Raum-Zeit-Matrix und Sinn für ästhetische Einheit

Zur Logik des Lebendigen


Wanderer, deine Fußspur ist der Weg, sonst nichts.
Wanderer, einen Weg gibt es nicht, den Weg machst du beim Gehen.
Beim Gehen machst du den Weg,
und blickst du zurück, so siehst du den Pfad, den du nie wieder beschreiten wirst.
Wanderer, einen Weg gibt es nicht,
nur Wirbel im Wasser des Meeres.
Antonio Machado

„The major problems in the world are the result of the difference between how nature works and the way people think.”
Mit diesem Satz wirft der Anthropologe und Kybernetiker Gregory Bateson Fragen auf, die wir gewöhnlich ausblenden, denen wir uns angesichts des Zustands unseres Planeten heute aber stellen müssen:
Was heißt es eigentlich, ein Mensch zu sein?
Welchen Platz nehmen wir in der Welt ein, die wir leben?
Wie müssen wir denken, welche Art von Logik brauchen wir, um diesen Platz auch angemessen auszufüllen, d. h. so, dass wir nicht durch dysfunktionale Denkformen ungewollt die eigenen Existenzgrundlagen zerstören?

Eine solche Logik müsste Biologie mit Psychologie und Soziologie verknüpfen und auch mit Physik kompatibel sein. Sie müsste uns befähigen, uns als integralen Teil dreier Welten zu sehen: von unbelebter Natur, von Bio-Sphäre und von Semio-Sphäre (der Welt der Sprache).

Muster, die die Bio-Sphäre mit der Semio-Sphäre verbinden – das können wir uns vielleicht gerade noch vorstellen. Schwieriger wird es schon, wenn wir die Bio-Sphäre mit unbelebter Natur verbinden wollen. Aber wie ist das mit dem MUSTER dieser Muster? Genau darauf zielt ja der eingangs zitierte Satz Gregory Batesons. Es geht ihm um eine Logik des Lebendigen. Sie müsste, so meine These, zeigen können, wie die drei Sphären – und damit auch wir – sich auf je eigene Weise in die Matrix von Raum und Zeit einbetten.

Der Satz Batesons ist ein schönes Beispiel für das, was Kant eine ästhetische Idee nennt: Eine Vorstellung, die das Denken reichhaltig anregt, die aber „inexponibel“ ist, d. h. der zunächst kein „bestimmter Gedanke, d. i. Begriff adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann.“ [1]

Lassen wir uns also anregen…

==>> Zu allererst (und zu allerletzt) bilden wir mit unserem physischen Körper einen Teil der unbelebten, physikalischen Welt. Aus dieser Sicht sind wir nichts als Sternenstaub.

Im Universum bilden Raum und Zeit eine letztlich untrennbare, für uns aber unerkennbar bleibende Einheit. Bateson spricht daher bewusst und in Anlehnung an C. G. Jung von „Pleroma“ (altgr. pléroma = Fülle); d. h. für ihn enthält das Universum bereits den Keim alles Lebendigen.[2] [3]

Körper verfügen über Masse und erfahren Raum und Zeit getrennt, als jeweils „reine“, abstrakte Relationen. Masse krümmt Raum, beeinflusst das Verhalten anderer Massen und dehnt Zeit; Raumzeit ist in sich gekrümmt und erzeugt Gravitation. Die Struktur von Körpern unterliegt der Entropie, d. h. sie zerfällt unaufhaltsam; Prozesse sind irreversibel, der Zeitpfeil ist unumkehrbar.

