Beobachten dritter Ordnung. Über performatives Denken

„Everything taken in separation is fragmented. Diminishing the respect for logic is a form of separation, is doing that. Logic contains ambivalence, ambiguitiy, paradox, beauty, clarity, perspective change and natural connectedness, being written in our inmost texture. Don’t build such walls, dear friends!“  (Matthias Varga von Kibéd)


Mit „Beobachten dritter Ordnung“ meine ich einfaches, bewegliches, nicht-fragmentierendes, kurz: performatives Denken: ein Denken und Erzählen, das weiß, dass und wie es denkend und erzählend sich selbst in Welt hervorbringt.

Diese Fähigkeit ist im Menschsein grundsätzlich angelegt; als Kinder lernen und beherrschen wir sie in der Regel sehr schnell. Je tiefer wir uns in die Welt der Erwachsenen integrieren, desto schwerer tun wir uns damit aber. Vermutlich sind nicht nur kognitive Barrieren dabei im Spiel; fragmentierendes Denken hat sich seit Platon, spätestens seit Descartes tief in unser Körper-Wissen und in unsere Narrative eingeschrieben. Wenn wir heute überkomplexe Bewegungen – wie etwa globale und lokale Krisen – angemessen greifen und zeigen wollen, dann müssen wir uns diese Fähigkeit heute aber (wieder) neu erarbeiten.

Ich will von zwei Seiten her versuchen, das Gemeinte nachvollziehbar zu machen: über den Begriff „kin-ästhetisches Denken“ und über die (aus Coaching und Aufstellungsarbeit bekannte) Denkfigur des Tetralemmas.

Kinästhetik

oder auch Propriozeption ist der Sinn, mit dem Organismen (vermutlich sogar Pflanzen) sich in der dreidimensionalen Raum-Zeit orientieren. Kin-ästhetisch zu denken (bzw. zu sprechen und zu handeln) heißt, auf dieser Tätigkeit aufzusetzen und sie mit anderen Mitteln – eben denen des Denkens – bruchlos fortzusetzen. Das Denken lässt sich dabei von den Sinnen irritieren, ohne sich aber von ihnen triggern zu lassen. Wenn man so will: Embodiment von innen her konstruiert. Aus Sicht des binär operierenden Verstandes ist das paradox: das Denken muss den Kontext, der ihm das möglich macht, immer schon voraussetzen.

            Den Begriff „kin-ästhetisches Denken“ brauchen wir, wenn wir greifen und zeigen wollen, wie sich die Autopoiesis von Bewusstsein (Selbst-Bewusstsein) realisiert und verwirklicht. Beobachten braucht einen im dreidimensionalen Raum wurzelnden Körper. Die Biologie des Körpers bildet den ultimativen Schnittpunkt und daher auch den Prüfstein aller Kommunikation.

            Bewusstsein wird so beobachtbar als prozessierende Differenz seiner dissipativen (d. h. dem fortlaufenden Zerfall unterworfenen) Struktur auf der einen und seiner autopoietischen Organisation auf der anderen Seite – als ein Ko-Produzieren von Körper und Geist, von Individuum und Gesellschaft. Es geht also um eine Bio-Psycho-Sozio-Logik oder auch „Epistemologie des Lebendigen“ (Heinz von Foerster).

Die Figur des Tetralemmas

geht auf den altindischen buddhistischen Philosophen Nagarjuna (ca. erstes Jahrhundert) zurück. Die (paradoxe) Lehre Buddhas vom Nicht-Selbst war im Laufe der Zeit immer mehr banalisiert worden und Nagarjuna wollte die Widersprüche aufzeigen, in die sich zweiwertiges Denken notwendig verwickelt, wenn es die ihm immanenten Paradoxien einfach ausklammert.
Ein Tetralemma zeigt vier mögliche Positionen zu einer Frage auf:
(1) Das Eine,
(2) Das Andere,
(3) Beides zugleich: die Meta-Position und
(4) Keines von Beiden: Die Leere.
Matthias Varga von Kibéd unterscheidet noch eine fünfte Position: Negiere alle vier Positionen – und selbst diese Position!, also die Aufforderung, alle emergierenden Muster immer wieder neu zu formen, aus dem Tetralemma quasi „herauszuspringen“.

