Einstürzende Neubauten und der Mythos der Maschine

Oder: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

„Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte.
Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.“
Genesis 11, 1 – 9   

Ein genau geplantes Vorhaben bricht – scheinbar aus heiterem Himmel – in sich zusammen. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist uralt und kommt uns dennoch seltsam vertraut vor. Sie weckt Assoziationen: Wer denkt hier nicht gleich, bewusst oder unbewusst, an „einstürzende Neubauten“: an den plötzlichen, schockierenden Zusammenbruch imposanter Gebäude oder Imperien? Etwa an den Einsturz des World Trade Centers 2001, an den Zusammenbruch der Sowjetunion oder an den Beinahe-Zusammenbruch des Weltfinanzsystems 2008? Der uns heute eher harmlos anmutende „Ölpreisschock“ von 1973 erscheint im Rückblick als ein erster Vorbote davon. Bereits damals brachte es die ZEIT auf den Punkt, indem sie titelte: „Die Krisen springen uns von hinten an.“  

Was haben all diese so unterschiedlichen Ereignisse gemeinsam – von heute bis weit zurück in die Antike und wieder zurück ins Heute? Immer geht es um ein disruptives, als Katastrophe erlebtes Geschehen, das eine Antwort verlangt, die – so oder so – die Ordnung wiederherstellt. Die Versuchung ist groß, das Disruptive zu leugnen und auf bequeme und einleuchtende Erklärungen zurückzugreifen, um weitermachen zu können wie bisher. Man kann etwa sagen, ein strafender Gott habe die Hand im Spiel gehabt, eine Verschwörung okkulter Mächte sei schuld, „der“ Kapitalismus oder was immer.

Vernünftiger wäre es, erst einmal innezuhalten, sich von dem Schock nicht triggern lassen und anzuerkennen, dass man nicht weiterweiß. Dann kann man die Richtung sein Denkens ändern und nach innenblicken, auf den Vorgang des Denkens selbst. Wenn es gelingt, das Denken dabei von eingefleischten Begriffen und ungeprüften Vorannahmen freizuhalten, dann kann man vielleicht sehen: Das, was hier tatsächlich zusammenbricht, ist kein mit den Sinnen oder dem Verstand fassbares Ding (wie ein Gebäude oder ein Imperium), sondern ein geistiges Konstrukt, ein Mythos: Der – wunschgetriebene – Mythos, den wir habituell uns selbst und Anderen erzählen und mit dem wir Menschen Wirklichkeit konstruieren oder weben.

Wirklichkeit ist das Medium, in dem wir uns so selbstverständlich bewegen wie Fische im Wasser. Wirklichkeit ist so transparent, dass wir sie nicht wahrnehmen. Wir sehen sie nicht, hören, schmecken und fühlen sie nicht  – sie ist aus reinem Geist gestrickt: aus Zeichen, die sich auf andere Zeichen beziehen, die sich wieder auf andere Zeichen beziehen…  Und zugleich scheint sie so stabil, dass wir uns gewöhnlich keine Gedanken darüber machen. Und doch gibt es Augenblicke, in denen die Stabilität nicht mehr zu leugnende Risse bekommt.

Was also macht Wirklichkeit aus? Diese Frage haben Menschen sich von allem Anfang an gestellt, in den unterschiedlichsten Formen und mit immer wieder neuen Antworten.

Tiere kennen keine Wirklichkeit, ebenso auch künstliche Intelligenzen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, wie wir noch sehen werden. Für uns Menschen dagegen gibt es kaum Schrecklicheres, als den Zusammenbruch der vertrauten Wirklichkeit erleben zu müssen. Was bisher fraglos funktioniert hat, greift nicht mehr. Unser Grundvertrauen, das Vertrauen in den Grund, auf dem wir stehen, zerbricht. In einem solchen Moment können wir die Bodenlosigkeit unserer menschlichen Existenz sehen. „Von nun an ist nichts mehr, wie es war“, heißt es dann. Und wir können uns fragen, wie es dazu kommen konnte, dass wir unser Denken derart heillos verknotet haben, dass wir uns selbst nicht mehr erkennen.