Dabei bauen sich Spannungszustände auf, die sich immer weiter vom thermodynamischen Gleichgewicht entfernen. An der Grenze zum Chaos bilden sich Wirbel unterschiedlichster Art, die den Spannungszustand wieder abbauen: dissipative Strukturen.[4] Auf der Erde sind das z. B. Wirbelstürme, im Universum Galaxien. Sie nutzen Entropie, um interne Ordnung aufzubauen: Ihre Interaktion spontan rhythmisierend suchen und finden ihre Elemente (z. B. Luftmoleküle) Muster, in denen ein Minimum des Verbrauchs an Raum und an Zeit mit einer maximalen Zahl möglicher interner Anschlüsse zusammenfallen. Nach außen „dissipieren“ sie dabei Unordnung. Ihre Grenzen bleiben „löcherig“ – letztlich werden sie vom „Gravitationsschacht“ (Gitta Peyn) geschluckt, Galaxien etwa von Schwarzen Löchern.

==>> Gemeinsam mit anderen Lebewesen bilden wir einen Teil der Biosphäre. Bateson spricht hier, wieder mit C. G. Jung, von „Creatura“. Lebewesen (re)organisieren ihre Struktur in Abgrenzung zu ihrer Umwelt autopoietisch, als lebende Systeme:
–  Nach außen bilden sie – als individuelle, unteilbare Einheiten – aus ihren Elementen (letztlich: aus organischen Molekülen) eine räumliche Grenze, z. B. eine Membran oder Haut.
–  Nach innen reproduzieren sie – als zusammengesetzte Einheiten – diese Grenze in der Zeit als ein dehn- und formbares Netz aus bloßen („geistigen“) Unterschieden.
Dabei bilden und bewahren sie ihre Grenzen spontan, d. h. mit eigenen Mitteln, aus eigener Kraft und von Moment zu Moment.

 Lebende Systeme (und alle Systeme, die wie etwa Bewusstsein Leben voraussetzen) reproduzieren sich als kybernetisch operierende, kognitive Systeme: Indem sie Kognition und Volition (Wahrnehmen und Bewegen) rekursiv-iterativ koppeln, irritieren sie sich selbst und erzeugen so Unterschiede, die für sie selbst (wenn auch nicht unbedingt schon für Andere) einen Unterschied ausmachen.

Im Interagieren / Kommunizieren mit Anderen können sie eine Vielzahl von Unterschieden gleichzeitig beobachten und so virtuell (in der Phantasie) Objekte im Raum konstruieren,die sie wiederum interagierend / kommunizierend verwirklichen. Das heißt: sie weben ihre virtuell erzeugten Unterschiede so in ihr kognitives Netzwerk ein, dass sie sich in ihrer Welt „wie Fische im Wasser“ bewegen können, d. h. ohne das reflektieren zu müssen.

Die „Wirbel im Wasser des Meeres“[5] der physischen Welt mit ihren „löcherigen“ Grenzen erhalten in der Biosphäre somit innere und äußere Kohärenz gleichzeitig. So kann sich eine bunte Vielfalt immer komplexerer, neuartiger Formen bilden – Evolution.  

==>> Als Menschen sind wir darüber hinaus im Unterschied zu allen anderen Lebewesen Teil der Semiosphäre, einer rein geistigen, aus Symbolen (d. h. auf sich selbst verweisenden Zeichen) gestrickten Welt. Daher können wir auch Unterschiede beobachten, die sich nicht gleichzeitig beobachten lassen, und so auch Objekte konstruieren, die in der Zeit mit sich selbst identisch bleiben. „Die menschliche Tatsache par excellence ist vielleicht weniger die Schöpfung des Werkzeugs als die Domestikation von Zeit und Raum, d. h. die Schöpfung einer menschlichen Zeit und eines menschlichen Raums.“[6]

Alles Lebendige bewegt sich in diesem Zwiespalt von Raum und Zeit, von Sinnlichem und Übersinnlich-Geistigem. Aber erst im menschlichen Bewusstsein tritt er erkennbar zutage: Der menschliche Geist ist „ein hybrides Produkt, in dem Materie, nämlich unser Gehirn, mit einem unsichtbaren symbolischen Gewebe, nämlich der Kultur, verwoben ist, woraus ein weit verzweigtes kognitives Netzwerk entsteht. Allein dieser hybride Charakter unseres Geistes ermöglichte es der menschlichen Spezies, die Grenzen zu überschreiten, denen die übrigen Säugetiere unterworfen sind.“[7]