Beobachten erster Ordnung

identifiziert ein unbestimmtes Etwas als Gegenstand („das ist ein Apfel“). Das Denken be-zeichnet / markiert dabei Artefakte, d. h. etwas bereits von ihm selbst Hergestelltes – letztlich immer: Zeichen. Es weiß nicht und kann nicht sagen, was es selbst dazu tut, dass es „Gegenstände“ erkennen kann: Es verbindet Raum und Zeit blind zu einer Einheit, d. h. es denkt in Mustern erster Ordnung. Der selbst generierte Kontext, der ihm das möglich macht, bleibt ihm verborgen. Das Denken sieht nicht, dass es das nicht sieht, was es nicht sieht.
Beobachten erster Ordnung ist das A und das O alles menschlichen – notwendig an einen Körper gebundenen – Erkennens. Kant unterscheidet daher Raum (der äußere Sinn) und Zeit (der innere Sinn) als apriorische Formen der Anschauung. Hegel glaubte, mit seiner Dialektik ohne dieses Apriori auszukommen.

Beobachten zweiter Ordnung

weiß um den blinden Fleck. Es sieht, dass dem Identifizieren des Gegenstands eine Unterscheidung zugrunde liegt und macht damit die Kontingenz sichtbar, die Beobachten erster Ordnung nicht zur Kenntnis nimmt: Es könnte auch ganz anders sein, der „Apfel“ könnte ja z. B. auch eine Birne sein.

         Aus Sicht des Tetralemmas nimmt Bewusstsein damit gleichzeitig zwei sich gegenseitig ausschließende Positionen ein („das Eine / das Andere“). Es steht daher vor der Frage:
Wie kann ich dennoch Formen hervorbringen, an die ich ebenso wie Andere bruchlos anschließen können?

         Dafür muss Bewusstsein zunächst eine Meta-Position einnehmen (dritte Position: „Beides zugleich“). Dabei erhält es zwei weitere Positionen, von denen ebenfalls erst einmal nicht klar ist, ob und wie sie sich bruchlos verbinden lassen: eine aktuelle und eine virtuelle:

  • Zum einen muss Denken laufend aktuell (hier-und-jetzt) im Raum Knoten knüpfen, indem es Kognition (Erkennen) und Volition (Wollen bzw. Bewegen) rekursiv koppelt. Beim Errechnen von Bedeutung / Wirklichkeit kann es „blind“, ohne nachzudenken, auf sie zurückgreifen und mit ihnen rechnen.
    Damit ihm die Knoten aber nicht von Moment zu Moment, also so wie sie entstehen, wieder zerfallen, muss Denken…
  • virtuell Zeit konstruieren:
    es kann dann in seiner Vorstellung oder „EinBILDungsKraft“ oszillieren zwischen
    —  imaginiertem Vergangenem: das Denken ruft sich seine Formen ins Gedächtnis zurück (to recall), es erinnert sie (Mimikry: Ahme virtuell vergangenes Bezeichnen täuschend ähnlich nach!)
    —  und imaginierten Zukünftigem (Mimesis: Ahme dir deine Denk-Formen immer wieder neu vor!).

Dabei konstruiert es Muster zweiter Ordnung:
==> aktuell Muster im Raum (als Einheit der Differenz Innen/Außen) und
==> virtuell Muster in der Zeit (als Einheit der Differenz Vorher/Nachher).

Das Denken oszilliert hier im „Leeren“ (vierte Position); es kann (seine) Bewegung nicht greifen und nicht zeigen; es fragmentiert Bewegung und ihren Kontext. Es rechnet immer noch mit unklaren Formen.

Um dennoch fassen zu können, wie Bewusstseins- und Kommunikations-Systeme ihre der Entropie unterworfenen Strukturen räumlich-zeitlich koppeln, greift Systemtheorie zweiter Ordnung (Luhmann) daher auf den Sinn-Begriff zurück: Sinn als sachlich, zeitlich und sozial generalisierte Erwartung. Die virtuelle Bewegung, mit der das Denken den Sinn in den Artefakten (nicht zuletzt seinem eigenen Leib!) ver-körpert, bleibt im blinden Fleck. Denken weiß zwar um seinen blinden Fleck, setzt ihn aber nicht in sein Kalkulieren ein. Wie sich Bewusstsein mit Gesellschaft und zugleich mit dem Organismus räumlich-zeitlich koppelt, wird eingeklammert.