Wir können zurückblicken und in der Vergangenheit auf Spurensuche gehen. Der Schlüssel für ein Verständnis der Gegenwart liegt im Verstehen der Vergangenheit.


Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ – mit diesen Worten beginnt Thomas Mann seine große Erzählung „Joseph und seine Brüder“.

Im Erzählen von Mythen halten wir die Welt zusammen, die wir (er)leben. Wir erzählen unsere Wirklichkeit – mit dem ganzen Körper, mit Augen und Ohren, mit Händen und Füßen, und nicht zuletzt: mit der all dies untermalenden und verbindenden Mimik.

Und wir tun das sogar buchstäblich: Im Wort „erzählen“ steckt nicht zufällig das Wort „zählen“; statt erzählen könnten wir daher auch sagen, so befremdlich es auch zunächst klingen mag: wir errechnen unsere Wirklichkeit, auch ohne Zahlen. Die Zeichen, die wir als „Zahl“ be-zeichnen, sind realiter immer schon Artefakte, d. h. Zeichen, die (er)zählend herzustellen wir erst lernen mussten, um sie dann zu habitualisieren und als real zu erleben.. „Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und läßt keine Spur zurück.“ [1] Wirklichkeit emergiert, d. h. sie braut sich hinter unserem Rücken zusammen, im blinden Fleck. „Blinder Fleck“ meint: Wie auch beim blinden Fleck des Auges können wir nicht sehen, dass wir das nicht sehen, was wir nicht sehen – i. U. zum toten Winkel, bei dem man bloß die Perspektive wechseln muss, um ihn zu sehen.

Auf das Zustandekommen von Wirklichkeit, auf ihre Emergenz, haben wir daher keinen unmittelbaren Zugriff. Damit Wirklichkeit uns dennoch trägt, d. h. nicht kollabiert, aber auch kein bloßes Hirngespinst bleibt, brauchen wir einen Trickster: Eine imaginäre, scheinbar rätselhafte Kraft, mit der wir uns Wirklichkeit in einer Art SelbstMimikry immer wieder als vertraut vorspiegeln, mit der wir zugleich aber auch Wirklichkeit mimetisch (d. h. erzählend) immer wieder neu weben, bis unser Erzählen sich rund, in-sich-stimmig anfühlt.

Dieser Trickster ist die menschliche EinBILDungsKraft[2], ein Vermögen, über das Tiere ebenso wie Künstliche Intelligenzen nicht verfügen. Das Entwickeln und Kultivieren von EinBILDungsKraft war von allem Anfang an von grundlegender Bedeutung für die Evolution des Menschen. Vor 35-40.000 Jahren, in der Eiszeit, machte dann der moderne homo sapiens an unterschiedlichen Orten der Welt (Spanien, Frankreich, Deutschland, aber auch in Asien) einen großen Sprung nach vorn. Die von uns heute bewunderten Höhlenmalereien oder die in der Schwäbischen Alb gefundenen Kunstwerke (u.a. auch die erste bisher bekannte Flöte) sind Zeugnisse des Versuchs der damaligen Menschen, die in der EinBILDungsKraft liegenden Möglichkeiten zu erforschen und zu erweitern.

EinBILDungsKraft ist mehr als nur Phantasie. Mit Kant verstehe ich darunter die Fähigkeit des Denkens, die Vielfalt sinnlicher Anschauung in Form von Bildern zur Einheit zu bringen; das heißt: Mit Bildern verbinden wir empirische Sinnlichkeit mit der abstrakten Welt des Denkens. EinBILDungsKraft ist daher „eine blinde, obgleich unentbehrliche Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind.“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, § 10; Zitat grammatikalisch angepasst)

Im Erzählen kondensieren Bilder zu einem geschlossenen Weltbild, das die Wirklichkeit, die es hervorbringt, immer schon bestätigt. Ein Weltbild, so Wittgenstein,[3], haben wir nicht, weil wir uns von seiner Richtigkeit überzeugt haben; auch nicht, weil wir von seiner Richtigkeit überzeugt sind; es bildet vielmehr den notwendigen Kontext, ohne den wir nicht „zwischen wahr und falsch unterscheide(n)“ können. Unser Welt-Bild bildet den blinden Fleck, ohne den wir keine Objekte identifizieren könnten. Wir brauchen Weltbilder, um uns in Wirklichkeit zu orientieren und die Komplexität zu handhaben, die wir mit unserem Erzählen als Menschen unvermeidlich hervorbringen.