Das Problem dabei ist, und damit kommen wir auf das Eingangszitat Gregory Batesons zurück: Wir können die Welt der Symbole nie verlassen, sie bildet eine Singularität; wie sie fortlaufend zustande kommt, wie sie „emergiert“, bleibt für immer in unserem blinden Fleck. Wir können mit unseren Artefakten, seien es Begriffe oder Wekrzeuge bzw. Maschinen, die Grenzen des Mach- und Denkbaren zwar immer mehr erweitern. Dabie vergessen wir aber leicht, dass wir unsere Artefakte nicht nur anwenden, sondern auch von ihnen angewende werden. „Der ganze Strudel strebt nach oben. Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben“ (Faust, Hexensabbat). Wir sind in Gefahr, unbemerkt unsere eigenen Existenzgrundlagen zu zerstören.

Wir können den blinden Fleck allerdings in unser Denken, in unsere Logik einbauen und so das „Muster, das verbindet“ (Gregory Bateson) er-rechnen – nichts anderes meint Logik oder Epistemologie des Lebendigen.

*  *  *

Es ist das Verdienst Kants, dass er mit seinem viel gescholtenen Ding an sich, mit den apriorischen Anschauungsformen von Raum und Zeit und mit dem transzendentalen Selbstbewusstsein den Boden für eine Geist und Natur verbindende Epistemologie gelegt und die Tür zu ihr offen gelassen hat, auch wenn er sie mit den ihm damals zur Verfügung stehenden Mitteln noch nicht greifen konnte. Dazu fehlte ihm zum einen noch das notwendige physikalische Wissen (insbesondere Thermodynamik). Zum anderen sah er, ebenso wie alle anderen Denker seiner Zeit, noch nicht, dass Erkenntnistheorie einen Rekurs auf Sprache benötigt; die linguistische Wende vollzog sich erst mehr als 100 Jahre später.   

Zwischen Natur-Begriff und Freiheits-Begriff, d. h. zwischen theoretischer Vernunft (und Verstand) auf der einen und praktischer Vernunft auf der anderen Seite, sieht Kant eine tiefe „Kluft befestigt“ – zwischen ihnen scheint „kein Übergang“ möglich zu sein.[8] Ihr potentielles Verbindungsglied bildet für Kant die Urteilskraft. Sie ist das „Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken.“[9] Ihr Prinzip ist dabei das der Zweckmäßigkeit der Verbindung; sie operiert allein nach Maßgabe des Gefühls von Lust und Unlust.

Dabei unterscheidet Kant – und das macht ihn bis heute für eine Epistemologie des Lebendigen wichtig – zwei Formen des Urteilens:  
—  Bestimmendes Urteilen subsumiert das Besondere unter ein bereits gegebenes Allgemeines (eine Regel, ein Gesetz oder ein Prinzip).
—  Reflektierendes Urteilen geht dagegen von gegebenem Besonderen aus und (er)findet erst noch die dazu das passende Allgemeine.

Beide Formen des Urteilens stehen quer zueinander. Das, was ihre Synthesis verwirklicht, ist nach Kant die reine, transzendentale EinBILDungsKraft („transzendental“ i. U.  zur empirischen, bloß reproduktiven Phantasie). Sie ist das Vermögen des (bei Kant immer transzendentalen) Selbstbewusstseins, virtuelle Gegenstände zu erzeugen und so – im freien, allein am Gefühl von Lust und Unlust orientierten Spiel mit dem Verstand – Erkennen zu ermöglich

Die große Frage ist nun, ob und wenn ja wie EinBILDungsKraft die Einheit von theoretischer und praktischer Vernunft, von Natur und Geist, verwirklichen kann – genau das meint Epistemologie des Lebendigen. Das setzt nämlich voraus, dass bestimmendes und reflektierendes Urteilen in ihrem Zusammenspiel allgemein gültige Erkenntnis hervorbringen können.