Beobachten dritter Ordnung

errechnet genau die Relationen, die Bewusstsein als (autopoietisches) System-in-einer-Umwelt erhalten, d. h. in Ko-Produktion mit Organismus und Gesellschaft.
Dieses Rechnen ereignet sich;  und zwar in der Form und im Medium von Rhythmus: in einem imaginären, nur kin-ästhetisch greif- und zeigbaren Raum, in dem Raum und Zeit eine bruchlose Einheit bilden und lebendige Bewegung nicht fragmentiert wird.

         Wie alle lebenden (und Leben voraussetzenden) Systeme ist auch das (notwendig an einen Körper gebundene) Bewusstsein eine dissipative Struktur, die sich auf Basis eines Ungleichgewichts oder Spannungszustands an der Grenze zum Chaos reproduziert. Es nutzt das „stetige Bergab der Entropierutsche“[1], um fortlaufend seine autopoietische Organisation herzustellen und aufrecht zu erhalten; zugleich nutzt es umgekehrt seine autopoietische Organisation, um das dazu notwendige Ungleichgewicht und damit die „Entropierutsche“ immer wieder neu zu erzeugen.

Damit stehen wir vor einer Paradoxie. Die Frage ist: Wie verwirklicht Bewusstsein, wie verwirklichen autopoietische Systeme generell die Einheit der Differenz ihrer dissipativen Struktur und ihrer autopoietischen Organisation?

An der Grenze zum Chaos, weit weg vom Gleichgewicht, finden alle dissipativen Strukturen, belebte wie unbelebte, spontan genau den Punkt, in dem ein Minimum an Ressourceneinsatz im Raum und ein Maximum möglicher Anschlüsse in der Zeit zusammenfallen.[2]

         Um diesen Punkt zu treffen, muss Bewusstsein mit seinen Gesamt-Ressourcen auf doppelte Weise haushalten:

==> In einer Ökonomie der Zeit geht es darum, mit der eigenen (und letztlich auch fremden) Lebens-Energie optimal zu haushalten. Das Problem: Bewusstsein muss hier Wahrscheinlichkeiten bahnen und planen [3]im Wissen darum, dass sie sich nie auf den Punkt genau voraussagen lassen. Äußerlich beobachten lässt sich das z.B. an zirpenden Zikaden: Erst zirpen hier und da einzelne Zikaden und irritieren benachbarte Individuen, bis schließlich eine riesige Kommunikationswelle emergiert, die Weibchen anlockt, sodass das Leben weitergehen kann. Innerlich (er)leben wir das als Präsent-Sein oder Geistesgegenwart. In den ostasiatischen Kampfkünsten heißt das ju-do: keine Kraft unnötig vergeuden.[4]

==> In einer Ökonomie des Raums geht es dagegen darum, mit den aktuell (innerlich wie äußerlich) verfügbaren physischen Energien (Kräften, Dynamiken) optimal zu haushalten.
Das Problem: Bewusstsein muss hier seine Bewegung passend an Bewegungen der Umgebung anschließen – die es aber lediglich als Irritation oder als Rauschen wahrnimmt.
Es muss seine Bewegung daher so formen, dass es physische Energie so effektiv (wirksam) wie möglich einsetzt, d. h. so, dass andere Identitäten anschließen können und Alle ihre Bewegungen synchronisieren.
Ökonomie des äußeren physischen Raums lässt sich anschaulich machen an perfekt sechseckigen Bienenwaben, die den zur Verfügung stehenden Raum optimal nutzen. Ökonomie des inneren physischen Raums zeigt sich z. B. an zirpenden Zikaden: Erst zirpen hier und da einzelne Zikaden und irritieren benachbarte Individuen, bis schließlich eine riesige Kommunikationswelle emergiert, die Weibchen anlockt, sodass das Leben weitergehen kann
. In den ostasiatischen Kampfkünsten heißt das ju-do:  die „Fähigkeit von Körper und Geist wirksamsten Gebrauch zu machen, damit keine Kraft unsachgemäß vergeudet wird.“[5]