Mythen, die erzählte Form von Weltbildern, sind wie die Jahresringe eines alten Baums: Neuere überlagern die alten; sie machen sie unsichtbar, schließen zugleich aber auch an sie an, d. h. sie setzen deren Logik auf einer anderen Ebene fort. So gesehen ist es zwar bemerkenswert, aber nicht unbedingt erstaunlich, dass uns die alte biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel noch heute so unmittelbar anspricht und Resonanzen auslöst. Sie hat sich offenbar tief in das kollektive Gedächtnis unserer abendländischen Kultur eingeschrieben. Vielleicht könnte sie auch noch uns modernen Menschen etwas über uns selbst erzählen. Begeben wir uns also auf Spurensuche.


Offensichtlich ist die Erfahrung katastrophaler Zusammenbrüche kein ausschließliches Merkmal der Neuzeit. Ebenso offensichtlich ist sie aber auch kein Merkmal von Mensch-Sein überhaupt; die alte Stammesgesellschaft kannte noch keine gigantischen Konstruktionen, deren Einsturz ihre Wirklichkeit, die kollektive Identität, hätte erschüttern können. Vielmehr ist diese Erfahrung, so behaupte ich, ein spätes Phänomen, gemessen jedenfalls an der viele 100.000 Jahre alten Evolution des homo sapiens.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel wurde vermutlich erstmals vor 2.500 bis 3.000 Jahren erzählt und aufgeschrieben, möglicherweise in der als Katastrophe erlebten babylonischen Gefangenschaft des Volkes Israel. Ich lese sie als Dekonstruktion eines viel älteren, von den Erzählern als brüchig erkannten Mythos, den ich mit L. Mumford den „Mythos der Maschine“ nenne.[4]

Dieser ältere Mythos bildete sich, wie wir heute wissen, in mehr oder weniger ähnlicher Form zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten der Welt – erstmalig vor ca. 5.000 Jahren im alten Ägypten und in Mesopotamien, später auch in China und Indien und noch später im alten Amerika. Er markiert eine epochale Zäsur, eine Emergenz, das Hereinbrechen einer neuen Ordnung und das Entstehen eines vollkommen neuen Weltbilds: Den Übergang von der magisch-rituellen Form des Erzählens von Wirklichkeit in der alten Stammeskultur zu einer analytischen, wissenschaftsbasierten Form des Erzählens, die Wirklichkeit aus lediglich zwei Werten rekonstruiert: wahr/falsch. In anderen Worten: Die Unterscheidung wahr/falsch muss nun nicht mehr – man könnte fast sagen: umständlich – von den Akteuren immer wieder neu rituell (re)produziert werden; sie verkörpert sich in Macht und Technik. Von nun an bilden nicht mehr Magie und Ritual, sondern MACHT und TECHNIK die Medien, die primär – und immer tiefgreifender – Wirklichkeit zusammenhalten.

Algorithmisierung von Arbeit

Im Zusammenhang mit immer gigantischeren profanen und sakralen Großprojekten (wie Flussregulierung, Pyramiden- und Tempelbau etc.) bildeten sich ein zentraler Verwaltungsapparat und dynastische Hierarchie; es entwickelten sich Anfänge von Schrift, eine Frühform von Wissenschaft (Geometrie, Mathematik, Astronomie) und Ingenieurskunst; geistige und körperliche Arbeit begannen sich auseinander zu entwickeln.

Der neolithische Bauer konnte immer öfter und immer länger aus seinen tradierten, noch magisch geprägten Arbeits- und Sozialbeziehungen herausgezogen und in eine ihm fremde Maschinerie eingegliedert werden. Seine materielle Reproduktion wurde immer abhängiger von der sich Stück für Stück herausbildenden zentralen Macht. Seine eigenen Arbeitsprodukte traten ihm von nun an, wie Marx das sagen würde, in fremder Gestalt gegenüber. Er musste lernen, sein Denken und Handeln fremdem (abstrakten) Wissen, fremden (nicht begründungspflichten) Anweisungen und einer strengen zeitlichen Logik zu unterwerfen. Wenn er nicht verhungern wollte, sah er sich gezwungen, seinen eigenen Körper wie ein fremdes Ding zu behandeln und widerspruchslos in den Vergesellschaftungs-Mechanismus einzugliedern; er musste dazu eine völlig neue Form von (unterwürfiger) Identität entwickeln. Macht schreibt sich von nun an auf immer subtilere, dennoch gewaltsame Weise in Körper ein.

