Zufall – Technik – Macht. Wollen wir an Verschwörungserzählungen stricken? Oder lernen, ohne Geländer zu denken?

Lange Zeit war es üblich, den Menschen primär durch seine Fähigkeit zu definieren, Werkzeuge herzustellen, und von anderen Lebewesen als homo faber (als Herstellenden) zu unterscheiden. Sprache erschien demgegenüber als daraus abgeleitete Fähigkeit (die natürlich umgekehrt wieder die Fähigkeit, Werkzeuge herzustellen verbessert – vom Faustkeil bis zum Computer). Spätestens im Zeitalter Künstlicher Intelligenz, wo wir „denkende“ Maschinen konstruieren und in unser Leben integrieren, reicht das nicht mehr.  Wir müssen den Menschen heute ebenso auch als homo pictor (als „BILDenden“ Menschen; H. Jonas) und als homo loquens (als sprechenden Menschen) sehen. Um zu verstehen, was es heißt, Mensch zu sein (im Unterschied zu Tieren bzw. zu KI), müssen wir diese drei Fähigkeiten von einander unterscheiden und sie dann in ihrem Zusammenhang betrachten.

Im Medium von EinBILDungsKraft und von Sprache können wir Objekte virtuell vor uns hinstellen, Naturabläufe gedanklich anhalten und so immer wieder einen neuen Anfang für unser Handeln setzen (Hannah Arendt, Vita activa). Unsere (sprachlich erzeugten) Objekte dürfen aber keine bloßen Phantasiegebilde bleiben; sie brauchen Hand und Fuß, d. h. sie müssen sich hier-und-jetzt, in der Raum-Zeit, bewähren. Daher braucht es Technik.

Technik ist (scheinbar) paradox: Sprache und EinBILDungsKraft setzen bereits Technik voraus, ebenso wie Technik umgekehrt Sprache und EinBILDungsKraft voraussetzt. Aber: „Der Weg der Paradoxe ist der Weg zur Wahrheit. Um die Wirklichkeit zu prüfen, muss man sie auf dem Seil tanzen lassen.“ (O. Wild)

Damit wir uns nicht in den Knoten des eigenen Denkens verfangen, müssen wir gut verstehen, was wir meinen, wenn wir von „Technik“ sprechen.  

Technik heißt, Wissen so zu generieren, dass sich in seinen Gegenständen Zufall (scheinbar) einfrieren lässt: Natur und Gesellschaft halten in Technik (scheinbar) den Atem an. So können wir Naturkräfte (Schwerkraft, Sonnenlicht, Elektrizität, Wachstum von Pflanzen, …) „überlisten“ und sie zwingen, unsere Zwecke zu erfüllen und nicht das zu tun, was sie von sich aus täten.  

Technik verleiht daher Macht – und Macht ist zweischneidig. Wir dürfen nie vergessen, dass wir Technik nicht nur anwenden, sondern auch umgekehrt von ihr angewendet werden. Entscheidend wichtig ist es daher, dass wir uns fragen, wie, mit welcher Intention, zu welchem Zweck wir die Macht einsetzen wollen, die wir in Technik akkumuliert haben bzw. weiterhin akkumulieren. Andernfalls geht es uns wie den Menschen zu Babel, die einen „Turm mit einer Spitze bis zum Himmel“ bauen wollten: „Der Herr verwirrte ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen verstand.“

In unserer heute immer schneller immer komplexer werdenden Wirklichkeit fühlen Viele sich abgehängt und anonymen Mächten ohn-mächtig ausgeliefert. Da bietet es sich an, sich Verschwörungserzählungen zu stricken: Techniken, mit denen sich Macht auf bequeme Weise (scheinbar) zurückgewinnen lässt. Um solche Erzählungen wasserdicht zu machen, müssen wir nur den Zufall ausschalten. So kann man Muster erkennen, wo in Wirklichkeit keine sind. „Es gibt keinen Zufall!“ sagt man dann gern. Die Knoten im eigenen Denken bleiben im blinden Fleck, d. h. man sieht nicht / weiß nicht, dass man das nicht sieht, was man nicht sieht. „Der ganze Strudel strebt nach oben / du glaubst zu schieben / und du wirst geschoben“ (Faust, Hexensabbat).

Diktaturen sind nur soweit erfolgreich, wie es ihnen gelingt, den Zufall (gewaltsam) auszuschalten. Sie füttern daher gezielt Verschwörungserzählungen. Das Paradebeispiel ist die „jüdische Weltverschwörung“. Der gesellschaftliche Prozess ähnelt immer mehr dem einer trivialen Maschine, die so konstruiert ist, dass sie jeden Zufall eliminiert, die aber – wie die Exekutionsmaschine in Kafkas „Strafkolonie“ – dazu tendiert, sich selbst mitsamt den sie anwendenden Menschen zu zerstören.

Das Erzählen / Weben von Mythen gehört notwendig zum Mensch-sein. Die Frage ist nur, wie wir sie in unsere Praxis einbetten, wie wir den Re-entry hinkriegen und den überschießenden Sinn bewältigen. Überschießender Sinn entsteht, weil wir in binär funktionierender (Wort-)Sprache beobachten. Mit der Wirklichkeit vor Ort ist sie nicht a priori kompatibel; es braucht zusätzliche Leistungen.

Wir können uns aber jederzeit entscheiden, „ohne Geländer“ zu denken, wie Hannah Arendt sagt, d. h. uns nicht an unseren Gewissheiten festzuhalten bzw. sie im Stricken von Mythen sogar noch zu zementieren. Oder mit Kant: wir können uns entscheiden, uns unseres eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Nur so können wir den Paradoxien auf die Spur kommen, in die wir uns verwickelt haben, d. h. anfangen, unser Denken zu ent-knoten. Wenn wir dagegen Gewissheit suchen, sind wir auf dem besten Weg, uns selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Das, wovon Hannah Arendt bzw. Kant sprechen, hat mit „Selber-“ oder „Quer-Denken“ nichts zu tun: das sind leere Worthülsen, die sich beliebig mit Sinn, auch mit Unsinn, füllen lassen, ohne dass einem das groß auffallen muss und die sich daher optimal für das Stricken von Verschwörungsmythen eignen. Mit dem Gebrauch dieser Worthülsen verstricken wir uns aber nur immer tiefer in unsere blinden Flecke. Dann stolpern wir in die eigenen Denkfallen, schreiben die Schuld für unser Missgeschick aber anonymen Mächten zu. Die Falle schnappt zu.

Ich sehe die momentane Corona-Krise als Teil einer weltweiten Metakrise, die uns vor prinzipiell unentscheidbare Fragen stellt. Und das sind bekanntlich die einzigen Fragen, die wir wirklich entscheiden können (und müssen).

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