In der Kritik der Urteilskraft, der letzten und abschließenden seiner drei Kritiken, zeigt Kant nun, dass das zum mindesten denkbar ist:

—  Reflektierendes Urteilen macht auf der einen Seite Freiheit als System denkbar. Das heißt, es ist denkbar, dass Menschen ihren individuellen Willen frei (kontingent, wie wir heute sagen) bestimmen und dennoch „Gemeinsinn“ voraussetzen können, d. h. dass sie in ihren Urteilen a priori (!) übereinstimmen.
Wenn Individuen nämlich „ohne alles (privates) Interesse“ urteilen, können sie – im freien Spiel von EinBILDungsKraft und Verstand – Schönes erkennen:
–  gesetzmäßige Formen, die nicht bereits formulierten Gesetzen folgen; und
–  zweckmäßige Formen, die keinen vorher bestimmten Zwecken folgen.
In Phänomenen „Schönes“ zu erkennen macht es möglich, in Symbolen zu denken – in der Sprache Kants: „Schönheit ist das Symbol des sittlich Guten.“[10] – sodass, wie wir heute sagen würden, Gesellschaft möglich wird.

—  Reflektierendes Urteilen macht zum zweiten aber auch Natur als System denkbar. Damit erweitern wir zwar in keiner Weise unser Wissen über Natur, bekommen aber ein heuristisches Prinzip an die Hand, eine Richtschnur für Naturbeobachtung, die allein dem Lebendigen angemessen ist. Wir können dann Organismen als in-sich-zweckmäßig organisierte Naturprodukte denken. „Ein organisiertes Produkt der Natur ist dasjenige, in welchem alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist.“[11]

Kant zeigt also, wie Verstand und Vernunft, Naturbegriff und Freiheitsbegriff, zwei sich nicht überschneidende Erkenntnisvermögen, im Medium eines dritten Erkenntnisvermögens, nämlich der sich fühlend konstituierenden Urteilskraft, zwanglos zusammenstimmen könne: Willensfreiheit des Menschen und sein Bestimmtsein durch Naturgesetze müssen sich nicht widersprechen.

Wenn man unter „Systemik“ ein Denken versteht, das seinen Kontext immer schon mitdenkt, dann kann man Kant wohl als den ersten modernen Systemiker bezeichnen. Allerdings handelt es sich – aus heutiger Sicht – noch um Systemik erster Ordnung: Systeme „verschwimmen“ mit ihrer Umwelt, sie bilden noch keine Grenzen aus. So zeigt Kants Organismus-Begriff zwar schon deutliche Parallelen zum Autopoiesis-Begriff, aber noch keine Schnittflächen zum System der Freiheit – und umgekehrt.

Zwischen beiden System-Formen – zwischen Organismus auf der einen und symbolisch begriffenem Schönen auf der anderen Seite – bleibt bei Kant daher noch ein unübersehbarer (und oft beklagter) Bruch, wenngleich Kant mit dem Begriff der EinBILDungsKraft bereits den Weg zur Überwindung dieses Bruchs aufzeigt. Aus den erwähnten Gründen konnte er noch nicht zeigen, wie das Zusammenspiel von bestimmender und reflektierender Urteilskraft die Synthesis von theoretischer und praktischer Vernunft nicht nur denkbar, sondern auch möglich macht.