Den Kern der Erzählung, die diese neuartige Welt zusammenhält (und die der biblische Geschichtenerzähler als gefährliche Illusion dekonstruieren will), bildet eine revolutionäre und folgenreiche Idee: die Idee, das naturwüchsige, von Generation zu Generation tradierte menschliche Beziehungsgeflecht ließe sich nach Anweisung eines abstrakten, präzisen Plans (heute würden wir sagen: eines Algorithmus) aus genau definierten Teilen künstlich neu zusammensetzen, sodass es von außen, durch die Person eines „Macht-Habers“, gesteuert und kontrolliert werden kann. Diese Idee unterstellt, Macht ließe sich als bloße Technik ausüben und Technik sei ein Mittel, um persönlich Macht zu gewinnen und zu abzusichern.


Wenn wir mit unserem heutigen Wissen auf die damalige Zeit zurückblicken, können wir die Geburt (und die Geburtswehen) eines neuen Weltbilds, einer neuen gesellschaftlichen Denkform erkennen: das Weltbild oder die Denkform der Maschine.

Unter „Maschine“ verstehe ich ganz allgemein ein komplexes, aus diversen Teilen zusammengesetztes Werkzeug, dessen Wirksamkeit darauf beruht, dass es das Relationieren der Teile untereinander selbsttätig reguliert. So gesehen ist bereits der in der ausgehenden Altsteinzeit entwickelte Pfeil-Bogen eine (einfache) Maschine; wer mit ihm schießt, kann sich darauf verlassen, dass Bogen und Sehne ihr Bewegen von selbst aufeinander abstimmen (was übrigens der Grund dafür ist, dass das Gerät übersteuert, wenn man die angespannte Sehne ohne Pfeil loslässt: sie zerreißt). Der Trick dieser Selbstregulation liegt darin, dass nicht nur die Form der Teile kontextunabhängig ist (wie beim einfachen Werkzeug), sondern auch ihr Relationieren; d. h. eine Maschine erspart ihrem Anwender nicht nur Hand-, sondern auch Denk-Arbeit. Die Struktur einer Maschine ver-körpert (i. S. von Embodiment) Denken in generalisierter Form und fixiert es in dinglicher Form.

Während der Pfeilbogen lediglich individuelles Handeln wirksam macht, tritt nun eine virtuelle Maschine auf, eine lediglich gedachte oder vorgestellte Maschine, der aber gerade deswegen das Potential innewohnt, gesellschaftliches Handeln wirksam zu organisieren. Ihre Potenz beruht darauf, dass sie reale Maschinen (die im Lauf ihrer Entwicklung immer komplexer werden) mit ebenso realer menschlicher Arbeitskraft virtuell kombiniert. Dass die lediglich gedachte Maschine, anders als in der biblischen Geschichte, kein bloßes Hirngespinst bleibt, sondern ganz real Wirklichkeit trägt, ist das Werk des o. e. Tricksters: der hybriden EinBILDungsKraft, die Heterogenes verbindet, nämlich körperliche Sinnlichkeit und abstraktes Denken. Die Maschine wird damit, wie M. Burkhardt sagt, zum „Unbewussten der Gesellschaft“.[5] In der biblischen Geschichte, in der den Menschen die Vielfalt von Sprache fehlt, zeigt EinBILDungsKraft dagegen ihre destruktive Seite; das Unbewusste greift hier in Gestalt Gottes ein, sozusagen als deus ex machina.

