wo / wie sich für uns (als unhintergehbar an die Unterscheidung von Raum und Zeit Gebundene) in natürlichen Phänomenen Freiheitsräume öffnen. Das ist ihm, wie er selber weiß, nur halb gelungen. Er kann (in der „Kritik der Urteilskraft“) zwar zeigen, wie die Einheit von theoretischer und praktischer Vernunft theoretisch denkbar ist, aber nicht wie sie auch praktisch möglich ist.

Kant bleibt damit anschlussfähig. Er lässt dem (Weiter-)Denken Raum zum Atmen. An Kant könnten, wenn sie es wollten, heute nicht nur Physik, Biologie, Psychologie und Soziologie anschließen, sondern auch transdisziplinäre Systemiken. Heute, wo wir physische Materie in Form denkender Maschinen in das (unsichtbare) Netzwerk von Kommunikation integrieren, wird solches Denken geradezu (über-)lebensnotwendig.

Lebende Systeme lassen sich greifen (und zeigen) als dissipative (d. h. der Entropie unterworfene) Strukturen, die – wie z. B. auch Wirbel – ein existierendes Ungleichgewicht nutzen, um sich zu reproduzieren. Anders als unbelebte Natur können sie wegen ihrer autopoietischen Organisation das Ungleichgewicht aber intern und spontan hervorbringen.
Dazu müssen sie mit ihren Ressourcen haushalten, und das sind letztlich Raum und Zeit. Das heißt, sie müssen
a)  den (dreidimensionalen) Raum und Zeit a priori (!) auseinanderhalten,
b)  beide fortlaufend solange zueinander in Beziehung setzen, bis sie
c)  in einer Dimension operieren, in der Raum und Zeit zusammenfallen: Lebende Systeme resonieren mit sich selbst, sie rhythmisieren ihre Bewegung.

Um das greifen und zeigen zu können, brauchen wir

1.  Kybernetik: ein fortlaufendes rekursives Koppeln von Kognition und Volition, Erkennen und Wollen (die Vorlage dafür finden wir in Kants drei Kritiken).

2.  Systemisches Denken dritter Ordnung: „kin-ästhetisches“, nicht-fragmentierendes Denken, das es erlaubt, die biologische Perspektive Maturanas mit der gesellschaftlichen Perspektive Luhmanns zu verbinden (dafür können wir auf Kants „reflektierende Urteilskraft“ zurückgreifen).

3.  Eine nicht-fragmentierende, mehrwertige Formen-Logik (R. Peyn: uFORM iFORM): eine Logik, mit der sich greifen bzw. zeigen lässt, wie sich immer dann Systeme bilden, wenn unbestimmte Formen markiert (und damit von leeren Formen unterschieden) werden, sodass sich imaginäre Formen bilden, die sich in bestimmte, anschluss-fähige und -sichere Formen („Information“) transformieren lassen.
Unbestimmte Formen wären Kantisch gesprochen „Dinge an sich“, wobei das Wort „Ding“ leider immer zu Missverständnissen einlädt.

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