Es bleibt Kants großes Verdienst, diesen Bruch (an)erkannt und (mit seinem „Ding an sich“ und den apriorischen Anschauungsformen von Raum und Zeit) der Versuchung widerstanden zu haben, sie vorschnell (kurz-)zuschließen. Er war sich bewusst, dass ihm die Synthesis nur teilweise gelang, glaubte sich aber zu der Erwartung berechtigt, dass wir „es vielleicht dereinst bis zur Einsicht der Einheit des ganzen reinen Vernunftvermögens (des theoretischen sowohl als praktischen) bringen, und alles aus einem Prinzip ableiten (..) können; welches das unvermeidliche Bedürfnis der menschlichen Vernunft ist, die nur in einer vollständig systematischen Einheit ihrer Erkenntnisse völlige Zufriedenheit findet.“[12]

Für Kant bildet das „übersinnliche Substrat der Menschheit“ eine notwendige (Vernunft-)Idee, der aber kein möglicher Begriff entsprechen kann, d. h. sie ist nicht „demonstrierbar“, wir können sie nicht greifen und auf sie zeigen.  Im Erleben des Schönen zeigt sie sich aber an; sie kann uns daher als Richtschnur für Erkennen und Handeln dienen. Bereits Hegel und leider dann auch Marx (der Hegel bekanntlich vom Kopf auf die Füße stellen wollte) konnten der Versuchung nicht widerstehen, dem Fortschritt auf die Beine zu helfen und den Graben zwischen theoretischer und praktischer Vernunft voreilig kurzzuschließen.

*  *  *

Systemik zweiter Ordnung setzt heute an die Stelle des Begriffs des Urteilens den des Beobachtens, d. h. jene Tätigkeit von Bewusstsein, die den Kontext des Urteilens immer schon mitdenkt – wenn auch im Wissen, ihn nie wirklich erreichen zu können. Daher setzt sie an die Stelle von Kants transzendentalem Bewusstsein den Begriff der Autopoiesis.

Ihr Problem ist nur, dass sie bis heute in zwei Denkrichtungen zerfällt. Sie beobachten Bewusstsein aus quer zueinander stehenden Perspektiven, haben bis heute aber noch zu keiner gemeinsamen Sprache gefunden: Die eine (Maturana) beobachtet Bewusstsein als aufsetzend auf dem biologischen Netzwerk des Organismus; die andere (Luhmann et al.) als auf dem aus reinen Relationen geknüpften Netzwerk von Kommunikation. Damit reproduziert sich der Kant’sche Bruch zwischen systemisch begriffener Natur und systemisch begriffener Freiheit, nun allerdings auf höherer, komplexerer Stufe.

*  *  *

Für eine Epistemologie des Lebendigen bräuchte es eine Systemik dritter Ordnung: eine Systemik, die das Meta-Muster beobachtet, das alle drei Sphären (unbelebte Natur, Biosphäre und Semiosphäre) verbindet. Sie müsste das greifen und zeigen können, was bei Kant noch „übersinnliches Substrat der Menschheit“ heißt und was Heinz von Foerster „the matrix which embeds“ nennt,  d. h. jene Matrix, die alle raumzeitlichen Relationen in sich aufnimmt und zu kohärenten Mustern formt.[13]

Bewusstsein, das Kant noch transzendental fasst, lässt sich dann ebenso wie auch Organismus und Gesellschaft als System beobachten, dessen dissipative Struktur zwar der Entropie unterworfen ist, das sich aber laufend autopoietisch (re)organisiert. Autopoietische Systeme suchen und finden spontan Muster, die den Verbrauch räumlich-zeitlicher Ressourcen minimieren und zugleich die Zahl möglicher interner und externer Anschlüsse maximieren.