Von nun an lässt sich menschliche (körperliche und / oder geistige)Arbeit selber – und das ist der Witz an der Geschichte – im Verlauf gesellschaftlicher Evolution in immer mehr Dimensionen maschinenförmig zurichten; bis hin zu dem Punkt, an dem heute auch Kommunikation – der „Leim“, der Gesellschaft virtuell zusammenhält – von realen (Rechen-)Maschinen übernommen werden kann. Damit lassen wir heute den Geist endgültig aus der Flasche, ohne aber bisher verstanden zu haben, was hier tatsächlich mit uns geschieht.

Am Anfang dieser Geschichte, vor 5.000 Jahren, sehen wir zwar noch keine komplexen Maschinen, die (wie der mechanische Webstuhl) Antrieb, Transmission und Werkzeug kombinieren und daher lebendige Arbeit „einsaugen“, wie Marx sagt. Erst recht sehen wir noch keine Computer, die (scheinbar) Information produzieren und menschliche Kommunikation organisieren. Aber rückblickend und mit dem Wissen von heute können wir die Geburt einer virtuellen Maschine erkennen: Sie kombiniert zweck- und planmäßig lebendige Körper, „auf ihre rein mechanischen Elemente reduziert und streng auf die Ausführung begrenzter Aufgaben zugeschnitten“[6], mit (damals noch sehr einfachen) Maschinen – wie gesagt: Maschine als das „Unbewusste der Gesellschaft“.

Ähnlich fasziniert wie wir heute blickten auch die Menschen damals schon auf ihre technischen Errungenschaften. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel hebt hier zwei Erfindungen hervor: Eine neuartige Technik, nämlich das Bauen mit genormten (Ziegel-)Steinen; und das (am Ende gescheiterte) Experiment einer Einheitssprache, d. h. einer Sprache, die Vielfalt einebnet, deren Worte eindeutig informieren und die nicht nur Konflikte, sondern auch Spiel aus Kommunikation zuverlässig ausschließt. Der Turm sollte für sie zum in Stein realisierten Symbol ihrer Allmacht werden.

Das Symbol, von dem wir uns heute faszinieren lassen, ist die selbsttätig denkende Maschine, der Computer, der beides – Technik und Sprache – in einem darstellt. Er besitzt etwas, was damals nur Hirngespinst war: Das Potential, die letztlich un(be)greifbare Wirklichkeit in Daten (von lat. datum = das fraglos Gegebene) zu verwandeln und sie in großen Mengen selbsttätig zu verarbeiten; immer komplexere Kommunikationsflüsse lassen sich einheitlich (be)greifen und zentral steuern. Wir können heute Träume verwirklichen, die noch vor kurzem als utopisch galten.

Symbole (von altgr. symbállein = zusammenlegen) sind in sinnlich wahrnehmbarer Form realisierte Zeichen, die für uns Wirklichkeit darstellen, und zwar „darstellen“ im doppelten Sinn: Sie präsentieren Wirklichkeit, d. h. sie machen Wirklichkeit greifbar, formbar; zugleich re-präsentieren sie sie, d. h. sie zeigen Wirkliches an, machen Wirklichkeit für uns überhaupt erst be-greifbar. Wenn wir beides nicht sehr genau auseinanderhalten, sondern unreflektiert zusammenwerfen, mystifizieren wir den Computer und verdinglichen Wirklichkeit.

Genau das passiert heute aber: Fasziniert lauschen wir den Sirenengesängen[7] aus dem Silicon Valley. Ähnlich wie den Menschen von Babel scheint auch uns heute „nichts mehr unerreichbar“ zu sein, was wir uns auch vornehmen. Dass die Kommunikationsflüsse unsere materiellen und geistigen Konstrukte um- und unterspülen, kriegen wir erst dann mit, wenn es zu spät ist. „Die Krisen springen uns von hinten an“, aus dem blinden Fleck.


Wenn wir einer 5.000 Jahre zurückliegenden, längst untergegangenen Gesellschaft, die noch nicht einmal den Begriff der Maschine kannte, die Wurzeln jenes Mechanismus sehen, mit dem wir heute mithilfe von Computern Wirklichkeit produzieren: ist das nicht eine bloße Metapher, mit der wir unzulässigerweise unser modernes Denken in alte Zeiten rückprojizieren?