==> Beide Ökonomien zusammengenommen tendieren spontan zu einem Zustand, den man „einfach“ nennen könnte – im Unterschied zu kompliziert.
„Einfachheit ist eine Rechtschaffenheit, die jeden nutzlosen Aufenthalt des Selbst und der eigenen Handlungen überprüft (…) sie weist die Anmut der Offenheit und Ehrlichkeit auf und strahlt eine Schönheit (aus), die uns sofort einnimmt, wenn wir sie innig und mit unverklärtem Blick betrachten.“[6]
Kompliziertheit dagegen läuft Gefahr, sich entweder in Details zu verlieren und sich schließlich mehr und mehr in stereotypen Mustern und Sackgassen festzufahren oder aber sich im leeren Raum zu „dissipieren“.
Einfachheit entsteht spontan im Zusammenspiel von Komplexität-Erweitern und Komplexität-Reduzieren. Es geht um Chaos- und Komplexitäts-Management – Navigieren zwischen Skylla und Charybdis. Das, was „stimmt“, entscheidet – wie wir seit Kants „ästhetischer Urteilskraft“ wissen – allein das Gefühl von Lust und Unlust.

Im Prozessieren der Differenz zwischen ihrer dissipativen Struktur und ihrer rhythmisieren sich Systeme. In der Form von Rhythmus bilden Raum und Zeit eine untrennbare Einheit.
Angenommen, Sie wollen eine Kinderschaukel in Bewegung halten: Dazu müssen Sie die Bewegung der Schaukel möglichst genau an dem Punkt „greifen“, an dem Sie Raum und Zeit nicht mehr unterscheiden.

Im alten China hieß das Wu-Wei, Handeln durch Nicht-Handeln.

Kybernetik und mehrwertige Formenlogik[7]

Wenn du erkennen willst, handle!“, so lautet Heinz von Foersters „ästhetischer Imperativ“.
Kin-ästhetisches Denken koppelt rekursiv und zirkulär Kognition (Wahrnehmen, altgr.: aisthesis) und Volition (Wollen / Bewegen, altgr.: kinein) und ist von Natur aus kybernetisches Denken. Vgl. hierzu das Diagramm.

— Im bloßen Koppeln von Kognition und Volition erzeugt Bewusstsein zwei sich gegenseitig ausschließende interne Zustände (das Eine / das Andere: Position eins und zwei). Es entsteht eine unklare Form.

— Um die Form zu klären, kann Bewusstsein zunächst auf Position drei gehen (Beides zugleich).
Hier betreibt Bewusstsein zunächst Mimikry: es markiert die Irritation, indem es sie in einer virtuellen Bewegung täuschend ähnlich als „bereits bekannt“ nach-ahmt: der Apfel ist ein Apfel; das Denken zeigt auf eine bestimmte Form, der (nicht beobachtete) Kontext bleibt leere Form.  
Es kann sich aber auch fragen, ob es sich nicht täuscht und ob es sich in Wirklichkeit vielleicht um eine Birne handelt. Um die Form zu klären, kann Bewusstsein zu Mimesis übergehen: in einer virtuellen Bewegung ahmt es sich seine Form neu vor.
Es oszilliert dann zwischen den beiden bestimmten Formen. Die Form bleibt immer noch unklar, nicht anschlussfähig.

— Um anschlussfähige Formen zu produzieren, muss Bewusstsein zu Position vier gehen (Keines von Beiden: die Leere).
„Wenn du erkennen willst, handle!“ Kin-ästhetisches Denken respezifiziert laufend seine sinnlichen Eindrücke, ohne sich aber von ihnen triggern zu lassen: Bewusstsein hält Denken in der Schwebe und beobachtet fortlaufend und rekursiv die Bewegung des Be-Zeichnens bzw. des Formens von Zeichen selbst: es fasst (= zeigt auf und greift) sinnliche Irritationen als unbestimmte Formen; wenn es sie virtuell markiert, erhält es imaginäre Formen, die es spielerisch – d. h. allein nach Maßgabe des Gefühls von Lust und Unlust – prozessieren kann.

— Im Prozessieren imaginärer Formen füllt sich die Leere mit immer kohärenteren Formen, bis schließlich anschlusssichere Formen emergieren (Position fünf).


[1] Ralf Peyn (2018): uFORM iFORM, S. 109.

[2] Vgl. hierzu Ilya Prigogine / Isabel Stengers (1980): Dialog mit der Natur. Neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens.

[3] Gregory Bateson (1985): Form, Substanz und Differenz. In: Ökologie des Geistes, S. 576 ff.

[4] Tiwald 1984, S. 14.

[5] Tiwald, a. a. O.

[6] F. Fenelon (1651-1715).

[7] Siehe hierzu R. Peyn (2018): uFORM iFORM.

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