  • In einer Ökonomie des Raums minimieren sie den Aufwand an physikalischer Energie; sie operieren effektiv, mit minimalem Krafteinsatz. In den ostasiatischen Kampfkünsten heißt das ju-do: keine Kraft unnütz vergeuden.
  • In einer Ökonomie der Zeit minimieren sie den Einsatz an Bio-Energie; sie operieren effizient, mit maximalem Wirkungsgrad. Die ostasiatischen Kampfkünste sprechen hier von mu-do: kein Hauch zwischen Denken und Handeln.
  • Autopoietische Systeme können so Innen / Außen ebenso wie Vorher / Nachher in einer fließenden, sich spontan rhythmisierenden Bewegung verbinden. Rhythmus spart Kraft und verbindet. Auch hierfür hat ostasiaische Philosophie einen Begriff: WuWei – nicht-handelnd handeln.

Um das zeigen zu können, muss Systemik die Autopoiesis von Bewusstsein kybernetisch konstruieren, d. h. als rekursiv-iteratives Koppeln von Kognition und Volition. Logik meint nach Kant die Regeln des Denkens. Und Denken beginnt nun mal mit dem Verknüpfen der Bewegung von Armen/Händen/Fingern auf der einen und der Sinnestätigkeit (Sehen/Hören/Fühlen) auf der anderen Seite – also Kin-Ästhetik (von altgr. kineín = bewegen und aísthesis = Wahrnehmung). Was seit Aristoteles Logik heißt, invisibilisiert ihre Wurzeln.

In fortlaufendem Öffnen und Schließen des Regelkreises Kognition∞Volition, verbindet Bewusstsein aktuell und virtuell beideNetzwerke, also Organismus und Kommunikation: zum einen das Koppeln von Wahrnehmen/Bewegen und zum anderen das Koppeln von Erleben/Handeln. Dabei kann sie an Kants (noch transzendental verstandener) EinBILDungsKraft anschließen, die ja Erkennen und Wollen virtuell zur Einheit bringt, indem sie ästhetisch urteilt (bzw. jetzt: beobachtet); d. h. sie erkennt
—  gesetzmäßige Formen, die nicht bereits formulierten Gesetzen folgen, und
—  zweckmäßige Formen, die keinen vorher bestimmten Zwecken folgen.  

Für Systemik dritter Ordnung ist die ursprüngliche Einheit von Erfahrung daher kin-ästhetisch. Ästhetik ist Formen nicht äußerlich – sie ist epistemologisch notwendig. Gregory Bateson schreibt: „Die meisten von uns haben den Sinn für die Einheit der Biosphäre und der Menschheit verloren, der uns alle mit einem sicheren Gefühl für Schönheit ausstatten und verbinden würde. (…) Ich halte an der Voraussetzung fest, daß unser Verlust des Sinnes für ästhetische Einheit ganz einfach ein erkenntnistheoretischer Fehler war.“[14]

Seit Erfindung von Wort-Sprache (als unterschieden von der ursprünglichen mimetischen Sprache) können wir die Grenzen des Mach- und Denkbaren mit unseren Artefakten (d. h. mit Begriffen und / oder Werkzeugen) zwar immer mehr erweitern, vergessen dabei aber wie gesagt leicht, dass wir sie nicht nur anwenden, sondern auch von ihnen angewendet werden. Besonders heute, wo wir immer komplexere „denkende“ Maschinen in immer komplexere, sich hinter unserem Rücken konstituierende Netzwerke von Kommunikation einbauen, wächst die Gefahr, dass wir ungewollt unsere eigenen Existenzgrundlagen zerstören.

Systemik dritter Ordnung ist die Logik, die wir heute brauchen, wenn wir von unseren eigenen Artefakten nicht lediglich blind geschoben werden, sondern diesen Schub dazu nutzen wollen, die emergente Bewegung, die wir sind, zu „emulieren“, d. h. bewusst zu steuern.

Dabei reicht die binäre, d. h. lediglich mit markierten und leeren Formen rechnende Erkenntnislogik nicht mehr aus, mit der Luhmann Bewusstsein und soziale Systeme konstruiert. Systemik dritter Ordnung benötigt eine mehrwertige Erkenntnislogik, wie sie Ralf Peyn entwickelt hat: Autopoietische Systeme rechnen nicht nur mit markierten und leeren Formen (also binär), sondern darüber hinaus auch mit unbestimmten und imaginären. Erst diese Logik ermöglicht es uns, menschliche Kognition und Kommunikation zu modellieren und einen Blick in den Spiegel unserer eigenen Denkbewegung zu werfen.[15]


[1] Kritik der Urteilskraft, § 49, B 194.