Oberflächlich betrachtet mag das so aussehen. Auch mit der späteren griechischen Kultur verhält es sich nicht wesentlich anders; sie kannte zwar schon einen Begriff von Maschine (altgr.: mēchanḗ = Werkzeug, Mittel), verband mit ihm aber noch andere Vorstellungen als wir heute. Es  ging ihr eher um das Staunen über eine künstlich-kunstvolle Mechanik, die dem Betrachter Wirklichkeit vortäuscht – Staunen darüber und Spaß daran, dass und wie Natur sich überlisten und austricksen lässt. Ein Tempelpriester etwa zündet ein Feuer an und auf scheinbar mysteriöse Weise öffnet sich die Tempeltür, angetrieben von einem – dem Zuschauer verborgenen – hydraulischen Mechanismus. Aber Maschine als das „Unbewusste der Gesellschaft“[8] – dafür scheint es damals noch keine Anhaltspunkte zu geben.

Mit der industriellen Revolution zeigt sich dann erstmalig (wenn auch zunächst nur für scharfsinnige Beobachter wie Marx) ansatzweise der Mechanismus, der Wirklichkeit mittels realer Maschinen hervorbringt. „Ansatzweise“ deshalb, weil der Mechanismus noch nicht von Maschinen selbst getragen wird, sondern nur vermittelt, nämlich von der als Kapital auftretenden Geld-Maschine, die nun aber bereits hochkomplexe Maschinen sowie Nachrichten- und Verkehrs-Technik in ihren Dienst nimmt.

Erst mit dem Erscheinen der autonom denkenden, rechnenden Maschine, dem Computer, zeigt sich das Wirklichkeit stiftende Potential von Maschine unmittelbar. Damit sind wir erstmalig in der Geschichte prinzipiell in der Lage, den Mechanismus, mit dem wir Wirklichkeit produzieren, selbst in die Hand zu nehmen.

Nur: Was heißt „Sich-Zeigen“? Der hier behauptete Mechanismus scheint auf den ersten Blick wenig plausibel, schon gar nicht evident. Dass eine Maschine ihrem Anwender Macht über Natur in die Hand gibt, das leuchtet unmittelbar ein. Dass der Besitz von Maschinen Macht über Menschen verleiht, ist ebenfalls evident, der Kapitalismus zeigt es seit über 200 Jahren. Aber Maschine, die Wirklichkeit erzeugt, also die Welt so, wie wir sie erleben? Das klingt absurd, zum mindesten aber sehr rätselhaft.

Wirklichkeit bildet das Medium, in dem sich das an Sprache gebundene menschliche Denken und Handeln „immer schon“, d. h. unhintergehbar, bewegt. Indem wir Wirklichkeit unterscheiden, konstituiert sich unser Mensch-Sein. Den „Trickster“, der das bewirkt und den wir durch unser Erzählen am Leben halten, also die produktive EinBILDungsKraft, kriegen wir dabei nicht zu Gesicht. Maschinen dagegen sind reale Dinge, die alles Mögliche erzeugen, nur keine EinBILDungsKraft. Wie also sollen Maschinen Wirklichkeit erzeugen? „Das eigentliche Mysterium der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare“, schreibt O. Wilde.[9]

Die Versuchung, Maschine zu mystifizieren und Wirklichkeit zu verdinglichen, war noch nie so groß wie heute im Zeitalter des Computers. Beispiele dafür gibt es genug, nicht nur im Silicon-Valley. Wir können ihr solange nur schwer widerstehen, wie uns eine dem Computer angemessene Epistemologie fehlt. „Epistemologie“ meint den Mechanismus oder die Logik, mit dem bzw. mit der wir das, was wir „Wissen“ nennen, konstruieren.


The major problems in the world are the result of the difference between how nature works and the way people think.”
Mit diesem Satz wirft der Anthropologe und Kybernetiker Gregory Bateson Fragen auf, die wir gewöhnlich ausblenden, denen wir uns angesichts des Zustands unseres Planeten heute aber stellen müssen: Was heißt es eigentlich, ein Mensch zu sein? Welchen Platz nehmen wir im Universum ein? Wie müssen wir denken, welche Epistemologie brauchen wir, um diesen Platz auch angemessen auszufüllen, d. h. so, dass wir nicht durch dysfunktionale Denkformen ungewollt die eigenen Existenzgrundlagen zerstören?

Als Menschen bewegen wir uns gleichzeitig in drei völlig unterschiedlichen, quer zu einander stehenden Welten: In der Semio-Sphäre (der Welt des Geistes und der Sprache), in der Bio-Sphäre (die wir mit allen anderen Lebewesen teilen) und in unbelebter Natur (d. h. in Raum und Zeit). Die Epistemologie, die es zu entwickeln gilt, müsste daher Psycho-Sozio-Logik mit Bio-Logik verknüpfen und darüber hinaus auch mit Physik kompatibel sein – eine „Epistemologie des Lebendigen“, wie sie Heinz von Foerster nennt.[10]

In diesem Buch spreche ich auch von kinästhetischem Denken. Die Biologie unterscheidet neben Sehen, Hören usw. noch einen spezifischen, fünften Sinn, den kinästhetischen Sinn (von altgr. kineín = sich bewegen und aísthesis = Wahrnehmung). Bewegend verändern wir unser Wahrnehmen – und wahrnehmend verändern wir wieder unser Bewegen. Kinästhetik meint die erstaunliche Fähigkeit von Lebewesen, sich wahrnehmend∞bewegend ein Bild von ihrer Welt zu machen, das sie befähigt, sich wie selbstverständlich in ihr zu orientieren – eben wie der erwähnte Fisch im Wasser. Menschen, die diesen Sinn etwa durch einen Unfall verloren haben, haben kein Gespür mehr für die Grenze zwischen ihrem Körper und seiner Umgebung und können sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Kinästhetisches Denken meint die lebendige Einheit von Sinnestätigkeit und Denken.

Nur: wie kommen wir zu dieser Logik, wo finden wir sie? Wir dürfen sie uns nicht einfach ausdenken, so wie die Menschen in Babel die Idee der Einheitssprache; dann bleibt sie bloßes Hirngespinst. Wir können sie aber auch nicht einfach Naturvorgängen abschauen; dann verfehlen wir gerade das, was unser Menschsein ausmacht. Die Logik des Lebendigen können wir nur in uns selbst finden, in unserem Menschsein, in dem, wie wir wurden, was wir (heute) sind.

Zunächst können wir versuchen, wie oben versucht, den Wirkmechanismus der virtuellen Mascine in eben jenem 5.000 Jahre alten Mythos zu entschlüsseln. Aber: Wenn es stimmt, dass unser heutiges Denken nur als Blaupause jenes alten Mythos funktioniert, also blind auf ihm aufsetzt, wie können wir dann den Mechanismus verstehen? Dummerweise liegt der Schlüssel für das Verständnis dieser alten Zeit wiederum im Verständnis dessen, wie wir heute, gestützt auf den Computer, Wirklichkeit erzeugen.

Offenbar geraten wir dabei in einen Zirkel. Mumford löste ihn intuitiv, aber eben noch nicht logisch-schlüssig; als er in den 1960er Jahren sein Buch schrieb, hatte er im Wesentlichen noch die klassische Maschine der industrielle Revolution vor Augen. Erst der Computer öffnet den Blick dafür, dass und wie die Art, wie wir heute mittels „denkender“ Maschinen Wirklichkeit hervorbringen, auf einer uralten Denkform aufsetzt, die ihr bis heute – unreflektiert – als Blaupause dient.

Auf dem langen Weg seiner Evolution hat menschliches Bewusstsein vor 5.000 Jahren zunächst die Grundlagen der analytischen, zweiwertigen Denkform gelegt und sie in der Folge dann immer weiter verfeinert. Unser Denken (und Handeln) wurde damit immer effektiver und effizienter. Dabei hat es sein begriffliches Netz aber immer dichter geknüpft. Es hat ein begriffliches Labyrinth angelegt, das es uns heute schwer macht, den Weg zu seinem Ursprung und wieder zurück ins Heute zu finden, um so wieder das Ganze zu sehen – zumal sich die zweiwertige Denkform „eingefleischt“, d. h. tief in unsere Körperlichkeit eingeschrieben hat. Unser Denken versteht sich selbst immer weniger.