[2] in seinem Buch „Geist und Natur. Eine notwendige Einheit“, Frankfurt, 1982.

[3] So ahnte auch schon Leibniz: „Es gibt nichts Ödes, nichts Unfruchtbares, nichts Totes in der Welt, kein Chaos, keine Verwirrung, außer einer scheinbaren; ungefähr wie sie in einem Teiche zu herrschen schiene, wenn man aus einiger Entfernung eine verworrene Bewegung und sozusagen ein Gewimmel von Fischen sähe, ohne die Fische selbst zu unterscheiden.“ (Monadologie § 71)

[4] Vgl. Prigogine, G., Stengers, I. (1989): Dialog mit der Natur. Neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens. München, Zürich: Piper.

[5] Siehe das Gedicht A. Achados zu Beginn.

[6] Leroi-Gourhan, A. (1988): Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt, S. 387.

[7] Donald, M. (2008): Triumph des Bewusstseins. Die Evolution des menschlichen Geistes. Stuttgart, Klappentext.

[8] Kritik der Urteilskraft, Einleitung II: Vom Gebiete der Philosophie überhaupt. B XX.

[9] A. a. O. B XXV.

[10] A. a. O., § 59.

[11] Kritik der Urteilskraft, …)

[12] Kritik der praktischen Vernunft, A 162.

[13] v. Foerster, H. und C. Floyd (2004): Systemik – oder Zusammenhänge sehen, in: B. von Mutius (Hg.): Die andere Intelligenz – Wie wir morgen denken werden. S. 57-74.

[14] Bateson, G. a.a.O., S. 28 f.

[15] Peyn, R (2017): uFORM iFORM, Heidelberg 2017.

2 Kommentare

  1. Nicht ganz einfach zu lesen, aber wunderbar zusammengefasst. Ich bin seit langem auf der suche nach ökonomischen Modellen, die das leben und die Natur wieder integrieren und habe mit Dasgupta (https://www.gov.uk/government/publications/final-report-the-economics-of-biodiversity-the-dasgupta-review) gerade gestern einen zeitgemäßen Wissenschaftler gefunden der das vernünftig und unter Einschluss der Thermodynamik und der begrenzten Ressourcen tut. Ihr Blog ist eine gute Denkanregung für mich, weil ich Kant liebe und für jede Anregung dankbar bin, die verbindend ist.
    Eine Anmerkung: Gerade Raum und Zeit als a priori und invariant zu sehen ist der Knackpunkt an Kant, in dem er nicht mehr aktuell ist. Das macht aber nichts. Man kann sich mit den herrlichen Vorträgen von Hans Peter Dürr (Es gibt keine Materie) darüber hinwegtrösten und eintauchen in ein Universum, das nur aus Energie und wenn man genauer hinsieht aus nichts „besteht“. Vielen Dank und schöne Tage noch

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    1. sehr schön! Danke!
      Haben Sie meinen neuen Text („Einstürzende Neubauten…“) gelesen? ich sitze gerade an der Fortsetzung, in der ich auf Ihren „Knackpunkt“ eingehe. Mit seiner Unterscheidung der apriorischen Anschauungsformen lässt Kant (im gegensatz zu Hegel) die Verbindung von Bewusstsein mit – in unbelebter Natur wurzelnder – Biologie offen. Wenn moderne Physik Raum-Zeit als gekrümmt beobachtet, bleibt er weiterhin anschlussfähig. In meinem neuen Text (in wenigen Tagen hoffentlich im Netz) wird das dann klarer.

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