Es geht uns wie Theseus in der griechischen Mythologie, der das Ungeheuer des Minotaurus (ein Menschenopfer forderndes, hybrides Mensch-Tier-Wesen) töten sollte, das sich aber tief im Innersten eines Labyrinths verbarg. Der bis heute sprichwörtliche, magische Faden Ariadnes half ihm, den Weg hinein und wieder zurück zu finden.

Anders als Theseus haben wir heute keine Ariadne, die uns den Faden fertig in die Hand gibt; wir sind auf uns selbst zurückgeworfen und können ihn nur selber herstellen.

Wenn wir das in unserem Menschsein immer schon angelegte Vermögen, kinästhetisch zu denken, freilegen wollen, stehen wir allerdings erst einmal vor einem paradoxen Problem: Wir müssten ja den logischen Faden bereits kennen, um ihn überhaupt er-kennen zu können; andernfalls folgten wir nur unseren eigenen Spuren und fänden nie in das Zentrum des Labyrinths und wieder heraus. Es bleibt uns nichts anderes, als – „ohne Geländer“ (Hannah Arendt) – einfach anzufangen, das von uns selbst angelegte Labyrinth Stück für Stück zu erforschen, sein Zentrum, die Quelle unseres Denkens, in immer engeren Spiralen zu umkreisen und so seine Logik immer genauer zu begreifen. Dabei können wir immer nur an unsere momentanen Konzepte anknüpfen (wir haben keine anderen) und versuchen, sie so zu erweitern, dass sie für uns Alle funktionieren, d. h. dass sie uns helfen, eine Wirklichkeit zu konstruieren, mit der wir uns als Menschheit letztlich nicht den eigenen Boden unter den Füßen wegziehen.
Genau das ist die Intention dieses Buchs.

Wir (ich als Autor, Sie als Leser*in) werden nicht nur, wie oben demonstriert, tief in den „Brunnen der Vergangenheit“ tauchen. Wir werden ebenso versuchen, der Logik des Denkens selber auf die Spur zu kommen; d. h. wir werden versuchen, den Kern dessen freizulegen, was es heißt, ein Mensch zu sein – kein Tier, aber auch keine Künstliche Intelligenz.

Im folgenden zweiten Teil dieser Einführung will ich dazu erste Wegmarken setzen.  

Immer wenn Sie als Leser/in sich im Labyrinth verirrt haben und sich in einer Sackgasse wähnen, lassen Sie sich bitte nicht entmutigen, gehen Sie einfach weiter. Denken Sie an den Faden der Ariadne, daran, dass Sie ihn nur selbst entwickeln können und dass das seine Zeit braucht. Ich lade Sie als Leser*in dazu ein, beim Lesen des Textes und beim Versuch, ihn für sich zu rekonstruieren, sich immer wieder bewusst machen, dass es Ihr eigener Faden ist, den Sie entwickeln.


[1] Marx über die Entstehung des Geldes als Ware, die den Wert aller anderen Waren „darstellt“. Marx, K., Engels, F. (1962) Das Kapital. Band I, Berlin/DDR.

[2] Diese etwas befremdende Schreibweise soll auf den Unterschied zu dem verweisen, was wir im gewöhnlichen Sprachgebrauch unter „Einbildungskraft“ verstehen, nämlich Phantasie. EinBILDungsKraft meint dagegen das imaginäre Vermögen, das uns zum Menschen macht.

[3] Wittgenstein, L. (1970): Über Gewißheit. Frankfurt / M.. Nr. 94.

[4] Mumford, L. (1974): Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht. Frankfurt / M.

[5] Burckhardt, M. (2018): Philosophie der Maschine, Berlin.

[6] Mumford, a.a.O.

[7] Gemäß Homers Odyssee versprachen die Sirenen den an ihrer Insel vorbeikommenden Seefahrern, sie würden „alles wissen“, wenn sie nur ihrem Gesang lauschten.

[8] Burckhardt, M., a. a. O.

[9] Zitiert nach M. Burckhardt, a.a.O., S. 271.

[10] von Foerster, H. (1993): Bemerkungen zu einer Epistemologie des Lebendigen. In: von Foerster, H.: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke.S Frankfurt / M., S. 116.


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